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Lebenskunst: Jetzt mal langsam!

Foto: © plainpicture / Lobster

Wer ständig auf der Überholspur lebt, sollte mal einen Rastplatz ansteuern und sich Zeit für die eigenen Bedürfnisse nehmen. Laura Roschewitz hat angehalten und sich auf den Weg gemacht, ihr Leben zu entschleunigen. // Martina Petersen

Mit Mitte zwanzig zog Laura Roschewitz die Notbremse: Kurz vorm Burnout nahm die Studentin der Wirtschaftspsychologie 2012 ein Urlaubssemester und machte: nichts. „Ich war im Strudel aus Studium, zwei Jobs und den ganzen Entscheidungen meines Lebens an meine Grenzen gekommen“, sagt die Hamburgerin, die damals im bunten Szeneviertel St. Georg lebte und jedes Wochenende feiern ging. „Aber eigentlich bin ich nur durch mein Leben gehetzt“, erinnert sich die heute 27-Jährige. „Dabei spürte ich, dass etwas Grundsätzliches nicht stimmt: Ich wusste nicht mehr, wer ich bin und was wirklich wichtig ist.“

Immer weiter, immer mehr ...

Auch wenn wir heute mehr freie Zeit haben als die Generationen vor uns, stehen immer mehr Menschen unter Druck. Das Mehr an Möglichkeiten verlangt immer neue Entscheidungen, Selbstoptimierung und permanente Präsenz. Die zunehmende Digitalisierung zieht das Lebenstempo an. Laut Studie des IT-Verbands Bitkom sind 55 Prozent der jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren in jeder freien Minute mit dem Smartphone online.

Auf der Suche nach verlorener Lebensqualität und der knappen Ressource Zeit hat sich sogar bereits eine Gegenbewegung formiert: In den USA boomen „Digital Detox Camps“, wo sich Menschen technikfrei ausleben können.  Die App „Off-time“ wurde kreiert, um Smartphone-Nutzern beim sozial verträglichen Abschalten zu helfen. Entschleunigung liegt im Trend: In Berlin stellten im vergangenen Herbst auf der ersten „Slow Living Conference“ Teilnehmer wie Laura Roschewitz ihre Strategien vor, sich das analoge Leben zurückzuerobern.

„Mein Smartphone habe ich als erstes abgeschafft, weil es so ein Zeiträuber war“, erzählt Laura Roschewitz. „Und ich habe mich daran erinnert, dass ich als Kind so gern Zeit in der Natur verbracht habe.“ Die Studentin zog zu ihren Eltern an den Stadtrand, legte sich mit dem Labradormischling Pepper den lang ersehnten Hund zu und ließ ihren Gedanken bei langen Spaziergängen freien Lauf. In vielen Gesprächen bemerkte sie, dass Zeitdruck und Stress in aller Munde ist – das Thema für ihre Bachelor-Arbeit war gefunden.

Aussteigen – mit Respekt

Für ihre empirische Studie zum Wunsch nach Entschleunigung in Deutschland befragte Laura Roschewitz 2013 fast 600 Teilnehmer zwischen 16 und 72 Jahren. 80 Prozent der Befragten empfanden in ihrem Leben Zeitdruck, mehr als 50 Prozent wünschten sich ein entschleunigtes Leben. Dabei stellte sich heraus, dass die Anzahl der Arbeitsstunden nicht direkt mit dem Wunsch nach Entschleunigung in Beziehung stand. Menschen, die ihre Zeit frei einteilen konnten, fühlten sich seltener unter Druck. Und autonome Persönlichkeiten, die nicht so stark von der Meinung anderer abhängig sind, äußerten seltener den Wunsch nach Entschleunigung als Menschen mit der Tendenz, sich auf der Suche nach Bestätigung zu verausgaben. Unternehmen sollten mit Möglichkeiten der Mitgestaltung und flexiblerer Zeiteinteilung auf ihre Mitarbeiter zugehen, lautet ein Fazit der Arbeit.

