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Pssst ...! Geht’s auch leiser?

Geräusche sind immer und überall. Das ist nicht nur lästig, sondern addiert sich zum schleichenden Umweltgift: Lärm macht krank. Gegenmittel? Lärmbewusstsein! // Sylvia Meise

Wolfühlen - zu viel Lärm Rrratsch! Der Rollladen des Nachbarn rummst in den Kasten. Hunde bellen, die Müllabfuhr beseitigt scheppernd den Sperrmüll, jemand entsorgt eine Tasche voller Flaschen und aus einem geöffneten Fenster jault ein Wecker …: Wer zwölf Stunden lang alles Gehörte in ein akustisches Tagebuch notierte, würde staunen, was alles zu hören ist. Vieles klingt nicht angenehm in unseren Ohren. Lärmbelästigung ist eine Ordnungswidrigkeit, doch was ist Lärm? Für Motorradfans sicher nicht das satte Röhren ihres Bikes. Piloten wiederum haben kaum Probleme mit Fluglärm und ein netter Nachbar mäht den Rasen leiser als ein unfreundlicher Meckerfritze.

Lärm entsteht im Kopf

„Lärm ist eine Reaktion. Es ist die persönliche Betroffenheit durch Geräusche“, erklärt die Psychoakustikerin Brigitte Schulte-Fortkamp von der TU Berlin. „Viele reden von Lärmpegeln, aber die gibt es gar nicht.“ Messen lasse sich nur der Schall, nicht der Lärm. Ihre Studien zeigen, dass Geräusche zunehmend als belästigend empfunden werden, da sie immer weniger kontrollierbar sind. „Ob es um Fluglärm, Zugvorbeifahrten oder die Straßen geht, viele Befragte sprechen von ‚Machtlosigkeit’. Daraus erwächst eine permanente psychische Belastung – und diese wiederum kann handfeste physiologische Krankheitsbilder hervorrufen“, betont die Forscherin, die vor 16 Jahren den „Tag gegen den Lärm“ angestoßen hat.

Das Wort Lärm nämlich stammt von Alarm, und das wiederum geht auf den italienischen Schlachtruf „all’arme!“ – zu den Waffen! – zurück. Das Ohr dient dem Menschen seit Säbelzahntigers Zeiten als Frühwarnsystem. Schließlich konnte das leiseste Rascheln den nahen Tod bedeuten. Bei unerwartetem Schall funkt das Ohr noch immer „Achtung Gefahr!“ ins Gehirn. Das wiederum schüttet sofort Stresshormone und Adrenalin in die Blutbahn und versetzt uns in Fluchtbereitschaft.

Herzinfarkte, Lernstörungen, Tinnitus

Auf die Frage, ab wann Lärm krank macht, antwortet Michael Jäckel-Cüppers vom Arbeitsring Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik: „Das Risiko durch Straßenverkehrslärm an Herz-Kreislauf-Störungen zu erkranken, wächst ab einem Durchschnittspegel von 65 Dezibel am Tag oder 55 in der Nacht. Tatsächlich haben wir jedoch an Hauptverkehrsstraßen oft Belastungen um 75 Dezibel und mehr.“ Und das stört Psyche und Gesundheit.

Obwohl wir Deutschen geradezu bekennende und leidenschaftliche Autofahrer sind, geht uns Verkehrslärm fast immer auf die Nerven. Nach einer Online-Umfrage des Umweltbundesamts vom vergangenen Jahr fühlen sich rund 55 Prozent der Befragten durch Straßenlärm, 30 Prozent durch Fluglärm und knapp 12 Prozent durch Schienenlärm belästigt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlichte vor zwei Jahren ihren ersten Bericht zu diesem Thema. Die Bilanz: „Verkehrslärm führt im Westen der Europäischen Region jährlich zum Verlust von über einer Million gesunden Lebensjahren, sei es durch Erkrankung, Behinderung oder vorzeitigen Tod.“ Herzinfarkte, Lernstörungen und Tinnitus seien die Folgen dieser Verlärmung der Gesellschaft.

