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Tröstlicher Abschied

Eine neue Generation von Bestattern bietet, was in Todesfällen verloren gegangen ist: Ruhe, Besinnung, Trauerkultur. // Sylvia Meise

Bestatter Unwiderruflich. Was bleibt, ist eine entsetzliche, unbegreifliche Leere. Eben war der geliebte Mensch noch da, sein Atem zu hören, die Hand zu spüren, das Gesicht zu sehen. Doch jetzt ist er fort. Verschwunden im Kliniklabyrinth, abgeholt vom schwarzen Auto. Plötzlich ist man Trauerfall X, der von Institut Y abgewickelt wird. Ein bürokratischer Ablauf, der die Trauer aussperrt und suggeriert: Es muss so sein. Dabei stimmt das gar nicht! Es geht ganz anders.

Michael De Grauwe (62) hat beides erlebt und ist noch immer dankbar für den Tipp, die Frankfurter Bestatterinnen Sabine Kistner und Nikolette Scheidler anzurufen, als seine Mutter starb. Die 85-Jährige war dement und lag im Koma in einem Krankenhaus, als eines Morgens ihr Herz für immer aussetzte. Es ist drei Jahre her, doch die Erinnerung an jenen Tag wühlt ihn auf, als wäre es ges-tern geschehen: „Wir haben dem Personal gleich gesagt: ‚Wir nehmen unsere Mutter mit‘ und es hieß: ‚Kein Problem‘.“

Ringen um eine Tote

Einige Stunden später wurde dann aber genau das zum Streitpunkt. Wegen interner Abläufe musste die Familie warten und schließlich war die Pathologie geschlossen. Nach Vorschrift dürfen Verstorbene diese Klinik aber ausschließlich über diese Abteilung verlassen. Was folgte, beschreibt der gebürtige Belgier als aufreibendes und zähes Ringen um eine Tote. Schließlich waren alle entnervt, aber er durfte die Bestatterinnen rufen.

„Ich war emotional auf 180. Dann kam Frau Kistner und ging an meiner Familie und mir vorbei – ohne uns zu begrüßen! Ich dachte schon, geht das jetzt so weiter? Doch sie setzte sich zu meiner Mutter, nahm ihre Hand und sagte zu ihr: ‚Sie brauchen keine Angst zu haben. Wir machen gleich den Sarg zu, das wird ein bisschen dunkel. Aber dann bringen wir Sie an einen schönen Ort. Da können Sie in den Garten gucken.’“ Er stockt und schluckt. Die ganzen negativen Gefühle, „dieses pragmatische Maschinenabstellen, diese Ignoranz“, all das war plötzlich wie aufgelöst.

Es verblüffte ihn, wie die Bestatterin seiner Mutter Mut zusprach, und gleichzeitig vermeinte er zu spüren, dass diese den fürsorglichen Umgang wahrnahm. De Grauwe arbeitete vor seiner Pensionierung als Banker und versichert: „Normalerweise bin ich ein nüchterner Typ. Was ich nicht sehe, glaube ich nicht. Aber es war, als wäre ein Engel hereingekommen.“

Abschied nehmen mit Gartenblick

Im Bestattungshaus wuschen die Frauen dann die Verstorbene, zogen sie an und bahrten sie im „Abschiedszimmer“ auf – mit Gartenblick. Michael De Grauwe denkt zurück: „Ich habe ihren Tod als leichter empfunden als den meines Vaters. Ich denke, das liegt daran, wie die Gesellschaft mit dem Tod an sich und all seinen Folgen umgeht. Wie nüchtern das teilweise abgehandelt wird. Es war wunderbar zu erfahren, wie anders man das auch machen kann. Ich war überhaupt nicht niedergeschlagen. Es war … schön traurig.“

Sabine Kistner und Nikolette Scheidler gehören zu einer neuen Generation von 25 Bestattern, die in den letzten acht Jahren neue Unternehmen gegründet haben. Die ersten 14 sind zu einem kollegialen Netzwerk (www.bestatter-netz.net) zusammengewachsen und haben gemeinsam ein neues Leitbild für die Branche entwickelt, zu dem „Offenheit für unterschiedliche Lebenskonzepte“ ebenso gehört wie eine „respektvolle und mitfühlende Grundhaltung gegenüber Angehörigen und Verstorbenen“.

Wenn jemand nicht in der Frankfurter Umgebung beigesetzt werden soll wie Michael De Grauwes Mutter, die aus Aachen stammte, vermitteln Sabine Kistner und Nikolette Scheidler an eine der Kolleginnen weiter, die im bundesweiten Netzwerk von Berlin bis Freiburg organisiert sind.

