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Wie viel Bio brauchen wir ?

Gurkenernte (© plainpicture/Aurora Photos/Alasdair Turner)
(© plainpicture/Aurora Photos/Alasdair Turner)

LEBENSMITTEL Die Bio-Welt ist auf dem Weg, sich neu zu definieren. Das ist nötig, wenn ihre Werte von gestern auch morgen Bestand haben sollen. Beim Finden von Antworten sind auch wir gefragt. Eine Einladung zum gemeinsamen Nachdenken. // Stephanie Silber

Die Geschichte von Bio ist eine Geschichte von Liebe und Leidenschaft, von Werten und Moral, Enttäuschung und großen Erwartungen. Stoff also, aus dem Klassiker sind. Ob Bio auch ein solcher wird, hängt vom nächsten, entscheidenden Akt ab. In diesem wird es darum gehen, ob Bio seine selbst gesteckten Ziele erreichen und sich selbst treu bleiben kann. Und kann Bio überhaupt außerhalb eines Nischendaseins in Masse funktionieren?

Um die Geschichte und die aktuellen Herausforderungen von Bio zu verstehen, muss man am Anfang beginnen. Vor gut vierzig, fünfzig Jahren wollten sich ein paar Menschen hier und da anders ernähren. Sie bauten in der Regel ihre Lebensmittel selbst an – ohne Chemie und nach landwirtschaftlichen Prinzipien, die Umwelt und Natur schützen. Die ersten Bio-Läden eröffneten Anfang der Siebziger: „Schwarzbrot“ hieß der in Hamburg zum Beispiel. Und es gab kleine Unternehmen, die Müslis, Aufstriche, Marmeladen fertigten und damit handelten. Die erste Bio-Messe mit dem schönen Namen „Müsli“ fand 1983 in der Nähe von Frankfurt am Main statt. Wurzel, Latzhose und Schrumpelmöhre – kein Klischee ist aus heutiger Sicht zu viel, um die Anfänge der Bio-Bewegung zu beschreiben. Sie ist geprägt von Idealen und Visionen: Der Liebe zur Natur, dem leidenschaftlichen Wunsch die Welt ein bisschen besser zu machen und der Überzeugung, dass eine andere Art des Wirtschaftens möglich ist.

Inzwischen, im Jahr 2015, sind Bio-Lebensmittel bei vielen Menschen beliebt. Bio trifft den Zeitgeist und boomt, jedes Jahr ein bisschen mehr. Denn glücklicherweise möchten viele Menschen Produkte mit Mehrwert kaufen: mehr Umweltschutz, mehr Sozialstandards, mehr Tierschutz. Doch mit dem wachsenden Erfolg kommen die Schwierigkeiten. „Bio für viele“ bedeutet Masse.

Zu wenig

Der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche in Deutschland ging im vergangenen Jahr erstmals leicht zurück und beträgt nur noch gut 6 Prozent.

Und auch Bio selbst bringt sich unter Druck, wenn es um Wachstum geht. Denn wenn die positiven Effekte dieser Art von Lebensmittelerzeugung deutlich spürbar sein sollen, müssen mehr landwirtschaftliche Flächen ökologisch bearbeitet werden. Und wenn hohe Tierschutz-Standards gesellschaftliches Ziel sind, müssen diese in vielen Ställen Einzug halten. Bio wirkt nur in der Breite.

Darüber hinaus hat Bio einen eigenen Anspruch: zur Lösung von weltweiten Problemen wie Klimawandel, Hunger und Artenverlust beizutragen. Auch für immer mehr Fachleute außerhalb der Öko-Szene ist Bio eine Antwort auf diese drängenden globalen Fragen. Dafür wäre allerdings eine andere Art von Landwirtschaft nötig: Öko-Landbau, der neue Standard? Auch dies beutet Masse.

Mit Masse gegen Umweltzerstörung?

