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Voll vermess en

Selftracking (@ gettyimages)
Von Sport bis Sex: Mit digitalen Endgeräten kann man heute so ziemlich alles kontrollieren. (@ gettyimages)

GESUNDHEIT Self-Tracker wissen fast alles über sich: Sie sammeln ihre Daten beim Sport, beim Essen, beim Schlafen und bei der Arbeit. Nur, was kann man damit anfangen? // Rebecca Sandbichler

Ernähre ich mich gesund? Schaffe ich mehr Sit-ups als vor drei Wochen? Arbeite ich genug oder zu viel? Die Antworten auf diese Fragen haben viele Menschen nicht mehr im Kopf oder im Bauch, sondern im Smartphone.

Christoph Koch etwa hat seit seinem Experiment vor zweieinhalb Jahren den abendlichen Espresso aufgegeben und nimmt jetzt lieber mal die Treppe statt den Aufzug. Dank seiner App Rescue-Time weiß er meistens auch ziemlich genau, wie viel Zeit er mit Katzenvideos auf Facebook verbringt und wie viele Minuten am Tag er geschrieben hat. Nein, der Journalist und Bestseller-Autor hat keine Ticks, er hat nur acht Wochen lang Self-Tracking, also Selbstvermessung, getestet.

Besseres Leben dank Apps?

Ein Phänomen, das vor allem von den Vereinigten Staaten ausgeht, wo die meisten Apps und Geräte entwickelt werden, mit denen Menschen heute ihre körperlichen und geistigen Leistungen, ihren Schlaf oder sogar ihr Sexualleben kontrollieren können. Immer in der Hoffnung, ihr Leben durch Selbsterkenntnis zu verbessern. „The Quantified Self“ nannte der kalifornische Technikjournalist Gary Wolf dieses Phänomen schon 2007.

Christoph Koch wollte wissen, was Körperdaten so spannend für Menschen macht, dass sie sich zu einer internationalen Bewegung mit eigenen Websites und Treffen zusammenfinden. Seinen Selbstversuch beschreibt er in dem Buch „Die Vermessung meiner Welt“ und schildert darin, wie er mit dem kleinen Kästchen Fitbit seine Schritte zählte, in einer App seine Stimmung während des Tages erfasste oder über längere Zeit sein Essen und seine Kalorienzufuhr dokumentierte.

Am meisten faszinierte ihn aber der Bereich der Schlafbeobachtung: „Ich messe ja inzwischen nur noch punktuell manche Dinge, aber derzeit trage ich ein Jawbone-up-Armband, das unter anderem die Bewegungen in der Nacht erfasst“, erzählt Koch. „Früher brauchte man für solche Daten ein ganzes Schlaflabor, heute kann man mit einem so kleinen Ding sehr viele interessante Werte herausfinden.“ So bestätigte sich für ihn die Ansicht, dass Koffein den Schlaf ruiniert. Beim späten Kaffeetrinken blieb zwar die Dauer gleich, doch die erholsamen Schlafphasen wurden tatsächlich gestört. Was als journalistische Neugier begann, endete mit einigen neuen Gewohnheiten. Nachmittags trinkt er nun lieber Saft.

Richtige Self-Tracking-Enthusiasten erkennt man an kleinen, eigens dafür designten Messgeräten – sogenannten Wearables: Schlanke Armbänder aus Gummi wie das „Fuelband“ der Firma Nike oder das „Jawbone up“, die man immer am Körper trägt und die kontinuierlich Daten aufs Smartphone beziehungsweise in die Cloud laden, wo sie zu anschaulichen Grafiken werden.

