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Das Glück dieser Erde

Hunderttausende Menschen in Deutschland sind begeisterte Reiter. Aber Reiten kann mehr sein, als nur ein Hobby. Wegen ihrer Sanftheit und einfühlsamen Art werden Pferde auch in der Therapie eingesetzt. // Astrid Wahrenberg

Pferde Ein Pferd steht auf der Wiese, ein weites Tal, kein Zaun weit und breit. In einiger Entfernung sitzt ein Mann reglos im Gras. Ab und zu dreht das Pferd den Kopf und schaut hin. Stunden vergehen, die Sonne versinkt hinter den Bergen. Irgendwann nähert sich das Pferd dem Mann, senkt seinen Kopf, lässt sich streicheln und geht mit ihm mit. Der Mann heißt Robert Redford. Er spielt die Hauptrolle in dem Film „Der Pferdeflüsterer“. Millionen Menschen haben bei dieser Szene die eine oder andere Träne verdrückt. Er erzählt, wie ein verstörtes Pferd dem Menschen wieder vertrauen lernt, weil es einfühlsam behandelt wird. Vielleicht ist es das, was viele am Pferd fasziniert: Die Zuneigung dieses starken Tieres, die sich nicht erzwingen lässt. Und natürlich ist es auch der Spaß am Reiten, das sich Tragen und Wiegen lassen im Rhythmus des warmen Pferderückens.

Pferde als ideale Co-Therapeuten

Nach dem Film gab es einen Pferdeflüsterer-Boom. Zahlreiche Trainer lehren heute Reiter, wie sie Pferde ohne Gerte und Sporen mit klaren Signalen in einer Art Pferdesprache trainieren können. In diesen sogenannten „Natural Horsemanship“-Programmen lernt der Mensch viel über sich selbst. Denn Pferde spüren, ob jemand ängstlich, wütend, unsicher oder traurig ist, sie registrieren Muskelspannung, Atemfrequenz und ­-rhythmus. Sie fühlen und spiegeln, wie es im Innersten um uns bestellt ist.

Mit ihrer feinen Wahrnehmung und ihrem sozialen Wesen sind Pferde auch ideale Partner beim tiergestützten Coaching. Das Training soll die persönliche Entwicklung fördern und Körpersprache sowie Kommunikation verbessern, um beispielsweise im Geschäftsleben besser mit Kollegen, Chefs oder Kunden klarzukommen.

Sensible Rückmeldung

Pferde kommen aber auch bei viel existenzielleren Problemen zum Einsatz. Aus den USA stammt die in Deutschland noch relativ unbekannte Therapie namens Equine Assisted Psychotherapie (EAP). Dort wird diese pferdegestützte Psychotherapie schon lange bei schweren Traumen, etwa bei Vietnam-Veteranen mit posttraumatischem Be-lastungssyndrom, eingesetzt. Das äußert sich in Zittern, Schwindel, Schweißausbrüchen und Herzrasen, wenn das Kriegserlebnis plötzlich wieder vor dem inneren Auge abläuft. Weil die Betroffenen unter großer Anspannung stehen, verlieren sie oft das Gefühl für ihre Emotionen. Pferde können ihnen helfen, sich selbst wieder besser wahrzunehmen. Die Tiere reagieren auf Angst mit Nervosität und Anspannung, geben also ein unmittelbares Feedback.

Die Deutsche Kriegsopferfürsorge bietet EAP seit einiger Zeit auch deutschen Kriegsheimkehrern an – mit Erfolg. Die Therapie habe selbst bei Patienten, deren Einsatz und traumatisches Erlebnis vor vielen Jahren stattfand, sehr gut angeschlagen, schreibt der Verband auf seiner Homepage.

Schon seit Jahrzehnten bewährt sind verschiedene Reittherapien bei Menschen mit körperlichen, seelischen oder sozialen Entwicklungsstörungen und bei Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen. Auf körperlicher Ebene wirkt die Reittherapie durch die rhythmische Bewegung. Beim Reiten im Schritt wird der Mensch auf dem Pferd ganz ähnlich bewegt, wie wenn er zu Fuß geht. Die dreidimensionalen Bewegungen des Pferderückens übertragen sich auf den Menschen. Das verbessert Haltung und das Körpergefühl, trainiert die Muskulatur und stimuliert das Gehirn. Verspannungen lösen sich, so kann der Körper einmal ganz anders wahrgenommen werden. Für die Arbeit mit Kranken müssen die Tiere speziell ausgebildet und sehr charakterfest sein, denn sie kommen in engen Kontakt zu teilweise völlig hilflosen Menschen. Dabei vollbringen sie manchmal Erstaunliches.

