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Mehr als ein sanfter Händedruck

Ostheopathie (Foto: Kristiane Vey / jump fotoagentur)
Ostheopathie (Foto: Kristiane Vey / jump fotoagentur)

Hokuspokus oder ernstzunehmende Heilmethode? Schon paradox: Einerseits ist Osteopathie umstritten, andererseits arbeiten gestandene Ärzte damit – und erzielen erstaunliche Erfolge. Anlass für eine Schnupperstunde. // Sylvia Meise

Superangenehm. Ich liege entspannt auf dem Rücken und betrachte ein zartgelbes Mandala an der Zim-merdecke über mir, während die Frankfurter Osteopathin Christina Kullmann mich untersucht. Sie schiebt ihre Hände erst unter mein Kreuzbein, befühlt den Knochen – und tastet dann behutsam, aber fest die Wirbelsäule aufwärts. Schließlich fragt sie: „Sind Sie mal auf das Steißbein gestürzt?“ Wie? Der Verblüffung folgt die Erinnerung an einen üblen Ausrutscher. Die damaligen Folgen: ein beeindruckendes Farbspiel auf der betroffenen Hautpartie sowie echt fiese Schmerzen. Sie nickt und fährt fort, mir ihren ersten Eindruck zu vermitteln: „Prinzipiell sehr beweglich, Wirbelsäule leicht gedreht, das Kreuzbein sehr fest.“

Blockaden aufspüren

Daran und am Nacken könne man durchaus arbeiten. Sagt’s und fängt gleich an, indem sie mir die Beine jeweils stark nach innen drückt – zum Kreuzbein hin. Uh, das tut erst mal weh, fühlt sich aber dann echt lockerer an. Genau darum geht es: Einschränkungen oder Blockaden finden und über verschiedene Schiebe- oder Drucktechniken mit den Händen verändern und möglichst auflösen.

So wie bei einer Patientin, von der Christina Kullmann erzählt. Sie war unglücklich gestürzt, hatte keine Schürfwunden, aber enorme Schwindelgefühle, Kopfschmerzen und Beschwerden im Schultergürtel. Ein halbes Jahr lang tingelte sie von Arzt zu Arzt. Nichts. Es brachte die vorher so aktive Mittvierzigerin an den Rand der Depression, denn der Schwindel hatte sie lahm gelegt. Schließlich empfahl ihr jemand die Osteopathin. Und? „Nach einer Behandlung waren 90 Prozent ihrer Beschwerden weg. Sie brauchte keine Medikamente mehr, nichts.“ Eines von vielen Beispielen, von denen Osteopathen weithin berichten.

Zugegeben, bis vor Kurzem fiel mir dazu nur „Handauflegen“ ein. Entsprechend skeptisch reagierte ich auf solche Geschichten. Gleichzeitig begleiten mich Hexenschuss, kaputte Bandscheiben und Kreuzschmerzen als passionierte Bildschirmarbeiterin seit Langem. Noch nie allerdings hat mich jemand in dieser Form untersucht und noch nie war das Bindegewebe Teil der Behandlung. Genau das aber erweist sich zunehmend als Schlüssel vieler Beschwerden.

Faszinierende Faszien

Nahezu unbemerkt hat die Erforschung der Faszien in den vergangenen zehn Jahren den Blick auf die Vorgänge in unserem Körper revolutioniert. Man weiß jetzt, dass Schmerzen nicht im Gelenk sitzen oder im Muskel, sondern durch das Bindegewebe wahrgenommen und ans Gehirn übermittelt werden. Vor diesen Erkenntnissen zeigen sich Ansätze in neuem Licht, die schon lange Heilerfolge zeigen, ohne dass man erklären konnte, wieso. Ansätze wie Yoga, Pilates und eben Osteopathie, die durch Massage oder Pressur-Techniken das Bindegewebe behandeln. Es spricht offenbar einiges dafür, dass Meridiane keine Energie-, sondern Faszienbahnen sind.

