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Interview

„Gen-Raps ist außer Kontrolle“

Der kanadische Bauer Percy Schmeiser ist dem Streit mit dem Konzern Monsanto nicht ausgewichen und hat teuer dafür bezahlt. Doch er kämpft weiter gegen Gentechnik auf den Feldern. Weil er weiß, was sie anrichtet. // Interview: Leo Frühschütz, Fotos: Maria Scherf

Percy, Sie haben vor dem Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen in Genf die kanadische Regierung beschuldigt, Menschenrechte der Verbraucher und Landwirte zu verletzen. Was werfen Sie ihr konkret vor?

Kanada hat vor zehn Jahren den Anbau von genmanipuliertem Raps und Soja erlaubt. Mit der Einführung dieser Genpflanzen haben die kanadischen Bauern jegliche Selbstbestimmung verloren. Ihr Land wird mit Gen-Raps und Gen-Soja kontaminiert, mit allen negativen Konsequenzen: zerstörte Ernten, zerstörte Existenzen.

Gibt es dafür konkrete Beispiele?

Viele. Ein Beispiel bin ich selbst. Meine Frau und ich haben über 40 Jahre lang Raps angebaut und gezüchtet. Wir hatten Sorten entwickelt, die speziell an die regionalen Bedingungen angepasst waren. 1998 stellte sich heraus, dass unsere Rapsfelder und damit unser Saatgut mit Gen-Raps von Monsanto verunreinigt waren. Die Arbeit von über 40 Jahren war zerstört.


Schrot&Korn-Autor Leo Frühschütz im Gespräch mit Percy Schmeiser.

Hat Monsanto den Schaden ersetzt?

Von wegen. Monsanto hat uns vorgeworfen, ihr Saatgut illegal angebaut zu haben und uns vor Gericht auf Patentzahlungen verklagt. Die ersten zwei Instanzen gaben Monsanto Recht. Sie entschieden, dass es egal ist, wie der Gen-Raps auf unsere Felder gelangte. Der Raps sei das Eigentum von Monsanto. Wir mussten Monsanto unser gesamtes Saatgut ausliefern. Das bedeutet, du kannst als Bauer über Nacht deine gesamte Ernte und dein Saatgut verlieren, weil der Wind deine Felder mit Gen-Pflanzen kontaminiert, die du gar nicht haben willst.

Und die dritte Instanz?

Der oberste Gerichtshof von Kanada bestätigte 2004 die Eigentumsrechte von Monsanto, entschied aber, dass wir keinen Cent an Monsanto zahlen müssen. Der Konzern wollte eine Million kanadische Dollar, das sind etwa 700.000 Euro. Das wäre das Ende unserer Farm gewesen. Allerdings mussten wir unsere Gerichtskosten selbst tragen. Die beliefen sich auf 400.000 Dollar.

Wie haben Sie das finanziert?

Wir haben unser Land verpfändet und einen Teil unserer Rücklagen für den Ruhestand aufgebraucht. Außerdem hatten wir viele Unterstützer aus der ganzen Welt. Alleine hätten wir es nicht geschafft.

Viele kanadische Farmer haben verunreinigte Felder. Warum hat Monsanto ausgerechnet Sie verklagt?

Monsanto hat damals gezielt Saatgut-Züchter ausgesucht. Außerdem war ich als Bürgermeister und früherer Abgeordneter gut bekannt. Monsanto selbst hat das als Testfall bezeichnet. Sie wollten wohl ausprobieren, wie weit sie mit ihrer Macht gegen die Rechte der Farmer vorgehen konnten.


Unermüdlich warnt Percy Schmeiser vor den Gefahren der Gentechnik. Hier im Gespäch mit dem Dokumentarfilmer Bertram Verhaag („Leben außer Kontrolle“) und einer Bio-Bäuerin

Was sagten die anderen Farmer dazu?

Ich bekam sehr viel Unterstützung. Aber viele Farmer hatten Angst, sich öffentlich zu äußern. Monsanto drohte den Bauern, wenn ihr euch hinter Schmeiser stellt, dann seid ihr dran. Monsanto hat konzern-eigene Privatdetektive. Sie marschieren ohne Erlaubnis über die Felder und stehlen dort Saatgut oder Pflanzen, um sie auf Monsanto-Gene untersuchen zu lassen. Wenn ein Farmer sie erwischt und mit dem Gericht droht, dann lachen sie nur und sagen: „Verklag´ uns doch. Wenn wir mit dir vor Gericht fertig sind, hast du keine Farm mehr.“

Dürfen die das?