Lifelogging nennt der Soziologe Stefan Selke von der Uni Furtwangen dieses Phänomen der automatisierten Datenverarbeitung in seinem gleichnamigen Buch. „Es bedeutet, menschliches Leben in Echtzeit zu erfassen“ – und bei Bedarf wieder abzurufen. Er sieht einerseits gewisse Chancen im Gesundheitsbereich, aber auch einen gefährlichen Kulturwandel auf uns zukommen. Denn Daten dienten nicht allein der Beschreibung von Sachverhalten,  sie stünden automatisch in Beziehung zu festgelegten Standards für sozial normiertes Verhalten oder wünschenswertes Aussehen, an denen man die eigenen Daten irgendwann messen müsse. Selkes Sorge: Menschen, die von solchen Körper- und Leistungsnormen abweichen, könnten regelrecht diskriminiert werden. Etwa von der eigenen Personalabteilung, die einfach auf der Kantinenkarte „Nur Salat“ speichert, weil man das festgelegte Wochen-Kalorienziel überschritten hat?

Geförderte Vorsorge

Schon heute tasten sich auch gesetzliche Krankenkassen an Daten heran, die Menschen mit ihren Apps und Armbändern sammeln. Das Interesse ist logisch, denn womöglich ergeben sie Rückschlüsse auf den Lebensstil und das Gesundheitsrisiko des Mitglieds. Autor Christoph Koch findet es bedenklich, wenn gesetzliche Krankenkassen ihre Tarife auf bestimmte Bewegungs- oder Ernährungsziele abstimmen würden. „Der Sinn einer Versicherung ist ja, dass der Einzelne solidarisch aufgefangen wird.“ Er fände es aber nicht verkehrt, wenn die Krankenkassen das Thema aufgreifen und eventuell sogar die Anschaffung von Geräten fördern würden. „Gerade Männer gehen oft erst zum Arzt, wenn quasi schon ein Bein fehlt“, so Koch. „Es wäre doch gut, wenn man die über Technik zu ein bisschen mehr Vorsorge bringen könnte.“

Kai Vogel, Gesundheits- und Pflegeexperte vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) ist naturgemäß vorsichtiger. „Noch gibt es nicht genug wissenschaftlich fundierte Beweise, dass solche Apps und Geräte tatsächlich die Gesundheit positiv beeinflussen.“ Die Ansätze seien vielversprechend, in der Pflege oder auch bei qualitativ hochwertigen Medizin-Apps für Diagnose und Therapie. Dennoch fürchtet er, dass sich das Tor zu benachteiligenden Tarifen öffnen könnte, wenn Kassen Zugriff auf die Daten ihrer Versicherten bekommen.

Die neuen digitalen Messgeräte bleiben aber nicht immer in der passiven Rolle des stillen Statistikers, sondern aktivieren uns: Die intelligente Gabel Hapifork warnt blinkend, sobald man zu schnell isst. Es gibt Rückengurte, die vibrieren, wenn der Träger eine falsche Sitzhaltung einnimmt. Und die härteste Erfindung aus Silicon Valley: Das Armband Pavlok gibt kleine Stromstöße ab – zum Beispiel, wenn ein Schläfer nach mehrfacher Aufforderung immer noch nicht aufwachen will.

Warum sollte man so etwas freiwillig ums Handgelenk tragen? Der Digital-Gesundheitsexperte und Trend-scout Florian Schumacher findet das verständlich. „Dahinter steckt der Wunsch, fokussiert an einem Ziel zu arbeiten oder eine schlechte Verhaltensweise für immer abzulegen.“ Wir alle sind ja von guten und schlechten Gewohnheiten getrieben und nur zu gerne beschummeln wir uns selbst. Aber die Waage lügt nicht: „Menschen, die sich regelmäßig wiegen, nehmen bis zu fünfmal schneller ab als jene, die nur einmal im Monat auf die Waage steigen“, sagt zumindest der Self-Tracking-Fachmann. Dass man seinen Körperfettanteil, seine Arbeitsstunden und seine täglichen Bewegungsmuster kontrolliert, ist für ihn schlicht ein proaktiver Lebensstil. Selbstoptimierung heißt für ihn im besten Sinne: „Ich will länger ein gesundes und erfülltes Leben führen.“

Manchmal sind die Motive auch profan. Für die meisten Selbstvermesser sei die Erforschung der eigenen Körperdaten ein großer Spaß, ein Spiel mit Zahlen. „Viele haben einen IT- oder Mathematik-Hintergrund, die betreiben das sehr analytisch“, sagt Schumacher. Er kennt die Gemeinschaft der deutschen Selbstvermesser wie kein Zweiter, er richtete die ersten „Quantified Self“-Treffen in München und Berlin aus.