Totenwache halten, Zeit für Erinnerungen

In Frankfurt sind Blumen, Kerzen und philosophische Bücher im ganzen Haus verteilt. Man fühlt sich gut aufgehoben, wie auf Besuch bei lieben Verwandten, bei Frauen, die genau wissen, was zu tun ist. Im Eingangsbereich steht ein Wasserbecken, darin schwimmen jetzt drei Kerzen, denn drei Verstorbene sind da. Einer von ihnen ruht im Abschiedszimmer, seine Familie wird gleich kommen. Dort gibt es auch eine Schlafcouch, denn man kann auch hier übernachten, um Totenwache zu halten. Ein Raum, der einlädt, seinen Erinnerungen nachzuspüren, sich Anregungen aus Büchern oder beim Bilderbetrachten zu holen – und in den wunderbaren Garten zu schauen. Es sind Nikolette Scheidlers Hände, die ihn pflegen und ihr Motto lautet: „Alles darf hier wachsen“, auch eine Zitronenmelisse, die sich unaufgefordert ausbreitet, schließlich duftet sie gut.

Wer einfühlsam ist und sich besonders viel Zeit nimmt, ist sicher auch besonders teuer? „Nein, aber das fürchten viele, die kommen, und bringen deshalb Freunde mit, damit sie nicht über den Tisch gezogen werden.“ Wenn man sich umhört, sind rund 2500 Euro Bestattungskosten normal. Auch die Frankfurterinnen liegen in diesem Rahmen. Dazu gehören dann etwa die Nutzung der Räume für eine Trauerfeier, die Aufbahrung im Abschiedszimmer und Anzeigen.

Auffällig an den neuen Bestattern: Sie sind überwiegend weiblich und allesamt Quereinsteiger. Darunter ehemalige Hebammen, eine Kauffrau, eine Kampfkunsttrainerin oder ein Psychologe. Sabine Kistner war Klinikseelsorgerin, Nikolette Scheidler Eventmanagerin, bevor sie 2005 Kurse zur Trauerbegleiterin absolviert und ihr Institut eröffnet haben. Verwunderlich ist der hohe Frauenanteil jedoch nur auf den ersten Blick. Vor 100 Jahren war es die selbstverständliche Aufgabe von Frauen, sich um Verstorbene zu kümmern.

„Wir führen es eigentlich dahin zurück, wie es früher war. Hebammen waren oft auch Leichenwäscherinnen“, erzählt Nikolette Scheidler, und Sabine Kistner ergänzt: „In sehr dörflichen Gegenden wissen die Menschen noch, was zu einer guten Trauerkultur gehört: Etwa, dass man jemanden zum Abschiednehmen zu Hause lässt, oder einen Kuchen backt, damit es gut riecht im Haus.“ Stattdessen herrscht heute oft Unsicherheit: Sobald jemand gestorben ist, haben die Angehörigen das Gefühl, „wir dürfen jetzt nichts mehr“, bedauern sie. „Doch erst, wenn man einen toten Menschen anfasst, spürt man die Kälte. Es pulsiert kein Leben mehr. Für die Trauerbewältigung ist es ganz wichtig, dass man das begreift.“

Den Tod begreifen und annehmen

Mindestens ebenso wichtig ist, dass man in seiner Trauer jemanden zur Seite hat, der den Toten noch immer als den Menschen ansieht, der er gewesen ist, und nicht als Leiche.

Aus diesem Grund kommt Michael De Grauwe jedes Jahr am Todestag seiner Mutter, trinkt einen Kaffee und bringt Blumen mit. „Hier ist mir meine Mutter wesentlich näher als auf dem Friedhof. Vielleicht wegen der Unterstützung, die ich hier erlebt habe.“

Zeit und Raum für Trauer

Raum für Trauer

Der richtige Raum zum Abschiednehmen
Den Verstorbenen noch einmal nach Hause holen, auch wenn er oder sie im Seniorenheim oder im Krankenhaus gestorben ist – für die Mitglieder des Bestattungs-Netzwerkes keine ungewöhnliche Bitte. Möglich ist auch die Aufbahrung in einem Abschiedsraum, wo sich Freunde und Verwandte in einer wohltuenden Umgebung gemeinsam mit dem Toten aufhalten können, solange sie wollen.

Raum für Trauer

Unterstützung und Begleitung rund um die Uhr
Trauernde brauchen Zeit – gemeinsam mit den Verstorbenen, für Gespräche, Fragen, Überlegungen und die Planung der Bestattung. Sabine Kistner und Nikolette Scheidler sind rund um die Uhr erreichbar, in ihrem Frankfurter Bestattungshaus oder im Rahmen von Hausbesuchen. Sie nehmen sich ausreichend Zeit, um mit den Trauernden zu überlegen, welche Art von Unterstützung jetzt die richtige ist.

Kommentare

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Irene Rieder
Ein wichtiger Beitrag,

geht es doch um ein Thema, das man erst mal nicht so gerne hat.Wenn man in der Situation ist, ist es dann besonders wichtig Hilfe zu erhalten, die einfühlsam ist. Dass dies mehr Frauen sind finde ich ganz normal, schließlich ist das "Umsorgen" doch ein weibliches Prinzip, was nicht heißt, dass dies nicht auch von Männern gelebt wird, aber eben nicht so häufig.

Gibt es auch in Bayern Adressen dieser Trauerbegleitung?

frdl.Gr. Irene Rieder, München