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EU will Bio-Ware neu deklarieren

Brüssel gefährdet die Zukunft von „Bio“

Pläne der EU-Kommission, die Öko-Verordnung zu novellieren, sind bei den Bio-Landbauorganisationen und beim Deutschen Bauernverband auf harsche Kritik gestoßen. Befürchtet wird ein Etikettenschwindel mit dem Begriff „Bio“. // Stephan Börnecke

Der Vorstoß der Kommission hat vor allem deshalb für erhebliche Irritationen gesorgt, weil statt einer Verbesserung und Vereinheitlichung der Vorschriften viele Vorgaben nunmehr einer Verwässerung der Öko-Anbau- und Verarbeitungsregeln gleichkommen. Einer der Hauptkritikpunkte: Die bisherige klare Kennzeichnung von Öko-Lebensmitteln, die vor allem den Missbrauch der Begriffe „Öko“ und „Bio“ und deren Kombinationsmöglichkeiten ausschloss, wird aufgeweicht. Die Landbauorganisation Bioland befürchtet, dass die Silbe „Bio“ künftig auch wieder für konventionelle Produkte verwendet werden kann. Es werde möglich, dass das Wort suggeriere, es handle sich um ein Bio-Produkt, obwohl dies in Wahrheit nicht der Fall ist. So schreibt Artikel 19 des Verordnungsentwurfs über die Erzeugung und die Kennzeichnung von ökologischen Lebensmitteln künftig vor, dass auf dem Produkt entweder das weitgehend unbekannte EU-Ökosiegel (es zeigt neben den Europa-Symbolen eine stilisierte Ähre sowie die Aufschrift „biologische Landwirtschaft“) verwendet werden muss oder „in Großbuchstaben“ die Wörter „ökologisch“ oder „biologisch“ gedruckt sein müssen.

Bisher dürfen die Erzeuger alle denkbaren Begriffe und Begriffskombinationen mit den Silben „Bio“- und „Öko“ ausschließlich dann verwenden, wenn die Zutaten aus Öko-Anbau stammen. Ginge es jedoch nach dem EU-Entwurf, könnte ein Hersteller seinen Schokoriegel beispielsweise „Ökolade“ nennen, selbst wenn nicht ein einziger Bestandteil aus biologischer Landwirtschaft stammt.

Damit, ahnt Gerald Wehde, agrarpolitischer Sprecher des Anbauverbands Bioland, wäre dem Etikettenschwindel Tür und Tor geöffnet.

Verbraucher werden „irregeführt von der neuen Kennzeichnung“

Wegen des Vorrangs des EU-Siegels – wie ihn der Entwurf vorsieht – scheint auch die Zukunft des deutschen Biosiegels in Frage gestellt: Dieses Siegel, eingeführt nach dem BSE-Skandal, sorgt für eine klare Kennzeichnung und signalisiert, wo „Bio“ drauf steht, ist auch „Bio“ drin. Die Existenz des Siegels sei gefährdet, fürchtet der Deutsche Bauernverband und spricht von „irreführender Kennzeichnung“ und „enormer Schwächung des Verbraucherschutzes“.

Dieser Eindruck wird verstärkt, weil das EU-Papier auch Kennzeichnungen, die über den höheren Anbau-Standard von Verbänden wie Bioland, Demeter, Naturland, Ecovin oder Gäa Auskunft geben, gar nicht mehr zulässt. Verwunderung hat zudem ausgelöst, dass der Plan der EU nur in wenigen Punkten eine Anhebung des Bio-Standards vorgibt: Auch künftig soll es Höfen erlaubt sein, einen Teil des Betriebs ökologisch, einen anderen aber konventionell zu betreiben. Überdies plant die EU eine regionale Aufweichung der herrschenden Standards: Damit trete laut Wehde nicht nur eine Wettbewerbsverzerrung ein, weil die Betriebe mit unterschiedlichen Auflagen arbeiten würden, sondern „Bio“ werde nicht mehr überall den selben hohen Level erreichen. Der Bauernverband bemängelt zudem, dass der Verordnungsentwurf den Import von „Drittlandsware zweifelhaften Ursprungs erleichtern“ würde.

„Öko“ aktuell

Die seit 1992 geltende EU-Öko-Verordnung umfasste zunächst nur pflanzliche Produkte. Seit 2000 ist auch für die Bio-Tierproduktion ein EU-weit geltender Mindeststandard festgelegt. Für Aquakulturen sind Vorgaben geplant. Die Richtlinien der deutschen Anbau-Verbände gehen zum Teil deutlich über den EU-Level hinaus. Sie lassen weniger Hilfsstoffe zu und stellen die Kreislaufwirtschaft stärker ins Zentrum.

Kommentar

Ende des Ökolandbaus

Sicher, die bestehende EU-Öko-Verordnung legt einen Mindeststandard fest, den mancher als zu lasch kritisieren mag. Doch seit es die Verordnung gibt, hat der Bio-Landbau in Europa einen enormen Aufschwung erlebt. Möglich wurde das auch, weil eben diese seit 1992 geltende Regel einen einheitlichen Rahmen setzte, auf den sich nicht nur Landwirte und Verarbeiter verbindlich stützen, sondern auf den sich der Verbraucher auch verlassen kann. Wo „Bio“ draufsteht, da ist auch „Bio“ drin. Der Vorteil der Standards liegt unter anderem darin, dass die Vorgaben es Landwirten leichter machen, auf „Öko“ umzusteigen, denn sie brauchen nicht die höheren Standards der Verbände einzuhalten – mag auch mancher Ur-Ökobauer die Nase rümpfen ob der erlaubten Hilfsmittel und Methoden. Für den Verbraucher wiederum ist klar, wenn ihm der EU-Level nicht genügt, dann greift er eben zu Öko-Ware von Bioland-, Demeter- oder Naturland-Bauern. Bis heute signalisiert ihm das Etikett den höheren Standard, denn neben dem deutschen Bio-Siegel, neben dem EU-Öko-Code kann eben auch das Logo der Verbände prangen. Schluss, aus, vorbei: Die EU duldet, setzt sie sich am Ende durch, künftig nur noch ihre eigenen Vorgaben. Das ist ein Schlag ins Gesicht für all jene, die den ökologischen Landbau in Deutschland und Europa aufgebaut haben. Und es ignoriert alle Vorstellungen von Verbraucherschutz: Wenn es wieder möglich ist, die Begriffe Öko und Bio in phantasievoller Beliebigkeit zu verwenden, dann ist dies das Ende des ökologischen Landbaus.

Stephan Börnecke, Frankfurter Rundschau

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar
Sabrina
Na toll. Ich glaub ich werde selber Bauer, sonst weiß ich gar nicht mehr, wo mein Essen herkommt! Der EU sei dank.
Hornberger Charlotte
Sehr interessant. Für uns Bio - Fans aber in der Konsequenz, dass die EU macht was sie will, aber erschreckend.
thomas ziegler
wunderts noch irgendwen? pfffft - die luft ist raus!!



so geht das doch schon seit jahren...:



hier unsre "erfahrungen" (seit 1996): -> www.biopilze.de/bio.htm
thomas ziegler
wunderts noch irgendwen? pfffft - die luft ist raus!!



so geht das doch schon seit jahren...:



hier unsre "erfahrungen" (seit 1996): -> www.biopilze.de/bio.htm
robert
ich hoffe das bald mehr menschen wieder aktiv werden, auf die strasse gehen, zusammen arbeiten, bei attac, greenpeace, ... statt in der tv-matrix zu dämmern.

szmtag