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Selbst nach Indien fahren?

Ayurveda in Indien

Vor allem: Ganz anders

Eine Ayurveda-Kur in Indien? Das klingt nach Wohlfühlen und Verwöhnt werden, aber auch nach Exotik und fremden Ländern. Tatsächlich ist es ein Abenteuer – mit glücklichem Ausgang. //Reisebericht von Martin Fütterer

Irgendwo im tropischen Bergwald in Kerala, Südindien: Der Massagetisch ist eine geschnitzte Holzwanne und für die weichlichen Europäer liegt eine Plastikmatratze darauf. Die zwei indischen Masseure signalisieren durch Gesten: Jetzt geht’s los. Man reicht mir einen Lendenschurz zur schicklichen Bedeckung und dann krabbele ich auf den Tisch, lege mich hin und freue mich auf eine erholsame und entspannende Massage.

Fehlanzeige.

Ganz schön anstrengend

Erst mal wieder hinsetzen und zwar aufrecht mit ausgestreckten Beinen und Armen. Bitte ausprobieren: Das strengt mächtig an, vor allem, wenn es geschlagene zehn Minuten dauert. Die Hüftbeugermuskeln in der Leiste ächzen und hinterher gibt’s Muskelkater. Insgesamt dauert die Massage rund fünfzig Minuten. Die Arme müssen zur Seite und nach oben, endlich darf ich mich wenigstens hinten abstützen. Ich werde auf die linke Seite gelegt und dann auf die rechte. Am Ende alles wieder zurück bis zum Sitzen. Von oben bis unten mit Öl bedeckt flutsche ich auf der Matratze herum wie ein Stück Seife und werde von den Masseuren gewendet wie ein Schnitzel.

Deren Hände sind rau. Durchblutung und Peeling sind inbegriffen. Es werden nicht einzelne Muskeln geknetet, sondern es wird in langen Strichen massiert, und zwar immer synchron von zwei Seiten: Von der Hüfte bis zum Fuß, vom Hals zur Hüfte, vom Nacken über den Rücken zum Oberschenkel oder gar die ganze Körperlänge bis zu den Füßen. Das Öl wird auf einem Gasbrenner erwärmt und den Geruch werde ich zwei Wochen nicht mehr los. Ein angenehmer Geruch, kräftig, erdig, würzig. Aber eben auch allgegenwärtig.

Das ist die ayurvedische Ganzkörpermassage „Abhyangam“. Sie leitet meine Ayurveda Kur eine Woche lang ein, um den Körper für die nachfolgende Behandlung zu stimulieren. Die Muskeln gewöhnen sich an die Anstrengung und irgendwann nicke ich sogar ein, während die Masseure mich kräftig bearbeiten. Nach jeder Massage werde ich sorgfältig abgewischt und halte eine Stunde Bettruhe – aber einschlafen darf ich nicht, damit der Kreislauf nicht zu tief absackt.

Neben dieser allgemeinen Behandlung setzt die spezifische ein. Gegen Stirnhöhlenbeschwerden und Verspannungen im Nacken bekomme ich Nasyam: Öl in die Nase. Eine nun wirklich entspannende Gesichtsmassage und Kräuterdampf, mit einem Tuch an die Nase gewedelt machen den Anfang, zum Schluß werden einige Tropfen Öl in die Nase geträufelt und hochgezogen. Das Öl brennt etwas im Rachen, aber bald lösen sich die Dinge und kommen in Fluss. Und wieder eine Stunde Regeneration auf dem Rücken liegend. Nach einer Woche wird ausgeleitet: Ein Dampfbad am Morgen, dann pflanzliches Abführmittel. Drei Sitzungen später darf ich Reissuppe zu mir nehmen.

Begleitet werden die Massagen von fünf Medikamentengaben täglich: Wässrige und alkoholische Pflanzenauszüge, in denen nicht nur Blatt und Blüte sondern auch Wurzel und Rinde klar erkennbar sind; manche harmlos, manche zum Schütteln. Tabletten, Sirup und eine Substanz, die im Wesentlichen aus Rohrzuckermelasse und Pfeffer besteht. Eine Konsultation der beiden Ärzte sowie Yoga und keralesische Hausmannskost runden das Programm ab.

