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Interview

"Dann kommt die Krötentunnelharmonisierung"

Er weiß wovon er spricht: Er fuhr „Tempo 100 – dem Wald zuliebe“ und analysierte „die Mutation der Grünen Bewegung zur ökologischen FDP“. Für Schrot&Korn hat Urban Priol die Bio-Szene ironisch liebevoll zerlegt. // Das Gespräch führte Ralf Bürglin. Fotos: Mickey Wiesner.

Die Auftritte des Kabarettisten Urban Priol sind wilde Parforceritte eines begnadeten Spötters. Die „erlittenen Schmerzen durch eine verdummende Medienwelt“ entlädt er durch ein Wort-Feuerwerk, dass er auf sein Publikum herabprasseln lässt.

? Ihr Motto ist „Leiden halbieren, Lachen verdoppeln …

! Ja. Ich sage: Wenn wir nicht lachen, wirds auch nicht lustiger. Ich versuch immer mit der größtmöglichen Leichtigkeit durchs Leben zu gehen und will das auch in meinen Programmen widerspiegeln.

? Sie nehmen auf der Bühne auch die Öko-Szene aufs Korn …

! … Die war in all meinen Programmen immer präsent.

? Vor 20 Jahren haben Sie dann wohl den Jutetaschenträger demontiert?

! Da hat man sich auf eine Apfelsinen-Kiste gesetzt und WG nachgespielt. Einer der Charaktere, die ich seinerzeit darstellte, war der Öko-Wurzer. Der ist immer sehr messianisch durch die Gegend gelaufen.

? Was warfen Sie Öko-Wurzer damals vor?

! Er glaubte mit Sprüchen global etwas lösen zu können. Vieles wurde auch zur eigenen Beruhigung gemacht. Aber generell sag ich trotzdem: Wenn jeder im Kleinen anfängt, ist das gut.


Urban Priol: Spottet über die Bio-Szene und fühlt sich ihr dennoch verbunden – im Gespräch mit Ralf Bürglin.

? Was war in der Bio-Szene noch anders?

! Ich bin in den 80ern und vom Thema Umwelt geprägt worden. Ich habe mich dadurch sehr frei entfalten können, weil wir gesagt haben: Im Prinzip ist sowieso alles bald vorbei. Also entweder schafft uns das Waldsterben. Und wenn uns das Waldsterben nicht kaputt macht, dann schaffen uns die Robben. Und diese Robben machen mit ihren Ausblähungen das Ozonloch so groß, dass wir dann irgendwann verstrahlen. Und wenn uns das nicht schafft, dann fliegt noch mal so was wie Tschernobyl in die Luft. Und wenn das auch nicht klappt, gibts immer noch Ronald Reagan. Und der schmeißt dann die Neutronenbombe. Deswegen haben wir gesagt: Es ist egal, es ist sowieso vorbei. Machen wir doch einfach was uns Spaß macht. Umweltbewusstsein war damals aber trotzdem präsent. Und wir haben dann auch alles mitgemacht – „Tempo 100 – dem Wald zuliebe“ und so weiter.

? Und was ist noch von diesem Engagement übrig geblieben?

! Das hast du ja jetzt bereits bei der Vorstellung des Kompetenzteams erlebt – als durchdrang: „Umwelt? Och, nö, muss eigentlich nicht sein.“ (plötzlich sehr ernst) – Das ist etwas, dass mich sehr ärgert: dass das Thema Umwelt sehr vernachlässigt wird. Gerade jetzt, wo die Folgen der industriellen Entwicklung so offensichtlich werden.

? Sie wettern auch gegen die Agro-Gentechnik …

! Ja. Alle sagen: „Ist ja nicht so schlimm, dass jetzt genmanipulierter Mais angebaut wird, weil: ist doch alles kennzeichnungspflichtig.“ Da sag ich: Da hast du es aber schwer im Kino mit deinem Poppkorn-Eimer. Wenn du in jeden reingucken musst, ob was drinsteht. Theorie und Praxis. Hört sich immer schön an. Aber ich bin da vorsichtig. Ich trau dieser Gentechnik nicht.

? Und auf die Gesetze, die die Gentechnik-Kontrollen vorschreiben, ist ja auch kein Verlass …

! Natürlich nicht. Die große Koalition marschiert jetzt erst mal durch. Es steht alles unter dem Motto: „Vorfahrt für Arbeit.“ Und wenn du nur nach diesem Motto fährst, dann schau nur mal nach China. Dann siehst du, was dabei rauskommt: Da kannst du in keinen Fluss mehr gehen – die quecksilbern alle vor sich hin. Eine Mine nach der anderen stürzt ein, weil es keine Sicherheitsstandards gibt.

