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Brennpunkt Palmöl

Auch nachwachsende Rohstoffe haben ihre Schattenseiten. Urwälder, die für Palmölplantagen gerodet werden, sind ein Beispiel. Wir wollten wissen, ob das auch für Bio-Palmöl gilt. // Leo Frühschütz

BegegnenIdylle unter Palmen? Seit Europa und Amerika Palmöl als Alternative zu Erdöl entdeckt haben, läuft das Geschäft auf Hochtouren. Doch das hat verheerende Folgen: Für die Plantagen wird sehr oft Regenwald zerstört.

Rauchschwaden ziehen über verkohlte Baumstümpfe. Der Boden ist bedeckt mit abgebrochenen Ästen, zerfurcht von Rädern schwerer Maschinen. Bald werden auf der gerodeten Fläche Ölpalmen stehen und „grünes Gold“ produzieren. Palmöl für Lebensmittel, für die Kosmetikindustrie und als Treibstoff für Blockheizkraftwerke und Fahrzeuge. Auf der Strecke bleiben wertvolle Urwälder und ihre Bewohner.

Deutschland importiert pro Jahr rund eine Million Tonnen Palmöl. Weltweit wurden 2008 etwa 43 Millionen Tonnen hergestellt, doppelt so viel wie noch vor 14 Jahren. Etwa 85 Prozent der Produktion stammen aus Malaysia und Indonesien. Dort werden seit Jahren riesige Urwaldflächen gerodet, um die weltweite Nachfrage zu befriedigen.

Zerstörung von Wald

„In Indonesien wird in jeder Minute eine Urwaldfläche so groß wie fünf Fußballfelder für Plantagen zerstört“, sagt Corinna Hölzel, Waldexpertin von Greenpeace. Viele dieser Urwälder stehen auf meterdicken Torfböden, die immense Mengen Kohlendioxid gespeichert haben. Das geben sie nach der Rodung wieder an die Atmosphäre ab und heizen damit das Klima an. Indonesien ist inzwischen nach den USA und China der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasen.

Umweltverbände und Entwicklungsorganisationen kämpfen seit Jahren gegen die Zerstörung der Regenwälder. Einen eigenen Weg ging dabei der World Wildlife Fund (WWF). Er gründete zusammen mit dem Lebensmittelkonzern Unilever, einigen Handelsketten und Palmölherstellern 2003 den Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO). Inzwischen hat der RSPO 300 ordentliche Mitglieder, die knapp die Hälfte der weltweiten Palmölproduktion repräsentieren. Auch die wichtigsten Palmölhändler, Verarbeiter und viele Handelsketten sind Mitglied. Der RSPO hat Kriterien für eine nachhaltige Palmölproduktion erarbeitet und 2008 mit der Zertifizierung der ersten Unternehmen begonnen.

Bart Maes Amanprana

Bart Maes, der Geschäftsführer von Amanprana, lobt den gesundheitlichen Nutzen von Palmöl – sofern es unbehandelt ist, also weder gebleicht noch desodoriert wurde.

Unbehandeltes Palmöl hat eine leuchtend rot-orange Farbe. „Es enthält 10 Mal mehr Karotin als Möhren und 30 Mal mehr Lycopin als Tomaten. Hinzu kommen große Mengen an Vitamin E in einer Zusammensetzung, die besonders antioxidativ wirkt“, erklärt Bart Maes. „Kein Öl schützt besser vor freien Radikalen.“ Der Belgier vertreibt mit seinem Unternehmen Noble House unter der Marke Amanprana Öle, die „besonders wertvoll für die Ernährung und die Gesundheit sind“. Unbehandelt müssen sie sein, lautet das Credo von Bart Maes. „Für die Lebensmittelhersteller wird das Bio-Palmöl gebleicht und desodoriert. Dabei verliert es seine Farbe und seinen gesundheitlichen Nutzen.“ Derzeit kommt sein rotes Palmöl zum Teil von Kleinbauern-Kooperativen aus Kolumbien. Zum Teil stammt es bereits aus dem westafrikanischen Ghana. Dort hat Bart Maes zusammen mit dem amerikanischen Naturkosmetikhersteller Dr. Bronner ein eigenes Bio-Kleinbauernprojekt aufgebaut. Es wurde vom Schweizer Zertifizierer IMO nach dessen Fair for Life-Kriterien überprüft und ist derzeit das einzige zertifizierte Fairtrade-Palmöl.

