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Lobbyismus im Gesundheitswesen

Die eingeredete Krankheit

Big-Pharma erfindet immer neue gewinnträchtige Leiden oder definiert Altbekanntes plötzlich um. Dabei täuscht sie die Öffentlichkeit, ködert Ärzte und Wissenschaftler. Allmählich formiert sich Widerstand. // Elke Achtner-Theiß

So verraten sich Lobbyisten

Interview
„Durch die Praktik einzelner Ärzte leidet das Vertrauensverhältnis“

Bücher zum Thema

Die Krankheit hat viele Namen. Nennen wir sie „Wasistes“. Anfangs tritt sie vereinzelt in Form kleiner Meldungen in der Tagespresse auf, dann überzieht sie mehrseitig Frauen- und Gesundheitsmagazine, um schließlich die Medienlandschaft flächendeckend zu befallen. „Immer mehr Menschen“, so erfahren wir, erkrankten an Wasistes, einem bislang unterschätzten Leiden. Die ersten Symptome: Müdigkeit, Schwächegefühl, Kopfschmerzen… Schon zaubert eine „gemeinnützige Stiftung“ eine Studie aus dem Hut, wonach Wasistes mit Übergewicht und/oder Cholesterinüberschuss einhergeht, Forschungsinstitute finden Belege, dass ein Mangel an Vitamin XY zugrunde liegt. Am Ende erntet die Kampagne, was sie gesät hat: „Immer mehr Menschen“ fürchten, an Wasistes erkrankt zu sein, und füllen die Wartezimmer. In Apotheken und Drogerien boomen Cholesterinsenker, Diätpulver und Vitamin-XY-Pillen.

Menopause des Mannes?

Übertrieben? Leider nein! Wie die Medizinallobby arbeitet, wie sie Gesunde krank redet und zu Ader lässt, hat unter anderem der Journalist Jörg Blech im Detail recherchiert. Die Anti-Lobby-Organisation Transparency International (TI) hat die Hintergründe, speziell in Deutschland, ausführlich beschrieben. Das Spektrum der Wasistes-Formen umfasst sowohl fantasievolle Erfindungen wie die „Menopause des Mannes“ oder das „Chronische Müdigkeitssyndrom“ als auch die verblüffende Zunahme realer Krankheiten wie Osteoporose oder Diabetes. Mal wird ein einzelnes Symptom oder ein bloßes Risiko zur Krankheit selbst stilisiert, mal die kritische Markierung eines Analysewerts grundlos heruntergeschraubt. Ziel der PR-Aktivitäten: den Markt durch öffentliche Hypochondrie zu beleben, wobei Zeitungen, Fernsehsender und Buchverlage teils wissentlich, teils unwissentlich mitwirken.

PR durch die Hintertür

Doch die PR-Arbeit der Pharmahersteller macht bei den Medien nicht halt. Sie kriecht auch in Arztpraxen und Kliniken durch die Hintertür beziehungsweise durch den Lieferanteneingang. Das klassische Pröbchen des Pharmavertreters als Gratisgabe für Patienten reicht nicht mehr. Ärzte werden zu sogenannten Kongressreisen eingeladen, werden überredet, sich an „Beobachtungsstudien“ zu beteiligen, indem sie bevorzugt die Me-dikamente eines bestimmten Herstellers verordnen, „Aufwandsentschädigung“ in-begriffen. Computersysteme, die die „richtigen“ Rezepte auf Tastendruck auswerfen, sind gleich mit im Angebot. Das Schlimme daran: Viele Ärzte spielen mit. Seit die Gesundheitsreform so mancher Arztpraxis ein Loch in der Kasse beschert hat, werden Patienten gern auf Privatrezept zu Ader gelassen. „IGeL“ heißt das stachlige Prinzip und steht für „Individuelle Gesundheitsleistungen“. Der ursprüngliche Sinn war, dass Patienten für Medikamente oder Verfahren selbst zahlen, die wegen nicht belegter Wirkung auf dem Index der gesetzlichen Krankenkassen stehen. Doch die Absicht des Gesetzgebers hat sich verkehrt: Heute legen Ärzte ihren Patienten nahe, sich aufwendigen Untersuchungen oder Therapien zu unterziehen (siehe Interview Seite 56). Da verwandeln sich strikte Schulmediziner urplötzlich zu Anhängern von Eigenblutbehandlung und Darmsanierung – aus bloßer Geschäftstüchtigkeit.

Ein Drittel der Forscher „mogelt“

Sogar die etablierte Wissenschaft geht vor Big-Pharma in die Knie. Das US-Fachblatt Nature berichtete 2005 von einer Umfrage unter mehr als 3000 amerikanischen Biologen, Chemikern, Medizinern und Soziologen zu dem jeweiligen Hintergrund ihrer Studientätigkeit. Dabei gaben 15 Prozent an, gelegentlich Ergebnisse geschönt zu haben, weil sie von Auftraggebern unter Druck gesetzt wurden. Weitere 15 Prozent bekannten, aus dem gleichen Grund manche Daten von vornherein nicht beachtet zu haben und weitere 6 Prozent haben unwillkommene Erkenntnisse bewusst verschwiegen.

Hierzulande hat sich auf der Fachebene bereits eine Gegenwehr gebildet. Unter dem Stichwort „Evidenzbasierte Medizin“ (Evidenz heißt hier so viel wie Nachweisbarkeit) hat sich ein Netzwerk gebildet, dem heute annähernd 700 deutsche Mediziner angehören. In Kursen finden sie Unterstützung darin, reelle Studien von manipulierten zu unterscheiden, geschönte Statistiken zu durchschauen und im Gespräch mit Pharmavertretern die richtigen Fragen zu stellen.