? Aber das vereinte Europa nehmen Sie auch auf die kabarettistische Schippe …

! Europa scheitert bei der Umsetzung auf kommunaler Ebene. Da darf dann an der Umgehungsstraße keine Lärmschutzwand gebaut werden, weil – Vorgabe aus Brüssel – ein Krötentunnel hingebaut werden muss. Da drehen dann die Gemeinderäte durch. Die sagen: Du fährst nach Frankreich. Dort hauen sie dir die Kröten in die Pfanne und niemand regt sich drüber auf. Hier werden sie einzeln über die Straße getragen, bis der Tunnel gebaut ist. Dann kommt Brüssel mit der Krötentunnelharmonisierungsrichtlinie. Und wenn die Franzosen sich dann europaweit durchsetzen, muss am Ende des Tunnels die Friteuse stehen …

? Und was für ein Bild haben Sie nun heute vom typischen „Bio“?

! Der damalige Renault-5-Fahrer, der nie gewusst hat, wie lange sein Bodenblech noch hält, ist heute der smarte Fahrer eines quitschgelben Saab-Cabrio. Die ökologische Bewegung hat sich Richtung gehobener Lebensstandard bewegt – was nicht verkehrt ist. Man könnte allerdings auch sagen, dass die grüne Bewegung fast zu einer ökologischen FDP mutiert ist.

? Sprüche und Witze beleuchten wie „Bios“ in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Vielleicht können Sie mir aus Ihrer Sicht erklären, was dahinter steckt. Beispiel 1: „Lieber Rio als Bio“ – Sind Bio-Leute unlustige Zeitgenossen?

! Ist doch Quatsch. Ich bin da gegen jede Art von Festlegung. Natürlich gibts auch bei den Ökos welche, bei denen du sagst: Hö, noch ganz klar im Kopf?! Genauso wie es in jeder anderen Schicht welche gibt, mit denen du nichts anfangen kann.

? Beispiel 2: Sagt der „Öko“: „Ich achte jetzt voll auf meine Ernährung – Kaffee und Tabak nur noch aus Öko-Anbau. Da bin ich total konsequent.“

! Ja, ja, und wenn die Öko-Zigaretten gerade nicht zu haben sind und draußen ist schlecht Wetter, dann fahr’ ich doch wieder um den Block und geh’ die konventionellen Zigis holen.

? Der Öko-Raucher kann natürlich argumentieren: Was ich mit meiner Gesundheit mache, ist meine Sache. Wenigstens schone ich die Umwelt …

! Das erinnert mich an die Diskussion um den Katalysator, als es hieß, der Benziner ohne Kat schade der Ozonschicht, wohingegen der Ruß der Dieselfahrzeuge mehr den Menschen direkt belaste. Und die Hardcore-Ökologen haben dann gesagt: Diesel ist besser. Weil wenn die Menschen sterben und es dann keine mehr gibt, gehts auch der Umwelt wieder gut.

? Beispiel 3: Haben Sie auch schon von der neuen „bio-optisch-basierten Informationstechnologie“ mit der Handelsbezeichnung: B.U.C.H. gehört?

! „Bio“ ist eben auch ein Geschäft, bei dem man gewöhnliche Dinge durch Marketingsprüche zu Megaprodukten aufbläst. Der Deutsche ist da eh prädestiniert: Wenn irgend etwas lange genug lifestyle-mäßig durchgekaut wird, dann sagt er: muss gut sein. Andererseits ist auf dieser Linie sogar noch Nachholbedarf. Man könnte „Bio“ noch offensiver vertreten, um noch mehr Leute für „Bio“ zu gewinnen.

? Es bleibt also noch viel zu bewegen …

! Aber nicht mit erhobenem Zeigefinger. Es gibt doch so viel Aberwitziges jeden Tag. Du kannst dich permanent aufregen. Aber wenn du dich mit Humor aufregst, dann ist es leichter.

Ein sympatisch schräger Vogel namens Priol

1961 Der Grundstein für das spätere Wirken fällt polternd in die Wiege.

1980 Das Lehrerkollegium atmet auf: Urban Priol verlässt nach bestandenem Abitur die Schule. Studium in England, wo er sich die britischen „Comedians“ zum Vorbild macht.

1982 Erstmals auf den Brettern, die meist wenig Geld bedeuten.

1986 erhält er als Nachwuchskünstler seinen ersten Kabarettpreis „Das Passauer Scharfrichterbeil“, dem zahlreiche andere folgen.

1998 Eröffnung der eigenen Kleinkunstbühne Hofgarten, Aschaffenburg.

2000 Urban Priol gewinnt den „Deutschen Kleinkunstpreis“ – den wohl renommiertesten Preis für Kabarettisten.

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Kurt Schmidt
Wie immer sehr interessant mit dem Urban - da wird es nicht langweilig - keine Sekunde !



Hoffentlich hilft der Artikel auch weiter in der Ökoszene.
Moni Utzenrath
Genial auf den Kopf getroffen, wenn ich an den SAAB vor unserer Tür denke?! Echt klasse!