Anzeige

Anzeige

Amalgam - wie wird man es los?

Die Plombe entschärfen

Zahnfüllungen aus Amalgam sind ein Gesundheitsrisiko, soviel scheint gewiß. Viele Menschen wollen sich daher von der giftigen Altlast befreien. Doch mit dem Ausbohren allein ist es nicht getan. Weil der gesamte Körper betroffen ist, hilft nach Ansicht ganzheitlicher Zahnmediziner nur eine umfassende Ausleitungstherapie. Unser Beitrag zum Thema Zahnmetalle im letzten November und die anschließende Telefonaktion brachten einen wahren Run auf unseren Leserservice, so daß wir das Thema heute erneut aufgreifen.

Amalgam ist in Verruf geraten, vor allem bei den Patienten. Die Legierung aus Quecksilber, Zinn, Silber, Kupfer und Zink will kaum einer mehr im Mund haben. Obwohl die Krankenkassen und die Mehrzahl der schulmedizinisch denkenden Ärzte weiter an dem umstrittenen Stoff festhalten, lassen sich viele Menschen alte Amalgam-Füllungen herausnehmen.

Kritiker betrachten Amalgam als "toxische Zeitbombe", die in vielen Fällen früher oder später zu Gesundheitsschäden führt. Weil aber selten akute Beschwerden auftreten und eine chronische Vergiftung schleichend verläuft, ist der Kausalnachweis schwer zu erbringen. Auch ist das Symptomenbild so vielfältig, daß von "der" Amalgam-Krankheit nicht gesprochen werden kann. Zungenbrennen, Metallgeschmack, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Unruhe, Schwindel, Schlaflosigkeit und Neuralgien gelten noch als "harmlosere" Folgen von Amalgambelastungen. Aber auch Depressionen, Rheuma, unerklärliche Schmerzzustände, Multiple Sklerose und Krebs werden in diesem Zusammenhang diskutiert. Viele Menschen reagieren auf Amalgam auch mit mehr oder weniger schweren Allergien. Amalgamfüllungen setzen ständig Metallgifte frei, wie Speicheltests beweisen. In den Tumoren von Krebspatienten hat man ebenfalls hohe Metallbelastungen gefunden.

Auch Kleinkinder lagern die Metallgifte zumindest in Spuren ein, wenn ihren Mütter zuvor mit Amalgam versogt wurden. Amalgam wird eingeatmet und über Haut- und Schleimhäute aufgenommen. Es gelangt so ins Gewebe, ins Blut, in die Leber, die Nieren, ins Knochenmark und sogar ins Gehirn. Von dort ist es kaum noch zu entfernen.

An der richtigen Ausleitungsmethode scheiden sich die Geister

Viele Amalgam-Gegner haben sich in der Internationalen Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin (GZM) organisiert, so auch die Zahnärztin Hiltrud Boeger, die seit vielen Jahren Amalgam-Sanierungen durchführt.

Vor deren Beginn der Behandlung ist eine ordentliche Diagnose notwendig, die über Umfang und Lage der Metallrückstände aufklärt. Von Schulmedizinern und Krankenkassen akzeptiert wird werden nur der Epikutan-Test. Seine Aussagekraft, so Boeger, sei jedoch sehr begrenzt, da die provozierten Hautreaktionen nicht zwingend Rückschlüsse auf das Allergie-Geschehen im Gewebe und auf tatsächlich vorhandene Belastungen erlaubten. Auch ist bei vorgeschädigten Menschen eine Symptomverschlechterung möglich. Mit einem anderen Verfahren, dem Lymphozyten-Transformationstest (LTT), könne man hingegen eine Metall-Allergie und -belastung erkennen und die beteiligten Stoffe sowohl qualitativ als auch quantitativ bestimmen. Die Mehrzahl der GZM-Zahnärzte stützt ihre Diagnose lieber auf die Elektroakupunktur nach Voll (EAV). Boeger benutzt außerdem den mit EAV vergleichbaren Vegatest und zunehmend die Kinesiologie ("Muskeltest"). Diese erscheint ihr verläßlicher als Urinproben, die bei Menschen mit niedriger Nierenausscheidungskapazität fälschlich negative Ergebnisse lieferten.

Obwohl Boeger jeden Patienten mit Amalgam im Mund für belastet hält, schlägt sie Ausleitungen nur vor, niemand sollte bedrängt werden. Vor und während der Amalgam-Entfernung greift Boeger unter anderem auf Vitamine und Spurenelemente zurück, bei der Ausleitung hätten sich vor allem hochkonzentrierte Pflanzentinkturen bewährt. Koriander löse Quecksilber, was sich im Stuhl zeigen lasse. Die Chlorella-Alge binde Metallgifte im Gewebe und Bärlauch transportiere das Ganze weiter ins Verdauungssystem.

