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Wie bleiben wir gesund?

Krankheiten und Krisen gehören zum Leben – wir können sie fürchten, zu vermeiden versuchen oder uns seelisch und körperlich auf den Umgang mit ihnen einstellen. Dabei hilft das Gesundheitskonzept der Salutogenese.// Sabine Kumm

Salutogenese Bauchfett führt zum Herzinfarkt, kalte Füße zu Schnupfen, Sonnenbaden zu Hautkrebs, chronischer Stress erhöht das Demenz-Risiko, wer raucht, riskiert einen Schlaganfall – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Was uns krank macht, erfahren wir tagtäglich aus den Medien oder in den Sprechzimmern unserer Ärzte. Denn die Schulmedizin der letzten 200 Jahre ist hauptsächlich auf die Entstehung und die Bedingungen von Krankheiten – medizinisch: „Pathogenese“ – ausgerichtet. Ist die Krankheit therapiert, gilt der Mensch als gesund.

Dagegen setzt die „Salutogenese“ (zu Deutsch: „Entstehung von Gesundheit“) bei einer anderen Frage an: „Welche Faktoren unseres Lebens und unserer Persönlichkeit tragen eigentlich dazu bei, dass wir gesund bleiben oder mit Krisen möglichst gut fertig werden?“

Schwimmer im dunklen Strom

Entwickelt wurde der Grundgedanke der Salutogenese in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky. Zur Veranschaulichung setzt er das Leben mit einem gefährlichen Fluss gleich, in dem wir alle schwimmen: Stromschnellen, Strudel und Windungen sorgen dafür, dass wir uns in einem ständig bedrohten gesundheitlichen Gleichgewicht befinden. Während pathogenetisch ausgerichtete Therapeuten immer wieder versuchen, uns wie Rettungsschwimmer aus dem Fluss zu ziehen, gehen salutogenetisch orientierte Therapeuten davon aus, dass wir uns von Natur aus gut über Wasser halten können und lediglich eine Optimierung unserer „Schwimmtechniken“ benötigen.

Im Denkmodell der Salutogenese steht Gesundheit für mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit – sie bezeichnet ein sich ständig änderndes Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen, die wir nie hundertprozentig erreichen können. In jedem gesunden Zustand bleibt ein Stück Krankheit, in jeder Krankheit gibt es auch noch ein Stück Gesundheit. Das Hauptaugenmerk richtet sich auf die persönlichen Ressourcen, nicht auf die Symptome.

Wie bei der Krebspatientin, die im Onkologie-Forum erzählt: „Der richtige Weg ist ein gesundes Denken, es ist realistisch, lässt Rückschläge zu, ohne am Erfolg zu zweifeln.“ Meditationsübungen wie kleine Reisen an einen Ort der Ruhe und Geborgenheit gehören nun zu ihrem Alltag – sie achtet sorgfältiger auf die Signale ihres Körpers, findet Geborgenheit in den Freundschaften mit Mitgliedern ihrer Selbsthilfegruppe, kurz: Sie arbeitet daran, eine „bessere Schwimmerin“ zu werden.

Schatzsuche statt Fehlerfahndung

Wer sich im Fall einer Krankheit auf die achtsame Suche nach Kraftquellen begibt, statt wie bei einer reparaturbedürftigen Maschine nach „Fehlern im System“ zu fahnden, löst sich von der Fixierung auf das Negative.

„Was fehlt Ihnen?“ fragt der Schulmediziner. „Was haben Sie?“ fragt der salutogenetisch geschulte Therapeut.

Doch welche ganz persönliche Grundausstattung befähigt uns nun dazu, im Fluss des Lebens den Kopf über Wasser zu behalten? Das Ergebnis von Antonovskys Untersuchungen hat auf den ersten Blick erstaunlich wenig mit dem Gesundheits-Dreiklang der Präventivmedizin „vernünftige Ernährung“, „Bewegung“ und „Vermeidung von Stress“ zu tun.