Voller Tagesplan

Die nächsten sieben Tage sieht mein Tag so aus:

  • 6:00 Tee ans Bett, zur Anregung des Stuhlganges. Planzensud. Kleiner Morgenspaziergang.
  • 7:00 Yoga
  • 8:00 Frühstück, süße Fladen mit Bananen aber auch schon Gemüsemasalas. Am Sonntag Toast mit Marmelade! Hinterher Tabletten und Sirup.
  • 9:00 Konsultation durch zwei Ärzte.
  • 10:00 Kräuterbeutelmassage (Ilakizhi): Leinenbeutel mit Kräuter in Öl gekocht werden fast siedend auf die Haut getupft. Gerade wenn der Schmerz einsetzen will sind die Beutel wieder weg von der Haut. Dauert eineinhalb Stunden und heizt den Körper ziemlich auf. Gegen Gelenkbeschwerden und entzündlich Prozesse. Hinterher Medizin.
  • 11:30 Regeneration
  • 12:00 Mittagessen mit keralesischer Hausmannskost vegetarisch. Hinterher Medizin.
  • 14:00 Stirnguß mit Öl (Siro Dhara): 50 bis 70 Minuten läuft warmes Öl aus einem Gefäß in dünnem Strahl über die Stirn, das Gefäß wird dabei hin und her bewegt, es ist als streiche ein warmer Finger sehr sanft über die Stirn. Sehr hilfreich, wenn das Hirn jenseits der vierzig nach viel Streß nicht mehr so richtig funktionieren will. Hinterher Medizin.
  • 15:00 Regeneration.
  • 16:00 Spirituelle Fußmassage, wenn mein Yogalehrer Lust hat, das ist nämlich sein Privatservice.
  • 17:00 Yoga
  • 18:00 Abendessen, hinterher Medizin
  • 20:00 Massagen für Nacken und Rücken und Knie wegen einiger hartnäckiger Probleme.
  • 22:00 Letzte Medizin und ab ins Bett.

Da bleibt kaum Zeit, mit den anderen Kurgästen zu quatschen. Aber nach 17 Tagen Kur habe ich mich deutlich erholt und bin einige Zipperlein losgeworden. Insbesondere Knie- und andere Gelenk- und Muskelschmerzen sind weg oder deutlich gelindert. Die leichte aber ballaststoffreiche, vegetarische Kost, nicht etwa scharf sondern eher mild gewürzt, hat die Verdauung reguliert. Ich bekomme noch ein paar Medikamente mit, die mir gegen den Heuschnupfen helfen sollen. Und die Empfehlung, mir täglich ein paar Tropfen Sesamöl in die Nase zu träufeln. Was sich als Geheimtipp für alle möglichen Atemwegsbeschwerden aber auch bei Brummkopf und Verspannungen erweist, vorbeugend wie lindernd.

Uralte und hochkarätige Medizin

Ayurveda bedeutet „Wissenschaft vom langen Leben“ aber auch „Wissen um die Geschehnisse des ganzen Universums“ und ist Teil der Veden, philosophischer Schriften, die wohl erstmals 5.000 Jahre vor Christus auf Palmblätter aufgezeichnet wurden. Ayurveda ist aber auch 40% des offiziellen indischen Gesundheitssystems und hochkarätige Medizin. Der Dr. ayurved. wird an den Universitäten ebenso anspruchsvoll gelehrt und geprüft wie der Dr. med. und es gibt neben den vielen privaten Ärzten und Hospitälern auch viele öffentliche Hospitäler, die auf Ayurveda spezialisiert sind.

Die Grundlage von Ayurveda ist eine Lehre von Bausteinen der Existenz, die alle Phänomene des Lebens und des Kosmos formen. Aus diesen Urenergieen oder Elementen werden nach mehreren philosophischen Transformationen die drei Typen bzw. Zustände (Doshas) abgeleitet, die für Ayurveda auch im Westen ziemlich bekannt sind: Pitta, Vata und Kapha. Ayurvedische Behandlungen und Medikamente haben mindestens zwei Wirkungsebenen: Eine direkt physiologische, etwa Heben des Blutdruckes. Und eine energetische, die sich auf die Dämpfung, Stärkung oder Harmonisierung eines oder mehrerer Doshas bezieht.

Was muss der Arzt wissen?

Nach Ayurveda werden Menschen in die drei Doshas als Grundtypen eingeteilt, wobei auch Mischtypen berücksichtigt werden. Es gilt, für jeden Menschen das individuelle Energiegleichgewicht zu finden. Die Bestimmung des Typs ist aber nicht so wichtig, wie es populäre Bücher suggerieren. Auch die Krankheiten selbst weisen den Weg: Bestimmte Beschwerden weisen auf bestimmte Störungen der Doshas hin und eine jahrtausende alte Erfahrungsmedizin hat die Natur der Länge und der Breite nach katalogisiert, welche Pflanzen(-teile), tierische Substanzen, Mineralien oder Metalle in welcher Zubereitung (medizinische Öle, Auszüge, Massagen, Tees, Pillen, Salben, etc.) die Doshas in welcher Weise beeinflussen.

