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Uralte Verfahren: Salz, Rauch und Tümpel

Gutes Gerben, böses Gerben?

Wonach suchen Sie sich Schuhe aus? Ist die Qualität entscheidend? Oder der Preis? Beides ist wichtig. Aber es gibt noch mehr Aspekte, über die Sie informiert sein sollten. // Manfred Loosen

Bevor aus leder Schuhe gemacht werden können, muss erst einmal aus Fellen Leder werden. Das geschieht durch Gerben. Mit 90% am häufigsten ist die Chromgerbung. Die traditionelle Gerbung mit pflanzlichen Stoffen ist eine Nische, die vor ca. 15 Jahren wieder belebt wurde.

Natürliche Gerbstoffe finden sich in vielen Hölzern, Rinden und Früchten. In Europa sind Eiche und Kastanie traditionelle Gerbstoff-Lieferanten. Heute hätten sie aber keine wesentliche wirtschaftliche Bedeutung mehr, meint Max Gimmel von der Gerberei Gimmel AG in Arbon in der Schweiz. Es dominiert der Import aus Übersee: „Mimosa- und Quebracho-Bäume sind wichtige pflanzliche Gerbstoff-Lieferanten, ebenso das Extrakt der Tara-Frucht.“

Meist aus Italien und Polen

Mehr als die Hälfte des gegerbten Leders kommt aus dem europäischen Ausland nach Deutschland. Führend sind Italien, Polen, Österreich und die Slowakei. Mehr als tausend Tonnen pro Jahr kommen aber z. B. jeweils auch aus Indien, Kasachstan und Uruguay. Dort gibt es nicht so strenge Umweltauflagen wie in Europa. Wie da mit giftigem Abwasser umgegangen wird, ist oft bedenklich. Ein Beispiel: „In Istanbul habe ich unhaltbare Zustände gesehen“, berichtet Dr. Frank Kuebart, Geschäftsführer des ECO-Umweltinstituts: „Da wurde das Grundwasser durch Abwasser versaut oder die Gerbbrühe ungefiltert ins Marmarameer geleitet!“

Die Gerbbrühe enthält Chrom. Zum Gerben würde heute allerdings das dreiwertige Chrom benutzt, nicht mehr das hochgiftige sechswertige Chrom, sagt Max Gimmel. „Aber auch das dreiwertige Chrom muss vernünftig entsorgt werden“, betont Dr. Kuebart.

Chrom belastet das Wasser

In Deutschland darf ein Milligramm Chrom pro Liter Wasser in den Kanal eingeleitet werden. Deshalb wird in manchen Gerbereien Chrom aus dem Schlamm separiert und wieder verwendet, der Restschlamm wandert wegen der Metallbelastung auf Deponien. Die vegetabilen Gerbbrühen können zum Teil ebenfalls wieder verwendet werden. Trotzdem bleibt Schlamm übrig, der aber – weil -metallfrei – für die Kompostieranlage geeignet ist. Auch vegetabile Gerbbrühen sind für das Abwasser ungeeignet, weil ätzend und stinkend. Bei beiden Gerbverfahren kommt es auf den korrekten Umgang mit dem Abwasser und der Entsorgung an.

Etwa 2,5 bis 3 Millionen Menschen in Deutschland reagieren auf Chrom allergisch. Reizungen von Haut und Schleimhäuten können dabei vorkommen. „Diese Menschen sind auf anderes Leder angewiesen“, sagt Johann-Peter Schomisch. Die Schomisch GmbH stellt im Allgäu pflanzlich gegerbtes Leder her. Schomisch gilt in der Branche als „Vegetabil-Gerber-Guru“, weil er sich so konsequent gegen Chromgerbung ausspricht. Andere gehen Kompromisse ein, zum Teil schweren Herzens: Der Naturschuh-Hersteller Think zum Beispiel lässt heute etwa 40 % des Leders mit Chrom gerben; in Italien, wo Umweltaspekte beachtet werden. „Veloursleder bekommen Sie einfach nicht vegetabil gegerbt“, sagt Think-Geschäftsführer Martin Koller. Auch helle Farben (weiß, beige, cremefarben) seien mit Pflanzengerbung nicht dauerhaft zu erreichen. „60 % unseres Leders aber, z.B. das den Fuß direkt berührt, ist und bleibt bei uns pflanzengegerbt!“, verspricht Koller. Und dunkles Leder auch.

„Chromgerbung in Europa ist durchaus vertretbar“, ist die fast einhellige Meinung der Naturschuh-Hersteller. Wenn eine Gerberei, egal mit welchem Verfahren sie arbeitet, die Emissions-Grenzwerte beachte, gebe es keine Probleme mit Abwasser.

Für Johann-Peter Schomisch müssen die Kunden entscheiden: „Der Verbraucher muss abwägen: Entweder er will ein chromgegerbtes, also billiges Leder, vielleicht auch noch kunststoffbeschichtet, also pflegeleicht, oder er nimmt ein vegetabil gegerbtes, natürliches, etwas teureres und pflegeintensiveres Produkt.“

Uralte Verfahren: Salz, Rauch und Tümpel

Schon immer hat sich der Mensch die Haut von Tieren zu Nutze gemacht. Aus dem alten Ägypten ist überliefert, dass die Menschen Tierhäute in salzhaltige Wüstenseen tauchten. Indianer hängten sie in den Rauch. Selbst in waldigen Tümpeln wurden Tierhäute mit den darin enthaltenen Holz-Gerbstoffen konserviert. Leder ist heute fest, aber dennoch flexibel, porös und dehnbar, aber dennoch haltbar. Meist werden Häute von Kälbern, Rindern, Schweinen oder Ziegen verarbeitet, es gibt aber auch Pferde-, Rotwild- und Reptilienleder. In Australien werden auch Känguru-Häute verarbeitet.

Anbieter von Gesundheits- und Naturschuhen:

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50 Modelle vegetabil, 140 Chrom Deutsch-
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Produktion nur in Deutschland, Energie-
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Bundgaard Sko www.bund-
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Chrom Nieder-
lande, Spanien
2003: Umweltzeichen der EU u.a. für Recycling, Reduzierung von Giftstoffen
Camper Deutschland GmbH www.camper.
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20 % vegetabil, 80 % Chrom Groß-
britannien, Italien, Spanien
2000: Umwelt-
zeichen der EU u.a. für Recycling, Reduzierung von Giftstoffen
ECCO SKO GmbH www.ecco.
com
20 % vegetabil, 80 % Chrom Indonesien, Nieder-
lande, Thailand (mit eigenem Klärwerk)
Arbeits-
bedingungen immer zumindest nach EU-
Vorschrift
Grand Step Shoes www.grand-
step.com
Oberleder und Futterleder pflanzlich gegerbt Italien, Portugal geprüft vom ECO-
Institut Köln
Hartjes GmbH www.hartjes.
com
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Formaldehyd-
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Id-nature www.id-
shoes.de
100% vegetabil Europa
Linn 90 % vegetabil Deutsch-
land, Belgien, Italien

Schuh-
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Ricosta Schuhfabrik GmbH www.ricosta.
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land, Italien
Verwendung von regen. Energie, Müllkreis-
laufkonzept
Schuhwerk Schwarz vegetabil Italien Produktion nur in Europa
Think! wwww.think-
shoes.com
60 % chromfrei, 40 % Chrom Italien unbeschich-
tetes Leder
Veganova www.grenz-
gaenger.at
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