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Von mir für dich

Augen zu und dran vorbei – wo Krankheit und Tod im Spiel sind, wollen wir meistens nicht näher hinsehen. Aber nur dann können wir anderen helfen – zum Beispiel mit einer Knochenmarkspende. // Sabine Kumm

Knochenmarkspende Uniklinik Freiburg, Internistische Onkologie. Aus einem Rendezvous mit einem Genesenden ist ein Krankenbesuch geworden. „Rezidiv“, das heißt Rückfall. Noch kann ich mir nichts darunter vorstellen. Ich gehe durch stille Gänge mit blank polierten Böden, in der Luft ein schwacher Hauch von Medizin und Mittagessen. Die Zimmernummer, die Klaus mir genannt hat, ist leicht zu finden. Schwieriger ist es, einzutreten. Ich atme noch einmal durch. Neben der Tür, wie ein Weihwasserbecken, ein fest installierter Spender für Desinfektionsmittel. „Muss ich irgendwas beachten?“, habe ich ihn am Telefon gefragt. „Desinfizier dir die Hände, bevor du reinkommst!“

Er liegt im Bett gleich neben dem Fenster, mein alter Freund. Die Sonne scheint gedämpft durch den zugezogenen Vorhang. Über seinen Laptop huschen die Figuren eines Computerspiels. „Gewinnst du oder verlierst du?“ „Ich lenke mich ab“, meint er. „Ich komm hier nicht ins Internet!“

Besitz auf Zeit

Ich hätte ihn überall sofort erkannt, nur seine Augen sind zu groß geworden für sein schmales Gesicht. Kein Wunder, auf einen Meter neunzig verteilen sich schwache 52 Kilo. Gerade noch genug für ein paar Muskeln. In der Ecke steht ein Rollator, mit Klebstreifen ist sein Name daran befestigt. Besitz auf Zeit. „Ich kann nicht mal mehr pfeifen“, sagt er und versucht seine Lippen über den Zähnen zu kräuseln. Wer so wenig Polster zwischen Haut und Knochen hat, kann nicht anders als ehrlich sein. Er mustert mich. „Was hast du denn mit dir gemacht?“, fragt er verwundert. Ist schon ewig her, dass wir uns zuletzt getroffen haben. Das war noch, bevor ich die Kinderstress-Pfunde zugelegt habe. Klar, dass er das nicht versteht. Schließlich bin ich gesund, könnte, wenn ich wollte, gertenschlank und topfit sein.

Genetischer Zwilling

„Wie geht’s dir denn?“, frage ich. „Verdammte Chemo“, sagt er. Alles tut ihm weh, auch die Seele. Seit Wochen liegt er inzwischen hier, wartet schon am Morgen auf die abendliche Schlaftablette. Kein Internet, das bedeutet keine Nabelschnur zur Außenwelt, keine E-Mails, kein Skype, um per Mikro und Kamera mit Frau und Kindern zu kommunizieren. Die Kleine hat er schon lange nicht mehr im Arm gehabt, sie ist noch zu jung für die Besuche auf der Station.

„Ich bin hoch motiviert!“, hat er mir letztes Jahr im Computertelefonat erzählt. Hat lachend sein Baby vor die Kamera gehalten. Zu dieser Zeit waren sie schon auf der Suche nach einem passenden Spender. Und wir fassten den Plan für diesen Artikel.

Klaus wurde zum Spezialisten in eigener Sache. Worte wie „HLA-Merkmale“ und „Myelodysplastisches Syndrom“ gingen ihm souverän über die Lippen. Ich habe sie später im Internet nachgeschaut, mit wachsender Beklommenheit. Habe verstanden, dass seine Blutkörperchen verrückt spielen, dass es viele Arten von Leukämie gibt. Und dass er einen Knochenmarkspender braucht, einen „genetischen Zwilling“, bei dem bestimmte Gewebemerkmale mit seinen eigenen übereinstimmen, damit die neuen Stammzellen nicht wieder abgestoßen werden. Die Familie ist da gar nicht immer erste Wahl, oft passt ein Fremdspender besser. Die Auswahl scheint groß: Rund 3,5 Millionen Spendewillige gibt es allein in Deutschland. Für Klaus nicht genug – die Übereinstimmung mit seinem Spender war nicht ganz perfekt. Aber die Zeit drängte und irgendwann hat er sich entschieden. „Jetzt gilt’s – Sekt oder Selters“, stand in seiner E-Mail. Dann Funkstille, bis jetzt.