Weil der Typ nicht unbedingt genau bestimmt werden muss, sondern anhand von Beschwerden gehandelt werden kann, tun sich ayurvedische Ärzte nach meiner Einschätzung mit den Doshas leichter als die Homöopathie, bei der die Bestimmung des Konstitutionsmittels sehr viel Erfahrung erfordert und erst die Grundlage für eine tiefergehende Behandlung bietet, die mehr erreicht als an Symptomen herum zu doktern.

Alles heilt

Grundsätzlich geht Ayurveda davon aus dass die Heilmittel in der individuellen Umgebung zu finden sind. Allerdings ist die indische Flora und Fauna naturgemäß am besten erforscht und vieles davon gibt es in der europäischen Natur nicht. Das Vorhandensein von Ersatzstoffen wird vermutet, ist aber noch nicht sehr erforscht. Heilmittel sind nicht nur Substanzen und deren Zubereitungen. Yoga, Musik, Farbentheraphie, Meditation, Tanz, Nahrung, Massagen, Waschungen, Dampf, und vieles mehr sind selbstverständliche Bestandteile von Ayurveda. Im Grunde kann man in der ayurvedischen Medizin alle Verfahren finden, die heute unter alternative oder Naturheilkunde angeboten werden, mit Ausnahme der Homöopathie. Ayurveda kennt allerdings durchaus die Potenzierung, wie sie in der Homöopathie üblich ist, nicht aber das Prinzip, eine Krankheit mit den Substanzen zu heilen, die unverdünnt ähnliche Beschwerden auslösen würden.

Da Ayurveda schon so alt ist, liegt der Schluss nicht fern, dass Ayurveda über Arabien, Ägypten, Griechenland auch in vieler Hinsicht die Grundlage unserer europäischen Naturmedizin geliefert hat. Paracelsus jedenfalls wird nachgesagt, dass er die ayurvedischen Schriften kannte und auch bei Rudolf Steiner, dem Begründer der anthroposophischen Medizin und biologisch-dynamischen Landwirtschaft ist dies der Fall.

Am besten gar nicht krank

Das Heilen von Krankheiten ist nicht der Schwerpunkt von Ayurveda. Vielmehr ist Ayurveda die Empfehlung einer Lebensweise, bei der man gar nicht erst krank wird: Geregelte Verhältnisse, ein klarer Lebensrhythmus, Maßhaltigkeit und Hygiene in allen Lebensbereichen: Physisch, emotional, sozial, geistig und spirituell. Ein gesundes Verhältnis zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen eingeschlossen. Natürlich gibt es auch eine ayurvedische Psychotherapie.

Tritt Krankheit ein, dann hat man den ayurvedischen Weg bereits verlassen. Die ayurvedische Medizin ist dann eigentlich schon Reperaturbetrieb für etwas, was nicht mehr im Gleichgewicht ist.

Geheimtipp bei chronischen und konstitutionellen Krankheiten

Die ayurvedischen Ärzte, mit denen ich in Indien gesprochen habe, ziehen die Grenze für Ayurveda bei akuten und lebensbedrohlichen Zuständen und sie haben keinerlei Berührungsängste, dann „harte“ allopathische Mittel einzusetzen oder den Kollegen Dr. med. hinzuzuziehen. Wenn etwa eine akute und lebensbedrohliche Infektion vorliegt, so kann Ayurveda diese heilen. Jedoch nicht in so kurzer Zeit, dass nicht vielleicht Neben- und Folgeschäden entstehen, weil die Infektion sich weiter ausbreitet als mit Antibiotika. Man wird dann durchaus Antibiotika geben, um den Krankheitsmechanismus zu unterbrechen, aber mit Ayurveda weiterbehandeln, um die Konstitution zu stabilisieren und eine nachhaltige Heilung des Immunsystems zu erreichen.

Dafür heilt man in Indien völlig selbstverständlich Krankheiten, die hier zu Lande nur resigniertes Kopfschütteln verursachen: Kurzsichtigkeit wird um die Hälfte reduziert, Hepatitis B ausgeheilt, Stoffwechselerkrankungen, Morbus Chron, Rheuma, Arthritis, Allergien, Neurodermitis, das ganze Panoptikum der chronischen und konstitutionellen Krankheiten.

Zeit und Geld

Allerdings braucht man für Ayurveda viel Zeit. Die Behandlung von Kurzsichtigkeit erfordert einen sechswöchigen Kuraufenthalt, eine zwölfwöchige Regenerationsphase, in der man sich kaum bewegen, geschweige denn arbeiten sollte, eine drei-monatige Nachbehandlung mit Medikamenten – und bei schwerer Kurzsichtigkeit wird das ganze Verfahren im nächsten und übernächsten Jahr wiederholt.

