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Keine Lust auf Altenheim

älter werden (© laif/Maria Feck)
Gemeinsam alt werden: Wohngemeinschaften werden bei Senioren immer beliebter. (© laif/Maria Feck)

GESELLSCHAFT Wir werden älter und auch im Alter wollen wir selbstbestimmt leben. Welche alternativen Wohnkonzepte bietet die Zukunft? // Bettina Levecke

Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg ... hab taube Ohr’n, nen weißen Bart und sitz im Garten, meine 100 Enkel spielen Cricket auf’m Rasen, wenn ich so daran denke, kann ich’s eigentlich kaum erwarten: Das „Haus am See“, das Peter Fox besingt, klingt großartig. Wir alle wünschen uns ein gutes Leben im Alter.  Doch was ist Wunschtraum und was ist Realität? Wer heute zwischen 40 und 60 ist, macht sich darüber meist noch keine Gedanken. Dabei sind wir die Alten von morgen. Und wir werden immer mehr.

Bald steht die Bevölkerungspyramide Kopf. Nach Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes werden bereits im Jahr 2040 rund 30 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein.  100 Jahre alt zu werden, ist längst keine Seltenheit mehr. Im Jahr 2050 könnten – treffen die Prognosen ein – schon über 10 Millionen Menschen 80 Jahre und älter sein. „Es wird eine große Herausforderung der alternden Gesellschaft mit passendem Wohnraum gerecht zu werden“, sagt Professorin Ulrike Scherzer, Architektursoziologin aus Dresden. Besonders die Themen Hilfe und Pflege sind brisant. Heute werden rund 70 Prozent aller Pflegeleistungen im privaten Umfeld von nahen Angehörigen geleistet.

Heute schon an morgen denken

„Doch die familiären Netzwerke werden brüchiger“, sagt Scherzer. Die Zahl der Nachkommen sinkt, viele Kinder wohnen nicht in der Nähe der Eltern und auch Partnerschaften halten oft nicht mehr lebenslang. Zudem zeigt eine Bevölkerungsbefragung, dass es für 84 Prozent der Deutschen eine der größten Sorgen ist, im Alter den Angehörigen zur Last zu fallen. Umso wichtiger, heute schon an morgen zu denken, wie es der Journalist Hajo Schumacher in seinem Buch „Restlaufzeit“ beschreibt, in dem er sich fragt, wie ein „gutes, lustiges und bezahlbares Leben im Alter“ gelingen kann.

Auch wenn das Risiko einer Pflegebedürftigkeit mit den Jahren steigt, Altwerden steht längst nicht mehr gleichbedeutend mit Krankheit. Soziologen sprechen vom „Downaging“: Die Gesellschaft wird zwar immer älter, bleibt durch die gute medizinische Ver­sorgung und ein hohes Gesundheits­bewusstsein aber immer länger jung. Altenheime sind für diese aktive Seniorengeneration keine Option. Auch bei Pflegebedürftigkeit würden Menschen heute andere Versorgungsstrukturen vorziehen, sagt die Soziologin Scherzer. „Das Heimkonzept entspricht der neuen Alterskultur mit ihrem hohen Bedürfnis nach Selbstbestimmtheit nicht mehr“, sagt Christiane Varga vom Frankfurter Zukunftsinstitut.

Manche Senioren entscheiden sich nochmal für den großen Bruch, wandern aus oder beziehen Seniorenresidenzen in anderen Ländern, die ein komfortables und gleichzeitig bezahlbares Leben versprechen. Die meisten bleiben jedoch – so lange es geht – in den privaten vier Wänden. Die Zahl hochbetagter Menschen, die alleine leben, steigt. Und damit auch die Fragen: Wer trägt die Einkaufstüten, wenn man es selber nicht mehr kann? Wie begegnet man der Gefahr der Vereinsamung? Auf der einen Seite wird die Technik vieles erleichtern. Online können wir mit dem Hausarzt sprechen oder unsere Lebensmittel bestellen. Technikgestützte Assistenzsysteme („Ambient Assisted Living“), wie zum Beispiel Sensoren am Boden, die Stürze melden, werden das eigenständige Leben weiter erleichtern. In Online-Communitys gibt es einen regen Austausch zwischen Senioren, die über die virtuelle Welt auch neue reale Kontakte finden.