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Masse nötig wäre. Konventionelle Landwirtschaft im Jahr 2015 bedeutet: Viele Grundwasser-Brunnen, vor allem in den sogenannten Agrar-Hotspots in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, sind durch Nitrat als Stickstoffdünger verseucht. Das Pestizid Glyphosat wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO verdächtigt, krebserregend zu sein. Sechs Millionen Liter wurden im vergangenen Jahr davon auf unseren Äckern versprüht. Neuste Studien haben es sogar in Muttermilch nachgewiesen. Das Bundesumweltministerium hat in einem Indikatorenbericht zu seiner Biodiversitätsstrategie die intensive Landwirtschaft als eine der Hauptursachen für die immense Zerstörung der Artenvielfalt auf unseren Wiesen, Feldern und Wäldern ausgemacht. „Diese Zerstörung ist unverantwortlich“, sagte Umweltministerin Barbara Hendricks in einem Interview mit Schrot&Korn. Und ihre Meinung über Öko-Landwirtschaft: „Das ist die nachhaltigste Form von Landwirtschaft, die es gibt und die wir uns natürlich wünschen.“

Ein nachvollziehbarer Wunsch, denn diese Art des Landbaus überschwemmt die Böden nicht mit Nitrat und verzichtet auf Gifte wie Glyphosat. Außerdem achten Bio-Bauern auf Fruchtfolgen, um die Böden nicht auszubluten. Dies sind nur ein paar Beispiele um zu zeigen, dass ein Bio-Bauer viel für Mensch und Umwelt und damit für unsere Gesellschaft tut. Dringend nötig, dass es viel mehr von ihnen gibt. Aber auch dies bedeutet Masse.

Werte und Tierwohl in Massenproduktion – geht das?

Aber was ist eigentlich das Problem mit Masse? Sie bringt die Bio-Branche – in Deutschland inzwischen zu einem Wirtschaftssegment mit einem Volumen von acht Milliarden Euro herangewachsen – an ihre Grenzen. Denn wie kann es für Bio-Unternehmen möglich sein, Werte zu leben und in ihre Produkte einfließen zu lassen und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich zu sein, um am freien Markt zu konkurrieren mit Firmen und Waren, die dieses Extra nicht haben? Ein Beispiel: Eine Firma stellt, sagen wir mal, Bio-Limonade her. Und neben „Frucht mit Mineralwasser mischen und dann in Flaschen abfüllen“, engagiert sich dieses Unternehmen aktiv für den Schutz der Gewässer rund um seine Quelle, setzt sich für eine gentechnikfreie Welt ein und produziert mit Öko-Strom. Außerdem bezahlt es seinen Lieferanten faire Preise für die Rohstoffe. Klar, dass die Flasche Limo dann mehr kostet als die Variante ohne dieses Plus.

Bio-Unternehmen stehen vor der Herausforderung, den Spagat zwischen wirtschaftlichem Erfolg und dem Erhalt ihrer Werte zu schaffen. Sie haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sich das nicht ausschließt. Aber es ist in einem freien Markt keine leichte Aufgabe. Das EU-Siegel definiert zwar eindeutig einen Bio-Mindeststandard, aber viele Unternehmen gehen bisher deutlich darüber hinaus. Aber ist es möglich, Werte in Masse zu produzieren?

Ein blühender Wirtschaftszweig wie Bio bedeutet auch, dass damit gutes Geld verdient werden kann. Die Branche ist zwar geprägt von Menschen und Unternehmen mit Idealen und Wertvorstellungen, doch seit Bio-Lebensmittel von vielen Menschen geschätzt werden, hat Bio immer mehr Facetten bekommen. Das beste Beispiel hierfür sind Bio-Eier. Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren immens gestiegen, es gibt Mega-Ställe mit Zehntausenden von Hühnern, männliche Küken werden nach dem Schlüpfen getötet und manche Firmen nutzen jeden Spielraum, den die gesetzliche Öko-Verordnung hergibt. Aber: Es sind Bio-Eier, bestätigt durch das EU-Bio-Siegel.

Etwas Entscheidendes aber dabei ist: Auch die Bio-Eier aus diesem vermeintlich schlechtem Beispiel sind um ein Vielfaches besser als Eier aus konventioneller Haltung. Die Hühner, die sie legen, bekommen Bio-Futter, keine Antibiotika, ihre Schnäbel werden nicht gekürzt, sie haben Sitzstangen und ruhige Nistplätze sowie Auslauf. Aber wie viel Tierwohl ist in Masse überhaupt möglich?

Genau diese Fragen stellt sich auch die Bio-Branche. Sie sieht einerseits ihre selbst gesteckten Ziele und die Notwendigkeit, dass Bio wachsen muss, damit Umwelt- und Naturschutz, Tierwohl, Sozialstandards keine Nischenprodukte bei der Lebensmittelherstellung bleiben. Andererseits ist es sehr schwer, gemeinsame Antworten auf die Frage zu finden, wie das auch in Masse möglich sein kann.