Halb fünf, Abendessenszeit. Die Suppe bleibt ihm fast im Hals stecken. „Weißt du, dass man bei einer Chemo überhaupt keinen Geschmackssinn mehr hat? Das schmeckt wie Pappe.“ Ich krame ein Tütchen Salz aus meiner Handtasche, achtlos eingesteckt in irgendeinem Schnellimbiss, und er kann‘s nicht fassen: Ein Schatz! Wir grinsen uns an. Sprechen über Fahrradtouren und Apfelkuchen und die kleine Katze, die er irgendwann mal unter der Jacke mit nach Hause gebracht hat.

„Schreib nicht über mich“, meint er plötzlich. „Ich bin kein gutes Beispiel – bei mir hat es zu viele Komplikationen gegeben!“ Er erzählt von dem jungen Mitpatienten, der jetzt auf dem Weg der Besserung ist: „So etwas ist doch viel interessanter!“ „Ich will aber dich“, sage ich, da lächelt er ein bisschen und schaut über meine Schulter, als würde ihm dort von ferne jemand zuwinken. „Lass uns einen Deal machen“, biete ich ihm halb scherzhaft an. „Wenn wir uns das nächste Mal sehen, hab ich 20 Kilo weniger und du 20 Kilo mehr!“ Er schaut an sich herunter. „Das wird schwer“, sagt er. Ein Wort wie ein Stein. Mir fällt keine Antwort ein.

Es wird Zeit. „Melde dich!“, sagt er zum Abschied. Mein Mund ist trocken. Ich würde ihn gerne umarmen, aber ein Zögern kommt mir dazwischen, und dann ist der Moment verpasst. Draußen erst, wo der Wind weht und die Autos hupen, denke ich: „Schwer vielleicht…“, sehe im Rinnstein diese kleine trotzige Blume blühen und würde es am liebsten hochbrüllen zu den geschlossenen Fenstern: „…aber nicht unmöglich!

Bei vierzig bis achtzig Prozent der Patienten mit Stammzelltransplantationen verläuft die Behandlung erfolgreich. Die individuelle Überlebensdauer hängt von zahlreichen Einzelfaktoren wie Diagnose, Alter, Vorbehandlungen und Begleiterkrankungen des Patienten ab.

Alle 45 Minuten erkrankt in Deutschland ein Mensch neu an Leukämie. Für viele bietet die Stammzelltransplantation die einzige Chance auf Heilung. Oft sind sie dabei auf Fremdspender angewiesen, denn Familienmitglieder passen nur in maximal 30 Prozent der Fälle

Gesucht – gefunden

  • 29 Spenderdateien in Deutschland suchen nach Menschen, die bereit sind, sich für eine Knochenmarkspende typisieren zu lassen.
  • Hierbei wird den freiwilligen Spendern meist eine kleine Blutprobe entnommen und die für die Suche notwendigen Gewebemerkmale (HLA-Merkmale) bestimmt.
  • Die Ergebnisse laufen in anonymer Form im Zentralen Knochenmarkspender-Register in Ulm (ZKRD) zusammen, das den Suchprozess koordiniert.
  • Über 3,5 Millionen Spendewillige sind hierzulande im ZKRD zentral erfasst. Das macht es zum größten Register in Europa.
  • Die Suche ist nicht allein auf Deutschland beschränkt – das ZKRD hat international Zugriff auf über 13 Millionen Spenderdaten.
  • Gemessen an seiner Erfolgsquote – der Zahl der alljährlich tatsächlich für Transplantationen identifizierten Spender – ist das ZKRD das leistungsfähigste Register der Welt. .

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