Zurück ins Leben

Für die Arte-Dokumentation „Die heilende Sprache der Pferde“ hat ein Kamerateam schwer kranke Patienten begleitet, unter anderem Monika. Die junge Frau war durch einen Unfall ins Wachkoma gefallen und reagierte nicht auf menschliche Kommunikation. Therapiepferd Felicità nahm jedoch immer wieder Kontakt zu der im Rollstuhl sitzenden Frau auf, roch mit ihren weichen Nüstern vorsichtig an Kleidung, Haaren oder Gesicht, blies dabei ihre warme Atemluft aus oder stupste Monika sanft an. Bei den unkontrollierten, eckigen Bewegungen der behinderten Frau blieb das Pferd völlig entspannt. Monika kämpfte sich in neun Monaten Pferdetherapie Stück für Stück ins Leben zurück. Am Schluss sieht man sie lächelnd und aufrecht im Sattel, dicht hinter ihr eine Begleitperson auf dem Pferderücken, die leicht ihren Rücken stützt. Monikas Therapeutin führt das Pferd zwar noch am Strick, doch sie selbst hält schon die Zügel in der Hand.

Vier Formen des therapeutischen Reitens

Hippotherapie
Der Patient wird durch das Pferd bewegt, bei bestimmten Erkrankungen des Zentralnervensystems und des Stütz- und Bewegungsapparates. Von Physiotherapeuten mit Zusatzausbildung angeboten.

Heilpädagogische Förderung
Soll durch den Umgang mit dem Pferd die geistige Entwicklung fördern, gegen Ängste helfen und Selbstvertrauen aufbauen. Von Pädagogen, Psychologen und Psychotherapeuten mit Zusatzausbildung angeboten.

Ergotherapeutische Förderung
Schult Beweglichkeit bei Menschen mit spastischer Lähmung, Schlaganfall-Patienten, auch nach Knochenbrüchen oder Amputationen. Von Ergotherapeuten mit Zusatzausbildung angeboten.

Therapeutisches Reiten
Bei psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Depressionen und Essstörungen. Das Pferd spiegelt durch seine sensible Wahrnehmung Verhaltensmuster. Von Psychologen und Psychotherapeuten mit Zusatzausbildung angeboten.

Interview

„Das Pferd muss gut ausgebildet, gutmütig und geduldig sein.“

Julian HeiermannIna El Kobbia ist Geschäfts-
führerin vom Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR).

Wer darf sich in Deutschland Reittherapeut nennen?

Im Grunde jeder, denn das ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Es ist daher sehr wichtig auf die Ausbildung des Therapeuten zu achten.

Woran erkenne ich seriöse Therapeuten?

Unser Verband hält derzeit die höchsten Anforderungen in Deutschland. Unsere Richtlinien werden in Gerichtsverfahren bis hin zum Bundesgerichtshof als Maßstab herangezogen. Ein Hippotherapeut-DKThR muss beispielsweise ausgebildeter Physiotherapeut oder Mediziner mit mindestens einem Jahr Berufserfahrung sein, dazu muss er eine reiterliche Ausbildung, etwa das Reitabzeichen und Longierabzeichen nachweisen. Die Zu-satzausbildung bei uns dauert dann circa ein Jahr.

Was zeichnet ein Therapiepferd aus?

Es kommt nicht auf die Rasse an, entscheidend ist, dass Größe und Körperbau zu den Patienten passt. Bei Kindern darf beispielsweise der Pferderücken nicht zu breit sein, weil sonst das Becken des Kindes blockieren könnte. Das Pferd muss gut ausgebildet, gutmütig und geduldig sein. Eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass das Pferd sich wohlfühlt. Dafür trägt der Mensch die Verantwortung. Wir verlangen daher eine artgerechte Haltung im Offenstall. Das Pferd lebt im Herdenverband, idealerweise mit Weidegang. Außerdem muss es auch regelmäßig Korrektur geritten werden, Doppellongenarbeit gehört ebenso dazu. Das braucht das Pferd als Ausgleich zur Arbeit mit Patienten.

Bezahlt denn die Krankenkasse diese Therapie?

