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Führungsqualitäten entwickeln

Mit dem Lama an der Leine

Wer sich auf der Nase herum tanzen lässt, ist selber schuld. Beim Führen von Lamas zeigt sich, wo wir Probleme haben. Sie spiegeln unser Verhalten unvoreingenommen. // Astrid Wahrenberg

Große Augen machen die Spaziergänger. Lamas laufen wie Ponys mit Halfter und Führseil durch den Taunuswald – das sehen sie nicht alle Tage. Für die eleganten Andenbewohner mit dem Kuschelfell sind solche Ausflüge ganz normal. Maya, Pablo, Filippo und ihre zehn Artgenossen fühlen sich im Taunus längst zu Hause. Vor zwölf Jahren hat die Usinger Tierarztfamilie Richter-Saraber die ersten Tiere aus ganz Deutschland hierher gebracht. Keines hat das peruanische Hochland je gesehen, sie stammen alle aus privater, heute teils auch eigener Zucht. Dass die sensiblen Exoten auf Menschen besonders wirken, haben die Richters gleich erkannt und bald darauf als Erste in Deutschland Lama-Trekking-Touren angeboten. Dabei kommen sich Mensch und Tier zwanglos näher. Viele Wanderer empfinden die Ausflüge mit den feinfühligen Tieren als meditativ. Sie können abschalten und den Alltag hinter sich lassen, sagt Isabel Saraber. Stress und Hektik vergessen und sich erholen, das steht bei den mehrstündigen Ausflügen im Vordergrund.


Wer auf speziellen Workshops mit Lamas etwas über sich lernen möchte, braucht keine Vorkenntnisse. Eine zwei- bis dreistündige Trekkingtour durch den Taunus kostet pro Person 45 Euro. Informationen bei: Llamera, Dr. Tilman Richter, Naturpark Hochtaunus, Stockheimer Weg 2b, 61250 Usingen, Tel 0 60 81 / 6 80 51 oder über www.lama-llamera.de

Lamas als Co-Therapeuten

Wenn Pablo und seine Artgenossen für einen mehrtägigen Workshop gebucht werden, sind sie mehr als eine freundliche Wanderbegleitung. Dann übernehmen die Lamas Aufgaben als Co-Therapeuten. Meist sind es Firmen, die einen Psychologen, Trainer oder Coach mitbringen, der die Tiere in der Interaktion mit den Menschen genau beobachtet und das Verhalten später analysiert.

Fluchttiere folgen nur, wenn sie vertrauen

Lamas reagieren auf Menschen höchst unterschiedlich. Wie alle Flucht- und Herdentiere sind sie stets auf der Hut. Mit ihren feinen Sinnen und der angeborenen Neugier erfassen Lamas das Wesen von uns Zweibeinern vorurteilsfrei und spiegeln es wertfrei in ihrem Verhalten. Instinktiv spüren die Tiere, ob sie sich bei einem Menschen sicher fühlen können. Wenn sich das Lama brav führen lässt, erkennt es seinen Führer als Chef an. Bleibt das Tier während des Ausflugs immer wieder zum Grasen stehen oder weigert es sich stur, vorwärts zu gehen, akzeptiert es seinen Führer nicht als Leitfigur. Ein guter Lama-Führer verhält sich wie ein Alpha-Tier. Dieses ranghöchste Herdentier zeichnet sich durch Erfahrung, natürliche Gelassenheit, ein gleichmäßiges Temperament und vor allem eine mentale Präsenz aus, die allen Tieren Ruhe und Sicherheit vermittelt. Ihm vertraut die Herde und ordnet sich seinen Entscheidungen ohne Zögern unter. Diese Führungsqualitäten kommen nicht nur bei den Lamas, sondern auch unter Kollegen, beim Partner und in der Familie gut an.

Weil jedes Tier eine andere Persönlichkeit hat, führen die Teilnehmer während des Workshops verschiedene Tiere und bewältigen mit den Lamas kleine Aufgaben, etwa einen Geschicklichkeitsparcours. Da gilt es etwa einen Steilhang hinunter- und wieder hochzusteigen, ein dichtes Gestrüpp zu durchqueren oder einen Baumstamm zu überspringen. Lamas springen ausgezeichnet. Bis zu 1,50 Meter Höhe bewältigen sie problemlos aus dem Stand. Doch manchmal stellt ein nur 40 Zentimeter hoher Baumstamm im Parcours ein unüberwindliches Hindernis dar, weil Führer und Tier sich nicht einig sind und das Vertrauen fehlt.

Nicht aufgeben, kreativ werden!

Die größte Herausforderung sei aber der Folientunnel, meint Lama-Besitzer Tilman Richter. Die Aufgabe: Das Lama soll seinem Führer in einen engen Tunnel folgen, dessen Eingang mit einer knisternden Plane verhängt ist – und dabei möglichst gelassen bleiben. Die Enge, das Rascheln und Knistern – diese Situation macht den Lamas Angst. Oft stemmen die Tiere vor dem Eingang alle viere fest in den Boden und bewegen sich keinen Meter vorwärts. Oder sie springen erschrocken zurück, wenn der Plastikvorhang raschelt. Der Trainer beobachtet zunächst, wie der Mensch mit diesem Konflikt umgeht. Zerrt er ungeduldig am Strick oder wendet er sich dem Lama zu und lockt es Schritt für Schritt weiter oder gibt er entmutigt vorschnell auf? Am Ende meistern fast alle Zweibeiner auch diese schwierige Aufgabe. Das Wie bleibt interessant. Kreative Lösungen sind erlaubt, so darf etwa ein Kollege oder eine Kollegin zu Hilfe eilen. Oder der Teilnehmer probiert sich an der Aufgabe mit einem anderen Lama, das weniger ängstlich ist. Gemeinsam mit dem Therapeuten wird nach Wegen gesucht, den Konflikt oder das Missverständnis vertrauensvoll zu lösen. Das stärkt die Teamfähigkeit.

Lamas haben aber nicht nur ein Gespür für menschliche Schwächen – sie scheinen auch verborgene Qualitäten zu erkennen. Diese Erfahrung machte Lama-Besitzer Richter mit einer jungen Mutter. Auf einer Wanderung traute sie sich anfangs nicht, ein Tier zu führen, und lief ohne Vierbeiner in der Gruppe mit. Schließlich fasste sie sich ein Herz und wagte es doch – ein Kick fürs Selbstbewusstsein. Zum Schluss absolvierte sie mit ihrem Lama vor der Gruppe sogar den Geschicklichkeitsparcours. Das Tier hatte ihr vertraut. Ein Erlebnis, das der jungen Frau in Krisensituationen Stärke geben wird, sagt Tilman Richter.

Spuckordnung

Wenn Lamas sich belästigt fühlen, spucken sie den Störenfried an und beweisen dabei erstaunliche Treffsicherheit. Normalerweise werden nicht Menschen Opfer solcher Attacken; untereinander bespucken sich Lamas, um die Rangordnung zu verdeutlichen oder aufdringliche Artgenossen auf Distanz zu halten.

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