„Jeder einzelne kann viel dazu beitragen, den Druck aus seinem Leben zu nehmen“, ist Laura Roschewitz überzeugt. „Man kann keine Zeit sparen, aber man kann entscheiden, wofür man sich Zeit nehmen möchte. Was ist mir wirklich wichtig?“

Laura Roschewitz hat durch ihre Auszeit gelernt, zu ihren Gefühlen zu stehen und klar ihre Meinung zu sagen, auch wenn dadurch schon Freundschaften auf der Strecke geblieben sind. Als Aussteigerin sehe sie sich nicht, betont sie, „aber ich steige heute nicht mehr bei allem mit ein.“  Sich reiben, alte Muster und gesellschaftliche Erwartungen über Bord zu werfen, sei nicht immer einfach. „Es ist ein Prozess, bei dem ich jeden Tag übe, ein Stück mehr ich selbst zu sein und zu tun, was mir guttut“, sagt Laura. Dazu gehört, dass sie vegan isst, keinen Alkohol mehr trinkt und konsequent auf Bio-Produkte und Naturkosmetik setzt. Und im Urlaub muss es nicht ein Flug um die Welt sein – oftmals reicht ihr ein Kurztrip an die Ostsee.

Derzeit arbeitet Laura im Team der ersten Demokratischen Schule Schleswig-Holsteins „Infinita“, die momentan in Wentorf bei Hamburg angesiedelt ist. Mit selbstbestimmtem Lernen lasse sich von früh an die Autonomie stärken, ist sie überzeugt. Ihr Traum für die Zukunft? Ein Hof mit Tieren, der Impulse für Entschleunigung biete.

Laura hat ihren Weg und ihre Werte gefunden: „Wenn ich früh morgens mit Pepper unterwegs bin, die Sonne aufgeht und der Nebel aus den Wiesen aufsteigt, dann möchte ich manchmal ein Foto posten und den schönen Moment mit anderen teilen.“ Doch dann besinne sie sich darauf, dass es auch anders geht: Schauen, schweigen und genießen ... einfach analog leben eben.

Foto: © plainpicture / Lobster

Weniger ist tatsächlich mehr!

Pausen aktiv gestalten
Auszeiten nehmen und Körper und Geist gezielt entspannen. In einer Welt der Reizüberflutung innere Stille kultivieren mit Meditation und Atemübungen, z.B. mit „Breathwalk“, einem Walking-Programm mit Yoga-Übungen.

Bewusst konsumieren 
Statt kurzlebiger Trends und wechselnder Modekollektionen auf zeitlose, nachhaltige Produkte setzen. Gegen Schnäppchen- und Frustkäufe wirkt die Zwischenfrage „Brauche ich das wirklich?“.

Medienfasten
Digitale Auszeiten nehmen, nur zu festen Zeiten E-Mails checken, „Junk-Informationen“ aussortieren. Eine Studie ergab: Mit kontrollierten Smartphone-Pausen häuft sich weniger Stress an, man erholt sich schneller und arbeitet motivierter.

In Handarbeit gestalten 
Kochen, basteln, selber machen: Wer mit den Händen konzentriert an einer Sache arbeitet, entdeckt neue Fähigkeiten, lebt einen anderen Rhythmus und kann sich an Eigenkreationen freuen.

Manfred Dörr
Manfred Dörr ist Stadtbürgermeister der knapp 4000
Seelen-Gemeinde Deidesheim in Rheinland-Pfalz, die seit 2009 Mitglied
bei "Cittaslow" ist.

Interview

„Bürger machen Vorschläge, wie wir weiter entschleunigen“

Ihre Gemeinde ist Mitglied im Netzwerk Cittaslow. Welche Leitziele verfolgt das Konzept?

Cittaslow ist eine internationale Bewegung, die von Italien ausging. Zu den Leitzielen der „langsamen Stadt“ gehören unter anderem eine nachhaltige Umweltpolitik, der Erhalt der charakteristischen Stadtstruktur und der typischen Kulturlandschaft. Wir bewahren Traditionen und fördern die regionale Vermarktung von Produkten, die in unserer Gegend angebaut werden. Cittaslow bietet ein Gesamtkonzept mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen für eine bewusstere Lebensführung in vielen Bereichen.

