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Mensch, spiel mal wieder!

Spielen ist nur was für Kinder? Von wegen! Mit den Jahren wird es nur immer schwieriger, gleichaltrige Mitspieler zu finden. Es sei denn, man hat eine raffinierte Strategie … // Sabine Kumm

Spiele Es klingelt. Noch ein kurzer Blick in die Küche: Die Profiteroles stehen bereit. Salat und Häppchen warten abgedeckt in der Kammer. Wichtig: gleich daneben die Großpackung Haushaltskerzen. Ich atme tief ein und öffne die Tür.

Im Flur stellt uns Schwägerin Sarah erst mal ihren Neuen vor, wie immer Marke Männermodel. „Wolf“, sagt er und lässt seine Zähne aufblitzen. Dann taxiert er unauffällig unsere chaotische Garderobe und überprüft im Spiegel den Sitz seiner Frisur. Mein Schatz und ich wechseln einen Blick: Wann kommt die Kleine nur endlich zur Vernunft?

„Und ich bin Hajo“, meldet sich Sarahs zweiter Begleiter aus dem Hintergrund zu Wort. „Vielen Dank, dass ihr mich so kurzfristig mit eingeladen habt!“

Zerknautschtes Sweatshirt, Wuschelkopf mit ersten Silberfäden und wache Augen, die ganz offensichtlich keine Angst vor Lachfältchen haben – leider passt Sarahs alter Schulfreund so gar nicht in ihr Beuteschema.

Mögen die Spiele beginnen

„Mein Akku ist gleich leer, habt ihr ein Ladekabel?“ Sarahs Tochter Tessa hält mir gnädig die Wange zum Kuss hin, als Max aus seinem Zimmer stürmt und die 13-Jährige einfach mit sich zieht. Eigentlich ist es unter ihrer Würde, sich mit einem Erstklässler abzugeben, aber bald verrät das typische elektronische Blubbern, dass sie mit einem seiner Spielkonsolen-Abenteuer beschäftigt sind.

Ich mache mich auf die Suche nach grünem Tee, Wolf trinkt nämlich nichts anderes. Na, abwarten! Denn während ich unterwegs bin, fällt der Strom aus. Uuups!

Da sitzen wir nun, im Dämmerlicht des schwindenden Oktobersamstags, und alles Hantieren am Sicherungskas-ten nützt nichts. „Muss irgendwas von außen sein“, meint der beste Schatz von allen, nicht ohne mir einen prüfenden Blick zuzuwerfen. Ich zucke unschuldig mit den Schultern und denke an Opa, den Elektromeister, dem ich so oft helfen durfte. Die maulenden Kinder, jeglicher elektronischer Unterhaltungsmöglichkeiten beraubt, dürfen Kerzen in leere Flaschenhälse stecken und im Raum verteilen. Eine gute Idee, denn kaum flackern die ersten Lichter, wechselt die Atmosphäre schlagartig von krampf- zu zauberhaft.

Stromausfall, kein Grund zum Ärgern

„Mensch ärgere dich nicht“, meint Hajo gut gelaunt. „Was?“ Ich wage kaum zu glauben, dass Sarah mir da einen Joker frei Haus geliefert hat. „Habt ihr eins da? Wäre jetzt genau das richtige als Einstieg!“ Na klar haben wir! Und noch viel mehr. Im Schrank stapeln sich Monopoly, Scrabble, Cluedo, Elfenland und die Siedler von Catan, Carcassonne und Labyrinth, Dixit, Cranium, Uno … alles, was eigentlich nur in einer größeren Gruppe Spaß macht. Hajo betrachtet die Schachteln mit Kennerblick und erzählt, dass er sich schon im Studium mit Brettspielen beschäftigt hat.

„Bretter, die die Welt bedeuten“, nennt er sie liebevoll – ganz meine Meinung. „Also, wer macht mit?“ Tessa murmelt etwas von „alt“ und „langweilig“, hilft aber immerhin beim Aufbauen.

