Anzeige

Anzeige

Hauptsache bewegen 

GESUNDHEIT Liegt in den Faszien die Lösung für die Volkskrankheit Rückenschmerz? Wie Training hilft, Dauerschmerzen zu lösen. // Annett Zündorf

Irgendwann trifft es die meisten. 80 Prozent aller Menschen in Deutschland leiden einmal im Leben unter Rückenschmerz. 70 Prozent sogar einmal im Jahr. Oft erhalten die Patienten dann Physiotherapie: Es werden Muskeln bearbeitet, Triggerpunkte gedrückt und therapeutische Übungen absolviert. Alles in der Hoffnung, damit die Schmerzen wegzubekommen. Immer häufiger hören Patienten jetzt bei Physiotherapeuten den Satz: „Das ist aber verklebt.“

Was da verklebt, ist das Bindegewebe – Experten bezeichnen diese Strukturen als Faszien. Sie bilden eine weiße, fast durchsichtige Hülle, die um Muskeln und Organe liegt, und laufen zwischen einzelnen Muskelfasern und unter der Haut. „Faszien bestehen aus Kollagen, Wasser, Zucker und Eiweißen“, erklärt Humanbiologe Dr. Robert Schleip. Er leitet an der Universität Ulm das Faszien-Forschungs-Zentrum.

Alle Faszien bilden ein Netzwerk, welches sich durch den gesamten Körper zieht, ihm Struktur gibt. Muskelhüllen, Sehnen und beispielsweise die Schultergelenkkapsel sind aber keineswegs leblose Verpackung. „Die Faszien sind ein reichhaltiges Sinnesorgan für die Körperwahrnehmung“, sagt Robert Schleip. Sie stecken voller Rezeptoren. Wie kleine Antennen registrieren sie, wie sich der Körper gerade bewegt – beispielsweise ob wir die Hand zur Faust ballen oder auf einem Bein stehen – und reagieren auf jede Veränderung im Gewebe.

Warum der Rücken wehtut

Die Entdeckung der Faszien verändert gerade die Vorstellung von Medizinern zur Entstehung von Rückenschmerzen. Bislang lassen sich nur 20 Prozent der Rückenschmerzen auf eine eindeutige Ursache zurückführen: Bei manchen Patienten haben sich Wirbelkörper entzündet. Bei anderen sind Bandscheiben verrutscht oder die Wirbel sind so abgenutzt, dass Schmerzen entstehen.

Aber die große Mehrzahl der Patienten leidet unter sogenannten unspezifischen Rückenschmerzen. Diese stellen Mediziner vor ein Problem: Häufig werden solche Patienten zuerst einmal geröntgt. Tatsächlich finden sich auf den Bildern häufig Veränderungen an der Wirbelsäule. Aber unzählige Studien belegen, dass diese Veränderung oft gar nichts mit den Beschwerden zu tun haben. Der Ausgangspunkt solch unspezifischer Rückenschmerzen ist bislang schwer auffindbar.

Wie im Schraubstock

Forscher sind sich einig – die Ursachen unspezifischer Rückenschmerzen liegen woanders. Die meisten Menschen bewegen sich viel zu wenig. Ein großer Teil sitzt vor dem Computer am Schreibtisch, starrt auf den Bildschirm und schiebt die Maus hin und her. Dabei sind die Schultern hochgezogen, die Muskeln wie in einem Schraubstock in der gleichen Stellung gespannt. Sie kontrahieren ständig minimal, um die Position halten zu können. Klingelt dazu permanent das Telefon oder rücken Abgabetermine näher, steigt die Spannung der Muskeln weiter an. Sie beginnen zu schmerzen. Die Erklärung dafür ist einfach: „Muskeln sind nicht für kleine wiederholte Bewegungen gemacht“, sagt Professor Siegfried Mense von der medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Er forscht seit vielen Jahren zur Entstehung von Rückenschmerzen. Muskeln wollen sich in alle Richtungen dehnen, strecken und zusammenziehen. Auch wenn es noch nicht bis ins Detail erwiesen ist – wahrscheinlich werden durch unzureichende Muskelaktivität auch die Faszien steif und unbeweglich.

Auch bei anderen Forschern gerät die These, dass überwiegend falsch belastete oder untrainierte Muskeln sowie abgenutzte Bandscheiben Rückenschmerzen verursachen, ins Abseits. Mehr und mehr Fachleute halten es für eine Tatsache, dass die Faszien eine entscheidende Rolle spielen. „Sie ergänzen das bisherige Modell“, sagt Mense. Welche Rolle sie im Einzelnen spielen und wie sie am günstigsten beeinflusst werden können, wird gerade erforscht.

Verklebte Faszien lösen

Normalerweise gleiten die verschiedenen Faszienschichten und die Muskeln wie elegante Balletttänzer aneinander vorbei. Ist man verklebt, gleitet nichts mehr. Robert Schleip erklärt das so: „Stellen Sie sich das wie beim Schuhe zubinden vor. Eigentlich rutscht das Hemd über den Rücken nach oben. Ist man verschwitzt, klebt es fest.“ Solche Verklebungen können ganz leicht sein – dann werden sie bei regelmäßiger Bewegung wieder abgebaut. Doch je länger Faszien bewegungslos verharren, desto stärker verkleben sie mit der darunter liegenden Muskulatur oder benachbarten Faszienhüllen.

Die meisten Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen profitieren von mehr Bewegung im Allgemeinen und gezielten Bewegungstherapien. Denn Faszien sind plastisch. Sie enthalten kontraktile Zellen, die sich genau wie Muskeln zusammenziehen und entspannen können – nur viel langsamer. Ob Fehlhaltungen oder Trainingsanreize: Schon nach wenigen Wochen verändern sich Faszien. Sie können mit dem Muskel oder dem Gewebe der Umgebung verkleben, aber genauso kann dieser Prozess durch Aktivität wieder rückgängig gemacht werden, so lange die Verklebung nicht komplett ist.

Ist unspezifischer Rückenschmerz also eigentlich Faszienschmerz? So weit möchte Mense nicht gehen. „Wir sagen, die Faszie kann entscheidend beitragen“, formuliert er vorsichtig. Doch über die beste Therapie gegen Rückenschmerzen besteht bei den Experten kein Zweifel: Bewegen, bewegen, bewegen. „Jedes Gelenk und jeder Muskel muss einmal am Tag ordentlich durchbewegt werden“, ist Mense überzeugt. Und Schleip sagt: „Ihr Lebensstil hat Auswirkungen darauf, wie viele schmerzfreie Tage Sie in Zukunft haben werden.“ Vor allem Übungen, die den gesamten Körper dehnen, stimulieren die Faszien. Doch ob man lieber durch einen See schwimmt, sich beim Yoga auf der Matte dehnt oder beim Fitnessboxen verausgabt, ist erst einmal egal. Hauptsache bewegen!

Mehr zum Thema

Schleip, Robert; Bayer, Johanna: Faszien-Fitness: Vital, elastisch, dynamisch in Alltag und Sport

Schleip, Robert; Bayer, Johanna: Faszien-Fitness: Vital, elastisch, dynamisch in Alltag und Sport.
Riva Verlag 2014, 224 Seiten, broschiert, 19,99 Euro

Erschienen in Ausgabe 12/2016

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'