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Wir lassen Bio wachsen

Auf diesem Acker steht bald Demeter-Getreide – weil Bürger investierten.
Wo sich Vögel wohlfühlen, gedeiht auch Bio gut.
Bitte eintragen: Bei Genossenschaften ist Engagement gefragt.

LANDWIRTSCHAFT Dem Bio-Landbau in Deutschland fehlt Boden. Der ist teuer. Deshalb legen jetzt Menschen Geld zusammen und machen Boden bio. // Text Sylvia Meise Fotos Sarah Johanna Eick

Es ist so aufregend wie Hochzeit und Hausbau auf einmal: die erste Mitgliederversammlung der BioBoden Genossenschaft – bei Traumwetter auf dem eigenen Hof im Havelland. Felder bis zum Horizont, Sonnenschirme leuchten, es gibt leckeres Landbrot, und im Schatten der Scheune wird der Spargel fürs Essen geschält ...

Es trifft sich eine bunt zusammengewürfelte Truppe: Übersetzerin, Gärtner, Landwirtin, Finanzexperte, Programmiererin. Sie alle haben Anteile bei BioBoden gezeichnet, also Geld investiert. Damit kauft die Genossenschaft Land, das sie an Bauern verpachtet, die biologisch wirtschaften wollen. Auch der Hof im Havelland wurde gekauft – ein Bauer wird das Land im Auftrag der Genossen beackern.

Aber: Wo ist hier eigentlich der Bauernhof? Eine riesige Feldscheune, ein verwaister Kuhstall, ein verrosteter Anhänger – ist das alles? Stefan Decke, Landwirt und Mitglied des Vorstands erklärt: „Genau deswegen haben wir hierher eingeladen, damit man sieht: So kann es aussehen, wenn man anfängt.“

Seit über einem Jahr bereitet Decke das Land für den künftigen Betrieb vor. Für den Anfang hat er den Getreideanbau auf den einfachsten Bio-Standard, auf EU-Bio umgestellt. Ab nächstem Jahr wird hier nach Demeter-Richtlinien gewirtschaftet, denn für den eigenen Betrieb gilt wie für alle anderen: Wer Land von der BioBoden pachtet, muss nach den strengen Standards der deutschen Bio-Verbände wie Bioland, Naturland oder eben Demeter arbeiten.

Land nur für Landwirte

Die angereisten Genossinnen und Genossen stellen Stefan Decke viele Fragen, etwa ob jeder Preis gezahlt wird, um an Boden zu gelangen – nein. Oder ob die Genossenschaft künftig noch mehr Betriebe betreiben wird. Decke verneint auch dies und erklärt, warum dieser eine Hof so wichtig ist: „Wir brauchen ihn, damit die Genossenschaft überhaupt Land erwerben darf – denn das dürfen nach deutschem Recht ausschließlich Landwirte.“ 

Bauern besitzen selbst meist nur einen kleinen Teil des Landes, das sie bewirtschaften, der Rest ist gepachtet. Verkauft der eigentliche Eigentümer, fehlt den Bauern meist das Kapital, um das Land zu erwerben. Denn die Bodenpreise sind in den letzten Jahren geradezu explodiert. Durch die Niedrigzinspolitik haben sich Investoren auf die Suche nach profitableren Geldanlagen gemacht und unter anderem den Boden entdeckt. Ein Stück so groß wie acht Fußballfelder kann heute 50 000 Euro oder mehr kosten. Auch stehen immer wieder ganze Höfe zum Verkauf, weil Nachfolger fehlen.

Oft geht solches Land dann an konventionell arbeitende Großbetriebe. Etliche Bio-Bauern haben schon aufgegeben, weil sie nicht wachsen konnten und sich der Betrieb dadurch nicht mehr rechnete. Deshalb schrumpfte zeitweilig die Bio-Anbaufläche. Derzeit liegt sie bei knapp 6,5 Prozent der gesamten heimischen Agrarfläche. Die Konsequenz: Obwohl Bio gefragt ist wie nie, gibt es zu wenig Boden, der schonend und umweltbewusst bearbeitet wird, also zu wenig heimische Ware. Weizen und sogar Äpfel werden knapp und daher importiert. Zumeist auch noch zu billigeren Preisen – ein weiterer Tiefschlag für den Bio-Landbau.

Die Bodenretter

Um Abhilfe zu schaffen sind in den letzten Jahren verschiedene Projekte entstanden, die jüngsten sind die Genossenschaften BioBoden und Kulturland, das älteste die Freiburger Regionalwert AG. Darüber hinaus unterstützt das Förderprogramm Abbi (Alnatura Bio-Bauern-Initiative) unter Beteiligung des Naturschutzbundes NABU Bauern bei der Umstellung auf Bio finanziell und es gibt inzwischen viele lokale Bürger-AGs oder Genossenschaften.

