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Einmal erden, fertig, los!

Wer mit einer Entscheidung feststeckt, sollte in den Wald gehen. Wenn wir in Bewegung sind und die Natur mit allen Sinnen wahrnehmen, kommen Herz und Hirn zu Wort. Ein Selbstversuch in Naturcoaching. // Martina Petersen

Wolfühlen - Sommerhitze Der Lärm von der Autobahn brandet bis an den Waldrand. Im ersten Moment kein Ort, um den Kopf klar zu bekommen. Auf dem Grunewald-Parkplatz bei Berlin warten vier Frauen auf Coach Klemens Wannenmacher. Der setzt seit fünf Jahren intensiv auf Natur, um seine Klienten aus unterschiedlichen Problembereichen heraus auf den richtigen Weg zu begleiten. Jede der Frauen hat persönliche Fragen im Gepäck: Medienberaterin Helga möchte endlich aus der Stressfalle herauskommen. Designerin Andrea muss ihren Laden aufgeben und überlegt, wie es beruflich weitergehen kann. Malerin Bettina braucht einen Schub, um sich noch mutiger in ihren Bildern auszudrücken. Und ich plage mich gedanklich mit einer unbefriedigenden Wohnsituation. Wir sind dem Aufruf gefolgt: „Auf dem Weg ins Freie – Entscheidungen treffen mit Herz und Verstand.“ Werden wir eine Lösung für unsere Probleme finden?

Bewusstheit – der erste Schritt

Um zur Ruhe zu kommen, verbringen wir die erste halbe Stunde schweigend. Klemens Wannenmacher leitet uns an, auf den Atem zu achten, die Gelenke zu lockern und mit den Füßen den Kontakt zum Boden zu spüren. Bald bewegen wir uns auf schmalen Trampelpfaden durchs Grün. Wannenmacher lädt uns ein, den Wald wie ein Kind mit allen Sinnen zu entdecken. Als wir uns auf einer kleinen Lichtung sammeln, hat sich auf allen Gesichtern ein seliges Lächeln ausgebreitet. Dann kommt die erste Übung: Aus den Materialien des Waldes sollen wir Kopf und Herz formen und symbolhaft darstellen, was in ihnen vorgeht. Bei dreien von uns sind Kopf und Herz getrennt, und in den übervollen Köpfen türmen sich aus Zweigen, Rindenstücken und Tannenzapfen Gedanken. Wie einladend sieht dagegen das weiche Moos-Bett aus, das für das Herz steht.

Die Natur weitet den Blick nach innen

Naturcoaching nutzt bei Fragen zu Karriere und Persönlichkeit die Natur als Spiegel für innere Prozesse. Der Klient greift intuitiv nach Ausdrucksformen, die seinen Standort und seine Bedürfnisse symbolisieren. Wissenschaftliche Studien belegen, dass bei Bewegung in der Natur beide Gehirnhälften besser zusammenarbeiten und sich – wie bei einer tiefen Meditation – auf gleichem Rhythmus im sogenannten Alphawellenbereich einschwingen: Wir fühlen uns wohlig geerdet und können angeregt durch die Aufgaben und Fragen des Coachs kreativ neue Ideen und Problemlösungen entwickeln.

In Deutschland wird Naturcoaching seit rund einem Jahrzehnt angeboten. Seither stärken Firmen in Natur-Events den Teamgeist. Für Privatleute reicht das Angebot von sportlichen Wander- und Survival-Trips bis zur spirituell angelegten Visionssuche. Dabei scheint Naturcoaching vorrangig für Frauen attraktiv, Männer kommen auf Umwegen dazu. „Besonders bei Leuten, die nur im Kopf sind, bei erschöpften Menschen und bei Sinn-Suchern kann die Arbeit in der Natur Wunder wirken“, so Clemens Wannenmachers Beobachtung. Seriöse Coachs loten schon im Vorgespräch aus, ob tiefgreifende Blockaden oder Angststörungen vorliegen und empfehlen in solchen Fällen eine Therapie. Manchmal reicht sogar schon ein Workshop in der freien Natur, um einen Perspektivwechsel herzustellen und Schluss mit den ewigen Ausreden zu machen, beschreibt Wannenmacher die Wirkung von Naturcoaching.

Wir stehen mittlerweile in Paaren an einer Kreuzung im Wald. Unsere nächste Aufgabe: Wir sollen erforschen, wie es sich anfühlt, unterschiedliche Wege zu gehen. Bettina möchte spontan den „verschlungenen Pfad der Abenteuer“ gehen. Als das Gelände immer uneinsichtiger wird, beschleicht sie heftiges Unbehagen: „Was, wenn der Weg ins Nichts führt oder langweilig endet?“ Mich zieht es zu einem orangefarbenen Ballon. Er tanzt in der Luft, doch sein Band hat sich in einem Dornenbusch verheddert. Bettina weist mich auf all die wunderschönen Blumen am Wegesrand hin. Habe ich nicht total ausgeblendet, dass mir bei der Wohnungssuche lauter schöne Erlebnisse widerfahren könnten?