Gewohnheiten ändern

„Alle dort verfolgen anhand ihrer eigenen Daten etwas, das ihnen wichtig ist“, erklärt die englischsprachige Autorin S.E. Sever aus Berlin, die schon mehrere QS-Treffen besucht hat. „Manche wollen schlechte Gewohnheiten ablegen, ein berufliches Ziel erreichen oder aber die Symptome einer Krankheit lindern.“ Die Gründerin einer Kurzgeschichten-Plattform verwendet Zeitmessung, um ihre produktiven Schreibphasen zu erfassen. Seit ihrer Kindheit hat sie mit verschiedenen schweren Schlafstörungen zu tun und näherte sich zeitweise mit Sensoren an die Gründe an. Als Erwachsene begab sie sich in die Hände unzähliger Experten und ins Schlaflabor. Dort stellte man fest, dass unter anderem ihre Tiefschlafphasen nur ein Viertel so lang waren, wie es für einen Erwachsenen normal wäre. Sever wollte wissen, was ihr helfen könnte und trug sechs Monate lang nachts ein Schlafmessgerät für den anspruchsvollen Hausgebrauch: das EEG-Stirnband ZEO, verkabelt mit Elektroden. „Ich probierte während des Versuchs verschiedene Nahrungsergänzungsmittel aus oder ging pünktlich abends um zehn ins Bett“, erzählt sie. Manche der Methoden behielt sie bei, als sie eine Verbesserung bemerkte.

Heute ernährt sich die Autorin strikt glutenfrei und vegan („kein Spaß“, sagt die Käseliebhaberin) und achtet vor allem auf Routinen. „Ich habe meine Schlafprobleme im Griff, aber weg sind sie nicht.“ Auf die Expertise ihrer ganzheitlich orientierten Ärztin würde S.E. Sever nie verzichten wollen. „Ich finde etwas Neues über meinen Schlaf heraus und wir reden darüber wie über ein gemeinsames Projekt“, sagt sie. Es sei ein Gespräch auf Augenhöhe: Zwischen einer Ärztin, die mehr über Medizin weiß, und einer Patientin, die verdammt viel über sich selbst weiß.

Aufgespürt

Neun Millionen Deutsche nutzen laut dem Internet-Branchenverband Bitkom zumindest eine Form der digitalen Selbstbeobachtung.

Daten für die Krankenkasse

Ein Drittel der Beitragszahler wäre bereit, ihre Gesundheitsdaten ihrer Krankenkasse zur Verfügung zu stellen. Das ergab die Studie „Quantified Health“ des Marktforschungsinstituts YouGov.

Interview: „Alles geht in die Cloud“

Dominik Herrmann
Dominik Herrmann:
Der IT-Sicherheitsexperte forscht an
der Uni Hamburg unter anderem zur Gefährdung
der Privatsphäre durch
die Auswertung von Datenverkehr.

Als Datenschutzexperte benutzen Sie wohl keine Tracking-Tools?

Doch, ich verwende die App Runkeeper zusammen mit der Plattform Gympact. Das ist eine Community, bei der man selbst Fitnessziele festlegt und wer sich nicht daran hält, muss zahlen. Wenn Sie Ihre Ziele einhalten, bekommen Sie Geld ausbezahlt.

Aber ist es nicht leichtfertig, seine Bewegungsdaten mit so einer App zu erfassen?

Man muss wissen, worauf man sich einlässt: Fast alle Anbieter haben ihren Sitz in den USA, wo der Datenschutz noch weniger streng geregelt ist als hier. Man kann außerdem davon ausgehen, dass diese Unternehmen die Daten an Dritte oder Partner für beliebige Zwecke weiterverkaufen, da sie sich in den AGB explizit das Recht dazu herausnehmen. Ich sollte also immer fragen: Welche intimen Details kann man daraus wohl über mich mit Techniken herausfinden, die es erst in zwanzig Jahren gibt? Und: Kann ich es verkraften, wenn die Daten plötzlich veröffentlicht werden und dann meine Versicherung oder mein Arbeitgeber davon erfährt?

