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Weil Gärtnern glücklich macht

Sonnenstrahlen leuchten durch zart begrünte Äste, malen Lichter auf Blausterne inmitten von dürrem Laub. Zeit zu Gärtnern, denn das ist Labsal für Leib und Seele. // Gudrun Ambros

Wohlfühlen - Gartentherapie Bernhard H. möchte mit den Händen fühlen, wenn er sät, umtopft oder Unkraut jätet. Jetzt aber hat er sich mit Handschuhen gewappnet, um die Kletterrosen zu stutzen. Sorgfältig schneidet der Mikrobiologe erfrorene, schwache und kranke Triebe ab. Gärtnern ist für den 43-Jährigen Ausgleich zur Laborarbeit. Sobald er sich mit seinen Pflanzen beschäftigt, taucht er in eine andere Welt.

Forscher an der englischen University of Essex fanden heraus, dass schon fünf Minuten körperliche Aktivität im Grünen Stimmung und Selbstwertgefühl deutlich verbessern – beide gelten als Indikatoren für psychische Gesundheit. Besonders gut wirke dieser Stimmungskick durchs Gärtnern bei psychisch angegriffenen Menschen.

Gärtnern als Therapie

Tatsächlich gibt es längst Untersuchungen, die belegen, dass sich Gartenarbeit therapeutisch einsetzen lässt. Der amerikanische Wissenschaftler Roger S. Ulrich etwa fand heraus, dass Patienten sich deutlich schneller von einer Operation erholten, wenn sie in einem Krankenbett mit Blick ins Grüne lagen. Diese Patienten beklagten sich zudem seltener über Schmerzen als die Kontrollgruppe, die sich mit dem Anblick einer Ziegelmauer begnügen musste. Ulrich, der an der A&M Texas University lehrte, fasste weitere 15 Studien über die Wirkung von Gärten so zusammen: „Gärten senken den Blutdruck und normalisieren den Herzschlag, sie reduzieren Stress und entspannen die Muskeln.“ Ärzte im Stockholmer Karolinska-Krankenhaus verfolgten diese Erkenntnis weiter. Sie befragten und untersuchten 4232 Patienten und belegten, dass regelmäßige Gartenarbeit helfen kann Herzinfarkt vorzubeugen. Blutdruck, Herzschlag und Muskelanspannung sind messbare Parameter. Wie jedoch Gärten auf die Seele wirken, das lässt sich nicht so einfach in Zahlen übersetzen.

Sinnvolles Tun

Anna R. recht Laub zusammen. Sie macht die Erde unter Salbei und Rosmarin frei, damit sich’s die Schnecken dort nicht gemütlich machen können. Später wird sie nach der Hacke greifen. Denn unter dem Laub zeigen sich schon erste grüne Spitzen von Giersch. Wenn dem nicht rechtzeitig Grenzen gesetzt werden, breitet er sich im ganzen Senioren-Garten aus. Zwei Meter entfernt steht der Rollator. Anna R. ist über 80. Aber auf die Gartenarbeit würde sie um nichts in der Welt verzichten. Als noch die Kälte den Gang nach Draußen verhinderte, erschien Anna R. apathisch, fast depressiv. Jetzt wirkt sie ruhig und konzentriert. Hier weiß sie: Sie wird gebraucht, macht etwas Sinnvolles und kann anschließend das Ergebnis ihrer Arbeit bewundern. Der Garten ist ihr Lebenselixier. Um das zu glauben, braucht es weder Statistiken noch Zahlen. Das sieht, wer Augen hat.

Therapeutische Gartenarbeit hat schon in einigen deutschen Kliniken, Reha-Einrichtungen und Heimen Einzug gehalten. Senioren bekommen eigene Gärten zugewiesen, mit Hochbeeten manchmal, sodass sie sich nicht bücken müssen. Schlaganfallpatienten lernen beim Zerkrümeln von Erde und im Umgang mit Blumentöpfen ihre Hände wieder einzusetzen – eine sinnvolle Form der Krankengymnastik. Psychisch Kranke säen, zupfen Unkraut oder helfen bei der Ernte. Nebenbei, im Gespräch mit dem Therapeuten, entschlüpfen Erkenntnisse über Wurzeln der eigenen Erkrankung. Im Garten scheint das leichter zu fallen als im Behandlungsraum, mögen die Stühle dort noch so bequem sein.

Lecker, Puppensalat!

Jule H. ist weder alt noch psychisch krank. Im Garten zu sein, ist für die Siebenjährige Spiel, aus Sicht der Erwachsenen auch spielerisches Lernen. „Guck mal, hier hab ich Salat für meine Puppe geerntet“, sagt sie und hält Bernhard H. eine Handvoll Gänseblümchen unter die Nase. „Die kannst du sogar selber essen“, sagt ihr Vater und macht sich mit der Kleinen auf die Suche nach blauen Blümchen, die das Puppenmenü ergänzen sollen. Gundermann beispielsweise. Neben dem Gartenzaun finden sie das Kraut mit den rundlichen gezackten Blättern. Gundermann ist essbar, aber Jule findet ihn doch zu herb und bringt eine Handvoll davon lieber den Meerschweinchen.

Befriedigt ein Urbedürfnis

Jeder zweite Deutsche verbrachte 2013 seine Freizeit mit Gartenarbeit. 17 Prozent mehrmals pro Monat, 12 Prozent sogar mehrmals wöchentlich (Ifak Institut für Markt- und Sozialforschung). Sich draußen im Freien bewegen, den modrigen Duft von Erde atmen, Sonne tanken, ein Kräuterbeet anlegen, Sommerblumen säen – Beschäftigungen dieser Art scheinen ein Urbedürfnis des Menschen zu befriedigen. Man schafft etwas, sieht, was die eigenen Hände bewirken, spürt sich, taucht ein in den geruhsamen Rhythmus der Natur.

Bernhard H. gehört übrigens zu der Gruppe, die mehrmals wöchentlich nach ihren Pflanzen schauen. Mit den fünf Minuten, die schon ausreichen sollen, um Stimmung und Selbstwertgefühl zu verbessern, könnte er sich nicht zufrieden geben.

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