Spielt auch Bio-Landwirtschaft eine Rolle dabei?

Wir haben schon vor einigen Jahren den Grundsatzbeschluss gefasst, dass bei uns auf Gentechnik verzichtet wird. Wir setzen sehr stark auf Bio, es gibt bei uns immer mehr Betriebe, die einen nachhaltigen biologisch-dynamischen Weinbau anstreben und auch praktizieren.

Welche zusätzlichen Projekte wurden in Ihrer Stadt bereits umgesetzt?

Wir haben den historischen Stadtkern nach Denkmalschutzauflagen und Kriterien der Barrierefreiheit umgestaltet und den Durchgangsverkehr reduziert, haben Ruheinseln geschaffen. Jetzt können die Menschen ihren Marktplatz wieder nutzen, sie sitzen auf Bänken, essen dort ihr Vesperbrot, lesen ihre Zeitung. Am Deidesheimer Schloss wurde ein Erlebnisgarten mit vielen Sportmöglichkeiten für Kinder, aber auch für ältere Menschen geschaffen. Kurzum: Unsere Lebensqualität ist gestiegen, denn die Stadt gehört wieder den Menschen.

Wie werden diese Neuerungen angenommen?

Es entsteht eine immer größere Identifizierung mit den Zielen von Cittaslow und die Bürger machen Vorschläge, wie wir weiter entschleunigen können. Zum Beispiel entwickeln Geschäftsleute eigene Ideen zur Verbreitung regionaler Produkte. Unsere Gastronomen setzen mittlerweile verstärkt auf regionale Küche und verwenden ganz bewusst heimische Produkte. Oder die Eltern der Kindergartenkinder haben angestoßen, dass wir auf unseren Kita- und Schulwegen zur Verkehrsberuhigung „Achtung Kinder“-Verkehrsschilder mit unserem Cittaslow-Symbol, der Schnecke, aufgestellt haben.

Was heißt Cittaslow für Sie persönlich?

Ich mache zum Beispiel jetzt lieber eine Stadtratssitzung mehr und habe dann weniger Punkte auf der Tagesordnung. So haben wir mehr Zeit für unsere Beratungen. Und am Schluss bleibt die Zeit, gemeinsam ein Glas Wein zu trinken.

Bücher

Zeit und Wohlstand

Rosa, Hartmut; Paech, Niko u.a.: Zeitwohlstand. Oekom Verlag 2013, 104 Seiten, 16,95 Euro

 

Meditatives Wandern

Parucha, Norbert: 
Meditatives Wandern. Allegria Verlag 2014, 192 Seiten, 14,99 Euro

Links

www.zeitverein.com

Der gemeinnützige Verein zur Verzögerung der Zeit wurde 1990 von Em. O. Univ.-Prof. Dr. Peter Heintel (IFF, Alpen-Adria Universität, Klagenfurt) gegründet. Hier finden sich Argumente, der Entschleunigung wesentlich mehr Beachtung zu schenken als der beständigen Beschleunigung.

www.slowliving-conference.de

Treff- und Ankerpunkt für einen regen Austausch zwischen Menschen mit Interesse an Entschleunigung: die nächste Konferenz ist im September 2015.

www.ministeriumfuerglueck.de

Das Ministerium für Glück und Wohlbefinden – initiiert und vertreten von der Kommunikationsdesignerin Gina Schöler – bringt die Themen Glück und Lebensfreude spielerisch, humorvoll und kreativ ins Gespräch und motiviert den Besucher der Seite zum Umdenken und Mitmachen.

www.citta-slow.de

Cittaslow ist ein Netzwerk – angeknüpft an die bereits bekannte Slowfood-Bewegung. Sein Ziel: Das Fördern lebens- und liebenswerterer Wohnorte.

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