Womit muss ich noch rechnen?

Alles, was Sie mit Ihrem Gerät erfassen, geht in die Cloud, manchmal sogar bevor Ihre Werte auf dem Display grafisch angezeigt werden. Anfangs waren Fitness-Armbänder auch furchtbar unsicher, man konnte das meiste per Bluetooth auslesen. Und es wird schwierig, seine eigenen Daten in einer angemessenen Form zu erhalten, wenn man Auskunft möchte.

Was kann ich also tun?

Ich müsste Datensparsamkeit empfehlen, aber das ist schwer durchzuhalten. Viele Apps verlieren etwa ohne Standortdaten ihren Nutzen. Sie sollten sich aber bewusst machen, dass selbst anonymisierte Daten mit einfachen Methoden auf Sie zurückführbar sein können.

Mehr zum Thema

‣ www.igrowdigital.com
QS-Experte Florian Schumacher bloggt über Apps, Gadgets und Termine der Selbstvermesser

‣ www.was-ist-quantified-self.de
Gute Basis: Wie man wo mit Self-Tracking
anfangen könnte und was man davon hat

‣ www.self-tracking-blog.de
Regelmäßige Neuigkeiten

‣ www.ted.com/talks/gary_wolf_the_quantified_self
Technikjournalist Gary Wolf fasst in fünf Minuten zusammen, was Quantified Self ausmacht (Englisch)

 

Koch, Christoph:  Die Vermessung meiner Welt. Bekenntnisse eines Self-Trackers. Koch, Christoph: Die Vermessung meiner Welt. Bekenntnisse eines Self-Trackers.
Kindle Edition, 59 Seiten, 1,99 Euro

 

Selke, Stefan: Lifelogging: Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert.Selke, Stefan: Lifelogging: Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert.
Econ Verlag, 2014, 368 Seiten, 19,99 Euro

Erschienen in Ausgabe 07/2016

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Tomas

Zum Artikel ‘Alles geht in die Cloud’ von Dominik Herrmann.
Datensparsamkeit ist nicht nur angesagt, sondern das Gebot der Stunde. Was in die Cloud geht und ich mich von A-Z von Computerkonzernen vermessen lasse, entscheide ich noch immer selbst, zumal niemand weiss, was mit den Daten sonst noch geschieht. Es gibt viele Möglichkeiten, aktiv etwas für die eigene Datensicherheit zu tun, gute und professionelle Vorschläge finden sich auf den Seiten von Digitalcourage e.V. und dem IT-Security-Blog von Mike Kuketz, den ich jedem ans Herz legen kann:
https://digitalcourage.de/digitale-selbstverteidigung
https://www.kuketz-blog.de/

hans peter

Sehr geehrte Schrot und Korn Redaktion,

vielen Dank für Ihr, wie immer, tolles Heft, ich warte jeden Monat gespannt auf die neue Ausgabe!

Sie berichten sonst immer sehr ausgewogen und kritisch, leider liest sich der Artikel über die Fitness Tracker (Übersetzt: Peilsender, Verfolger) eher wie Werbung.

Zwar kommt der Datenschutz zur Sprache aber leider überhaupt nicht die permanente Verstrahlung durch meist Bluetooth (sehr aggressive Strahlung).
Dies ist auch der Hauptgrund, warum für mich diese Überwachungsgeräte niemals in Frage kommen werden.
Ich hätte mir gewünscht, dass Sie diese Problematik auch publiziert hätten.
Es wird leider so sein, dass je mehr die Tracker bei der Bevölkerung akzeptiert werden, die z.B. Versicherungen dies in Zukunft bei den Kunden einfordern werden (siehe TKK und Allianz).
Leider sieht man an der fehlgeplanten Gesundheitskarte , dass in Zukunft auch dritte die Daten kaufen können. Und wer weiss schon, was die Handy-Hersteller für Daten sammeln?!
Siehe http://www.stoppt-die-e-card.de/