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Therapie aus der Steinzeit

Akupunktur (@ gettyimages/Christine Mariner)
Akupunktur soll die Selbstheilung anregen. (@ gettyimages/Christine Mariner)

GESUNDHEIT Die Akupunktur wird seit Tausenden von Jahren eingesetzt. Sie hilft gegen Schmerzen und soll bei Kindern besonders gut wirken. // Sabine Lotz

Bereits Ötzi wurde akupunktiert. Der Steinzeitmann, der vor 5000 Jahren in den Ötztaler Alpen durch eine Pfeilspitze starb und dort bis 1991 konserviert im Eis lag, war zum Zeitpunkt seines Todes etwa 46 Jahre alt. Ötzi litt unter Arthrose und war von Gallensteinen und Würmern geplagt. Man fand punktförmige Tätowierungen auf seiner Haut, exakt an den Akupunkturpunkten, die zu diesen Beschwerden passen.

Bislang waren Medizinhistoriker davon ausgegangen, dass die Heilmethode im ersten Jahrtausend vor Christus in China entwickelt worden war. Die Forschung rund um Ötzi legt nun nahe, dass die Akupunktur noch dreitausend Jahre älter ist. Dass sie in Mitteleuropa bereits zum Einsatz kam, zu einer Zeit als die ägyptischen Pyramiden gerade geplant und gebaut wurden. Doch wie funktioniert die seit Tausenden Jahren bewährte Heilmethode?

Die Grundannahme der Akupunktur ist, dass die Lebensenergie Qi unseren Körper und seine Organe in Kanälen, sogenannten Meridianen, durchströmt. Solange dieser Strom ungehindert fließen kann, ist alles gut. Zu gesundheitlichen Problemen kommt es, wenn der Energiefluss entweder blockiert wird oder einer seiner beiden Anteile – das Yin oder das Yang – dominiert. Indem der Behandler feine Stahlnadeln an bestimmten Punkten der Meridiane setzt, spricht er das körpereigene Regulationssystem an und aktiviert die Selbstheilung. Dadurch findet der Körper zurück zum Gleichgewicht, Organfunktionen regulieren sich und Blockaden werden behoben.

Akupunktur bei Kindern

„Bei Kindern klappt das besonders gut“, ist Dr. Egmont Conradi, Kinder- und Jugendarzt in Bremen, überzeugt. Seiner Erfahrung nach sprechen Kinder sogar besser auf Akupunktur an als Erwachsene, da sie auf subtilere Reize und feinere Stimulation reagieren. Dr. Conradi: „Kinder sind ideale Akupunktur-Patienten, da sie noch näher dran sind an ihrer Eigenregulation.“ Eine Aussage, die der Ettlinger Arzt und Akupunkturexperte Dr. Rainer Bohlayer nur unterschreiben kann: „Bei Kindern braucht es weniger Input, um ihr Regulationssystem anzustoßen. Deshalb werden sie leichter krank, aber auch schneller wieder gesund als Erwachsene.“

Ob Migräne, Rheuma oder Allergien – die Akupunktur ist vielfältig einsetzbar, sowohl für sich allein als auch ergänzend zu anderen Behandlungsmethoden; im Akutfall genauso wie bei chronischen Problemen. In jedem Fall ist der Aufwand bei Kindern deutlich geringer als bei Erwachsenen. Während es bei diesen durchaus ein Jahr dauern kann, bis ihr Organismus auf die Akupunktur spürbar anspricht, genügen bei Kindern oft zwei Wochen mit insgesamt vier Sitzungen, bis sie sich besser fühlen. Außerdem braucht man bei Kindern weniger und feinere Nadeln und lässt diese kürzer stecken.

Wer sich vor Nadeln fürchtet, egal ob Kind oder Erwachsener, der hat noch andere Möglichkeiten: Man kann etwa mit Softlaser akupunktieren. Dabei stimuliert man die Akupunkturpunkte mit gebündeltem Licht. Und die Akupunktur arbeitet statt mit Nadeln mit sanftem Fingerdruck (siehe Kasten).