Drei Wochen Kur sollte man immer veranschlagen, wenn man mehr will als Erholung und „Wellness“. Schwere Krankheiten erfordern u.U. das Mehrfache. Zu jeder Kur gehört eine Regenerationszeit vom zwei- bis dreifachen Zeitraum der Kurdauer. In der Regenerationszeit ist jegliche Belastung zu vermeiden, körperliche, seelische oder mentale.

Neben dem Verdienstausfall geht die Therapie selbst ins Geld. Auch wenn die Kurpreise und insbesondere die Medikamente für europäische Verhältnisse günstig bis sehr günstig sind, sind ayurvedische Medikamente in Indien doch teurer als allopathische. Zum einen werden die Natursubstanzen immer seltener und sind immer aufwändiger zu finden und zu sammeln. Bei weitem nicht alle lassen sich kultivieren, sondern sind in sehr empfindlichen wilden Biotopen zuhause, die wie überall auf der Welt auch in Indien in Gefahr sind. Das tropische Bergland Kerala ist einer der 15 artenreichsten Punkte der Erde. Bevölkerungswachstum und konventionelle Landwirtschaft gefährden dieses Erbe der Menschheit in hohem Maße. Darum sind auch die Bio-Projekte dort so wichtig. (Wir berichteten in Schrot&Korn August 2003).

Die lange Dauer von Ayurveda Kuren und der nachfolgenden Regenerationszeit entspricht den natürlichen Gegebenheiten eines Landes im Monsungürtel: Während der Regenzeit stand tatsächlich das Leben mehr oder weniger still und man hatte die Zeit. Im modernen Indien hat sich das längst geändert und so ist es auch für Inder nicht einfach, eine Ayurveda-Kur konsequent durch zu führen. Für die vielen Armen müssen hier der Staat oder gemeinnützige Organisationen einspringen.

Medizinschrank Natur

Die Herstellung ayurvedischer Medikamente ist sehr aufwendig, auch das bedingt einen höheren Preis. Im Lager einer ayurvedischen Manufaktur findet man alle nur denkbaren Substanzen aus der Natur: Von Bäumen die Blüten, Blätter, Samen, Ästchen, Rinde, Wurzeln, Kernholz, jeder Teil für etwas anderes gut. Muscheln, Erden, Früchte, Mineralien, und und und. Vermutlich gibt es kein Gramm Natursubstanz in Indien, das nicht für irgendeine Krankheit wertvoll ist. Allerdings kaum jemals in unverarbeiteter Form.

Mit Verfahren, die auch in der Küche durchgeführt werden können, werden die Substanzen zu Medizin verarbeitet: Mahlen, Walzen, stampfen, erhitzen über Dampf oder Feuer, kochen, trocknen, Auszüge in Wasser, Öl, Alkohol. Diese technisch einfachen Verfahren werden zu komplizierten Prozessen zusammengesetzt: Wie lange gestampft, bei welcher Temperatur wie lange gekocht, wie lange gewalzt, mir welchen anderen Substanzen zu welchem Zeitpunkt gemischt. Zubereitungszeit in der Regel: Lange. Pro Verarbeitungsschritt vergehen ohne weiteres Tage.

Versuche, die Zeiten durch schnellere Maschinen etc. abzukürzen, könnten Nebenwirkungen haben. An der Universität in Trivandrum fand man Hinweise, dass die traditionellen Präparate wirksamer sind, die mit den einfachen mechanischen Verfahren über lange Zeit erhitzt, gerührt, gemahlen oder gestampft wurden. Zentrifugen, Extruder, und Schnellerhitzer setzten die Wirksamkeit herab.

Warum in Indien?

Ayurvedische Massagen und die typisch keralesischen Behandlungen wie Stirnguss, Nasyam und Kräuterbeutelmassage hätte ich auch in Deutschland bekommen. Spezielle Ayurveda-Kurkliniken gibt es einige Dutzend.

Handfeste Vorteile

Es gibt handfeste Vorteile von Ayurveda in Indien:

Der medizinische Standard ist in Indien vom Staat vorgegeben. Nur studierte Dr. ayurved. mit staatlicher Prüfung werden als ayurvedische Ärzte zugelassen. Auch die ayurvedischen Masseure, Krankenschwestern etc. sind staatlich geprüft. In Deutschland gibt es keine unabhängige Stelle, die das Qualitätsniveau garantiert und der Begriff Ayurveda ist nicht geschützt.