Jürgen HackSodasan

Für Jürgen Hack, den Geschäftsführer von Sodasan, hat echte Seife gegenüber Tensiden einen entscheidenden Vorteil: Der technische Aufwand für die Herstellung von Seife ist viel geringer.

Seife entsteht, wenn man Öl mit Lauge kocht. Jürgen Hack, der Geschäftsführer des Reinigungsmittelherstellers Sodasan, verseift nur Bio-Öle. Obwohl diese weitaus teurer sind als konventionelle. „Schließlich wollen wir den Öko-Landbau fördern, damit möglichst viele Bauern umstellen.“ Für ihn haben heimische Öle Vorrang. Doch neben Sonnenblumen-, Raps- und Olivenöl aus Europa verwendet er auch Palmöl und Palmkernöl von Daabon. „Sie enthalten vor allem kurzkettige Fettsäuren, die einen stabilen Schaum ergeben.“ Eine der zwei Seifenserien von Sodasan besteht aus einer Mischung von Palm- und Palmkernöl. In der zweiten Serie kommt noch Olivenöl hinzu. Auch bei den Reinigern und Waschmitteln setzt Sodasan weitgehend auf Pflanzenseifen als waschaktive Substanz. „Sie sind sehr gut abbaubar, ohne großen Aufwand herzustellen und waschen Textilien weich“, lobt er die Vorteile gegenüber den mit hohem chemischen Aufwand hergestellten Tensiden aus pflanzlichen Rohstoffen. Bei den Pulver- und Flüssigwaschmitteln kommen dabei auch Palmölseifen zum Einsatz, gemeinsam mit Seifen aus Raps- und Sonnenblumenöl.

Zertifikat für nachhaltiges Palmöl

Der RSPO ist aber nicht unumstritten. Über 250 Umweltorganisationen haben eine Deklaration unterschrieben, die dem RSPO Greenwashing zugunsten der Agrarindustrie vorwirft. Sie kritisieren, dass Palmölkonzerne einzelne Musterplantagen zertifizieren lassen, während sie an anderen Orten gegen RSPO-Kriterien verstoßen. Martina Fleckenstein, die Agrarexpertin des WWF, hält dagegen, dass alle RSPO-Mitglieder sich binnen fünf Jahren mit ihren ganzen Unternehmen zertifizieren lassen müssen und bis dahin jedes Jahr einen Fortschrittsbericht vorzulegen haben. Auch könne ein Unternehmen, das nach dem Stichdatum November 2005 noch Primärwälder für Plantagen gerodet habe, kein RSPO-Zertifikat erhalten. „Im Schnitt haben die Plantagen der RSPO-Mitglieder einen deutlich höheren Standard als die von Nicht-Mitgliedern.“ Dennoch sei die Kritik der Umweltorganisationen wichtig. „Dieses Monitoring von außen sorgt bei den Firmen für den nötigen Druck.“

Firmen brauchen Druck Den Druck brauchen auch die Verarbeiter, um RSPO-Palmöl zu kaufen. Derzeit seien etwa vier Prozent der Palmölernte, also rund 1,75 Millionen Tonnen, zertifiziert, teilte der RSPO mit. Verkauft waren davon Ende Oktober 2009 laut WWF knapp 200 000 Tonnen. Zu den Firmen, die bisher kein RSPO-Palmöl kaufen, gehören laut WWF-Recherche alle gro-ßen deutschen Handelsketten sowie der Lebensmittelkonzern Nestlé.

Kein Wald für Bio-Palmöl

Weitaus besser als konventionelles nachhaltiges Palmöl ist Bio-Palmöl. Es wird fast ausschließlich in Südamerika von zwei Unternehmen hergestellt, die auch RSPO-Mitglieder sind: Daabon in Kolumbien (www.daabon.com) und Agropalma in Brasilien (www.agropalma.com.br). Beide produzieren konventionelles Palmöl und Bio-Palmöl. Daabon hat bereits Anfang der 90er-Jahre mit dem Öko-Anbau begonnen. Das Unternehmen gehört der Familie Davila, Großgrundbesitzern, die bereits in der dritten Generation Landwirtschaft betreiben und sich stark im Öko-Landbau engagieren. Ihr Unternehmenszweig Daabon Organic bewirtschaftet rund 7 600 Hektar Land im Norden Kolumbiens, wo die Sierra Nevada zur Karibik hin abfällt. Hinzu kommen noch die Flächen von 450 Kleinbauernfamilien, die in Kooperativen organisiert sind und mit Daabon kooperieren.

