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Tee, Qi Gong und dünne Nadeln

Im Rücken schmerzt es am häufigsten – doch die Ursachen sind meist unklar, die Behandlung pauschal. Ein anderer Ansatz: die Traditionelle Chinesische Medizin. Unsere Autorin will wissen, wie und ob sie hilft. // Sylvia Meise

Wolfühlen - Farben Hexenschuss, Ischias, Bandscheibenvorfall … Über die Hälfte von uns hat’s regelmäßig im Kreuz und viele wissen nicht mal warum. Nach dem Gesundheitsreport 2013 sind die Ärzte bei 85 Prozent der Schmerzgeplagten ratlos, sie finden kein organisches Problem. Also Schmerzmittel und weiter im Hamsterrad? Nicht unbedingt. Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) gilt als eine mögliche Alternative. Aber: Was macht die Traditionelle Chinesische Medizin aus – und hilft sie tatsächlich? Das möchte ich herausfinden und fahre in die TCM-Klinik am Steigerwald im unterfränkischen Gerolzhofen. Dort empfängt mich Christian Schmincke, der Leiter der Klinik. Hauptunterschied zur Schulmedizin, so lerne ich gleich zu Beginn von ihm, ist die Perspektive: „Wir behandeln keine Blutwerte oder Wirbelverformungen, sondern den ganzen Menschen“, betont er. Mit dieser Sicht lasse sich auch erkennen, dass Stress oder Verdauungsprobleme Schmerzen verursachen.

Was heißt TCM-Therapie?

Wem dazu nur Nadeln und Tigerbalsam einfallen, kennt die „fünf Säulen“ der TCM nicht: Neben Akupunktur setzt die ursprüngliche chinesische Heilmethode auf Heilkräuter, Meridianmassagen, Bewegung wie Qi Gong oder Tai Chi sowie eine spezielle Ernährungslehre, die Gemüse fast wie Medizin einsetzt. Beim Aufnahmegespräch hören die Ärzte ganz genau hin. Kinderkrankheiten, Arbeit, Beziehung – alles zählt. Und dann? „Bitte mal die Zunge rausstrecken.“ Die Zunge? „Ja, die wollte der Arzt zuerst sehen“, erzählt mir Patient Manfred Schlick. Eigentlich ist er wegen Polyneuropathie in der TCM-Klinik, eine Nervenkrankheit, die die Füße taub werden lässt. Fast nebenbei habe er dann von seinen Rückenschmerzen erzählt, so extrem, dass er seit Jahren täglich starke Medikamente und nachts sogar Schlafmittel braucht.

Drei Wochen Traditionelle Chinesische Medizin liegen hinter ihm. Auf seinem Therapieplan standen täglich Kneippsche Güsse, Meridianmassagen und Akupunktur, Abkochungen von Heilkräutern, sogenannte Dekokte, sowie vegetarische Kost ohne Milchprodukte. „Und, was hat sich in dieser Zeit verändert?“, möchte ich wissen. Nach zwei Wochen seien die Schmerzen fast weg – ohne Tabletten. „Das habe ich seit Monaten nicht erlebt. Und mir wurde der Blick geöffnet für das Zusammenspiel im Körper des Menschen“, so Patient Schlick. Akupunktur allein hatte er früher schon, doch gewirkt habe sie nicht.

Energieleitbahnen in Schuss halten

Einen guten Therapeuten erkennt man vor allem an der Zeit, die er sich nimmt. „Und natürlich sollte der Patient spüren, dass die Behandlung wirkt“, ergänzt der Münchener TCM-Arzt Johannes Demuth, der sechs Jahre an der Klinik am Steigerwald beschäftigt war, und zitiert ein chinesisches Sprichwort: „Wenn ich einen Pfahl setze, muss sofort der Schatten da sein.“ Die Chinesen haben schon sehr früh die Meridiane, längs im Körper verlaufende Energieleitbahnen, erspürt. Die auf diesen Bahnen liegenden Akupunkturpunkte nutzt der Arzt, um Stauungen in unserem körpereigenen Strömungskraftwerk aufzulösen oder Spannungen auszugleichen.