Zunächst einmal ist eine psychische Grundkonstellation entscheidend für unsere Gesundheit, die er zusammenfassend als „Kohärenzgefühl“ – als das Erleben von „Stimmigkeit“ mit unserem Leben – bezeichnet. Sie setzt sich aus drei Faktoren zusammen: Zum einen müssen wir die Welt und das, was mit uns geschieht, als verständlich und nachvollziehbar begreifen (Verstehbarkeit).

Weiter hilft uns die Zuversicht, mit den Herausforderungen des Lebens wirklich fertig zu werden, sowohl aufgrund eigener Kraftquellen als auch durch das Vertrauen in soziale Netzwerke oder den Halt durch eine höhere Macht (Handhabbarkeit).

Und schließlich – als wichtigste der drei Komponenten – brauchen wir das Gefühl, dass unsere Existenz einen Sinn hat, dass wir unser Leben, unsere Ziele und unser Tun für wertvoll und lebenswert halten (Sinnhaftigkeit).

Erst wenn diese Stimmigkeit vorhanden ist, können wir uns nachhaltig auf konkrete gesundheitsfördernde Maßnahmen einlassen. Dabei kann die feste Überzeugung, in der Familie gebraucht zu werden, einen ebenso starken Impuls in Richtung Gesundheit setzen wie ein verschriebenes Medikament. Oder die Erinnerung an die Baumhäuser der Kindheit ruft wieder echte Freude an Bewegung wach, die für die Rehabilitation nach einer schweren Krankheit so dringend notwendig ist.

Entscheidend ist, dass Pathogenese und Salutogenese einander nicht ausschließen – ganz im Gegenteil: Im Krankheitsfall kann die Besinnung auf die persönlichen Kraftquellen eine ideale Ergänzung zur medizinischen Therapie sein.

Hauptaspekte der Salutogenese

Zwischen gesund und krank
Ein „Entweder-oder“ gibt es nicht. Gesundheit und Krankheit sind die Pole, zwischen denen der Mensch sich bewegt. Einmal ist er näher an dem einen, einmal näher an dem anderen.

Der ganze Mensch
Die Diagnose und Behandlung geht über organische Beschwerden und die Suche nach einem bestimmten Krankheitsbild hinaus. Die ganze Lebensgeschichte inklusive psychischer und sozialer Faktoren wird berücksichtigt.

Über den Tellerrand
Die Salutogenese sucht nicht nur nach Risikofaktoren, die bestimmte Krankheiten begünstigen. Sie versucht auch, Kraftquellen aufzudecken, die für die Gesundung wichtig sind.

Standhalten
Die gesundheitlichen Belastungsfaktoren müssen nicht zwangsläufig vermieden oder abgebaut werden. Es kommt vielmehr darauf an, Ressourcen zur Bewältigung dieser Faktoren aufzubauen, also das Kohärenzgefühl zu stärken.

Interview

„Die Kommunikation im direkten Dialog ist unersetzbar.“

Majda Rozina DolencTheodor Dierk Petzold ist Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und Leiter des deutschen Zentrums für Salutogenese.

In welchen Bereichen kommt das Konzept der Salutogenese besonders zum Tragen?

In der Allgemeinmedizin, der Gesundheitsförderung und Prävention, der Psychosomatik, beim Coaching, in der Pädagogik, Krankenpflege und Physiotherapie. Die Feldenkrais-Methode zum Beispiel arbeitet schon immer ganz stark mit salutogenetischen Elementen, ebenso wie die Anthroposophische Medizin.

Um im Bild des Flusses zu bleiben: Nehmen wir einmal an, ich bin akut erkrankt, drohe also unterzugehen. Was kann ich tun?

Ich suche mir den richtigen Helfer aus, der kurzfristig wie ein Floß wirkt, auf dem ich ausruhen kann. Auf lange Sicht kann ich dann Schwimmen lernen, das heißt, mehr Eigenkompetenz für mein Wohlergehen entwickeln.

Erst akute Beschwerden behandeln, dann langfris­tig Kräfte stärken – ist salutogenetisches Handeln also eine sinnvolle Ergänzung zum pathogenetischen Ansatz der Schulmedizin?

