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Stimmt die Chemie?

Immer mehr Firmen drängen mit Naturmode oder Ethic Fashion auf den Markt. Sie achten auf Biofasern und faire Löhne. Doch wie sieht es mit Chemikalien und Farbstoffen aus? // Leo Frühschütz

Hintergrund: Naturmode. (Foto: Transfair)Bis eine Baumwollfaser zum T-Shirt wird, kommt sie mit einigen Hundert Chemikalien in Berührung. Das beginnt mit Ölen, die beim Spinnen und Weben Fasern und Garne geschmeidig halten. Optische Aufheller lassen die Stoffe heller wirken. Färbebeschleuniger sorgen dafür, dass die rund 2 000 eingesetzten Farbstoffe besser aufgenommen werden. Dazu kommen noch Emulgatoren, Komplexbildner und zahlreiche andere Hilfsmittel. Im Laufe der Herstellung wird ein Großteil dieser Chemikalien zusammen mit Löse- oder Waschmitteln ausgewaschen und gelangt ins Abwasser. Ein Teil bleibt aber auch im Stoff und gelangt auf unsere Haut.

Jemand, der sich bewusst für Öko-Mode entscheidet, achtet meist darauf, dass die Baumwolle aus biologischem Anbau stammt und die Näherinnen fair bezahlt wurden. Ebenso wichtig ist es jedoch, dass die Chemie stimmt. Für die Pioniere der Naturtextilien ist das nichts Neues. Firmen wie Hess Natur, Engel Naturtextilien, Living Crafts oder Disana hatten sich schon vor zehn Jahren zum Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) zusammengeschlossen.

Siegel für Naturmode

Anfang 2000 präsentierten sie ein Siegel für Naturtextilien. Darin schrieben sie nicht nur den Einsatz von Biobaumwolle vor. Sie formulierten auch Kriterien für das Färben der Stoffe und verboten eine Reihe üblicher Textilchemikalien und Ausrüstungsverfahren.

Nicht erlaubt sind zum Beispiel Kunstharze aus Formaldehyd oder Glyoxal, die die Textilien knitterfrei machen. Auch Biozide als Ausrüstung gegen schweißzersetzende Bakterien oder Pestizide als Lagerschutz haben in IVN-zertifizierter Naturmode nichts zu suchen.

Strenge Grenzwerte fürs Färben

Bei den Farbstoffen fallen nicht nur diejenigen durch, die im fertigen Kleidungsstück krebserzeugend oder allergisierend wirken können. Verboten sind aus ökologischen Gründen auch schwermetallhaltige Farben. Einzige Ausnahme: Bis zu fünf Prozent Kupfer darf ein Farbstoff enthalten. Denn ohne Kupferverbindungen lassen sich knallige Grün- und Blautöne nur schwer erzielen. Strenge Grenzwerte regeln die biologische Abbaubarkeit und die Giftigkeit der Farben gegenüber Wasserorganismen. Nassfärbereien brauchen zudem eine nachgeschaltete Kläranlage, die ebenfalls Mindestkriterien einhalten muss.

In den IVN-Richtlinien steht auch „Empfehlung: Naturfarbstoffe“. Doch in der Praxis spielen Pflanzenfarben bisher keine große Rolle. Die wenigen noch bestehenden Färbereien arbeiten handwerklich und färben kleine Mengen, vor allem Wolle. Weiter verbreitet sind Stoffe aus natürlich gewachsener farbiger Baumwolle. Schwung in das Thema Pflanzenfarben könnte die Spremberger Tuche GmbH aus Brandenburg bringen. Sie setzt seit Kurzem Extrakte aus Krappwurzel und Färber-Resede im industriellen Maßstab zum Färben ein (siehe Interview). Die IVN-Kriterien finden sich auch im GOTS (Global Organic Textile Standard), dem weltweit gültigen Standard für Ökomode, wieder. Den hat der IVN in den letzten Jahren zusammen mit Partnerorganisationen aus Großbritannien, den USA und Japan entwickelt. Im letzten Jahr haben sich über 1 000 Unternehmen zertifizieren lassen, „darunter auch viele aus Indien oder China“, berichtet IVN-Sprecherin Heike Scheuer. Seit Herbst finden sich auch zunehmend Produkte mit dem neuen Logo in den Läden.