Meine Neugier ist geweckt. Zum Glück habe ich selber trotz kaputter Bandscheiben gerade keine Schmerzen. Aber die von einer Kollegin so heiß empfohlene Körpertherapie will ich unbedingt kennenlernen. „Lehnen Sie sich fest an. Spüren Sie über Ihren Körper hinaus, füllen Sie ihn aus bis an die äußerste Grenze“, ermuntert mich Mona Blasek, die in der TCM-Klinik am Steigerwald unterschiedlichste Körpertherapien anwendet. Wir sitzen erst Rücken an Rücken, dann rolle ich mit einem kleineren Ball im Kreuz an einer Wand entlang, als wolle ich sie neu streichen. Als sie am Ende über eine Massage den Blasenmeridian an meinem rechten Bein mobilisiert, verschwindet ein stechender Schmerz im Knie, der mich schon seit Wochen nervt.

Coach für mehr Achtsamkeit

Damit Traditionelle Chinesische Medizin funktioniert, müssen Therapeut und Patient ein aufmerksames, gutes Team sein. TCM-Arzt Johannes Demuth erläutert: „Die eine richtige Methode gibt es nicht. Bei leichten Beschwerden hilft oft die heiße Dusche auf den Blasenmeridian, der in zwei Ästen den Rücken hinunter läuft. Wenn ich akupunktiere oder Dekokte verordne, müssen mir die Patienten unbedingt sagen, ob die Schmerzen weniger oder stärker werden. Heilpflanzen können eine starke Wirkung haben, die Dosis sollte daher nur so hoch sein wie nötig.“ Demuth vergleicht den TCM-Arzt mit einem Coach: „Wer überhaupt nichts an seinem Lebensstil ändert, sich zum Beispiel weiterhin ungesund ernährt und sich nicht bewegt, der wird kaum Erfolge sehen. TCM, das ist für mich eine grundlegende, chinesische Pflege der Lebensenergie.“

Die TCM-Lehre – Gut zu wissen …

Yin und Yang
Aus chinesischer Sicht ist die Welt bis in jede kleinste Einheit geprägt von einander umfließenden Gegensatzpaaren. Yang-Beispiele: der Himmel, das Männliche, Helligkeit und das Aktive – Yin: die Erde, das Weibliche, Dunkelheit, Kälte und das Strukturierende.

Fünf Kraftquellen
Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser dienen den Chinesen als Modell für organische Zusammenhänge und Potenziale. Die Leber ist nach der TCM-Lehre dem Element Holz zugeordnet – und sorgt für Dynamik und Energie, damit die Ideen sprudeln.

Artenschutz
TCM steht in Kritik, mit der Herstellung ihrer Medizin die Tierwelt zu bedrohen. Moderne TCM-Ärzte verwenden keine Bestandteile geschützter Tiere für ihre Rezepturen, also weder Tigerzähne noch Nashornpulver. Durch vermehrte Wildsammlung drohen sogar Heilkräutern auszusterben. Dagegen sollen jedoch Nachzucht und das Siegel fairwild helfen.

Interview

„Krankheiten beschränken sich nicht auf ein Fachgebiet“

Farben, Persönlichkeitstest (Foto: Fotolia.com)Dr. Christian Schmincke, Leiter der TCM-Klinik am Steigerwald, arbeitet seit über 30 Jahren an der TCM-Entwicklung in der europäischen Welt.

Warum gerade TCM bei Rückenschmerzen? Was macht sie anders als die westliche Schulmedizin?

Die Schulmedizin verordnet überwiegend Schmerzmittel, muskelentspannende Maßnahmen oder Bewegung. Oft ist das auch gut, aber es hilft nicht immer. Wir in Europa sind gewohnt, entweder zum Orthopäden oder zum HNO-Arzt zu gehen, aber Krankheiten beschränken sich nicht auf ein Fachgebiet. Die chinesische Medizin hat daher einen anderen Ansatz: Sie betrachtet nicht nur den Rücken, sondern auch den Schnupfen, also den ganzen Menschen – und bezieht zusätzliche Faktoren mit ein, wie Gewebedurchfeuchtung, Verschlackung und die Psychomotorik.

Können Sie das näher erklären?

