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Raus aus dem Hamsterrad!

Arbeit, Alltag, Freizeit – immer was am Laufen? Der rundum gefüllte Kalender ist für viele ganz normal, kostet aber viel Kraft. Was treibt uns an, warum planen wir so eng getaktet? Und vor allem: Ist Änderung gewünscht? // Sylvia Meise

Wohlfühlen - Entspannung Superidee, klar wollen wir drei Freundinnen uns endlich mal wieder treffen! Aber wann? Montag hat Anne Elternabend, am Dienstag ist unser Sohn zum Essen da, Mittwoch übt Midia, Nummer drei im Bunde, Tai Chi … und der Rest der Woche? Hm, Ja, Nee … Nächs-ten Dienstag? Ich warte erst noch auf Annes E-Mail …

Das soll Freizeit sein? Freizeitplanung als Koordinationsaufgabe! Offenbar liegen wir voll im Trend. Das zentrale Ergebnis einer eben veröffentlichten Familienstudie einer großen Krankenkasse: Familien sind gesund wie nie zuvor, auch finanziell geht es ihnen bestens, nur an einem fehlt es: an „Zeit“. Größter Zeitfresser ist die Schule und alles, was dazu gehört. Größte Glücksbringer: Mahlzeiten und Gespräche.

Work-Life- … was?

Diese Gespräche finden wohl außer beim Essen – vor allem bei Familien mit Kindern – unterwegs statt. Beim Hinbringen oder Abholen von Handball oder Musikunterricht. Nicht nur Eltern mit Schulkindern, alle scheinen permanent etwas vor zu haben. Von wegen Feierabend, danach geht es erst richtig los – viele nehmen sich Projektarbeit mit nach Hause und haben nicht nur ein Hobby sondern Dutzende. Filz-Workshop, Fortbildung, Kochgruppe, Yoga, Zumba … Und nebenbei checken wir beim Friseur, im Fitnessstudio oder mitten im Wald beim Joggen mal kurz die Mails – und antworten Kollegen und Freunden direkt via mobiler Direktübertragung … die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit zerfließen. Dabei scheint sich der Umgang mit privater Zeit jedoch den Leistungs- und Effizienzstrategien der Wirtschaftswelt angenähert zu haben. Eine amerikanische Studie hat jedenfalls bestätigt, dass weniger Arbeitszeit leider nicht bedeutet, dass Eltern diese intensiv zum Auftanken für sich oder mit ihren Kinder nutzen. Jedes Zeitfitzelchen wird heute verplant.

Neues Denken: Generation Y

Aber jetzt könnte es genau anders kommen. Während Eltern um die 40 noch ihren Nachwuchs pushen und gleichzeitig an der Karriere feilen, hinterfragt die Generation Y – also die jungen Erwachsenen zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig mal eben das gesamte System. Nach der Aussprache des englischen Buchstabens Y werden sie deshalb schon Generation Why? (Warum) genannt. Warum soll ich lang am Schreibtisch sitzen, wenn ich merke, die Arbeit ist nicht effektiv? Warum soll ich einen Job machen, der mich nicht erfüllt? Diese Generation verblüfft ihre Eltern, indem sie fast alles, was als heilig verkauft wurde – oder heilig ist – ganz entspannt über den Haufen wirft.

Können wir von der Generation Y lernen? Dr. Martina Hubacher leitete die Schweizer Studie „Werte in der Arbeitswelt von morgen“. Auch sie wünscht sich mehr Ruhe, würde glatt einen Roboter für die Hausarbeit anstellen, doch das Prinzip Work-Life-Balance hält sie für ein Hirngespinst satter Westeuropäer: „Das ist eine sehr individualisierte Perspektive, bei der man nur schaut, dass es für einen selbst stimmt. Aber können wir uns das überhaupt so leisten? Wer will sich dann noch für die Gemeinschaft engagieren? Und kann es sein, dass wir voll life-balanciert unsere Freizeit genießen und die wirklich wichtigen Jobs übernehmen die Asiaten?“ Für diese nämlich zähle nach wie vor Leistung.