„Alt ist es auf jeden Fall“, stimmt Hajo zu, „und zwar schon über 100 Jahre. Die Soldaten des Ersten Weltkriegs spielten das Spiel zunächst in den Lazaretten und versuchten, sich mit einem Würfel und ein paar bunten Spielfiguren von ihren schrecklichen Kriegserfahrungen abzulenken … Noch heute gehen übrigens jährlich um die 100 000 ‚Mensch ärgere dich nicht‘ über den Ladentisch – nicht schlecht für so ein ‚altes‘ Teil, oder? Aber stell dir vor…“, fährt Hajo fort. „…du hättest vor ein paar hundert Jahren in Indien gelebt. Dann hättest du ‚Pachisi‘ gespielt, einen Vorgänger des heutigen ‚Mensch ärgere dich nicht‘. Vielleicht sogar mit Spielfiguren aus purem Gold, mit Smaragden und Rubinen besetzt oder aus Elfenbein geschnitzt, so viel wert war den Menschen damals das Spielen. Der indische Herrscher Akbar ließ im 16. Jahrhundert im Hof seines Palastes einen großen Spielplan anlegen, auf dem Bedienstete in verschiedenfarbigen Kleidern die Spielfiguren darstellten. Denn das Spiel stand auch für das menschliche Leben und den indischen Glauben an Tod und Wiedergeburt.“ Hajos Begeisterung springt über. Tessa hat er längst in seinen Bann gezogen. Und außer ihr noch jemanden – wir wagen es kaum zu glauben: Sarah hat glatt den Würfel in ihrer Hand vergessen und in ihren Augen liegt ein Ausdruck, als würde sie Hajo zum ersten Mal in ihrem Leben sehen.

„Ich habe jedenfalls keine Lust, die Zeit mit spießigen Brettspielen totzuschlagen. Lasst uns doch einfach ausgehen“, mäkelt Wolf, der mittels Spezial-App auf seinem Smartphone eine Sushi-Bar ganz in der Nähe entdeckt hat, Beleuchtung und stylisches Ambiente inklusive.

„Roher Fisch – zum Hochessen“, kommentiert Tessa, wendet sich zu Max und steckt sich den Finger in den Hals. „Komm, wir spielen weiter!“ Sarahs Würfel fällt endlich. „Eine Sechs! Hey, ich kann neu durchstarten!“ „Aber erst komm ich!“, triumphiere ich und ziehe mit einer Fünf um die Ecke. Max, der kleine Glückspilz, würfelt drei Sechser hintereinander. Dass die Tür ins Schloss fällt, hört keiner mehr. Zeit, die Häppchen aus der Küche zu holen.

Ist ja kaum zu glauben: Kaum betätige ich den Schalter, flutet Licht den Raum. „Sieh mal an“, sagt mein Schatz. „Licht aus!“, schreien die Kinder.

„Beim Spiel kann man einen Menschen in einer Stunde besser kennenlernen, als im Gespräch in einem Jahr“, sage ich. „Platon“, ergänzt Hajo und Sarah rückt grinsend noch ein bisschen näher zu ihm, „… ein alter Grieche – aber kein bisschen langweilig …“

Die Rezepte zum Spieleabend finden Sie auf hier.

Für jeden das richtige Spiel

Spiele in der FamilieOrientierung im „Spieledschungel“
Welches Spiel kommt als nächstes auf den Tisch? Eine Orientierung bietet die Internetseite www.brettspiele-report.de mit Beschreibungen und Bewertungen zahlreicher Spiele. Die Seite www.spiele-offensive.de bietet darüber hinaus auch die Möglichkeit, Spiele gegen Gebühr auszuleihen.

Der Mensch als „Pöppel“
Der Pöppel oder Halmakegel ist ­eine klassische Brettspielfigur. Sie stellt eine stilisierte menschliche Gestalt dar und kommt schon im ägyptischen Senetspiel aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. vor.

BrettspieleVon wegen altmodisch!
Spannung per Joystick oder Mausklick – Computerspiele haben zwar viel zu bieten, aber die Verkaufszahlen der Brettspiele steigen konstant, selbst wenn es eine Computerversion desselben Spiels gibt.

Spiel des Jahres„Spiel des Jahres“
Seit 1979 gibt es den deutschen Kritikerpreis „Spiel des Jahres“,
der weltweit als bedeutendster Spielepreis gilt. In Deutschland werden besonders viele Spiele erfunden – rund 350 im Jahr.

UmweltspieleUmweltspiele – mehr als Spaß
Umweltschutz, Gentechnik, Klimawandel – damit befassen sich Spiele wie „Ökolopoly“, „Genwelt“ oder „Öko“. Mehr darüber auf der Seite: www.ubb.de/htm/projekte_umweltspiele.php

Am Puls der neuen Spiele
Spielemessen informieren hautnah über Neuerscheinungen und Klassiker des Spielemarkts. Zum Beispiel die „Spiel 2012“ in Essen (18.10. – 21.10.12) und die „Süddeutsche Spielemesse“ (22.11. – 25.11.12). Weitere Messen unter: www.messen.de/de/suchen?q=Spiele+Brettspiele

Julian HSabine KummeiermannSpielen macht in der Gruppe erst richtig Spaß, meint Autorin Sabine Kumm. Und überzeugt die anderen mit einem Bluff davon, was für sie am besten ist.

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