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Regenerative Energien

Die Energie-Gemeinde

Global denken, lokal handeln – ein viel beschworener Satz im Zeitalter des Klimawandels. Nur wer hält sich daran? Die Bürger des Ortes Freiamt im Schwarzwald. Sie produzieren ihren Strom allein aus regenerativen Energien. // Philipp Maußhardt

Viel Zeit hat Inge Reinbold nicht. Die Fässer müssen geputzt werden, morgen soll Schnaps gebrannt werden. Kirschschnaps, 42-prozentig. In Gummistiefeln steht die Bäuerin in der Brennstube und kontrolliert die vergorene Maische. „Einen kleinen Moment, ich wechsle nur die Schuhe und komme gleich.“ Dann verschwindet sie im Haupthaus, einem Bauernhof aus dem 15. Jahrhundert. Inge Reinbold ist überraschenden Besuch gewohnt. Im letzten Sommer stand plötzlich eine ganze Busladung von Iren auf ihrem Bauernhof und wollte „the biogas machine“ sehen. Der Weg zu der viel bewunderten Anlage führt weg vom Hof, vorbei an einem leeren Schweinestall. 350 Stück Borstenvieh standen hier noch vor wenigen Jahren und gleich dahinter lag der Stall für die Mastbullen. Auch der ist leer. Die Reinbolds waren ganz „normale“ Bauern – bis BSE und der Preisverfall von Schweinefleisch die Existenz des Familienbetriebes bedrohten. Der jüngste der drei Söhne hatte da schon auf eine sichere Zukunft gesetzt und lernte Elektriker. „Er hat uns auf die Idee gebracht“, sagt seine Mutter. Im Sommer 2001 verkauften sie Rinder und Schweine und ließen gleich unterhalb der Ställe eine Biogas-Anlage bauen. „Eigentlich hat sich gar nicht viel verändert“, scherzt Inge Reinbold, „wir verfüttern den Mais, das Getreide und das Gras von unseren Feldern jetzt eben an unsere Bakterien.“

Klima
Bürgermeisterin Hannelore Reinbold-Mench ist stolz darauf, dass ihre Gemeinde Freiamt unabhängig von Öl, Gas und Atomkraft ist.

Biogas rettet den Familienbetrieb

Millionen von Kleinstlebewesen zersetzen in zwei großen unterirdischen Tanks die Mischung aus Gülle, Gras und Mais zu einem dickflüssigen Brei, der langsam vor sich hin gärt. Die dadurch entstehenden Gase (Biogas) sind brennbar und treiben zwei große Generatoren an, die in einem Blockheizkraftwerk Strom und Wärme erzeugen. Bäuerin Reinbold und ihr Mann verkaufen kein Fleisch mehr, sie handeln mit Energie. Ihre Investitionskosten von rund 700 000 Euro werden sie in einigen Jahren wieder hereingewirtschaftet haben.

Sonne-, Wind- und Wasserkraft

Reinbolds Hof liegt rund 25 Kilometer nördlich von Freiburg in der Gemeinde Freiamt, einem weitläufigem Gebiet aus kleinen Weilern und Einzelgehöften. Eine Ferienlandschaft mit Gasthäusern, Pensionen und einem Kurhotel. Schon beim Passieren der ersten Häuser stechen die blauen Solaranlagen ins Auge, die fast jedes vierte Dach bedecken. Auch der Sportverein hat sein Vereinsgebäude damit ausgerüstet. Oben auf den Hügeln der ersten Schwarzwaldberge drehen sich vier Windräder im Westwind. Ganz egal wie das Wetter auch ist – in Freiamt gibt es immer jemand, der sich darüber freut. Scheint die Sonne – und hier tut sie das an rund 1000 Stunden des Jahres –, produzieren rund 100 Solaranlagen Strom. Pfeift der Wind, drehen sich die Windkrafträder. Und wenn es regnet, jubeln die Besitzer der drei kleinen Wasserkraftwerke.

Ölkrise und teures Gas – das sind keine Themen für Freiamt. Fast 14 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen alle regenerativen Anlagen zusammengerechnet im Jahr. Weit mehr, als die 4 300 Einwohner und die Betriebe der Gemeinde benötigen. Den Überschuss von rund drei Millionen Kilowattstunden verkaufen die Strom-Bauern von Freiamt gewinnbringend an den Energieversorger EnBW.

Die Bürgermeisterin möchte einem möglichen Missverständnis vorbeugen: „Wir sind keine Öko-Rebellen“, sagt Hannelore Reinbold-Mench, „wir sind hier politisch eher konservativ.“ Doch vor einigen Jahren tauchten clevere Geschäftsleute in Freiamt auf und erkundigten sich nach Pachtgrundstücken der Bauern oben auf den Hügeln, um dort Windräder zu installieren. „Da haben wir uns gedacht: Das Geld verdienen wir lieber selber.“ Die Freiamter gründeten einen Verein und betreiben seither die Windmühlen im Genossenschaftsprinzip. So bläst der Wind das Geld in viele Taschen.

Stolz und unabhängig

Wo andernorts Windräder für Verstimmung und Streit sorgen, ist man in Freiamt stolz auf die durch sie gewonnene Unabhängigkeit von Öl, Gas und Atomkraft. Führungen zu den verschiedenen Anlagen im Ort zählen inzwischen zu den beliebtesten Touristenattraktionen. Auch die Bürgermeisterin schlüpft dann und wann in die Rolle der Fremdenführerin. Mögen manche ihrer Bürgermeister-Kollegen vielleicht von neuen Straßen oder Turnhallen träumen – sie wünscht sich für die Zukunft „ein Blockheizkraftwerk mit Hackschnitzelbefeuerung“, das die Häuser ihrer Gemeinde mit Warmwasser versorgt. „Einfach nachmachen kann man das hier natürlich nicht“, sagt die Rathauschefin von Freiamt. „An jedem Ort herrschen andere Bedingungen, da muss man ganz genau überlegen, was zu einem passt.“

Landwirtin Inge Reinbold ist wieder in ihre Schnapsbrennerei zurückgekehrt. Es duftet nach vergorener Maische, und leise brummt aus der Ferne das Kraftwerk ihrer Gasanlage. Wieder einmal hat sie den Besuchern alles genau erklärt und von Watt und Volt geredet, als handle es sich um Eier und Kartoffeln. Für kommende Woche hat sich eine Gruppe Japaner auf dem Hof angemeldet und Inge Reinbold hat nur eine Sorge: „Dass ich das alles auch noch auf Englisch erklären muss.“

Energie-Gemeinden im Südschwarzwald

Energie-GenmeindenIm Zeichen der Klimadiskussion gehen immer mehr, vor allem kleinere Gemeinden, neue Wege bei der Gewinnung und Einsparung von Energie. Beispiele aus sieben Schwarzwald-Dörfern haben die Energieagentur Regio Freiburg und der Arbeitskreis Energie im Naturpark Südschwarzwald jetzt in einer Broschüre zusammengefasst: „Energiegemeinden im Naturpark Südschwarzwald“, zu beziehen unter www.energieagentur-regio-freiburg.de.

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