Monsanto ist sehr mächtig. Die kanadische Regierung unterstützt die Gentechnik-Industrie bedingungslos. Monsanto arbeitet mit den zuständigen Behörden Hand in Hand. Wenn Bauern hören, was mich mein Prozess gekostet hat und wie lange das Verfahren dauerte, dann geben sie lieber klein bei. Für einen kleinen Bürger gibt es gegen einen Milliarden-Konzern keine Gerechtigkeit.

„Der Gen-Raps in Kanada ist außer Kontrolle“, berichtet Percy Schmeiser. Jetzt planen Gentechnik-Firmen den Anbau in Mecklenburg-Vorpommern.

Welche wirtschaftlichen Folgen hatte der Anbau von Gen-Raps und Gen-Soja in Kanada?

Die Landwirte haben Exportprobleme bei Raps und Soja, weil viele Länder genmanipulierte Produkte ablehnen. In Kanada gibt es kein gentechnikfreies Raps- und Sojasaatgut mehr. Auch die Imkerei ist zerstört, weil der gesamte kanadische Honig mit genmanipuliertem Erbgut kontaminiert ist. Aber noch schlimmer sind die sozialen Folgen.

Was meinen Sie damit?

Ich erzähle Ihnen ein Beispiel. Monsanto druckt Anzeigen, in denen Farmer eine Belohnung bekommen, wenn sie dem Konzern Nachbarn melden, die illegal Gen-Raps oder Gen-Soja anbauen. Der denunzierte Bauer bekommt Besuch von zwei Detektiven. Die sagen, „wir haben Informationen, dass Sie illegal Saatgut von Monsanto anbauen. Entweder Sie unterzeichnen diese Erklärung oder wir sehen uns vor Gericht wieder und dann sind Sie Ihre Farm los“. In der Erklärung müsste er sich verpflichten zu zahlen und über die ganze Angelegenheit nicht zu reden. Dann gehen die Detektive, und der Farmer sitzt da und überlegt, welcher Nachbar ihn verpfiffen hat. Das Ergebnis solcher Methoden ist, dass das Misstrauen rapide wächst und der soziale Zusammenhalt im ländlichen Raum zerbricht. Meine Großeltern kamen 1890 aus Bayern über die USA nach Kanada. Sie mussten mit den Nachbarn zusammenarbeiten, um Straßen, Schulen, die ganze Infrastruktur aufzubauen. Dieser Zusammenhalt ist zerstört.

Was können die EU und Deutschland aus den kanadischen Erfahrungen lernen?

Die wichtigste Lektion ist: Es gibt keine Koexistenz, keinen Sicherheitsabstand. Die Ausbreitung genmanipulierter Organismen (GMO) lässt sich nicht kontrollieren. Die Wahlfreiheit ist verloren, wenn GMO eingeführt werden. Ich höre hier dieselben Argumente, die uns 1996 erzählt wurden: hohe Ernten, weniger Chemikalien, Bekämpfung des Hungers. Nichts davon ist wahr. Nach zwei Jahren sanken die Erträge um 15 Prozent bei Soja und um 7 Prozent bei Raps. Die Qualität ist nur noch halb so gut. Hinzu kommt, dass die Getreide-Bauern jetzt dreimal so viel Pestizide brauchen, weil sich der pestizidresistente Raps ihrer Nachbarn als Super-Unkraut in Getreidefeldern ausbreitet.

Ist es nicht schon zu spät, den Siegeszug der Gentechnik zu verhindern?

Ich habe in den letzten Jahren über 50 Länder besucht, die meisten mehrfach. Überall wächst der Widerstand. In Kanada sind seit zehn Jahren keine neuen GMO mehr eingeführt worden. Wir haben den Einsatz der Terminator-Gene verhindern können. Aber ich weiß auch, dass wir nicht aufhören dürfen zu kämpfen, denn die Konzerne werden weiterhin und mit allen Mitteln versuchen, Gentechnik durchzusetzen.

Sie sind 75. Was gibt Ihnen die Kraft, weiterzukämpfen?