Manche Patienten pressen unter psychischem Stress ständig die Beine zusammen oder gehen ins Hohlkreuz. Um solche unbewussten Anspannungen zu lösen sind Körpertherapien wie etwa die Shiatsu-Massage sehr hilfreich. Essensgewohnheiten können ebenfalls an Rückenschmerzen beteiligt sein, denn die Nährstoffe in Blut, Lymphe und anderen Zellflüssigkeiten versorgen wiederum die Bandscheiben. Sind diese Säfte von schlechter Qualität, ist auch die Gewebequalität schlecht. Mit „Verschlackung“ meinen wir Substanzen, die der Körper nicht in Ruhe ausscheiden kann. Um sie auszuleiten geben wir spezielle Kräuter-Rezepturen. Eine Rezeptur besteht in der Regel aus vier bis acht Teilen, die gewogen, abgekocht und getrunken werden.

Welche Kräuter eignen sich bei Rückenschmerz besonders? Und worauf sollte man achten?

Es gibt verschiedene sehr gute chinesische Heilpflanzen gegen Rückenschmerzen. Zur Selbstbehandlung eignen sie sich jedoch nicht. Denn: Was den Einen heilt, kann beim Anderen einen Herzinfarkt verursachen. Gerade wenn es um jahrzehntelang verschleppte Infekte geht, braucht man eine genaue Diagnostik.

Jahrzehntelang verschleppt?

Ein Beispiel: Als vor Jahren ein Profi-Skifahrer wegen Rückenschmerzen zu uns kam, haben wir ihn intensiv körpertherapeutisch und mit Heil-kräutern behandelt. Ohne Erfolg. Irgendwann bemerkten wir seine immer leicht triefende Nase und den Druckschmerz an der Stirn. Und dann erinnerte er sich an eine lange zurückliegende Stirnhöhlenentzündung, die nicht auskuriert worden war. Daraufhin haben wir andere Rezepturen verordnet. Sechs Wochen nach der Entlassung entwickelte er einen furchtbaren Infekt, endlich wurde all der „innere Schleim“ ausgeleitet – und danach war der Rücken gut.

Bücher und Links

Vollmar, Klausbernd

Friedel, Fritz:
Das Gesetz der Balance.
Gräfe und Unzer Verlag, 2009, 192 Seiten, 19,99 Euro

Vollmar, Klausbernd

Wu, Li:
TCM für jeden Tag.
Mankau Verlag, 2013, 180 Seiten, 9,95 Euro

www.dgtcm.de
Die Deutsche Gesellschaft für TCM in Heidelberg entwickelt, forscht und lehrt eine moderne, westlich orientierte TCM.

www.daegfa.de
Die Münchener Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur engagiert sich für ein hohes Niveau in der Akupunkturausbildung.

www.tcm-praxisnetz.de
Homepage der DECA – Gesellschaft für die Dokumentation von Erfahrungsmaterial der chinesischen Arzneitherapie.

www.tcmklinik.de
Webauftritt der TCM-Klinik am Steigerwald mit Informationen
zur TCM, Rezepten und
Hinweisen auf Studien.

www.fairwild.org
Englischsprachige Seite zum internationalen Fairwild-Siegel. Projekt möchte den Bestand wildgesammelter Heilkräuter schützen.

www.traditionalandwild.eu
Ein Europa-Projekt, das sowohl Wildkräuter als auch traditionelle Wildsammler schützen und ihr Wissen bewahren will. Englisch.

Kommentare

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Sibylle Kassel
Vielen Dank für Ihren interessanten Beitrag, der beispielhaft zeigt, wie gut die Traditionelle Chinesische Medizin den so oft schulmedizinisch „austherapierten“ Patienten helfen kann. Gute Gründe, dass dieses Naturheilverfahren als sinnvolle, erfahrungswissenschaftlich fundierte Komplementärmedizin Anerkennung und verstärkte Beachtung verdient.