Es ist nicht nur eine Ergänzung, es ist bereits die Bewertungsgrundlage auch für akute Situationen. Nicht alle vermeintlichen Notfälle müssen wirklich „aus dem Fluss gezogen“ werden. Bei einem Schmerzpatienten beispielsweise kann es sinnvoller sein, zuzuhören und die richtigen Fragen zu stellen, statt Medikamente einzusetzen. In welcher Situation tauchen diese Schmerzen auf, wann lassen sie nach? Kann ich das bewusst beeinflussen? Was sagt das über mich aus? Aus der Beantwortung dieser Fragen wächst dann die nachhaltige Motivation für weitere gesundheitsfördernde Maßnahmen.

Was ist Ihnen persönlich besonders wichtig am salutogenetischen Gedanken?

Ich halte die Kommunikation im direkten Dialog für unersetzbar. Ein Großteil davon läuft nonverbal ab – man spürt die Verbindung und die Nähe zu einem Gegenüber mit allen Sinnen. So bekommen Menschen die positive Resonanz, die sie dringend brauchen.

Was kann ich nachhaltig für meine Gesundheit tun?

Man sollte sich immer wieder selbst fragen: Was gibt meinem Leben langfristig einen Sinn? Was zieht mich an? Dieser Blick auf das Ziel ist das Besondere an der Salutogenese. Kurzfristig heißt das: Was tut mir gut? Was baut mich auf?

Im Zusammenhang damit: Welche Ressourcen habe ich zur Verfügung? Was brauche ich noch? Und – falls ein Vorhaben nicht geklappt hat: Was lerne ich daraus? Diese Grundfragen lassen sich auf allen Daseinsebenen weiter ausdifferenzieren.

Weitere Fragen und Denkanstöße finden Sie im Internet unter www.schrotundkorn.de/salutogenese

Bücher und Links

Petzold, Theodor DierkPetzold, Theodor Dierk:
Praxisbuch Salutogenese
Südwest Verlag, 2011, 208 Seiten, 17,99 Euro

Schiffer, EckhardSchiffer, Eckhard:
Wie Gesundheit entsteht
Schatzsuche statt Fehlerfahndung
Beltz Verlag, 2001, 180 Seiten, 14,90 Euro

www.salutogenese-zentrum.de
Webseite des Zentrums für Salutogenese, ein Netzwerk mit Fortbildungsprogrammen, eigener Zeitschrift und jährlichem Symposium. Interessant: eine umfassende Datenbank zu Literatur und Veröffentlichungen.

www.eckhard-schiffer.de
Webseite von Dr.med. Eckhard Schiffer mit Referaten, Interviews und Aufsätzen zum Thema Salutogenese mit besonderem Augenmerk auf die Gesundheitsförderung von Kindern.

www.optipage.de/salutogenese.html
Übersichtsbeitrag unter besonderer Berücksichtigung der Gesundheitsbildung. Verfasser ist Gottfried Neuhaus, Dozent und Trainer für Kommunikation, Prävention und Salutogenese.

www.dr-peter-vogt.de
Webseite von Dr.med. Peter Vogt, Experte für Salutogenese und Burnout-Prophylaxe. Lesenswert: als Download ein ausführlicher Artikel „Über die Kunst, ein möglichst gesundes Leben zu führen“.

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Paulchen
Durch diesen Artikel bin ich auf die Salutogenese aufmerksam geworden. Diese Idee finde ich gut, denn sie entspricht und staerkt mein Lebensgefuehl. Unterstreichen moechte ich jedoch, daß ich persoenlich, wie auch beschrieben, die akuten Beschwerden nach der Schulmedizin behandeln lassen wuerde und im Einklang mit der Salutogenese mehr Eigenkompetenz fuer meine Genesung und mein weiteres Wohlergehen entwickeln wuerde. Ich glaube, meine Lebensfuehrung wird sich ein wenig verbessern.
Nett-Kleyboldt Silvia
Beim Durchlesen der obigen Punkte kommt als erstes die Frage auf: Habe ich da ein Defizit? d.h. liegt da ein Fehler/Fehlen zu Grunde!

Die Orientierung auf die SCHATZSUCHE bedeutet, meine Kraftquellen aufzuspüren. Dafür sind die Fragen zu allgemein.