Natürlich wäre es viel einfacher, jetzt daheim zu sein, die 15 Enkelkinder zu besuchen, mit ihnen fischen zu gehen oder Baseball anzuschauen. Es ist hart, immer so lange von der Familie weg zu sein. Aber die Sache ist wichtig. Wir wollen unseren Enkeln eine Welt mit sauberen Lebensmitteln, Wasser, Boden und Luft hinterlassen. Außerdem habe ich mich immer für die Bauern eingesetzt. Meine Frau Louise und ich haben uns geschworen: So lange wir am Leben sind, werden wir für das Recht der Farmer auf der ganzen Welt kämpfen, ihr eigenes Saatgut anzubauen. Louise hat eine sehr starke Persönlichkeit. Ohne ihre Unterstützung hätte ich das nicht geschafft.

Mehr über den Fall Schmeiser

Percy Schmeiser hat alle Dokumente über seinen Streit mit Monsanto unter www.percyschmeiser.com ins Internet gestellt. Die deutsche Übersetzung eines Vortrages von ihm hat das Umweltinstitut München veröffentlicht.

Percy schildert seinen Fall auch in dem Buch „Gefahr Gentechnik“ von Manfred Grössler, Concordverlag, ISBN 3-9501887-1; 24,90 Euro.

David gegen Goliath: Schmeiser versus Monsanto

Percy Schmeiser: Bauer und Saatgutzüchter, wohnt in Bruno in der westkanadischen Provinz Saskatchewan und besitzt eine 600 Hektar große Farm. Er war lange Bürgermeister und auch einige Jahre Abgeordneter im Parlament der Provinz. Percy ist seit über 50 Jahren mit seiner Frau Louise verheiratet, die beiden haben fünf Kinder und 15 Enkel.

Monsanto: Agrarchemie- und Gentechnik-Konzern, Aktiengesellschaft mit Hauptsitz in Saint Louis, USA. Gegründet 1901, Umsatz 2005: 6,3 Milliarden US-Dollar, 255 Millionen US-Dollar Nettogewinn, 13.700 Mitarbeiter, Vorstandsvorsitzender Hugh Grant. Monsanto hat in den letzten sieben Jahren für 13 Milliarden Dollar Saatgutfirmen aufgekauft und ist nun der weltweit größte Anbieter. Bei Gentechnik-Saatgut hat der Konzern 90 Prozent Marktanteil.

Kommentare

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T. Schaefer
Danke!
Stefan Martin
Es ist zwar der Kampf Davids gegen Goliath, aber klar ist trotzdem, wer gewinnt. Wir leben in einer Welt, in der jeder eindeutig Position beziehen muß, wenn wir sie als Ganzes lebendig erhalten wollen. Die Zeit fauler Kompromisse ist längst vorbei.
Matthes Heinz
Informativ, hoch authentisch und daher einprägsam: Sollte weit verbreitet werden, vor allem innerhalb der CSU ( ich bin hier in Bayern zuhause ).
Reif
Sehr interessant. Neue Aspekte.
Julia
Wenn der ein oder andere Bauer DIESEN Artikel kennen würde, wäre es mit dem Befürworten schnell vorbei.

Das Ziel von Monsanto liegt klar auf der Hand: Profit ohne Rücksicht.
Reim
Wird bei uns in M/V wirklich Gen-Raps u. - Mais angebaut,bricht das McPom wirtschaftlich endgültig das Genick!Aber wir kriegen auch das hin - einen echten Pommern kann nichts mehr erschüttern!!-PROST
Chris
War der Artikel nützlich? Ich würde eher sagen: beängstigend. Vor allem, weil man dieser Chemie-Lobby so machtlos ausgeliefert ist. Ich finde es einfach nur grausam und dumm, was Menschen Menschen antun
G. Lennert
Ich bin sehr beeindruckt von der Kraft des Ehepaars Schmeiser und fühle mich sehr dankbar für ihr unermüdliches Handeln für die gute Sache - trotz unerhörter Niederlagen! Diese Kraft steckt an!
Viktor
Was ich auch beängstigend finde ist die Tatsache, das über dieses Thema zumindest bei uns in SH total wenig in den Zeitungen/Magazinen stand! Da liest man jahrelang den Spiegel und findet nur zufällig die wahren Hintergründe über Monsanto, Schmeiser &Co heraus! Das ist für eine Demokratie wie D schon sehr bedenklich und man fragt sich, welchen Hintergrund wohl die Medienkonzerne haben viele Aspekte bei diesem Thema einfach nicht zu erwähnen oder nur eingeschränkt darzustellen? Während in Östereich die Presse doch weitaus kritischer berichtete! Wenn da mal nicht finanzielle Interesse hinterstehen und die pluralistische Gesellschaft bedrohen um dem neoliberalen Zeitgeist nicht in die Quere zu kommen!!
Anemone
Schon 1999 berichtete der Spiegel darüber. Gibt man monsanto gentechnik in google ein, findet man vieles darüber. Auch Greenpeace kämpft ausdauernd gegen die Gentechnik (neuste Aktion: Schreiben Sie an den Bundesminister Seehofer). Jedoch kann nicht oft genug über die skrupellosen Machenschaften dieses geldgierigen rein auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Konzern berichtet werden. Meine absolute Hochachtung gilt dem unermüdlichen Farmerehepaar Schmeiser, ein wunderbares Vorbild, das Hoffnung gibt!
Michael
Sie schreiben in Ihrem ausgezeichneten Artikel, daß jetzt Gentechnik-Firmen den Anbau in Mecklenburg-Vorpommern planen. Laut Jürgen Roth ist Mecklenbeurg-Vorpommern ein Zentrum krimineller politischer Aktivitäten in Deutschland. Ist es ein Zufall, daß jetzt George W. Bush dort auftaucht und von A. Merkel hofiert wird? Im übrigen möchte ich anmerken, daß der Zusammenschluß politischer und wirtschaftlicher Kräfte eine Form des Faschismus ist.
Uli
Erschütternd!