Es gibt mehr Stimmen wie ihre und tatsächlich hat die junge Generation offenbar (noch) wenig Interesse an Führungspositionen. Ist ausgewogener Lebensstil ein Erste-Welt-Luxus? Y-Autorin Kerstin Bund widerspricht. Für ihr Buch hat sie global recherchiert und gefunden: „Die Generation Y gibt es auch in China. Vielleicht nicht in dem gleichen Umfang und Ausmaß, aber auch dort fängt ein Umdenken an. Sobald ein bestimmtes Wohlstandsniveau erreicht ist, fragen sich die Menschen überall, macht mich das, was ich tue, eigentlich glücklich?“

Einfach mal ausschalten

Was ihre eigene Balance betrifft, geht es ihr allerdings ein wenig wie Martina Hubacher. Die Schweizerin gesteht, dass sie schon versucht hat, Segel zu setzen und gleichzeitig mit Kunden zu telefonieren. Bund hatte Diskussionen mit ihrem Mann, bevor sie das smarte Piepen und Blinken aus dem Wohnzimmer verbannte und feststellte: „Fühlt sich eigentlich ganz gut an.“ Das beste Mittel gegen Freizeitstress scheint so alt wie simpel: sich für eine Aktivität entscheiden und die genießen. Oder auch mal nichts tun, völlig unplugged, auch wenn Phantomvibrationen die Folge sind. Es darf gern auch mal langweilig sein, während der innere Akku lädt.

Und das Date mit meinen Freundinnen Anne und Midia? Nächste Woche soll’s klappen. Dann machen wir ein Picknick im Park. Dann wird gequatscht. Aber nur wir drei – und alles, was piept und blinkt, hat Sendepause!

Meine Freizeit gehört mir, wenn …

Füße im Gras, Foto: Fotolia.com

… Neuigkeiten warten können
Der Reflex, sofort nachzuschauen, sobald das Handy blinkt oder piepst, muss uns in den Genen liegen. Vor Jahrtausenden konnten Neuigkeiten überlebenswichtig sein, heute macht es eher rastlos. Ein witziges Ausgehspiel sorgt für Ruhe: Handys in die Mitte legen und Hände weg! Der erste, der rangeht, schmeißt eine Runde. Zuhause kostet das Abschalten mehr Disziplin. Zum Üben stellt man die smarten Geräte auf stumm und packt sie in eine Schublade.

… Termine „terminiert“ werden
Wenn der Freizeitkalender immer voller wird, man nur noch herumhetzt, kann da was nicht stimmen. Höchste Zeit für einen beherzten Schnitt: Mal nichts müssen, nichts wollen, nur sein. Auf keinen Fall einen Termin nach dem anderen machen, denn so sind Hinterherhetzen (und Herzrasen) vorprogrammiert. Zum Runterkommen mal eine Woche lang alle Termine streichen und planlos vor sich hin bosseln, spazieren gehen, Musik machen oder kreativ handwerkeln.

Interview

„Anfangs dachte ich: Wir sind anders als frühere Generationen …“

Füße im Gras, Foto: Fotolia.comKerstin Bund, Jahrgang 1982, ist Wirtschaftsredakteurin bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ und Autorin des Buches „Glück schlägt Geld“.

Sie gehören selbst zur Generation Y, von der Sie schreiben, sie wolle „anders leben, anders arbeiten, anders sein …“ Worum geht es dabei, um mehr Freizeit?

Nein, überhaupt nicht. Dieses Missverständnis war sogar der Impuls, das Buch zu schreiben. Es gibt so viele Klischees über unsere Generation: Wir seien faul, wollten nichts leisten, „Freizeitoptimierer“ nennt man uns – dabei haben wir nur einen ganzheitlicheren Ansatz, der mehr als eine Ebene betrachtet. Wir wollen uns nicht mehr nur ausschließlich über die Karriere definieren, sondern stehen dafür, dass beides parallel möglich ist: Beruf und Familie.