Dort, wo sich lokale Giftdepots gebildet haben, etwa im Kiefergewebe oder in den Nervenganglien am Hals, wird manchmal auch DMPS gespritzt., ein Chelatbildner, der Quecksilber- und Kupferdepots über die Nieren zur Ausschwemmung bringt. DMPS zieht man deshalb auch gerne zur Diagnosefindung heran (DMPS-Provokationstest). DMPS entzieht allerdings dem Körper Zink, so daß begleitende Zink-Gaben die Regel sind. Auch geht es nach Boegers Einschätzung mit den gelösten Giften relativ große Komplexe ein, die für Personen mit Nierenschwäche nicht unproblematisch seien.

Weil das Aufbohren alter Amalgam-Füllungen wegen der vorübergehend erhöhten Giftausschüttung für den Patienten immer eine besondere Belastung darstellt, entfernt man nur schrittweise zwei bis drei Füllungen pro Sitzung und läßt zwischen den einzelnen Terminen einen Mindestabstand von zwei bis vier Wochen. Während der Behandlung sind umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen unverzichtbar, um alle Beteiligten vor der vermeidbaren Aufnahme freigesetzter Giftpartikel zu bewahren.

Vom lange Zeit propagierten Kofferdam - einer Folie, die die Mundschleimhaut schützen soll - ist Boeger indes wieder abgekommen. Auf der Folie bleiben immer Amalgam-Krümelchen liegen, die unter Einfluß der Behandlungsleuchte schnell verdampfen. Sobald sie sich um nur einen Grad erwärmen, steigt die Verdampfungsrate um 20 Prozent, wie eine Studie ergab. Es gilt inzwischen als erwiesen, daß Kofferdam diese Dämpfe fast ungehindert passieren läßt. Auch die Zahnärzte selbst leben in dieser Hinsicht gefährlich und versuchen sich durch eine Maske vor unerwünschten Inhalationen zu schützen. Statt Kofferdam verwendet Boeger einen Spezialsauger mit Trichter, der über den Zahn gestülpt wird. "Für mich das sicherste Verfahren". Die Patienten erhalten zudem eine Atemschutzmaske mit Quecksilberdampf-Filter.

Manche Kritiker halten die geschilderten Maßnahmen für unzureichend und verlangen zusätzlich eine Sauerstoff-Beblasung direkt in die Nase, die ein Eindringen von Quecksilberdampf verhindern soll. Andere lehnen Vitamine und Spurenelemente ab, weil sie die Metalle nur im Organismus verschieben könnten (zum Beispiel Selen ins Gehirn). Noch schwerwiegender ist aber ein anderer Vorwurf: Auf die beschriebene Weise, so heißt es, bekomme man die Metallgifte nie richtig aus dem Körper heraus.

Der Münchner Toxikologe Max Daunderer fordert seit Jahren ein konsequenteres Vorgehen, so etwa das Ausfräsen des Kiefers und laufende Speichel-, Blut- und Urinkontrollen unter parallelem Einsatz von DMPS. Erst wenn dabei die Meßwerte im Normbereich lägen, sei die Ausleitung wirklich gelungen. Auch das künstliche Offenhalten von Zahnextraktionswunden mit Hilfe einer Cortison-Antibiotika-Salbe zum Zwecke der Schwermetall-Ausleitung geht auf Daunderer zurück. Boeger lehnt wie ihre GZM-Kollegen und viele Naturheilärzte diese Methoden entschieden ab. Mancher Patient sei so schon verstümmelt worden. Auf der anderen Seite schließen sich vereinzelt sogar Homöopathen Daunderers Auffassung an. Sie betrachten die Amalgam-Vergiftung als Kunstkrankheit, die sich weder allein mit Globuli noch mit "ganzheitlichen" Verfahren effektiv therapieren lasse. Erst wenn alle grobstofflichen Gifte aus dem Körper verschwunden seien, könnten Naturheilmittel und Homöopathika wieder greifen.

Im Anschluß an die Amalgam-Sanierung, wie auch bei jeder neuen Füllung, stellt sich die Frage, welche anderen Materialien für den Patienten am verträglichsten sind. Dies sollte man immer individuell austesten. Metalle sind grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen, wegen elektrischer Potentialdifferenzen, so Boeger, sollte man nie zwei verschiedene davon im Mund haben (S&K berichtete darüber in der Ausgabe 11/98). Auch Gold scheint nicht der Weisheit letzter Schluß zu sein. In der Allergiereihe rangiert es hinter Nickel und noch vor Quecksilber an zweiter Stelle. Es gilt als Lebergift und wirkt nach Ansicht von Homöopathen schon in kleineren Mengen arzneilich. Bei Personen, deren Konstitution dem Arzneimittelbild von Gold (Aurum metallicum) entspricht, sind Goldfüllungen daher nicht ratsam. Gold beeinflußt Blut, Drüsen und Knochen und provoziert Zustände, die denen von Quecksilbervergifteten und Syphilitikern auffallend ähneln. Weil Depressionen, Selbstmordneigung und Herz-Kreislauf-Störungen zu den Leitsymptomen von Aurum zählen, so die Argumentation, könnten sich derartige Beschwerden durch Goldfüllungen dramatisch verschlechtern.