Flaggschiff der Bewegung ist das auf Initiative des Bundesgesundheitsministeriums eingerichtete Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das Studien über Medikamente, Therapien und Heilverfahren unter die Lupe nimmt. Seit 2006 bietet es unter www.gesundheitsinformation.de auch Verbrauchern PR-bereinigte Informationen an. Als erste Anlaufstelle im Einzelfall empfehlen sich die unabhängigen Patientenberatungsstellen. Um sich neutralen Rat zu holen, Hilfestellung bei einer Entscheidung zu erbitten oder einfach nur, um vor der nächsten Wasistes-Epidemie gewappnet zu sein.

Molière würde staunen

Bei Molière war alles noch einfach. Eine Schar hilfloser Ärzte rotierte um das Bett des eingebildeten Kranken. Heute rotieren gesunde Patienten hilflos durch die Arztpraxen, weil man ihnen einredet, sie seien krank. Eine Komödie ist das nicht. Sondern mittlerweile eine wahre Tragödie fürs Gesundheitssystem – oder aber eine fürs private Bankkonto.

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Carl Classen
Zunächst einmal herzlichen Dank für Ihren Artikel über die Strategien, mit denen sich die Pharmaindustrie zu Lasten der Patienten neue Märkte erschließt. Sie berichteten über das Aufblasen einzelner Symptome zu eigenen Krankheitsbildern, über das teils grundlose Heruntersetzen medizinischer Grenzwerte, über raffinierte PR-Strategien, Manipulation der Ärzteschaft und Lobbyarbeit. Diesem Teil ihres Berichtes kann ich voll zustimmen, es ließen sich Bücher darüber schreiben.



Weniger optimistisch bin ich bezüglich der von Ihnen genannten Gegenwehr. Sie bezeichnen die sogenannte „Evidenzbasierte Medizin“ als Gegenwehr auf Fachebene. Die „Evidenzbasierte Medizin“ (kurz EBM) sei ein System, das neutrale und interessengesteuerte Forschung, weiße und schwarze Schäfchen sauber zu trennen weiß und dem Patienten objektive und unabhängige Informationen bietet. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Industrie zittert nicht mehr vor EBM, sondern weiß sie geschickt für sich zu nutzen. Im Rahmen der EBM wurde eine Hierarchie zur Bewertung wissenschaftlicher Studien etabliert, in der Doppelblindstudien ganz oben rangieren, während sogenannte Outcome-Studien, Studien des Gesamtergebnis angeblich nur eine ganz geringe Beweiskraft haben (engl. Evidence = Beweis, Hinweis, Anzeichen).



Nun ist es tatsächlich so, dass mit Doppelblindstudien einzelne Paramenter einer Arzneimittelwirkung sehr genau erfasst werden können. So wird beispielsweise ein Blutdrucksenker verabreicht, die Wirkung auf den Blutdruck mit Scheinarznei verglichen und hinterher haben Sie genaue Daten auf dem Tisch. Eine Outcome-Studie würde hingegen untersuchen, wie es dem Patienten insgesamt geht – ein Jahr, fünf Jahre oder sogar 10 Jahre später. Gerade der langfristige Nutzen ist ja interessant, lässt sich allerdings nur mit einer gewissen Unschärfe untersuchen. Außerdem wäre es unethisch, einen Patienten zum Abgleich fünf Jahre lang mit Placebo zu behandeln. Daher muss eine verhältnismäßig große Zahl von Patienten untersucht werden. Bei placebokontrollierten Studien gibt es hingegen ein ganz anderes Problem. So ist es der Einfluss eines Medikamentes auf einzelne Parameter wie „Blutdruck“, „Blutfett“, „Dauer der akuten Infektion“ relativ leicht nachzuweisen. Lebensvorgänge finden jedoch in vernetzten Systemen statt, und es ist unmöglich, den Blutdruck oder sonst etwas ohne gesamt-systemische Auswirkungen zu beeinflussen. Wird dann statt einzelner Messwerte die Lebensqualität eines Patienten beispielsweise nach fünf Jahren untersucht – und das ist eben nur mit ganzheitlichen Forschungsansätzen wie Outcome-Studien möglich – dann zeigt sich oft ein völlig anderes Bild. So kann deutlich werden, dass die Therapie eines erhöhten Blutdrucks erfolgreich war, ohne dass der Patient irgend einen Vorteil davon hatte. Die Abkürzung des akuten Infektes wurde womöglich mit einer insgesamt höheren Infektanfälligkeit erkauft, seltenere Infekte mit höherer Allergiebereitschaft, und so weiter. Ganzheitliche medizinische Ansätze wie beispielsweise die Homöopathie schneiden hingegen sehr viel besser ab, wenn auch die Forschung einer integralen Betrachtungsweise folgt.



Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass die Pharmaindustrie vor ganzheitlichen und systemischen Forschungsansätzen (Outcome-Studien, Whole-System-Research) große Angst hat. Gerade die „Evidenzbasierte Medizin“ ist zum politischen Instrument geworden, um ganzheitliche Studienmodelle niederzuhalten und diesen nur einen sehr geringen Evidenzgrad zuzugestehen.



Carl Classen, Heilpraktiker



Im Vorstand des VKHD (Verband klassischer Homöopathen Deutschlands, www.vkhd.de)



Linklisten zum Thema Forschung:



www.arscurandi.de/wirksamkeitsnachweis.html

www.jhofaecker.de/html/forschung_aktuell.html