Neues Label auf dem VormarschMode

Neben den Naturmode-Pionieren setzen mehrere große Hersteller und Händler wie Levi’s, C&A oder H&M für ihre Öko-Kollektionen auf GOTS. „Wir prüfen eine stärkere Auslobung, um zusätzliches Vertrauen zu schaffen“, sagt H&M-Sprecher Hendrik Alpen. Die schwedische Mode-Kette hat im Frühjahr 2007 eine erste Kollektion aus 100 Prozent Biobaumwolle vorgestellt und erweitert sie kontinuierlich. C&A war mit 7 500 Tonnen Biobaumwolle 2008 der größte Abnehmer. „Wir beabsichtigen, den GOTS zukünftig für alle Biobaumwoll-Produkte einzuführen und entlang der Produktionskette zu etablieren“, sagt Pressesprecherin Martina Schenk. Dennoch macht Naturmode bei den großen Textilkonzernen nur einen Bruchteil der tatsächlich verkauften Kleidung aus. Die Naturtextil-Pioniere haben meist ihr ganzes Sortiment am GOTS ausgerichtet.

Weitaus bekannter als IVN und GOTS ist bei den Verbrauchern der Ökotex-Standard 100 und dessen Logo „Textiles Vertrauen“. Diesen Standard hatte die Textil­industrie Anfang der 90er-Jahre mit Erfolg entwickelt, um sich von billigen asiatischen No-Name-Produkten abzuheben. Das Endprodukt muss, je nachdem, wie nahe es der Haut kommt, bestimmte Schadstoffgrenzwerte einhalten. Eine solche Liste mit zum Teil etwas strengeren Werten gibt es auch bei GOTS. Doch im Gegensatz zu GOTS betrachtet Ökotex 100 nicht die Herstellung selbst. Problematische Verfahren und Substanzen sind erlaubt, Umweltauswirkungen spielen keine Rolle. Hauptsache, das Produkt hält bestimmte Grenzwerte ein.

„GOTS verzichtet von vornherein auf Substanzen, die für empfindliche Menschen ein Problem sein oder möglicherweise langfristig Schäden verursachen könnten“, erklärt Ulrike Siemers, Geschäftsführerin des Bremer Umweltinstituts. Als Beispiel nennt sie die mögliche hormonelle Wirkung bestimmter optischer Aufheller. Entscheidend sei der Unterschied der beiden Standards für die Umwelt. „Bei GOTS werden die Flüsse nicht verschmutzt.“ Das hat auch die Ökotex-Gemeinschaft erkannt und vor zehn Jahren den Ökotex 1000-Standard für umweltfreundliche Betriebe vorgestellt. Doch die Nachfrage hielt sich in Grenzen.

Wer auf den Webseiten neuer Ökomode-Labels wie Kuyichi, Slowmo oder Noir Informationen über Färben und Ausrüsten sucht, findet meist wenig. Einige verweisen auf GOTS, mehrere nutzen das Ökotex-Logo. Doch Details vermitteln sie kaum. „Die Unternehmen wollen manchmal fast verstecken, dass sie öko sind“, sagt Bernd Hausmann. Er verkauft in seinen beiden Glore- Läden in Nürnberg und München ausschließlich Ökomode von Labels wie Misericordia, People Tree oder Veja an ein überwiegend junges Publikum. „Das fragt erstaunlich wenig nach“, wundert sich Hausmann. Zufrieden ist er damit nicht. Denn zu seiner Philosophie gehört es auch, werbende Bilder und Worte zu hinterfragen. Weil nachhaltige Mode mehr sein muss als schöner Schein.

Faire LogosLogos für Textilien

Das bekannte Fairtrade-Logo bezieht sich auf den fairen Anbau der Baumwolle. Die Fair-Trade-Standards der Öko-Zertifizierer IMO und Ecocert umfassen auch die Verarbeitungsbetriebe. Mitglieder der Fairwear Foundation setzen sich besonders für soziale Arbeitsbedingungen in der Verarbeitung ein. Made By informiert die Käufer über die Herkunft der Kleidung und die Bemühungen des Herstellers.

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar
Björn
Ich finde es sehr löblich, dass sie sich vermehrt dem Thema Bio-Mode annehmen, allerdings finde ich es sehr schade, dass sie von Pflanzenfarbe erzählen, aber nicht das einzige Bio-Label erwähnen, dass ausschließlich pflanzlich färbt, nämlich www.gluecksstoff.de. Statt dessen werden ständig große Labels erwähnt anstatt die Bekanntheit der kleineren Labels mit wirklich ethischem ANspruch etwas zu fördern. Dafür gibts es auch 222korrekte-klamotten.de.



Schöne Grüße mit dem Wunsch nach besserer Recherche.
Julia
Für die bessere Recherche hab ich auch noch was: Greenality, sowie www.better-merchandising.de

szmtag