Was Medikamente betrifft, sitzt man in Indien, speziell in Kerala, an der Quelle. Das bedeutet: Zum Massieren wird z.B. nicht einfaches Sesamöl verwendet, sondern auf den jeweiligen Zweck abgestimmtes, medizinisches Öl. Viele Ayurveda Medikamente können nach Deutschland nicht eingeführt werden, weil sie nicht als Nahrungsmittel durchgehen und als Heilmittel nicht zugelassen sind. Und wo es auf Frische ankommt, sind in Indien die Wege kurz.

Die Kur-Kosten sind erheblich günstiger als in Deutschland. Wer ohnehin nach Indien reisen wollte, spart. Und unter Umständen ist durch den Preisunterschied sogar der Flug schon wieder heraus.

Abenteuer Indien

Der eigentliche Reiz liegt natürlich auf einem anderen Gebiet: Ich wollte nach anstrengenden Berufs- und Familienjahren nicht nur kuren, sondern auch weit weg von allen bekannten Bezugsmustern.

Wen die Götter prüfen wollen, dem erfüllen sie seine Wünsche. Indien IST weit weg und vor allem ganz anders. Reiseliteratur kann kaum vermitteln, wie anders der Geist ist, der dort jede Begebenheit durchzieht. Diesem Geist auf die Spur zu kommen, dafür ist eine Ayurveda-Kur ein sehr geeignetes Verfahren. Darüber hinaus habe ich aber auch Kleinbauern in Bio-Projekten besucht – ebenfalls ein unschätzbarer Einblick.

Meine Kur bekam ich in den Sree Sankara Gardens, einer Klinik bei Kumily auf rund 1.500 m Höhe in den Kardamom Mountains. Das Klima dort ist für Europäer sehr verträglich, selbst bis in die Hitzeperiode hinein. Sree Sankara Gardens gehört zu den Sree Sankara Community einem privaten Ayurveda Anbieter mit mehreren Kliniken und einer eigenen Manufaktur für die Medikamente. Die Klinik in den Bergen ist speziell für Europäer und Amerikaner ausgelegt: Einrichtungsstandard wie im guten Hotel, recht aufwändige Betreuung und Küche. Den Westlern hier werden längst nicht so strenge Verhaltensregeln auferlegt wie den indischen Patienten im Sree Sankara Hospital in Changanacherry. Man geht davon aus, dass die Patienten hier auch Urlaub machen, das Land kennenlernen und sich eher erholen als schwere Erkrankungen heilen wollen. Dennoch ist die medizinische Betreuung ernsthaft und aufwändig. Man erwartet jedoch nicht unbedingt die optimalen Erfolge, weil die Westler meist zu kurz da sind, in ihrem Individualismus während und nach der Kur die Verhaltensregeln nicht konsequent einhalten und sich insgesamt nicht immer wirklich auf den Geist von Ayurveda einstellen.

Der Chefarzt von Sree Sankara. Dr. Vijayachandras residiert im Hospital in Changanacherry. Hier werden in erster Linie einheimische Patienten aber auch Westler mit schweren Erkrankungen behandelt. Die Umstände hier sind völlig anders: Einfach Ausstattung, nur zwei Stunden fließend Wasser am Tag, die man nutzt um Bottiche und Kübel zu füllen. Heißes, schwüles Klima und reichlich Moskitos. Was in der Westler-Klinik eher Empfehlungen sind, sind hier strenge Regeln. Beispiele:

  • Kein Schlaf am Tage, auch nicht während der Ruhezeiten nach den Behandlungen. Sonst sackt der Kreislauf zu weit ab.
  • Lesen oder Fernsehen nicht mehr als 15 Minuten am Stück, nach Möglichkeit gar nicht. Die meisten Patienten brauchen eine Erholung auch von zuviel Sinneseindrücken.
  • Nicht in die Sonne gehen. Sich nicht körperlich anstrengen, aber auch nicht länger als 15 Minuten sitzen, da dies bei Gelenksproblemen zu Steifheit führt.
  • Kein Sex während der Kur und der nachfolgenden Regenerationszeit, möglichst drei Monate lang. Die meisten Patienten haben Gelenksprobleme und der sexuelle Akt ist eine starke Belastung u.a. für die Wirbelsäule. Aber Es geht auch um die Energie, die dem Regenerationsprozeß zur Verfügung stehen soll.
  • Aufstehen vor 6 Uhr und zu Bett vor 22 Uhr. Die Tageszeiten wirken unterschiedlich auf die Doshas und dies ist die günstigste Konstellation für einen guten Start in den Tag und ruhigen Schlaf.
  • An schöne Dinge denken und unangenehme Gedanken fernhalten.