Kunststoffüllungen sind im Seitenzahnbereich nur wenige Jahre haltbar, weil sie wegen des hohen Kaudrucks oft am Rand schnell undicht werden. Sie kommen höchstens als Provisorium in Betracht. Boeger weist darauf hin, daß Kunststoffe gleich eine ganze Reihe von Chemikalien ausgasen, darunter allergene und möglicherweise kanzerogene Substanzen.

Unter Ganzheitsmedizinern geht der Trend daher zu Faserverbund-Systemen und Vollkeramik-Inlays, deren Qualität sich den natürlichen physikalischen Eigenschaften des Zahnschmelzes immer mehr annähert. Nur die Kleber lassen noch zu wünschen übrig. Da man mit dem gewählten Zahnersatz täglich 24 Stunden in so engem Kontakt steht wie mit keinem anderen Stoff, kann man nicht wählerisch genug sein. Die Forderung nach gesundheitlich unbedenklichen Materialien stößt aber noch viel zu oft auf taube Ohren. Anfragen bei Herstellern der Werkstoffe werden mit dem Hinweis aufs Betriebsgeheimnis nur zögernd beantwortet. Deshalb scheinen laufende Messungen durch unabhängige Labors dringend notwendig.

Und statt Amalgam?
Rundum befriedigende Lösungen gibt es nicht

Aller Voraussicht nach wird Schweden in zwei Jahren das erste Land sein, das Amalgam als Zahnfüllstoff offiziell verbietet. In der Schweiz wird es schon heute nur noch selten verwendet. In Deutschland dagegen wollen sich Bundesgesundheitsbehörden, zahnärztliche Standesvertreter und Krankenkassen trotz offensichtlicher Risiken für den Patienten von dem preisgünstigen und einfach zu verarbeitenden Stoff so schnell nicht trennen. Etwa 90 Prozent der Bundesbürger haben gegenwärtig Zahnfüllungen aus Amalgam im Mund. Da auch die neueren Legierungen noch zu 50 Prozent aus Quecksilber bestehen, tragen Menschen mit mehreren Plomben ständig einige Gramm Quecksilber mit sich herum.

Wer diese loswerden will, entweder um Spätschäden vorzubeugen oder aus direktem Leidensdruck, kann nur dann auf die Kostenbeteiligung der Krankenkasse hoffen, wenn er den Nachweis einer Amalgam-Allergie erbringt. Es ist nicht in das Belieben des Zahnarztes gestellt, bei Behandlung auf Krankenschein einen anderen Werkstoff zu verwenden. Davon ausgenommen sind Schwangere, denen man die Schwermetalle aus guten Gründen nicht zumutet. An eine komplette Amalgam-Sanierung ist aber gerade bei dieser Personengruppe nicht zu denken, weil sie für Mutter und Kind unkalkulierbare Risiken in sich birgt.

Im Normalfall muß der Patient also - wie so oft - tief in die eigene Tasche greifen, wenn er gesund sein/werden will.

Hans Krautstein


"Schlucken verboten"

Die Universität Erlangen hat im Speichel von Amalgamträgern 4,9 Mikrogramm Quecksilber pro Liter gemessen. Nach zehnminütigem Kaugummikauen kletterten die Werte bis auf knapp 200 Mikrogramm. Die Trinkwasserverordnung erlaubt einen maximalen Quecksilbergehalt von einem Mikrogramm pro Liter. Zieht man aus diesem Sachverhalt die naheliegenden Konsequenzen, so kommentiert die Internationale Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin bissig, "dann müßte den Amalgamträgern - quasi als Schutz vor sich selbst - das Schlucken von Speichel verboten werden".


Kontakte/Infos zum Thema:

  • "Amalgam-Telefon", Institut für Naturheilverfahren, Uferstraße 1, 35037 Marburg, Telefon 06421-684320. Das Beratungstelefon ist von Montag bis Freitag zwischen 9 und 17 Uhr besetzt. Auskünfte (auch schriftlich oder persönlich) kosten 15 Mark gegen Vorkasse. Außerdem ist der Ratgeber "Krank durch Amalgam" von Ulrike Hofmann zum Preis von DM 17,80 erhältlich.
  • Bundesverband der naturheilkundlich tätigen Zahnärzte (BNZ), Von-Grootestraße 30, 50968 Köln, Telefon 0221-3761005.
  • Internationale Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin (GZM), Seckenheimer Hauptstraße 111, 68239 Mannheim, Telefon 0621-476400. Wer Infomaterial und eine Liste der ganzheitlich arbeitenden Zahnmediziner seiner Region wünscht, sollte seinem Brief einen mit drei Mark frankierten Rückumschlag beilegen.

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'