und beeindruckend,wie

das Ehepaar Schmeiser

nicht aufgibt!

Lasst uns alle ein Beispiel an ihnen

nehmen!
netzhaensel
Die Politiker die diesen Konzernen die Wege ebnen,gehören zur Verantwortung gezogen,auch nachträglich!

Keine GMO auf unseren Feldern!!!

Und den Bauern die diese Saat ausbringen, sollten alle Unterstützung entzogen werden.
Emma
wir leben seit 2 Jahren in Kanada und von dem Fall Schmeiser habe ich hier nur einmal in einer Zeitung ähnlich Schrot & Korn gelesen. 95% aller Fertiggerichte sind hier gentechnisch verändert, d.h. kein Eis und keine gekauften Kekse mehr für die Kinder? Utopie! Ich bin dankbar für mutige Leute wie Percy Schmeiser und wäre glücklich über dt. Lebensmittelstandards.
D. Pohle
Hallo,

ich finde den Artikel sehr interessant und hoffe, dass Herr Schmeiser auch weiterhin immer wieder über seine Geschichte und seinen Kampf berichtet. Er soll sich seine Energie im Kampf gegen Monsanto bewahren.

Ich halte ebenfalls wenig von den Machenschaften der "Big Six", zu denen Monsanto gehört. Der Profit sollte nicht über allem stehen, der Nutzen für die Menschen sollte im Vordergrund stehen! Daher bin ich auch gegen eine generelle Verteufelung der Gentechnik! Diese Technologie hilft bereits Millionen von Menschen ohne das es ihnen wahrscheinlich bewußt ist (siehe Bakterien, die humanes Insulin produzieren oder Antibiotika). Man muss Gefahren erkennen und bewerten, aber nicht aus purer Ideologie und Unwissenhweit alles Neue generell ablehnen.
Michael
Ein weiteres Interview mit Percy Schmeiser ist unter http://www.umweltinstitut.org/frames/all/m436.htm

veröffentlicht. Dort ist auch ein Link zu einem Vortrag von ihm zu finden.
Elisabeth Petras
Vielen Dank für Ihren Artikel. Manche Menschen glauben immer noch, dass man den Welthunger durch Gentechnik bekämpfen könne. Das Gegenteil ist aber der Fall, da die ländlichen strukturen zerstört werden und das GVO-Saatgut für die ärmeren Bauern viel zu teuer ist. Gerade in ärmeren Ländern arbeitet ein Großteil der Menschen in der Landwirtschaft und drängt in Städte und Slums, wenn Großbauern dort GVO-Pflanzen anbauen und die mitgelieferten Pestizide versprühen. An einer Reduktion letzterer besteht kein Interesse, weil die GVO- Hersteller gleichzeitig die großen Pestizid-Produzenten sind...



Mit freunedlichem Gruß

Elisabeth Petras
peter w. gendner
Diese so genannte"Wirtschaft" hat sich zu einem

Krebsgeschwür entwickelt. Aber der Krebs ist ausgesprochen dumm. mit der Niederlage und dem Tod seines Wirtes, stirbt er auch mit.