Der Gesetzgeber reagiert darauf: Am 18. Juli dieses Jahres startet die zweite Stufe der Lärmverminderung in Deutschland. Stark verlärmte Kommunen und Lärmverursacher müssen Lärmaktionspläne vorstellen. Darin müssen Maßnahmen aufgelistet sein, mit denen gemäß der EU-Richtlinie von 2002 der Umgebungslärm endlich unter die Grenzwerte rutschen soll. Dazu zählen Schutzwände, Flüsterasphalt und Flüsterbremsen für die Bahn. Der Bund stellt dafür immerhin 100 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Gerade für Ballungsräume und Großstädte sind gute Konzepte allerdings rar. Bei unabwendbarem Lärm empfiehlt Brigitte Schulte-Fortkamp das „mentale Maskieren“ als Strategie: „Dafür sollte man sich fragen: Was ist das Gute an dieser Situation? Oder man kann den Schallbelastungen mit angenehmen Geräuschen – etwa schöner Musik – begegnen.“ In diesem Sinn hat sie im Rahmen eines Forschungsprojekts gemeinsam mit einem Team von Expertinnen und Anwohnern den verkehrsumtosten Nauener Platz in Berlin umgestaltet, wofür sie im Herbst 2012 mit dem European Soundscape-Award ausgezeichnet wurde. Vor dem Umbau war es dort nur laut und vernachlässigt, erzählt die Lärmforscherin. „An der Kreuzung haben wir Dezibelwerte zwischen 75 und 80, dennoch ist das jetzt ein Platz zum Erholen. Das Besondere an diesem Projekt: Wir haben die Betroffenen mit einbezogen, nicht über ihre Köpfe hinweg gehandelt.“ Jetzt gibt es dort „Hörinseln“, skulpturenartige Sitzgelegenheiten, in denen man – nach außen abgeschirmt – Geräusche vom Band hören kann. Nach den Wünschen der Bürgerinnen sind Wasserplätschern und Vogelstimmen zu hören, die sogar wiederum echte Vögel angelockt haben …

Bewusst mehr Ruhe planen …

Gerätekauf mit Ohr
Anschalten, Probehören – und das leisere nehmen. Zum Vergleich: das Ticken einer Armbanduhr erreicht Werte um die 20, normale Gespräche 50, Vorbeifahrt eines PKW 75 Dezibel.

Erholungspausen einlegen
Wer ohne Schutz lautem Maschinenlärm, Feuerwerk oder Musik ausgesetzt war, sollte den Ohren unbedingt doppelt so lange wie der Lärmstress dauerte eine absolute Ruhe gewähren.

Gewohnheit – laut oder leise?
Bewusstheit schafft Ruhemöglichkeiten: Fernseher und Radio auch mal ausschalten. Rollladen hochziehen, Türe schließen, quer durch die Wohnung rufen? Tipp: Mal einen Tag lang bewusst auf die eigenen Lärmquellen achten.

Geschützt zu Konzert, Demo und Co.
Ohrstöpsel mitnehmen. Am besten „linear dämmende Plugs“ aus dem Musik-Fachgeschäft. Dann kann man sich unterhalten und auch die Musik hören, aber es wird nicht zu laut.

 

Interview

„Bisher ist die Sensibilität für leise Geräte leider gering“

Perpektiven - Schule

Dr.Ing. Patrick Kurtz ist Lärmexperte der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Berlin

 

Herr Dr. Kurtz, als Experte für Lärmschutz arbeiten Sie bereits viele Jahre am Thema Lärmminderung, speziell im täglichen Arbeitsbereich. Wie kann man sich denn vor alltäglichem Lärm schützen?

Zunächst einmal: Wer an einer lauten Maschine arbeitet oder ein lautes Hobby hat, sollte Gehörschutz tragen. Noch besser ist es, direkt leise Geräte zu kaufen. Bisher ist die Sensibilität an dieser Stelle leider gering. Sogar jemand, der sich durch Fluglärm belästigt fühlt, nimmt den lauteren Laubbläser.

Gerade wer unter Lärm leidet, sollte doch bewusster handeln – oder?

Die meisten achten vor allem auf den Preis. Dann haben sie noch Ansprüche an die Performance, nur eben nicht an den Schall. Es gibt durchaus leisere Laubbläser, etwa ohne Verbrennungsmotoren, diese sind allerdings ein paar Euro teurer.

Warum wird damit nicht von den Herstellern der Geräte geworben?

Weil viele denken, ein Gerät, das nicht laut ist, hat keine Power. Beispiel Staubsauger: Es gab eine Reihe von Versuchen mit Staubsaugern, die besonders leise konstruiert waren. Die Testkunden konnten sich allerdings nicht vorstellen, dass derart leise Geräte gut saugen – und lehnten sie ab.

Woran erkenne ich die leiseren Geräte?