Das Unternehmen produziert auch Bananen, Kakao und Kaffee. Doch auf drei Vierteln der Fläche wachsen Ölpalmen. „Wir haben dafür keinen Wald gerodet. Unsere Plantagen befinden sich auf Land, das früher für die Rinderzucht und den Reisanbau genutzt wurde“, versichert Firmenchef Alberto Davila in seinem Nachhaltigkeitsbericht. Außerdem liefern 200 Kleinbauern Ölfrüchte an das Unternehmen.

Daabon betreibt darüber hinaus eine eigene Ölmühle, eine Raffinerie zur Weiterverarbeitung und ist an dem Hafen beteiligt, über den das Öl verschifft wird. Daabon Organic beschäftigt 1 600 Mitarbeiter, ist nach dem Sozialstandard SA 8 000 zertifiziert und investiert einen Teil der Exporterlöse in soziale Projekte in der Region.

Bio-Pioniere bei Palmöl

Agropalma ist der große Palmölhersteller Brasiliens und bewirtschaftet in der Umgebung der Stadt Belem im Delta des Amazonas über 32 000 Hektar Plantagen. Rund 4  100 Hektar sind bio-zertifiziert. Die brasilianische Kontrollstelle IBD überprüft neben dem Bio-Anbau auch ökologische und soziale Kriterien und hat Agropalma mit seinem EcoSocial-Logo ausgezeichnet. Agropalma betreibt eine eigene Schule, ein Gesundheitszentrum und zwei Notfallambulanzen. Insgesamt arbeiten 4 500 Menschen für das Unternehmen. Der Konzern besitzt 60 000 Hektar an Wäldern, die größtenteils unter Schutz stehen. Für neue Plantagen verwendet das Unternehmen nach eigenen Angaben ausschließlich Weideland, wobei entlang der Flüsse Auwälder als Schutzstreifen aufgeforstet werden.

„Beide Unternehmen leisten hervorragende Arbeit“, sagt Carsten Reich, Geschäftsführer des Bio-Importeurs Care Naturkost. Er war einer ihrer ersten Kunden und beliefert Bio-Hersteller mit Palmöl aus Kolumbien und Brasilien. Mit vier- bis fünftausend Tonnen jährlich ist Care der größte Abnehmer von Bio-Palmöl in Europa. Jedes Jahr ist Carsten Reich vor Ort, „sonst kriegt man kein Gefühl dafür“. Die Größe der Plantagen sieht er nicht als Problem, denn beide Unternehmen versuchen, die Artenvielfalt in und um ihre Betriebe zu fördern. Sie legen breite Schutzstreifen rund um die Palmenfelder an und vernetzen die verbliebenen Biotope. „Wenn man das mit konventionellen Plantagen in Südostasien vergleicht, kommt man sich vor wie im botanischen Garten.“ Das liegt auch daran, dass Gründüngung und Kompost den Boden fruchtbar halten und verbessern. Beide Unternehmen betreiben eigene Anlagen, um die pflanzlichen Abfälle aus den Plantagen zu kompostieren. Die Flächen sollen nicht ausgelaugt, sondern langfristig genutzt werden. Schließlich werden Ölpalmen 25 Jahre alt.