Und wie sieht dann das Privatleben aus? Gibt es da nicht Schwierigkeiten der Abgrenzung?

Die neuen Technologien ermöglichen natürlich, dass die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit verschwimmen – und man ständig online ist. Da besteht durchaus die Gefahr, dass man das reale Leben zu sehr in die virtuelle Welt verlagert. Aber vor allem die Unterdreißigjährigen sind ja wirklich mit Internet, Smartphones und Laptop aufgewachsen – dadurch haben die meisten auch den verantwortungsvollen Umgang damit gelernt und sind keineswegs so überfordert, wie die Älteren oft denken.

Was gehört für Sie zur guten Work-Life-Balance?

Ich habe drei wichtige Punkte und ich denke, das gilt auch so für meine Generationsgenossen: Ich möchte mir die Arbeitszeit flexibel einteilen können und selbst bestimmen, wo und wann ich am produktivsten bin. Das kann durchaus auch mal im Home-Office sein. Außerdem will ich nicht zwischen Familie oder Karriere entscheiden müssen – und schließlich meine Kreativität einbringen, aber auch einen Sinn in dem erkennen können, was ich tue.

Das dürfte so aber nur für wenige möglich sein …

Ja, wir sind gerade erst auf dem Weg. Aber indem wir diese Debatte führen, können wir vielleicht zu einem Bewusstseinswandel beitragen.

Sind Sie bei der Recherche Ihres Buchs auf einen Punkt gestoßen, der Sie verblüfft hat?

Anfangs dachte ich: Wir sind anders als frühere Generationen. Aber im Zuge der Recherche habe ich gemerkt: So anders sind wir gar nicht – die heutige Arbeitswelt ist für viele, egal welchen Alters, nicht mehr das, was sie sich wünschen. Vielleicht ist meine Generation nur ein bisschen selbstbewusster im Auftreten und offensiver, das jetzt einzufordern. Mir gefällt der Gedanke, dass wir vielleicht jetzt alle gemeinsam so etwas wie eine bessere Arbeitswelt schaffen können.

Bücher und Links

Bund, Kerstin

Bund, Kerstin:
Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen.
Murmann-Verlag 2014, 200 Seiten, 19,99 Euro

Kosser, UrsulaKosser, Ursula:
Ohne uns. Die Generation Y … DuMont-Verlag 2014, 190 Seiten, 19,99 Euro

www.freizeitmonitor.de
Webseite über das Freizeitverhalten der Deutschen. Die Daten werden von der GfK erhoben, Auftraggeber ist die Stiftung für Zukunftsfragen (British American Tobacco).

www.lzg-rlp.de/service/printme-dien-shop/elterninfos/elterninfo-12-freizeitstress/
Tipps zur Freizeitplanung für den Nachwuchs. Die Elterninfo „Freizeitstress“, herausgegeben von der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V., als PDF herunterladbar.

www.baua.de/de/Publikationen/Broschueren/A49.html
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hält verschiedene Broschüren zum Download bereit, z.B. „Im Takt – Gestaltung von flexiblen Arbeitszeitmodellen“. Und: „Stressreport Deutschland 2012“.

www.lfu.bayern.de/umweltwissen/doc/uw_19_cu_urlaub_freizeit.pdf
Ein weiterer Aspekt beim erholsamen Abschalten: die Umwelt nicht vergessen. Hier gibt es Anregungen und Tipps zur nachhaltigen Freizeitgestaltung.

Kommentare

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incl. 'http://'

Sehr guter Beitrag. Die beschriebene Work-Life-Balance wird für die kommende Generation immer wichtiger. Die Leute machen sich immer mehr Stress, dort wo keiner ist. Danke dir und mach weiter so.
LG Marcel von SmarteOptionen