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spezial: Anders reisen - Fair in die Ferien

Reisen mit Anspruch

Abschied vom Alltag, Eintauchen in fremde Welten. Doch Verreisen kann mehr sein als Urlaub im Touristenghetto. Richtig angepackt, profitieren Reisende und Einheimische gleichermaßen. // Leo Frühschütz

Das Faszinierendste waren für Harald-Peter Langlotz die Gespräche mit den Einheimischen: „Dass ich Einblick in menschliche Beziehungen bekommen habe.“ Zum Beispiel hat er jetzt eine Vorstellung davon, warum sich indische Eltern für die Aussteuer ihrer Tochter oft haushoch verschulden. Oder warum das verbotene Kastensystem die indische Gesellschaft noch so stark prägt. Dies alles kam zur Sprache, abends am Esstisch der Familie Moozhiyil in Sreekandamangalam.

„Mir kam es darauf an, Indien kennen zu lernen. Meine Frau interessierte sich für die angebotene Ayurveda-Behandlung“, beschreibt der EDV-Leiter im Ruhestand die Motive, die ihn und seine Frau drei Wochen in das Dorf im südindischen Bundesstaat Kerala geführt hatten. Touristen sind dort selten. Rund 50 kommen jedes Jahr, in kleinen Gruppen, und wohnen im Gästehaus von Basis-Projects. Gegründet haben das Projekt Mathew und Leela Moozhiyil, als die beiden 1990 – nach 20 Jahren in Deutschland – in ihre Heimat zurückkehrten. Zu den Basis-Projekten gehören zwei Hektar ökologische Landwirtschaft, eine Werkstatt, eine Schreinerei, Schulen, in denen Nähen, Buchbinden und Siebdruck gelehrt wird, ein Kindergarten und eben das Gästehaus mit Ayurveda-Abteilung.

Alltag erleben auf dem Land

Natürlich standen in den drei Wochen auch einige der für Südindien üblichen Touristen-Highlights auf dem Programm: eine Bootsfahrt auf den lagunenartigen Backwaters, die alte Gewürzhafenstadt Cochin oder der Meenakshi-Tempel in Madurai. Mindestens ebenso spannend waren für Harald-Peter Langlotz die Spaziergänge in und um das Dorf. „Es war kein touristisches Dorf, sondern eines mit typisch indischen Verhältnissen. Ich entdeckte immer wieder etwas Neues.“ In den Werkstätten durfte er heimischen Handwerkern über die Schulter schauen und auch im Kindergarten waren die Gäste willkommen. Beim gemeinsamen Essen mit der Familie Moozhiyil konnte er das Erlebte mit den Gastgebern besprechen. Weil sie beide Kulturen kennen, waren sie für ihn ideale Mittler zwischen den Welten.

Organisiert hat die Reise nach Sreekandamangalam der Veranstalter Travel-to-Nature. Seit acht Jahren arbeitet das Unternehmen mit Basis-Projects zusammen. Die deutschen Reisegruppen sind in dieser Zeit zu einem wichtigen Standbein der Dorfentwicklung geworden. Als Modell für nachhaltigen Tourismus hat das Projekt mehrere Preise gewonnen. Unter anderem beim „To-Do!-Wettbewerb Sozialverantwortlicher Tourismus“, der seit zehn Jahren vom Ammerlander Studienkreis für Tourismus und Entwicklung veranstaltet und weltweit ausgeschrieben wird: www.to-do-contest.org.

Travel-to-Nature ist einer von 125 Reiseveranstaltern, die sich im forum anders reisen zusammengeschlossen haben. Ihr Ziel: ein sanfter, auf Nachhaltigkeit aufgebauter Tourismus, der den Kunden kreative Reise-Ideen bietet und dabei besonderen Wert auf die Belange der Umwelt und der Menschen in den bereisten Ländern legt. Ein gemeinsamer Kriterienkatalog stellt sicher, dass dies umgesetzt wird. Gut ein Drittel der Veranstalter organisiert auch Fernreisen, meist abseits der gängigen Touristenrouten: Mit dem Zug durch die Anden und zu den Weingütern Chiles, Fahrradreisen durch Burkina Faso, Entdeckungstouren mit Kanu und Pferd im brasilianischen Regenwald oder Arabisch lernen in Syrien sind einige der Angebote.