Zwei-Klassen-Bio?

Unter anderem diskutieren Vertreter der Branche zurzeit über ein sogenanntes Zwei-Klassen-Bio. Einige hören diesen Begriff nicht gern, da er nach gutem und schlechtem Bio klingt. Aber letztendlich ist der Name egal. Es geht um die Frage, wie Mindeststandards aussehen müssen, unter denen deutlich mehr Bio-Lebensmittel produziert werden könnten und die trotzdem den Namen Bio noch verdienen. Kurz gesagt: Wie viel Bio braucht Bio? Voraussetzung dabei ist, dass diese Variante um ein Vielfaches besser ist als das, was herkömmliche Landwirtschaft und Lebensmittelherstellung im Jahr 2015 bedeutet. Aber um wie viel besser? Denn ein mehr an Umweltschutz, Tierschutz und Sozialstandards geht immer.

Und genau dafür braucht es, so die Befürworter dieser Position, ein Bio, das wie bisher Speerspitze eines ökologisch-sozialen Umbaus der Weltgesellschaft ist. Das klingt hochtrabend. Aber durch ein Beispiel wird es deutlich: Auch die meisten Bio-Kühe bekommen neben Gras und Heu Kraftfutter in Form von Getreide. In Forschungsprojekten erproben derzeit Pionier-Betriebe, wie Bio-Kühe ausschließlich mit Grünfutter ernährt werden können und der Bauer dabei wirtschaftlich gut leben kann. Wichtig ist dies, weil Getreide ein Lebensmittel ist und bei einer prognostizierten Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen es nicht mehr zu vertreten ist, Lebensmittel an Tiere zu verfüttern. Dieses, nennen wir es mal Bio-Plus, definiert sich weit über Mindeststandards hinaus und soll so neue Impulse setzen, die Stück für Stück zu neuen Richtlinien werden könnten.

Zu viel

Knapp jeder zweite Bio-Apfel, der in Deutschland gegessen wird, wird aus dem Ausland importiert. Dies ist nötig, da es hier viel zu wenig Öko-Flächen gibt.

Andere Stimmen warnen dringend davor, die bestehenden Mindeststandards aufzuweichen oder gar zu verwässern. Sie sagen, Bio als Ganzes ist Avantgarde und muss in der Nische bleiben, um sich zur höchsten Form von Lebensmittelproduktion entwickeln zu können und somit zum Maßstab zu werden. Die konventionelle Landwirtschaft müsse dagegen ökologisiert werden.

Die Bios wären aber nicht die Bios, wenn sie sich diese Fragen einfach machen würden. „Bio für alle“ ist Idealzustand und Vision zugleich. Es ist ein großes Ziel und Widerspruch in sich. Ein Umstand, den auch wir Bio-Kunden anerkennen müssen: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Die Branche wird noch Zeit brauchen, um Antworten zu finden. Und auf dem Weg vielleicht Fehler machen. Wie anfangs schon gesagt, schreibt die Geschichte von Bio gerade einen entscheidenden Akt, aber wie manch Klassiker hat es den Stoff für ein Happy End.

(Foto: plainpicture/Aurora Photos/Alasdair Turner)

Christian Schmidt: „Die Nachfrage nach Bio wird weiter steigen“

Christian Schmidt (Foto: Alasdair Turner; picture alliance/dpa)
Christian Schmidt (CSU) ist seit
2014 Bundesagrarminister.
(Foto: picture alliance/dpa)

„Bio ist eine dynamische Geschichte! War Bio vor 30 Jahren noch ein reiner Nischenmarkt, findet man heute in fast allen Verkaufsstätten wie selbstverständlich ein zunehmend breites Sortiment von Bio-Erzeugnissen. Die Nachfrage nach Bio steigt und sie wird in den nächsten 30 Jahren weiter steigen. Denn immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher wollen, dass ihre Lebensmittel nach besonderen biologischen Standards produziert werden. 