Wer diesen Empfehlungen folgt, sieht sich sehr auf sich selbst zurückgeworfen, denn kaum eine der Tätigkeiten ist empfehlenswert, die im Westen dazu dienen, die Zeit zu vertreiben: Lesen, Jogging, Wandern, überhaupt jegliche körperliche Anstrengung, und sei sie noch so gesund, Musikhören, Fernsehen, Shopping, Sightseeing. Da kann schnell Langeweile oder Unzufriedenheit aufkommen. Menschen mit Yoga- oder Meditationspraxis sind eindeutig im Vorteil.

Kulturelle Unterschiede

Obwohl bei Sree Sankara zwei Deutsche über lange Zeit am Betreuungskonzept mitgearbeitet haben, bleiben die kulturellen Unterschiede spürbar. Während indische Patienten sich dem Verfahren einfach hingeben können, wollen Westler alles ganz genau wissen, bezweifeln die Kompetenz des Arztes, fühlen sich missverstanden, mäkeln am Essen, wollen nicht von ihrer normalen Lebensweise lassen oder finden sonst einen Anlass, missvergnügt zu sein. Das führt auf der Seite der indischen Ärzte zu entsprechenden Reaktionen bzw. einer gewissen Distanz.

Insgesamt habe ich drei verschiedene Träger von Ayurveda-Kliniken bzw. deren Ärzte gesprochen und in einem Punkt sind sie sich einig:

Ungeachtet ihres Lebensstandards leben Westler ungesünder. Damit sind nicht in erster Linie Ernährung, mangelnde Bewegung und Umweltverschmutzung gemeint, sondern eher ein Mangel an Rhythmus und innerer Disziplin, eine Zerfaserung der Aufmerksamkeit auch durch die massiven Einflüsse von außen, ein Mangel an emotionaler und Beziehungssicherheit, an Eingebunden Sein in soziale und familiäre Strukturen. Wenn ich es auf den Punkt bringen soll, dann betrachten uns diese indischen Ärzte ein wenig als entwurzelte, wehleidige Neurotiker, die sich mit ihrer technisierten, ökonomisierten und medienverseuchten Kultur aus dem Schoß von Mutter Natur herausgeschossen haben und nun mangels anderer Orientierung verwirrt die Lösung für alle Probleme im eigenen Bauchnabel suchen und dabei nur die eigenen Launen und Narzissmen finden. Psychologische und psychosomatische Krankheiten sind ihrer Auffassung nach eher ein westliches Privileg und bei Indern die Ausnahme, jedenfalls bei der ländlichen Bevölkerung – und die stellt 80% der 1,2 Milliarden Inder.

Mein Arzt Dr. Mahesh, selbst unverheiratet, führt die Familienkultur Indiens als Gegenmodell ins Feld: „Im Westen denkt jeder an sich selbst, Inder denken nur an andere, nämlich an die Mitglieder der Familie. Weil dies jeder tut und die Familien groß sind, hat jeder eine ganze Menge Menschen, die an ihn denken. Das gibt eine Menge Sicherheit und Nestwärme.“ Das klingt einleuchtend. Ein Blick in die indische Literatur der letzten hundertfünzig Jahre zeigt allerdings, dass dieses Idyll zumindest bedroht ist: Die Hauptthemen sind die Konflikte in der Großfamilie und religiöse Gewalt. Und die populären Hindifilme aus Bollywood haben vor allem die romantische Liebe jenseits der Familienzwänge zum Gegenstand.

Indien ist anders

Indien ist alles andere als eine Idylle. Not und Leiden sind unübersehbar. Die Zustände sind mehr oder weniger chaotisch, jedenfalls für deutsche Begriffe, es herrscht ein ganz anderes Maß an Unsicherheit. Alles funktioniert irgendwie, aber es ist durchaus nicht immer klar, aufgrund welches Systems.

Lehrreich war für mich:

Man kann sich diesem – scheinbaren? - Chaos als Westler anvertrauen, und man wird nicht verloren gehen. Klar wurde mir dies, als ich nachts im Taxi mit zwei wildfremden Menschen durch die Slums von Bombay fuhr, Bargeld, Kreditkarte und für 5.000 € Elektronik und Fototechnik im Gepäck. In Südamerika hätte ich das nicht überlebt, in Bombay zog man mich nur beim Fahrgeld über den Tisch und das auch nur wegen meiner Unerfahrenheit. Der Respekt vor meiner Person und meinem Eigentum hat mich immer wieder erstaunt, in Anbetracht der erheblichen Armut. Selbst Neid war kaum zu spüren, allenfalls Staunen über den Reichtum und die Spielzeuge des weißen Mannes. Und glaube keiner, Inder seien uninformiert oder naiv: Auch auf dem Land ist Fernsehen allgegenwärtig und die Glitzerwelt der eigenen Eliten aber auch der Westler durchaus ein Begriff.