Im besten Fall an der gesetzlich vorgeschriebenen Angabe zur Geräuschemission. Nur sind diese nicht immer verlässlich oder fehlen sogar. Ich habe bei einem Staubsauger erlebt, dass ein ‚Betriebsgeräusch’ von 60 Dezibel angegeben war, tatsächlich aber brachte er es auf 82. Das ist mehr als viermal so laut! Dazu sollte man wissen, dass die Dezibelskala logarithmisch aufgebaut ist: plusminus 10 Dezibel entsprechen daher einer Verdoppelung beziehungsweise Halbierung der Geräuschemission. Lassen Sie sich deshalb die Geräte vorführen – und kaufen Sie das leisere.

Warum greift der Gesetzgeber nach Ihrer Einschätzung nicht ein?

Die bisherigen Vorgaben sind offenbar zu kompliziert. Wir arbeiten daher an neuen Konzepten, etwa der Einteilung in Geräuschemissionsklassen A, B und C. Bei energiesparenden Geräten hat sich das bewährt. Wenn leisere Geräte besser erkennbar sind, wird der Anreiz für die Hersteller größer, solche auch anzubieten. Dass der Verbraucher durchaus Einfluss nehmen kann, zeigt sich an den Haushaltsgeräten für die Küche. Hier werben die Hersteller bereits gezielt mit leisen Produkten. Eine laute Spülmaschine akzeptiert heute kein Verbraucher mehr.

Bücher und Links

Geisel, SieglindeGeisel, Sieglinde:
Nur im Weltall ist es wirklich still.
Verlag Galiani Berlin, 2010, 192 Seiten, Euro 16,95

 

 

Koisser, HaraldKoisser, Harald:
Die Rückeroberung der Stille.
Orac Verlag, 2007, 122 Seiten, Euro 14,90

 

 

www.umweltbundesamt.de/laermprobleme/index.html

Das Umweltbundesamt informiert umfassend zum Thema Lärm: Von Aktionsplanung über Krankheiten durch chronische Lärmbelastung bis Zukunftsrat. Reinschauen lohnt.

www.ald-laerm.de

Der Arbeitsring Lärm (ALG) ist die Spezialeinheit der DEGA (Fachgruppe der deutschen Gesellschaft für Akustik) in puncto Lärmbekämpfung. Die Internet-seite informiert und regt an – zu mehr Engagement kontra Lärm.

www.tag-gegen-laerm.de

Bereits seit sechzehn Jahren gibt es den deutschsprachigen Tag gegen den Lärm, angelehnt an den „international noise awareness day“. Auf der Webseite dreht sich alles rund um den von DEGA und ALG initiierten Aktionstag.

oreo.spinnenwerk.de/nauenerneu

In der Lärmwirkungsforschung spielt das Projekt „Nauener Platz- Umgestaltung für Jung und Alt“ eine innovative Rolle. Wer sich informieren und inspirieren lassen möchte, kann per Mausklick so einiges darüber erfahren.

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Bei Staubsaugern gibt es erhebliche Unterschiede beim Betriebsgeräusch. Teilweise werden relativ hohe dB Angaben gemacht und der Sauger klingt eigentlich ganz angenehm, umgekehrt sind einzelne als leisse beworbene Modelle im Ton eher unangenehm. Auch das Geräusch der Bodendüse lässt sich leiser gestallten, was aber nicht alle Hersteller durchgängig machen. Daher ist Ihr Hinweis ganz wichtig: anhören!

Das mache ich immer, wenn ich ein Gerät empfehle. Denn schließlich soll man das Gerät auch angenehm anwenden. Sonst schiebt man das Staub saugen ja immer wieder auf :-)

Franziska Gerhardt
beim Verkeherslärm leider nicht berücksichtigt: immer mehr autos fahren mit wummernden Bässen und anderer "Musik"-Begleitung, viel schlimmer als die normalen Fahrgeräusche. Auch sonst in der öffentlichkeit immer mehr Jugendliche und auch Ältere mit Musikgeräten. Das sollte verboten werden, ist es z. T. auch, aber niemand sanktioniert es!
Rainer Killius
Das stimmt, die "Waffen" sind schärfer geworden, die Sensibilität jedoch nicht mitgewachsen. Wie subjektiv es außerdem wahrgenommen wird, zeigte mir folgendes Erlebnis: "Kavalierstart" eines Motorrades an einer Ampel. Ich zucke verärgert zusammen, während eine Passantin zu ihrer Begleitung sagt: "Pöh- die von meinem Schwager klingt geiler!"