Doch mehr noch als heute werden in 30 Jahren Ökolandbau und konventionelle Landwirtschaft nicht mehr als Gegensätze verstanden. Es wird eine Partnerschaft in den Anbauweisen entstanden sein, aus der wechselseitiger Nutzen gezogen werden kann. Der Ökolandbau wird noch profilschärfer, aber auch produktiver, die konventionelle Landwirtschaft noch nachhaltiger sein. Dafür legen wir heute die Grundlagen mit kluger Förderung, Forschung und Innovation und einem rechtlichen Rahmen, der klare Bedingungen schafft. Mit unserer Zukunftsstrategie Ökolandbau stärken wir den ökologischen Landbau und verbessern seine Chance, in Zukunft auch in Deutschland einen angemessenen Flächenanteil zu erreichen.“ 

Urs Niggli: „Natur und Hightech“

Urs Niggli (Fotos: picture alliance/dpa)
Professor Urs Niggli ist Direktor des
Forschungsinstituts für biologischen
Landbau im schweizerischen Frick.
(Foto: Thomas Langreder – bio verlag)

„Wie sieht Bio in 30 Jahren aus? Mit Sicherheit ganz anders als heute. Damit meine ich nicht die biologisch-dynamische Landwirtschaft, denn deren wesentliche Elemente basieren auf der übersinnlichen Wahrnehmung eines einzigen Menschen vor mehr als 90 Jahren. Sie können deshalb nicht mehr verändert werden. Ganz anders die ökologische Landwirtschaft, die gerade jetzt ihre Rolle im 21. Jahrhundert sucht. Ich hätte gerne, wenn diese in 30 Jahren Natur und Hightech genannt würde. Es müsste doch möglich sein, den unbändigen menschlichen Erfindungsgeist für stabile, regenerative und gleichzeitig produktive Ökosysteme zu nutzen! 

Aber vielleicht bin ich ein Opfer von neopositivistischen Illusionen, und Technologien werden stets Mittel der menschlichen Gier bleiben. Dann wird der Ökolandbau als ökologisch-soziale Bewegung in Stadtgärten, auf Hausdächern und Balkonen, am Stadtrand und auf genossenschaftlichen, dem Gemeinwohl verpflichteten Betrieben Furore machen. Diese wichtige Aufgabe als Scharnier zwischen Stadt und Land wird eine kreative Nische bleiben, aber Schulklassen werden erahnen, dass Essen mehr als eine effiziente Food-Logistik ist. Doch der Blick in die Zukunft bleibt ein Kaffeesatzlesen. Vor 30 Jahren waren sich Experten einig, dass der Biolandbau als Kuriosität bald wieder verschwinden würde.“

Interview: „Es braucht wieder Pioniere“

Hanni Rützler (Foto: Nicole Heiling)
Hanni Rützler ... beschäftigt sich in
ihrem Futurefoodstudio in Wien mit
der Zukunft des Essens.
(Foto: Nicole Heiling)

Frau Rützler, wo wird Bio in 30 Jahren stehen?

Bio war jahrzehntelang eine Speerspitze der Innovation. Inzwischen ist es ein selbstverständlicher Teil der Esskultur geworden. Da würden sich alle gerne zufrieden zurücklehnen. Aber es braucht wieder Pioniere. 

In welche Richtung sollen die aufbrechen?

Es gibt zwei Bereiche, die Bio stark vernachlässigt hat, das sind Regionalität und Handwerk. Regionalität heißt nicht nur Herkunft kennzeichnen, sondern meint das Engagement in der Region. Das bedeutet Kreisläufe schließen, Partner suchen und einbeziehen, etwa das Ernährungshandwerk in der Region. Man muss mit Verbrauchern in der Stadt kooperieren, neue Netzwerke knüpfen. Dazu bedarf es der Zusammenarbeit mit vielen Gruppen. Das ist eine Herausforderung.

Geht das ein bisschen konkreter?

Man sieht das beim Fleischkonsum. Nach Jahrzehnten von Masse und Standardisierung gibt es endlich einen Schub in Richtung Qualität, von der Haltung bis zur Sensorik. Plötzlich kommt es auf Rasse und Geschmack an, auf die Zubereitung. Da braucht es den Metzger, der erklärt, wie man aus Bio-Hackfleisch den besten Burger macht, den Bäcker, der die bes­ten Buns dafür backt. Nicht in Lebensmittelgruppen denken, sondern in Ess-Lösungen.

Was erwarten die Kunden künftig von Bio?

Eine ganze Generation ist im digitalen Zeitalter aufgewachsen, hat gelernt, mit einer Vielfalt an Infos und Serviceangeboten umzugehen und erwartet diese auch von Bio. Der Lebensmittelbegriff geht in Richtung Ganzheitlichkeit, da gehören Lösungen für die Energieversorgung ebenso dazu wie der Umgang mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum oder faires und soziales Handeln.

Erschienen in Ausgabe 09/2015
Rubrik: Ernährung

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