Public Eye Positive Award

Für sein Engagement für Bio-Palmöl wurde Carsten Reich 2008 für den Public Eye Positive Award nominiert, eine Art Oscar der Schweizer Globalisierungskritiker. Zwar steigt die Nachfrage nach Bio-Palmöl kontinuierlich an, dennoch macht der Bio-Anteil an der Weltproduktion weniger als ein Promille aus. Carsten Reich sieht darin eine Chance: „Für mehr Bio-Palmöl muss man keine Wälder roden. Man muss nur bestehende Plantagen umstellen.“

Konventionelles Palmöl in Naturkosmetik

PalmfruchtEtwa vier Fünftel des weltweit produzierten Palmöls verbraucht die konventionelle Lebensmittelindustrie. Meist taucht es als „Pflanzenöl“ in der Zutatenliste auf. Palmöl und das aus den Kernen der Ölpalme gewonnene Palmkernöl sind aber auch wichtige Rohstoffe für die chemische Industrie. Sie stellt daraus Tenside „aus nachwachsenden Rohstoffen“ her. Solche Tenside finden sich auch in vielen Naturkosmetika – zum Beispiel in Shampoo. Es gibt nur eine Handvoll Unternehmen, die in großen Anlagen solche Tenside herstellen. Darin kleine Chargen mit Bio-Rohstoffen zu produzieren, wäre immens aufwendig. Deshalb müssen die Hersteller von Naturkosmetik derzeit die gängigen pflanzlichen Tenside aus konventionellen Rohstoffen einsetzen. Erste Hersteller solcher Tenside haben jedoch angekündigt, auch Palmöl vom Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) einsetzen zu wollen, sodass Naturkosmetik-Hersteller künftig zumindest die Möglichkeit haben, darauf zurückzugreifen.

Bildnachweis: Care Archiv

Kommentare

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Robert Gutierrez
Der Artikel hinterlässt beim unkundigen Leser unverzeihlicherweise den Eindruck, es gäbe "gutes", weil zertifiziertes Palmöl ("Bio" oder RSPO). Leider ist dies nicht der Fall. Da Palmölanbau sehr ergiebig ist, Palmöl somit das billigste Pflanzenöl ist und es zunehemend zu Agrodiesel verarbeitet wird, entsteht unabhängig von jeglichem Zertifizierungssystem ein stetig anwachsender Druck, dass Land von Kleinbauern oder verbliebene Naturlandschaften, in (wenn es sein muss auch zertifizierte) Monokulturen umgewandelt werden, da die Nachfrage nicht zu kontrollieren ist. Wer die Situation in den Anbauländern kennt, weiß, dass die Flächen in der Regel mit Betrug, Gewalt und Korruption ausgedehnt werden. Da die Nachfrage auf dem Weltmarkt besonders nach Energie tendenziell unersättliche Ausmaße annehmen wird, ist dem stattfindenden explosionsartig wuchernden Palmölboom nur mit konsequentem Boykott zu begegnen. Zertifikate für Palmöl sind Greenwashing und Verbraucherverdummunng. Sie haben einzig und allein den Zweck, die hellhöriger werdenden Abnehmer zu beschwichtigen, ändern aber nichts an den strukturellen Problemen der auf Monokulturen setzenden industriellen (Bio-)Landwirtschaft, den Verteibungen, der indirekten Landnutzungsänderungen (vertriebene Kleinbauern ziehen in die letzten Naturgebiete und roden dort den Wald) und dem unersättlichen Energiebedarf der reichen Länder.Wer die Koordinaten der "Bioplantagen" kennt, kann sich im Internet Satellitenbilder anschauen. Man sieht endlose Monokulturen - wie auf konventionellen Plantagen auch. RSPO-Firmen haben übrigens die Verteibung von Millionen Menschen und Millionen Hektar Regenwald auf dem Gewissen und scheren sich nicht um ihre eigenen minimalen Standards. Siehe hierzu auch:

http://www.biofuelwatch.org.uk/docs/17-11-2008-

ENGLISH-RSPOInternational-Declaration.pdf ) oder http://www.greenpeace.org/raw/content/international/press/reports/united-

plantations-certified-d.pdf

oder

www.regenwald.org.



Alternative: regional und saisonal konsumieren und nicht auf Kosten des Weltklimas und der Menschen und der Natur in den Tropen leben! Wir brauchen kein Palmöl!
NIna K.
Schade, dass sich der Palmölanbau zu solch einer "Industrie" aufbläht.



Ich schätze dieses Öl sehr in der Küche, mir schmeckts und der hohe Gehalt an sämtlichen Vitamin E-Sorten und Vitamin A machen es für mich zu einem natürlichen gesunden Vitaminspender. Ich mag nährstoffdichte Lebensmittel und finde man sollte diese sowiso sämtlichen künstlichen Nahrungsergänzungsmitteln vorziehen.