Wo die Regeln nicht fest sind, ist man zu Klarheit mit sich selbst und anderen gezwungen. Die Fragen: Was will ich und was ist es mir wert? erfordern in Indien permanent Antwort. Ob es der Preis für ein Taxi ist, den man festzusetzen hat, ob es der Kleiderverkäufer ist, der einen zu Entscheidungen zwingt oder der ayurvedische Arzt, der sich erst dann mit manchen Fragen beschäftigt, wenn sie ihm gestellt werden – dann aber durchaus bereitwillig – aktiv und passiv muss man seinen Lebensrahmen selbst wählen, oder andere tun es für einen. Inder können sehr rücksichtslos wirken – dabei erwarten sie lediglich, dass man seinen Willen oder Unwillen klar und deutlich äußert, dann respektieren sie ihn auch.

In aller Not bewahren Inder ihre Würde, jedenfalls die Keralesen. Körper- und Kleiderpflege geben einen Eindruck davon. Selbst die Ärmsten der Armen werden sich und ihre Kleider mehrmals täglich ausführlich an einem Hydranten oder Wasserloch waschen, die Haare mit Kokosöl frisieren; Keralesen sehen immer gepflegt aus. Schmutz und Schweiß sieht man nur bei unmittelbarer schmutziger oder schweißtreibender Arbeit, Körpergeruch ist praktisch nie zu bemerken. Die Veranlagung dazu liegt in den Reinheitsgeboten des Hinduismus und tiefer, im Ayurveda, dass innere und äußere Hygiene aber auch das Sich-Pflegen zur Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden erklärt. Da sieht man in Deutschland anderes.

Der inneren Hygiene dienen auch Meditation und Andacht, wie überhaupt, Religiosität das Leben vollkommen durchzieht. Egal ob Hindus, Moslems oder Christen, die in Kerala 60% der Bevölkerung stellen: Die spirituelle Welt ist konkreter Bestandteil der Alltagsrealität, bis weit in die gebildeten Schichten hinein. Unser mittel-europäischer Rationalismus macht uns auf dieser Erde zu einer ziemlich kleinen Minderheit. Zu der schon die Mehrheit der US-Amerikaner mit ihrem religiösen Fundamentalismus nicht zählt.

Zur Spiritualität gehört auch ein Sich Schicken ins Schicksal. Das hat seine wertvolle Seite, da, wo Inder sich und ihre Not nicht so wichtig nehmen und trotzdem gut drauf sind, nach meinem Eindruck besser als der Durchschnittsdeutsche. Zusammen mit der grundsätzlichen Tendenz zur Gewaltlosigkeit und zum Respekt vor allem Lebendigen wirkt die spirituelle Grundhaltung auch dämpfend auf die Versuche Religionskonflikte im Dienste der Machtverteilung aufzubauen. Aber es hat auch seine bösartige Seite im Kastensystem, welches außerhalb der staatlichen Ordnung weiterwirkt und dazu dient, den Reichtum der Erde den Reichen zu reservieren.

Und zu guter letzt: von Indien aus betrachtet ist Europa und zumal Deutschland ein ziemlich unbedeutender und abgelegener Winkel. Man bringt uns Sympathie entgegen, aber man ist von unseren Leistungen nicht sehr beeindruckt, noch sieht man uns als einen wesentlich Faktor in der Frage, wer das Schicksal dieser Welt bestimmt. Da sind die Chinesen, Amerikaner und Japaner viel näher. Und zu unserem Gesundheitssystem sagte Ayurveda-Professor Sashi von der Universität in Trivandrum: „Es ist auf keinen Fall wirksamer als unseres, aber sehr viel teurer.“ Mein indischer Zahnarzt nahm zwei Euro für eine Zahnfüllung. Bis jetzt hält sie einwandfrei.

Das sind natürlich Erkenntnisse, die man bei einer Ayurveda Kur in Deutschland nicht ohne weiteres gewinnen wird:

  • Das Leben funktioniert auch, wenn es nicht so sicher und kontrollierbar ist wie in Deutschland. Aber auch: Nutze den Tag, Du weißt nicht, wie viele Du noch hast.
  • Es gibt Situationen, wo man sich wildfremden Menschen anvertrauen muss – und siehe da, es funktioniert. Auf einem Großteil der Erde ist DAS das einzige oder wesentliche zur Verfügung stehende System.
  • Man muss nicht schlecht drauf sein, nur weil es einem schlecht geht.
  • Auch unter extremen Umständen ist es möglich und wichtig, sein Inneres und Äußeres zu Pflegen.
  • Die überwältigende Mehrheit der Menschen sieht die Welt anders als wir.