Von Faszien ahnte Andrew Taylor Stills, der vor 140 Jahren die Osteopathie begründete, natürlich noch nichts. Damals hielten Anatomielehrer das allgegenwärtige Bindegewebe noch für Füll- oder Dämmmaterial. Bei Operationen wurde es großzügig weggeschnitten. Auffällige Narben, schlecht heilende Wunden oder innere Verwachsungen waren der Preis. Nachdem er sich nach einigen familiären Schicksalsschlägen von der Schulmedizin abwandte, suchte er nach Heilalternativen. Still machte Verschiebungen von Knochen für Krankheiten verantwortlich und benannte seine Heilmethode deshalb Osteo(Knochen)pathie(Leiden). Er trieb seine eigene Forschung und Heilpraxis voran und eröffnete schließlich die erste Osteopathieschule. Bis heute stehen seine vier Leitlinien: Bewegung hat eine grundlegende Bedeutung für alle Strukturen im menschlichen Körper. Die Strukturen und Körperfunktion stehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Der Organismus bildet eine untrennbare Einheit und hat außerdem die Fähigkeit zur Selbstheilung.

Es tut sich was

Die Faszienforschung ist auf dem Weg, der Osteopathie zu neuer Bedeutung zu verhelfen. Zeichnungen zeigen in wunderbarer Klarheit, wie wir und unsere Schmerzempfindungen kreuz und quer gewickelt sind. Damit liefern sie uns europäischen Kopfmenschen nachvollziehbare Anhaltspunkte, wie alles in unserem Körper in einer Art Intranet vernetzt ist. Aber Vorsicht! Man sollte sich nicht gleich nach der ersten Behandlung übernehmen. So wie ich mit Zusatzyoga ... Einen Tag später ging dann rückenmäßig erst mal gar nichts mehr. Aber noch einen Tag später und es war wieder weg. Was hatte die Osteopathin gesagt? Man kann noch dran arbeiten? Habe ich im Visier.

Bewegliches Gewebe

Was sind Faszien?

Der noch recht junge Begriff Faszien bezeichnet, was Ärzte noch bis in die 90er- Jahre eher für Füllmasse hielten: das Bindegewebe. Je nach Funktion schützt oder stützt es Organe, Muskeln und Knochen und besteht aus den Grundbaustoffen des Körpers: Eiweiß und Wasser.

Was leistet dieses Gewebe?

Faszien sind eine Art Intranet – die faserigen Gewebe sorgen für die Kommunikation im Inneren unseres Körpers, indem sie eine Vielzahl von Informationen, darunter auch Schmerzempfindungen, ans Gehirn senden. Diese Aufgaben sind derart zentral, dass Faszien heute als eine Art sechster Sinn gelten.

Wie hält man die Faszien gesund?

Yoga-Dehnübungen oder Seilspringen sind gutes Faszientraining. Robert Schleip gibt in seinem Buch diverse Tipps, wie man auch im bewegungsfeindlichen Büroalltag sein Bindegewebe fit und elastisch halten kann. Darunter auch dieser: einfach den Lichtschalter mal mit den Zehen betätigen.

Interview: „... keine Dienstleistung, sondern ein Beziehungsangebot“

Reinhart Unverricht vom Deutschen Verband für osteopathische Medizin
Reinhart Unverricht vom Deutschen Verband für osteopathische Medizin ist Allgemeinmediziner und Osteopath.

Herr Unverricht, Sie sind schon viele Jahre in der Branche tätig. Bei welchem Krankheitsbild hilft die Osteopathie besonders?

Das Besondere an der Osteopathie ist der ganzheitliche Ansatz mit dem Blick auf die Gesundheitsgeschichte der Patienten. Zu mir kommen Sportler, Mütter mit Babys, auch sehr betagte Patienten mit chronischen Leiden. Ich stelle immer wieder fest, dass viele von ihnen nicht in der Lage sind, zu erzählen, was sie spüren. Sie sagen mir zwar, welche Diagnose sie haben – etwa ein „ISG-Problem“, Arthrose oder Bandscheibenvorfall – doch ich will von ihnen wissen:

Welche Beschwerden haben sie genau? Wie finde ich eine gute Osteopathin oder einen Osteopathen? Gibt es da eine Sicherheit?

Leider haben wir keine staatlich anerkannten Ausbildungszertifikate, aber es gibt dennoch Orientierungsmöglichkeiten: Man sollte sich – etwa über deren Homepage im Netz – informieren, wie lange sie praktizieren, welche Ausbil-
dung sie angeben und ob sie sich weiter fortbilden. Außerdem ist es ja keine Dienstleistung, sondern ein Bezie-hungsangebot. Deshalb hängt der Erfolg einer Behandlung durchaus auch davon ab, ob man einen Draht zueinander findet. Wie bei jeder Heilkunst.