Die schwierigste Altersgruppe in Sachen Nadeln sind nach Erfahrung von Dr. Conradi die Zwei- bis Dreijährigen: „Kinder in diesem Alter haben oft sehr große Angst vor den Einstichen. Alle anderen kleinen Patienten akzeptieren die Akupunktur erstaunlich gut. Sogar Babys zucken höchstens kurz zusammen!“ Bei den unter Einjährigen behandelt der Bremer Kinderarzt vor allem Drei-Monats-Koliken per Akupunktur. „Dabei stimuliere ich nur zwei Punkte und lasse die Nadeln maximal zehn Sekunden liegen. Danach lässt das Bauchweh offensichtlich spürbar nach.“

Gegen den Schmerz

Neben Kopf-, Bauchweh und anderen Schmerzen ohne organischen Befund sind die Haupteinsatzgebiete der Akupunktur bei Kindern chronische Krankheiten wie Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis. Außerdem lässt sich die Akupunktur bei fast allen Problemen begleitend einsetzen. Auch bei seelischen Störungen in Kombination mit Psychotherapie oder als zusätzliche Hilfe bei Legasthenie oder Dyskalkulie.

Jedem Nadeln muss eine gründliche Untersuchung des kleinen Patienten vorausgehen. Dr. Rainer Bohlayer: „Nur wenn eine genaue Diagnose vorliegt, lässt sich die Akupunktur gezielt und erfolgreich einsetzen.“ Basis der Diagnostik bilden neben den üblichen ärztlichen Untersuchungsmethoden sowie eventuell nötigen bildgebenden Verfahren (z.B. Kernspin oder CT) vor allem das Erspüren und Ertasten der Art des vorliegenden Yin-Yang-Ungleichgewichts. Dr. Egmont Conradi: „Herrscht Energiefülle vor, akupunktiert man mit kurzen, kräftigen, energieableitenden Bewegungen. Dominiert die Leere, führt man mit langsamen Nadelbewegungen Energie zu.“

Ärzte und Heilpraktiker, die Akupunktur bei Kindern anbieten, machen die Erfahrung, dass ihnen vor allem kleine Patienten gebracht werden, deren Eltern entweder selbst schon erfolgreich akupunktiert wurden oder mit den Heilversuchen anderer Mediziner unzufrieden sind und ihre Hoffnung nun auf die Akupunktur setzen.

Eine Akupunkturbehandlung kostet je nach Dauer und Aufwand etwa 30 bis 70 Euro pro Sitzung. In einigen Fällen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Das erhebt die Akupunktur in den Stand einer durchaus anerkannten Alternativmethode. Und selbst wenn sich nicht restlos klären lässt, warum der Schmerz weggeht: Es freut sich der Mensch, vor 5000 Jahren ganz genauso wie heute.

Akupressur: Mit sanftem Druck

Akupressur (@ plainpicture/Fabrice Arfaras)
(@ plainpicture/Fabrice Arfaras)

Die Akupressur (von lateinisch acus „Nadel“ und premere „drücken“) stimuliert dieselben sensiblen Gewebeareale wie die Akupunktur, arbeitet aber statt mit Nadeln mit sanftem Fingerdruck. Dabei ist sie nicht ganz so wirkungsvoll, hat aber dafür den großen Vorteil, dass man sich die nötigen Handgriffe zeigen lassen und dann zu Hause eigenständig anwenden kann.

Die Grenzen der Akupunktur: Gehen Sie zum Arzt ...

... bei schweren Infektionen mit Bakterien bzw. Viren

... bei Mangel lebenswichtiger Substanzen im Körper (z.B. Insulin bei Diabetes)

... wenn Gewebe bzw. Gelenke kaputt sind (z.B. schwere Verbrennungen, Nierenversagen, massive Arthrose, Krebs)

... bei gebrochenen Knochen, gerissenen Bändern

Hier bringen Nadeln alleine nichts! Gehen Sie zum Arzt! Unterstützend kann Akupunktur Symptome lindern, Nebenwirkungen abmildern und das Gesundwerden fördern.

Erschienen in Ausgabe 09/2016

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