Einheimische kennenlernen

„Öko-Reisen“ will Rolf Pfeifer, Geschäftsführer des Forums, solche Unternehmungen nicht nennen, denn für Fernreisen brauche man nun mal das Flugzeug und das sei kein ökologisches Transportmittel. Für ihn stehen bei solchen Reisen zwei andere Aspekte im Vordergrund. Zum einen das intensive gegenseitige Kennenlernen, das Begegnen auf Augenhöhe. „Wenn man den Menschen konkrete Projekte zeigt und sie sehen, unter welchen Umständen die Menschen leben und wie sie damit umgehen, dann hat das einen erheblichen Umdenkeffekt.“ Nicht nur für Reisende, auch für Einheimische, die durch die Touristen eine fremde Welt besser verstehen lernen.

Der zweite wichtige Aspekt ist die soziale und wirtschaftliche Verantwortung. „Die Reiseziele sind vor allem Entwicklungsländer. Da stellt sich automatisch die Frage, wer profitiert vom Geld der Touristen?“ Durch die Zusammenarbeit mit Dorfgemeinschaften oder kleinen örtlichen Unternehmen stellen die Veranstalter im forum anders reisen sicher, „dass die Menschen konkret was davon haben“.

Für Klaus Betz, Pressesprecher des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung, ist dies ein entscheidender Punkt. „Spreche ich als Reiseveranstalter nur mit dem dortigen Establishment und mache mit ihm gemeinsame Geschäfte? Oder überlege ich mit den davon betroffenen Menschen zusammen: Was wollen wir wie machen?“ Ein solches Vorgehen ist aufwändiger. Zumal im Ergebnis keine großen Hotelkomplexe entstehen, sondern Unterkünfte für kleine Gruppen von Touristen.

Doch die Mühen lohnen sich. Im Schnitt zehn bis 15 Prozent Zuwachs hatte das Forum im vergangenen Jahr. „Bei den Menschen besteht das Bedürfnis, die Realität des besuchten Landes kennen zu lernen. Die 08/15-Kulturpauschalreisen zeigen ihnen nur die touristischen Highlights“, erklärt Rolf Pfeifer den Trend. Noch sind solche sozialverträglichen Reisen ein Nischenmarkt. 100 Millionen Euro Umsatz mit 90.000 Kunden machten die Forums-Veranstalter im letzten Jahr. Doch das Potential ist groß. „Mindestens 40 Prozent der Bevölkerung interessieren sich für solche Reisen“, weiß Klaus Betz aus Untersuchungen des Studienkreises. Doch mit der Umsetzung hapert es noch. Das liegt auch daran, dass sich die Reisebüros als übliche Anlaufstelle bei Urlaubsplanungen mit solchen Angeboten schwer tun. „Man muss mehr tun, als ins Reisebüro zu gehen und zu sagen: Machen Sie mir mal ein schönes Öko-Angebot für zwei Wochen Karibik.“ Interessenten sind gefordert, sich selbst schlau zu machen – zum Beispiel in diesem Schrot&Korn-Spezial.

Mega-Industrie Tourismus

Der Welttourismusverband WTTC schätzt, dass 2005 rund 6.200 Milliarden Dollar für Reisen ausgegeben wurden. Davon entfallen über zwei Drittel auf die Menschen in der EU und in Nordamerika. 74 Millionen Menschen arbeiten in der Reisebranche, etwa doppelt so viele leben indirekt von Geschäfts- und Urlaubsreisenden. Bis 2015 erwartet der WTTC ein jährliches Wachstum von 4,6 Prozent.

So handeln Sie vor Ort „nachhaltig“

  • lokale Restaurants, kleine privat geführte Unterkünfte und örtliche Agenturen nutzen
  • lokale Handwerkskunst statt Industriesouvenirs kaufen
  • Feilschen gehört zum Handel – faire Preise zahlen auch
  • auf örtliche Sitten und Gebräuche achten; vorher informieren hilft Fettnäpfchen vermeiden
  • auf angemessene ordentliche Kleidung achten – egal ob für einen Privatbesuch oder die Besichtigung eines Tempels oder einer Kirche
  • Menschen nicht ungefragt fotografieren
  • sparsam mit Ressourcen wie Wasser oder Energie umgehen

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Ruth Knaak
Sehr guter und ausführlicher Artikel, der die Hintergründe zum Tourismus darstellt. Kompiment an den Schreiber!