Tipps

Ayurveda in Indien, was muss man beachten?

  • Der Bundesstaat Kerala ist auch in Indien Ayurveda-„Kernland“. Kuren kann man aber im Prinzip überall, auch an klassischen Urlaubsorten wie Goa.
  • Auf westliche Patienten eingerichtete Kliniken haben teilweise deutsche Vertretungen, bei denen man pauschal buchen kann. Adressen findet man z.B. in Schrot&Korn und naturkost.de. Für den Neuling sicher das empfehlenswerte Verfahren.
  • Man kann auch in Indien nach einer Klinik suchen, Ayurveda-Ärzte müssen ein Universitäts-Studium absolvieren wie „normale“ Ärzte auch und Kliniken gibt es in Kerala an jeder Ecke. In Indien kann man noch günstigere Preise finden als bei der Buchung von Deutschland aus.
  • Es gibt Kliniken, die gerade für westliche Gäste eher auf Regeneration und Wellness ausgerichtet sind und auch Urlaubsfeeling vermitteln. Andere Kliniken sind Krankenhäuser, in denen es ausschließlich um Heilung geht und alles andere in den Hintergrund tritt. Und es gibt Kliniken, in denen man beides Tür an Tür findet.
  • Wer ernsthaft krank ist und kein normales Leben mehr führen kann, mag überlegen, sich für einen längeren Zeitraum ganz und gar auf Ayurveda einzulassen und westlichen Komfort und westliche Gewohnheiten hinter sich zu lassen. Das ist bezahlbar, zumal man sich u.U. als Dolmetscher oder bei der Mitbetreuung anderer westlicher Patienten die eigene Kur erarbeiten kann.
  • Wer nicht gut englisch spricht, sollte darauf achten, dass in der Klinik ein Dolmetscher vorhanden ist.
  • Die klassische Kur-Zeit ist die Regenzeit von August bis Oktober. Europäer werden allerdings den „Frühling“ reizvoller finden, von Dezember bis März. Danach wird es sehr heiß und trocken.
  • Im Gebirge von Kerala findet man ein für Europäer sehr angenehmes Klima bis in den Juni hinein. Die Küstenregion ist klimatisch eher anstrengend.

Anbieter und Adressen

Diese Organisationen habe ich besucht

Adressen

Sree Sankara Community

Mannam Road, Changanacherry, Kerala, Indien

Deutsche Vertretung:

Karin Drexler
Wilhelm-Tell-Str. 1
76470 Ötigheim
Telefon 07222/ 29201
Fax 17821
E-Mail: doshas@aol.com
www.intensivleben.de

Sree Sankara ist ein mittelständischer, privater Ayurveda-Klinik Träger mit eigener Manufaktur. Es gibt Kliniken in Goa und in Kumily die speziell auf westliche Patienten ausgerichtet sind, aber auch Kliniken für Einheimische, die einem völlig anderen Standard folgen. Buchung in Deutschland möglich. Dolmetscherdienste werden teilweise von deutschsprachigen Langzeitpatienten geleistet.

PDS Peermade Development Society

Peermade Development Society
Ansprechpartner Lydi und Kees Beudeker
POTHUPARA P.O. - 685531
Idukki District - Kerala
India
Telefon 0091 4869 233874
E-Mail: ibeucons@vsnl.com

Gemeinnützige, indisch-katholische Organisation, die in Kerala umfangreiche Entwicklungsarbeit betreibt, unter anderem Kliniken in Peermade und Trivandrum, sowie eine Manufaktur. In Peermade gibt es ein Gästehaus für westliche Patienten, in unmittelbarer Nachbarschaft mit einer Klinik für Einheimische. Ein niederländisches Ehepaar leistet bei Verständigungsproblemen Hilfestellung, soweit die Zeit dafür reicht.

 

Kommentare

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incl. 'http://'
Dietmar

Hallo,
man sollte sich aber auch mal die Preise angucken, Empfehlung: Taschenrechner und Tagespreise ausrechnen.
Für das Geld, was die Resorts haben wollen bekomme ich auch eine Kur an der Ostsee. Das ist Deutschland! Indien hat aber einen ganz anderen, bedeutend niedrigeren Lebensstandard. Das riecht schon nach Abzocke.
Ayurveda ist indische Medizin für Leute denen westliche Medikamente zu teuer sind. Nochmals: Abzocke!!
Nennen Sie mir doch bitte eine Klinik nach indischen Kosten.