Ob große Dienstleister oder regionaler Schulterschluss von Bauern und Bürgern – sie eint dasselbe Ziel: die Ausweitung der Bio-Zone. BioBoden hat die GLS-Bank im Rücken und ist rasch gewachsen. Viele sind Mitglied geworden, weil sie eine zugleich ökologische, soziale und umweltbewusste Geldanlage wollen – aber keinen direkten Kontakt zu Höfen haben oder suchen. Kulturland, die Regionalwert AG oder lokale Zusammenschlüsse wie die Frankfurter Bürger AG setzen dagegen ausdrücklich auf die regionale Vernetzung von Bürgern und Betrieben.

Zum Glück ist das Interesse der Bürger an einer neuen Landkultur ebenso groß wie ihre Bereitschaft dafür sogar zinslose Darlehen zur Verfügung zu stellen. Viele sagen sich: Auf der Bank bringt Geld derzeit auch kaum Zinsen  und hier weiß man, was es bewirkt: bio-logische Vielfalt, gesunde Böden, sauberes Wasser und reine Luft.

Nicht zuletzt geht es den Akteuren immer auch um Naturschutz, denn der gehört zum Grundverständnis ökologischen Landbaus. Manchmal müssen dann auch besondere Maßnahmen ergriffen werden. Hier etwa in der Umgebung des idyllischen Havellandstücks gibt es die seltenen Großtrappen, eine Kranichvogelart, die unter Naturschutz steht. Gemäht wird das Weideland deshalb zweimal: im Frühjahr, bevor die Küken in den Wiesennestern geschlüpft sind und im Herbst, wenn sie schon flügge sind.

Die Landpartie im Havelland geht zu Ende und hinterlässt Gründerstimmung in den Gesichtern. So wie beim neuen Kölner Genossen Manfred Becker. Der Bio-Zertifizierer hat die Mitgliedschaft von seiner Frau geschenkt bekommen und empfindet die Geldanlage als Beitrag „zur Rückeroberung von Böden aus unsäglicher Bewirtschaftung – für ökologische Landwirtschaft, Bodenerhaltung und biologische Vielfalt.“ Oder bei Alexander und Linda Bigga, die mit ihrem sechs Monate alten Baby aus Dresden gekommen sind. Umwelttechnikerin Linda erläutert, warum sie die Einlage gezeichnet hat: „Ich finde wichtig, dass junge Öko-Bauern eine Chance erhalten, an Land zu kommen.“ Von den Höfen, die in den Berichten der BioBoden beschrieben werden, kannte sie einige von den Produkten – „und da war dann gleich eine Verbundenheit da.“ Einen ganz besonderen Grund heute hier zu sein, hat die anthroposophische Ärztin Ingrid Röckelein aus Weimar: „Ich bin auf dem Land aufgewachsen und fand es sterbenslangweilig. Immer, wenn ich zu meiner Mutter sagte, langweilig, langweilig – konterte die mit ‚Dann musste Trappen fangen‘. Ist das zu fassen? Nie hätte ich gedacht, dass es wirklich welche gibt“, lacht sie.

Und dann: Trotz Tropenhitze und Bedauern der Vogelschützer, man werde sie heute wohl nicht sehen, sind die Trappen plötzlich da. Wie aus dem Nichts. Drehen eine Runde über den entzückten Menschen am Boden und gewähren Einblick in echte Schwarmintelligenz: Sie waren fast schon ausgestorben. Doch die Bauern haben ihnen hier vor Jahrzehnten auf die Füße geholfen, indem sie Eier gesammelt und den Naturschützern gebracht haben. Zum Dank vermehren sie sich prächtig. Wenn das kein gutes Omen ist.

Bodengenossenschaften - Abstimmung

Viele Genossen, eine Meinung: Mehr Bio-Anbaufläche muss her.

Ingrid Röckelein, Bio-Boden-Genossin, Weimar

Ingrid Röckelein, Bio-Boden-Genossin, Weimar

Ich beteilige mich aus Überzeugung. Als leidenschaftliche Hobbygärtnerin ist es mein großes Bedürfnis, die ökologische Landwirtschaft wachsen zu sehen.

Elke Röder, Bundesverband Naturkost und Naturwaren, Berlin

Elke Röder, Bundesverband Naturkost und Naturwaren, Berlin

Bisher waren beim Thema Boden eher die Unternehmen aktiv. Jetzt auch die Kunden einzubinden ist starker Impuls für die Weiterentwicklung des Öko-Landbaus.

Martin Clausen, Landwirt, Naturkost Kontor Bremen

Martin Clausen, Landwirt, Naturkost Kontor Bremen

Wir unterstützen die Initiative der Kulturland eG, denn das ist genau, was wir wollen: den Boden sichern für die Bauern. Das ist wichtig für die Bio-Erzeuger.

Mehr zum Thema

www.bioboden.de kauft Land und verpachtet es an Bio-Bauern.

www.kulturland-eg.de kauft Ackerland, Wiesen und Biotope für regional vernetzte Bauern.

www.regionalwert-ag.de setzt sich für mehr Regionalwirtschaft rund um Freiburg ein. 

www.nabu.de/abbi vergibt Förderpreise für Bauern, die auf Bio umstellen.

Erschienen in Ausgabe 10/2016
Rubrik: Ernährung

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