Befreit neue Entscheidungen treffen

Zurück auf unserer Lichtung entrümpeln wir allesamt unsere Köpfe von Gedanken und Glaubenssätzen. Die Herzen werden an die zentrale Stelle gerückt. „Ich lasse mich nicht von der Existenzangst überrollen“, beschließt Andrea und will über einen Internet-Shop nachdenken. Ich nehme mir vor, mich endlich über Wohnprojekte in meiner Nähe zu informieren. Und Helga beschließt, als Antistress-Programm täglich eine halbe Stunde im Grunewald Rad zu fahren. Unser Coach gibt uns mit auf den Weg: „Wer einmal die inspirierende Kraft der Natur erlebt hat, will das immer wieder. Weißt du nicht, was dir auf der Seele liegt, gehe achtsam wie eben spazieren. Danach wirst du deiner Antwort ein Stück näher gekommen sein.“

Natur pur – 4 Einstiegsübungen

Weitblick üben
Menschen sind optisch orientierte Wesen, im Alltag leider oft mit Tunnelblick. Wer ohne punktuelle Fokussierung auf Weitwinkel schaltet, öffnet seine Wahrnehmung auch für kleinste Bewegungen in der Peripherie.

Lauscher aufstellen
Nicht nur nach vorne, links oder rechts horchen. Auch mal nach hinten lauschen. Wer sein Gehör schult, kann sich über das Rauschen des Windes im Gras und jede Stimme im Vogelkonzert freuen.

In die Füße kommen
Schweigen, Gedanken loslassen und sich auf den Atem konzentrieren – so kommt man gut in der Natur an. Die Füße bewusst aufsetzen, abrollen und spüren, wie unterschiedlich sich der Boden anfühlen kann.

Wurzeln schlagen
An einen Baum gelehnt mit geschlossenen Augen erspüren, wie seine Wurzeln tief in den Boden reichen. Gedanklich eigene kräftige Wurzeln schlagen, verankern und die Kraft der Erde tanken.

Interview

„Wir brauchen Natur, um Halt und Sinn im Leben zu finden“

Prof. em. Dr. Norbert JungProf. em. Dr. Norbert Jung, Biologe und Humanethologe, forscht zu Naturerfahrung und Umweltengagement.

Viele Menschen fühlen sich in der Natur geerdet und gestärkt. Wie erklären Sie dieses Phänomen?

Wir bewegen uns dort in unserem arteigenen Biotop und erleben das Ur-Gefühl: „Ich gehe auf der Erde.“ Außerdem begegnet uns in der Natur auf einer intuitiven, unbewussten Gefühlsebene ein Stück von uns selbst: Auch wir wachsen und wandeln uns. Wenn wir sehen, dass die Natur mit den schlimmsten Beschädigungen wie Windbruch klarkommt, dann gibt es Hoffnung. Sie symbolisiert uns, dass auch unsere Katastrophen im Leben zu ertragen sind. Wir haben die Kraft zur Heilung und Regeneration.

In der industrialisierten Welt gibt es immer weniger Naturkontakt. Was sind die Folgen?

Unsere Ersatzwelten aus Computer & Co. befriedigen zwar unsere Neugier, aber sie lassen etwas anderes in uns unbefriedigt: das Miteinander zu leben. Je mehr der Mensch dressiert wird, an Äußerlichkeiten Halt zu suchen, desto mehr ver-armt er im Inneren. Seine innere Motivation und die Entwicklung innerer Stärke bleiben auf der Strecke. Langzeitstudien aus den USA zeigen, dass die Ich-Stärke in den letzten fünfzig Jahren kontinuierlich abgenommen hat und die Abhängigkeit von Trends und Moden steigt. Damit steigt auch der unbewusste Angstpegel: Wenn das Außen wegfällt, was wird dann? Wir brauchen Natur, um Halt und Sinn im Leben zu finden. Natur bleibt, wenn Kulturen verschwinden.

Welche konkreten Forderungen ergeben sich nach Ihrer Meinung aus dem Naturdefizit?

Beispielsweise müssten Waldkindergärten massiv gefördert werden, weil Forschungen belegen, dass sie die Persönlichkeitsentwicklung wunderbar un-terstützen. Kinder können dort ihre Gefühle ausleben, ihre Fähigkeiten kennenlernen und soziales Miteinander entwickeln. Und sie lernen, Natur als Quelle für körperliches und seelisches Wohlbefinden zu nutzen.