„Es gibt einen großen Trend vom Ich zum Wir“, sagt Varga. Sie sieht die Zukunft des Wohnens vor allem in Caring Communitys, selbstgewählten Gemeinschaften, die die schwindende Familiensolidarität ersetzen. „Individualität und Gemeinschaft schließen sich nicht aus. Wir alle haben ein Urbedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe.“ Henning Scherf, der ehemalige Bürgermeister Bremens, gilt als Vorreiter der Gemeinschafts-Idee. Bereits 1987 hat er mit Freunden eine Stadtvilla für ein gemeinsames Wohnprojekt umgebaut.

Neue Form des Miteinanders

Mittlerweile gibt es deutschlandweit viele solcher Alten-WGs. Wobei der Begriff Wohngemeinschaft nicht gleichbedeutend mit den Studentenbuden vergangener Tage ist. Die neuen WGs legen großen Wert auf Privatsphäre und Individualität, in der Regel hat jeder Bewohner einen vollausgestatteten Wohnbereich. Die WG-Erfahrung vieler Senioren aus jüngeren Jahren ist dabei von Vorteil: „Gemeinschaftliche Wohnkonzepte erfordern Pragmatismus und die Fähigkeit, sich mit anderen abzustimmen“, sagt Scherzer. Das gilt auch für andere alternative Wohn- und Quartierskonzepte, zum Beispiel mit ökologischem Hintergrund und/oder einem Mehrgenerationenansatz.

Sie alle stehen für eine neue Form des Miteinanders, eine auf Solidarität basierende Nachbarschaft, die häufig nach genossenschaftlichen und demokratischen Prinzipien verwaltet wird und durch gezielte ambulante Service- und Dienstleistungen ergänzt werden kann. „Die neuen Wohnkonzepte verteilen die Verantwortung auf mehrere Schultern“, sagt die Professorin. Das sorgt nicht nur für finanzielle Vorteile: Die Gemeinschaftswohnprojekte machen es älteren Menschen auch leichter, aktiv zu bleiben. Das Gefühl, gebraucht zu werden und noch etwas bewirken zu können, steigert die Lebensqualität im Alter ganz enorm. In Wohnformen mit Mehrgenerationenansatz profitieren dabei nicht nur die Senioren: „Auch für jüngere Menschen ist das Wissen und die Lebenserfahrung der Alten eine große Bereicherung, die zukünftig viel mehr Wertschätzung erfahren wird“, ist Varga überzeugt.

In den Schoß fallen werden uns die neuen Wohnmöglichkeiten jedoch nicht. „Veränderungen brauchen Zeit und vor allem Eigeninitiative“, sagt Architektursoziologin Scherzer und ermutigt: „Wie unsere Zukunft aussieht, können wir aktiv mitgestalten.“

älter werden (© laif/Maria Feck)
Neben Gemeinschaftsräumen haben die Mitbewohner der Alten-WG auch einen Privatbereich. (© laif/Maria Feck)

Mehr zum Thema

www.serviceportal-zuhause-im-alter.de
Informationsseite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

www.bgw-bielefeld.de
Infos zum sogenannten „Bielefelder Modell“, das selbstbestimmtes Wohnen in Quartieren und Versorgungssicherheit vereint.

Scherzer, Ulrike, Socher, Juliana; AltweiberwohnenScherzer, Ulrike, Socher, Juliana; Altweiberwohnen.
Residenz Verlag, 2016, 152 Seiten, 29,90 €

Schumacher, Hajo; RestlaufzeitSchumacher, Hajo; Restlaufzeit.
Bastei Lübbe, 2014, Taschenbuch, 287 Seiten, 10,99 €

Erschienen in Ausgabe 07/2017

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