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Stricken? Rockt!

Klorolle, Kratzwolle, Kirchenbasar? Nix da! Moderne Stricklieseln peppen Heim, Web und Straße auf und häkeln gemeinsam an ihren Träumen. Maschen zählen ist Kult! // Sylvia Meise

Stricken Regenbogenbunt tanzte es vor meinen Augen: Dieses Garn muss mit! Zuhause strahlt die Beute: zwei Mal Baumwolle in Fuchsia und Lila (eingeplant als tunesisch verhäkelte Topflappen für Mutterns Weihnachten), unverhofft dagegen die zwei Farbsprüher in Orange-Gelb-Türkis, denen ich nicht widerstehen konnte, auch wenn sich das Etikett schnarchig las: Sockenwolle, 4-fädig. Bin ich denn verrückt geworden? Socken? "Ich rate zur Bumerangferse – Anleitungen gibt's im Internet", zwinkerte die Frau im Wollladen.

Runtergeladen, ausgedruckt: "Eine doppelte Masche arbeiten. Dafür den Faden vor die Arbeit legen, von rechts in die erste Masche einstechen, dann Masche und Faden zusammen abheben und den Faden FEST nach hinten ziehen." Wie? "Elizzza" war meine Rettung. Die kreative Webfrau aus Österreich erklärt Fersenstricken per Video auf ihrer Homepage "nadelspiel.com". Nach den ersten Übungspaaren angefixt, sollen es jetzt anspruchsvollere Projekte sein. Zwar gibt es durchaus ein paar nette Strickzeitschriften, wer aber echt Schönes sucht, vielfältig und stylish, muss ins Netz. Die beste Fundgrube ist die US-Plattform "Ravelry", die von Garn-Adepten weltweit bestückt wird, oft sogar mit kostenlosen Anleitungen. Mitglieder der Community können sich präsentieren und stolz auf Kommentare warten wie "Love this pattern! So beautiful!"

Wundernetz Ravelry

Weil so vieles ausprobiert werden will, hat man am besten mehrere Baustellen. Denn: Je nach Anforderung, Komplexität des Musters, Anzahl der Nadeln oder Garnknäuel kann das angefangene Werk cooles Flow-Erleben bescheren oder aufribbel-gaga machen. Der "Rippenschal" war so einer. Erst musste mir Wolldesignerin und Ravelerin Margarete Dolff erklären, wie man "2 über 2 nach links kreuzt". Und dann: permanent aufpassen – nix da mit bei Rosenholznadelgeflüster vor mich hin träumen.

Margarete Dolff färbt ihre Wolle selbst und nimmt am liebsten Öko-Wolle. Mittlerweile haben alle gängigen Marken auch eine "Öko-Linie". Die Bezeichnung ist allerdings umstritten, da das Öko-Tex-Siegel zwar Pestizid- und Giftrückstände prüft, aber nichts über Herstellungsbedingungen oder Aufzucht der Tiere aussagt. Eine Kennerin wie Dolff jedoch findet die handgefärbte, hochwertige Schafwolle – die umso besser ist, je weniger Farbe sie braucht – mit den Fingerspitzen. Ursache von Wollallergien, betonen Designerinnen und Hersteller, sei eher die Behandlung minderwertiger Wolle mit Weichmachern und Farbstoffen als die Wolle selbst.

Balsam für Leib, Geist und Seele

Auch Hirnforscher, Mediziner und Psychologen finden Stricken gut. Nadelkunst ist nämlich auch Mathematik und Systematik – also Hirntraining pur – und wirkt als Auslöser für Tiefenentspannung. Lässt sich bei leichteren Projekten testen. Zeigt das geniale Utensil Reihenzähler 20 Reihen weniger an, als das mühsame Nachzählen ergibt, war man mal eben weg.

Natürlich ist auch die Anerkennung wichtig – deswegen gibt's im Internet unzählige Blog-Schaukästen der Fingerfertigkeit. Eine besonders faszinierende Idee hatte die amerikanische Mathematikerin Daina Taimina. Sie verwandelte "hyperbolische Geometrie" in Häkelobjekte. Die Theorie der nichteuklidischen, sozusagen gekräuselten Räume, bei denen sich parallele Linien schneiden, lässt sich schwer erklären, Taimina verhalf ihnen mit diesem Trick zu ästhetischer Anschaulichkeit. Etliche Jahre später fand Margret Wertheim aus Queensland die Anleitungen und verwertete sie mit ihrer Zwillingsschwester Christiane auf ganz eigene Weise (siehe unten). Die Einladungen zum Mitmachen zwitschern vielfach verzwirnte Netzwerke an ihre Strickgemeinde. Meist sind es Frauen, doch auch Männer zählen zu den wohlgelittenen Sockenstrickern. Die Info-Fäden kreuzen oft auch die Webseite der "Initiative Handarbeit". Dort wird zum Stricken gegen Brustkrebs aufgerufen. Ganz aktuell sammelt "Knitting for Japan" Babyausstattungen für junge Mütter, die Opfer des Erdbebens geworden sind. Ist das Hilfspaket verschickt, die Sockenkis-te prallvoll und die Nadelsucht piekt? Dann könnte Strickgraffiti ein Ausgleich sein. Der Welt einen eigenen Stempel aufdrücken, eine Botschaft oder bunte Augenfänger an Laternenpfähle nähen ist der besondere Kick, der auch Strickguerilla, Street Art Knitting oder Yarnbombing heißt und gerade Deutschland umgarnt. Meist wird der Spaß toleriert, aber ganz legal ist das nicht.

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann ja Weihnachtskugeln stricken, Schnecken oder Großmutters Läppchen "Granny Squares" und dann zusammen mit ausgesuchten Strickschwestern eine Decke nähen oder ein neues Projekt aufnehmen. Cast on – nur nix fallen lassen.

Eine Liste mit Literaturtipps und Bezugsadressen für Wolle finden Sie unter www.schrotundkorn.de/stricken

Korallenriff aus Wolle

Mit ihrer Schwester Christiane verknüpft Margret Wertheim Kunst und Wissenschaft im "Institute For Figuring". Irgendwann begannen sie, aus hyperbolischen Garnwellen ein ganzes Korallenriff mit Seeanemonen und Muscheln zu häkeln. Was als Zweieraktion begann, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Häkler rund um die Welt ergänzten das Riff, heute tourt es als Wanderausstellung durch die USA.

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