Sie bilden aus und sind in Gremien und in der Verbandsarbeit aktiv – was braucht es für die Qualitätssicherung in diesem Bereich?

Vor allem Erfahrung und Austausch. Ich habe vor zwölf Jahren einen Qualitätszirkel gegründet, an dem Physiotherapeuten, Heilpraktiker oder Ärzte mit unterschiedlichem Wissensstand teilnehmen. Dabei gilt für uns alle gleichermaßen, dass wir voneinander lernen können. Wir treffen uns sechs Mal im Jahr, die Themen legen wir vorher
gemeinsam fest, und dann wird geübt und diskutiert.

Gab es in den letzten zehn Jahren neue Entwicklungen, die in ihre Arbeit eingeflossen sind?

Ja sicher. Zwar bleibt die Anatomie immer die gleiche, aber der Blickwinkel wandelt sich. Gerade die Neurobiologie und die Faszienforschung haben innerhalb der letzten Jahre neue Erkenntnisse gebracht – und unsere Arbeit bestätigt. Osteopathen haben im Grunde immer schon Bindegewebsstrukturen behandelt, haben es nur nicht Faszien genannt. Ein Beispiel: Unlängst hatte ich einen Fußballer mit umgeknackstem Knöchel in der Praxis, der hinkte und Schmerzen hatte. Als er ging, konnte er wieder einen Dauerlauf machen. Beschwerdefrei! Erklären lässt sich das nur, wenn man weiß, dass die meisten Schmerzrezeptoren in unseren Faszien sitzen – und die habe ich behandelt.

Bücher und Links

Robert Schleip, Fazien FitnessSchleip, Robert: Faszien-Fitness. Vital, elastisch, dynamisch in Alltag und Sport.
Riva Verlag 2014, 224 Seiten, 19,99 Euro

 

Liem, Torsten; Tsolodimos, Christine: Osteopathie. Liem, Torsten; Tsolodimos, Christine: Osteopathie. Das sanfte Lösen von Blockaden.
Trias Verlag 2013, 192 Seiten, 9,99 Euro

 

 

www.dvom.de
Der Deutsche Verband für osteopathische Medizin e.V. (DVOM) gibt umfassende Informationen und Service-Angebote für Mitglieder und Patienten. Sein Ziel: die Einbindung der Osteopathie in eine umfassende medizinische Behandlung.

www.osteopathie.de
Der Verband der Osteopathen e.V. (DVO) bietet auf seiner Internetseite grundlegende Informationen über Osteopathie, Neuigkeiten aus der Branche, ein Forum zum Erfahrungsaustausch etc. an.

www.bao-osteopathie.de
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie e.V. (BAO) bietet als Dachverband der in Deutschland führenden Osteopathie-Organisationen und -Schulen vor allen Dingen Infos für Osteopathie-Ausübende.

www.osteokompass.de
Sowohl für Osteopathen als auch für Patienten mit vielen hilfreichen Informationen gespicktes Info- und Arbeitsportal.

www.fascial-fitness.de
Netzwerk aus einem Team von Faszienforschern, Sportwissenschaftlern und Bewegungstherapeuten mit Informationen über das Prinzip Faszien, die Möglichkeiten des Faszientrainings sowie aktuelle Studien.

Erschienen in Ausgabe 02/2015

Kommentare

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Vielen Dank für den tollen Artikel und den Focus auf die Bedeutung der Faszien!
Als Osteopathin erlebe ich ebenfalls große Erfolge durch die Behanldung der faszialen Systeme im Körper. Das Gespür für dieses Netzwerk im Körper wird nur durch die jahrelange Arbeit am Patienten geschult. Es wäre für Patienten von Vorteil, wenn die Schulmedizin die Faszien als Ursache für viele (chronische) Leiden in Betracht ziehen würde und diese an erfahrene Osteopathen/Innen und Physiotherapeuten/Innen weiterleiten könnten.
Bitte mehr Ärzte und Ärztinnen von der Sorte Dr. Unverricht!