Sie meinen damit, was wir von klein auf wertschätzen, das wollen wir auch schützen …?

Genau. So funktioniert echte Nachhaltigkeit! Theoretische Appelle bewirken nur wenig. Wir verdrängen in unserer Gesellschaft immer noch zu sehr, dass wir unseren Wohlstand reduzieren müssen.

Wie sieht Ihrer Ansicht nach eine optimale Auszeit in der Natur aus?

Man sollte draußen ein Plätzchen finden, an dem man sich hinsetzt und bleibt. Wo man mal eine Stunde nur träumt und döst und den Verstand abschaltet. Was kommt dann aus mir hoch? Vielleicht passiert keine große Erleuchtung, aber man kann sich dabei gut mit seinem Leben befassen.

Bücher und Links

Louv, Richard

Louv, Richard: Das Prinzip Natur: Grünes Leben im digitalen Zeitalter.
Beltz, 2012, 335 Seiten, 19,95 Euro

Trommer, Gerhard

Trommer, Gerhard: Schön wild! Warum wir und unsere Kinder Natur und Wildnis
brauchen. Oekom, 2012, 191 Seiten, 12,95 Euro

www.natur-coaching.de
Carsten Gans veranstaltet spezielle Frauen- und Männerexkurse im Naturpark Spessart. Außerdem ist er Ausbilder für Naturcoachs.

www.wildnisschulen.org
Netzwerk von Wildnis-Schulen, die traditionelles Wissen vermitteln und die Verbundenheit von Mensch und Natur fördern wollen.

www.initiation-erwachsenwerden.de
Gymnasiallehrer Peter Maier bietet Jugendlichen Seminare in der Natur an. Sein Thema: Initiationsrituale von Naturvölkern auf die heutige Zeit zu projizieren.

www.naturcoachingberlin.de
Klemens Wannenmacher bietet Naturcoaching in und um Berlin an. Mit ihm war unsere Autorin unterwegs im Grunewald.

www.wegezumwesentlichen.de
Claudia Maria Werner begleitet Wüstenreisen und Medizinwanderungen. Auf ihrer Webseite finden sich auch Infos über Fortbildung zum integralen Naturcoach.

www.innernature.de
Lebensberater Arthur Dorsch informiert über seine Angebote im Bayerischen Wald, unter anderem speziell für Männer.

Kommentare

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Thekla Kolbeck
Mit Ihrem Artikel greifen Sie ein elementar wichtiges Thema auf. Wieder den Zugang zur Natur und zu unseren spirituellen Wurzeln in der lebendigen Erde zu finden, ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Es geht ja nicht nur darum, dass wir die „wilde“ Natur brauchen als Quelle für Kraft, Inspiration und Sinnfindung. Die Natur braucht auch uns, denn wir sind wechselseitig voneinander abhängig.



Aus über 40 Jahren beruflichem Engagement in Naturschutz, Landwirtschaft, Politik und im Gesundheitsbereich weiß ich, dass weder das Wissen, in welch erschreckendem Ausmaß unser Ökosystem bedroht ist, noch Appelle an die Verbraucher wirklich etwas verändern. Das Berührtsein im Herzen ist der „Motor“ für jegliche Veränderung. Das bestätigt inzwischen auch die Hirnforschung.



Die erfüllendsten und beglückendsten Momente in der Natur sind, wenn wir nicht nur ergriffen sind von ihrer äußeren Schönheit, sondern wenn wir eintauchen dürfen in die nicht sichtbaren Sphären der Wirklichkeit. Wenn wir selbst erleben dürfen, dass es eine seelische und geistige Dimension der Natur gibt und wie es sich anfühlt, wirklich verbunden zu sein.



Ich lade Sie ganz herzlich ein mit mir mitzukommen zu uralten Kraftorten. Ich zeige Ihnen einen Weg, wie auch Sie den Zugang zu den tieferen Dimensionen der Natur und zu sich selbst finden.



Thekla Kolbeck, Dipl.-Ing. Landschaftsökologin und Geomantin



www.Thekla-Kolbeck.de

info@thekla-kolbeck.de


Lotta Meier
Ich halte es für sehr wichtig in Kontakt mit der Natur zu sein. Sie bietet uns Menschen sehr viel. Gut gefallen mir die beschriebenden Übungen. Die Ausagen von Prof. Jung halte ich jedoch für sehr fragwürdig und nicht besonders fundiert, sowohl in diesem Artikel nicht als auch in anderen Äußerungen von ihm. Da sollte meiner Meinung nach genauer geprüft werden, wer zu Wort kommen soll!

Raus in die Natur und prüft genau wer euch anleitet und was die wahren Absichten sind!!!