Ich möchte mir erlauben, für die Leser/Inne, die noch tiefer in das Thema einsteigen möchten, auf ein weiteres sehr lesenswertes Buch hinzuweisen:

Die Medizin der Chinesen von Prof. Dr. Carl-Hermann Hempen aus dem Goldmann-Verlag. Von der Diagnose über das Therapie-Prinzip bis zu den fünf Therapiesäulen (Arzneimittel, Akupunktur, Qigong, Tuina und Diätetik) wird dieser medizinische Ansatz in leicht verständlicher Sprache an ganz konkreten Fallbeispielen erklärt, basierend auf jahrzehntelanger klinischer Arbeit. Der Autor leitet seit dem Wintersemester 2013 den ersten TCM-Studiengang an der TU München und ist Mitbegründer der SMS (Societas Medicinae Sinensis). Die SMS ist eine der ältesten Ärztegesellschaften für Traditionelle Chinesische Medizin, die seit mehr als 30 Jahren Ärzte und Therapeuten ausbildet, und zwar meines Wissens als einzige Institution in allen fünf Therapieverfahren: Akupunktur, Arzneimitteltherapie, Qigong, Tuina und Diätetik. Ihr Anliegen ist die Anerkennung, Verbreitung und weitere Erforschung der chinesischen Medizin.

Sie setzt dabei mit der CPC-1000 Stunden-Ausbildung europaweit Standards und hat seit 1978 die führende Rolle in Forschung, Lehre und Anwendung im Bereich der Chinesischen Phytotherapie, außerdem ist sie an zahlreichen internationalen Studien und Forschungsprojekten beteiligt.

Die Patienten können sich freuen, wenn sie sich an so gut ausgebildete Therapeuten wenden können und sie können an der Offenen Schule der SMS auch lernen, was sie für sich und ihre Gesundheit eigenverantwortlich tun können: mit Kursen in Qigong/Taiji und chinesischer Diätetik.
Agnes Fatrai
Auch aus meiner Sicht ist es dringend notwendig darauf hinzuweisen, dass Ärzte und Therapeuten, die chinesische Medizin anwenden, eine fundierte Ausbildung nachweisen können sollten.



Leider tummeln sich momentan sehr viele Kursanbieter auf dem Markt, die etwa Akupunktur oder Tuina im Schnellverfahren lehren.



Wenn man die Theorien der chinesischen Medizin kennt, wird klar, dass sie nur nach jahrelanger intensiver Ausbildung und entsprechender Praxis erfolgreich eingesetzt werden kann.



Immer wieder gibt es Patienten, die von chinesischer Medizin (bzw. von Akupunktur, die häufig mit chinesischer Medizin gleichgesetzt wird) enttäuscht sind, weil sie wirkungslos war. Häufig ist dies aber nur darauf zurückzuführen, dass der Arzt oder Therapeut nicht nach den bewährten Regeln der chinesischen Medizin vorgeht oder sich einfach zu wenig auskennt. Wie in Ihrem Bericht geschildert, ist eine "richtige" Diagnose zeitaufwändig und erfordert umfangreiches Wissen. Ein Crash-Kurs in Tuina reicht da mit Sicherheit nicht aus.



Zu den empfehlenswerten Ausbildungsinstituten gehört gewiss die bereits empfohlene Societas Medicinae Sinensis, die seit Jahrzehnten Ärzte ausbildet, eine für alle zugängliche Schule für Tuina, Qigong/Taiji und chinesische Diätetik hat und ihr Wissen auch im sinologischen Bereich weitergibt. Davon profitieren schließlich die Patienten.
Dr. Andrea Hellwig
Den vorherigen Kommentar möchte ich für den interessierten Leser dringend um wichtige Informationen ergänzen.



Die SMS ist nicht die einzige Fachgesellschaft in Deutschland, die in einem solchen Umfang die Methoden der Chinesischen Medizin unterrichtet!



Die umfassendsten Ausbildungen in allen 5 Säulen der Chinesischen Medizin finden unter dem Dach der AGTCM (Arbeitsgemeinschaft für Klassische Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin) mit ihren 5 Kooperationsschulen statt. In Fachbereich Akupunktur werden hier beispielsweise bis zu 1300 Ausbildungsstunden unterrichtet.

In der AGTCM sind ArztInnen und HeilpraktikerInnen gemeinschaftlich organisiert und sie gehören zu den höchstqualifiziertesten Therapeuten in den jeweiligen Fachgebieten der Chinesischen Medizin in Deutschland. Zudem richtet die AGTCM jährlich einen der renommiertesten TCM Kongresse für Chinesische Medizin den in der westlichen Welt aus (TCM Kongress Rothenburg).

MfG,

Andrea Hellwig