Die gesetzlichen Kassen leider nicht, private Kassen manchmal. Als Begründung heißt es, dass es zu wenige wissenschaftliche Studien gibt, die den Nutzen nachweisen. Ganz richtig ist das nicht, denn wir haben einige Studien, allerdings nur mit kleiner Patientenzahl. Deshalb haben wir 2009 eine große Multicenterstudie als Studienträger ins Leben gerufen, daran sind fünf Institute in Deutschland beteiligt. Wissenschaftlicher Leiter ist Professor Dr. Martin Häusler vom Universitätsklinikum Aachen. Bis zu 120 Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 16 Jahren, die seit ihrer Geburt beidseitig spastisch gelähmt sind, werden innerhalb von vier Jahren untersucht.

Gibt es schon Ergebnisse?

Die Studie läuft noch eineinhalb Jahre, aber wir können zum jetzigen Zeitpunkt schon absehen, dass sich ein sehr positiver Verlauf zugunsten der Hippotherapie abzeichnet. Sie ist ziemlich erfolgreich und wirkt teilweise sehr viel effizienter als jede andere ärztlich verordnete Bewegungsmaßnahme.

Bücher und Links

Ostendorf, StephanieOstendorf, Stephanie:
Ich lerne von dir, du lernst von mir – Reiten im Sinne der Pferde.
Schirner Verlag, 2012, 160 Seiten, 17,95 Euro

Strauch, Silvia Christine

Strauch, Silvia Christine:
Wie Pferde denken.
BLV-Verlag, 2010, 63 Seiten, 7,95 Euro

www.youtube.com
Arte-Dokumentation „Die heilende Sprache der Pferde“ ist in vier Teilen auf Youtube zu sehen: www.zdf.de, Link Mediathek, Suchbegriff Wild Germany, Germany im Krieg (Pferdegestützte Psychotherapie)

www.ifert-reittherapie.de
Informationen über die Ausbildung zum Reittherapeuten am Institut Ifert. Der Schwerpunkt liegt hier auf der erlebnisorientierten Synthese von Psychotherapie, Körperarbeit, Heilpädagogik und Arbeit mit dem Pferd.

www.dkthr.de
Webseite des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten e.V. Die Seite bietet nähere Informationen über alle Aspekte des therapeutischen Reitens und das Gütesiegel „Anerkannte Einrichtung“. Die Erarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen und Förderung wissenschaftlicher Publikationen ist in den letzten Jahren von großer Bedeutung, weil die Kostenträger dies einfordern.

www.forum-atp.eu
Webseite des Forums der Ausbildungsträger einer Therapie mit dem Pferd. Das Forum bietet einen Überblick über verschiedene angeschlossene europäische Verbände, die sich unter anderem auf eine gemeinsame berufliche Ethik und Qualität verständigt haben.

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Eva Windisch
Hippotherapie ist mit Sicherheit für die betroffenen Menschen eine feine Sache. Aber schauen Sie sich bitte mal die Pferde an! Leere abgeschaltete Augen, ein Gesichtsausdruck, welcher nur noch Resignation ausstrahlt. Da ist keine Kraft, keine Energie, kein Stolz, keine Freiheit,keine Brillanz - all das wofür eigentlich ein Pferd steht. Diese Therapieferde müssen - genau wie Reitschulpferde oder Karussellpferde - einfach nur funktionieren. Sie dürfen keinen eigenen Willen mehr haben, keine Individualität, keine Lebensfreude. Sicher ist es schön, dass sie im Offenstall leben dürfen - aber ansonsten geht es auch hier mal wieder nur um das Ausbeuten von Tieren zugunsten des Menschen.

Mit dem Pferen zusammensein - im Sinne der Pferde - ist so etwas jedenfalls nicht.



Wen es interessiert: Unter www.mitpferdensein.de kann man eine ganz wunderbare Arbeit mit den Pferden sehen, bei der es eben nicht um's Funktionieren geht, sondern darum, das Pferd in all seinen wunderbaren Eigenschaften zu förden, vor ihm Respekt zu haben und sich selber zu reflektieren und an dem Zusammensein mit dem Pferd zu wachsen und gleichzeitig auch Demut vor der Kreatur zu lernen.
Veronika Danzer - La Fortune
Toll wir arbeiten genau so ! www.being-with-horses.com & www.healing-with-horses.com mit differently Challangend Kindern in der KaribcTOBAGO

Danke für den Bericht!