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Was sind sie uns wert ?

Huehner © Herrmannsdorfer Landwerkstätten Glonn GmbH & Co. KG
© Herrmannsdorfer Landwerkstätten Glonn GmbH & Co. KG
Die Hühnerhaltung in Herrmannsdorf ist anders.
So, wie sie früher normal war: Hahn und Henne werden genutzt.

LANDWIRTSCHAFT Hühner sollen viele Eier legen und viel Fleisch liefern. Doch ohne Kükentöten hat das seinen Preis. Michael Billig

Ei, was läuft denn da ... Ein Tier, das es in unserer auf Hochleistung und maximalen Ertrag getrimmten Landwirtschaft eigentlich nicht mehr gibt. Auch sein Name ist fast vergessen, doch langsam kehrt es zurück: das Zweinutzungshuhn.

Hybridhühner

... sind Kreuzungen  auf Hochleistung. Mit ihnen können Bauern nicht
weiterzüchten, sondern müssen sie immer wieder neu kaufen.

Über Jahrhunderte haben Menschen Hühner gehalten, die beides können, eine stattliche Anzahl an Eiern legen und ordentlich Fleisch liefern. Bis vor 60 Jahren. Dann setzte der Siegeszug der sogenannten Hybridrassen ein.
Legehennen und Masthühnchen aus den Zuchtfabriken weniger Großkonzerne eroberten die Ställe und verdrängten die alten Rassen. Die neuen Spezialisten beeindruckten entweder durch hohe Legeleistung oder schnelles Wachstum. Die Legehenne von heute liefert wie am Fließband. Sie legt bis zu 320 Eier im Jahr. Das Masthuhn erreicht schon nach vier bis sechs Wochen ein schlachtreifes Gewicht von fast zwei Kilogramm. Da konnten Zweinutzungs-
hühner nicht mithalten.

Kämpfer gegen das Kükentöten

Doch die Jagd nach immer neuen Höchstleistungen fordert ihre Opfer: Die Brüder der heutigen Legehennen legen keine Eier und nehmen kaum zu. Weil sie freilich Futter benötigen, gelten sie als schlechte Verwerter und damit als Belastung. Brütereibetriebe machen deshalb kurzen Prozess und töten die männlichen Küken von Legehennen schon kurz nach dem Ausschlüpfen. Um die 45 Millionen Eintagsküken werden jedes Jahr in Deutschland vergast, geschreddert und wie Müll entsorgt. Doch dieses massenhafte Kükentöten stößt bei immer mehr Menschen auf Ablehnung.

Zu den engagierten Gegnern dieser Praxis gehört der Demeter-Bauer Carsten Bauck aus dem niedersächsischen Uelzen. Seit acht Jahren füttert er die Brüder seiner Legehennen durch, zieht sie auf und vermarktet ihr Fleisch. „Hühner sind Nutztiere und kein Abfall“, betont Bauck. Davon konnte er auch andere Öko-Bauern überzeugen. So gehören der Bruderhahn-Initiative, die sich für die Aufzucht der männlichen Küken einsetzt und die Bauck vor sechs Jahren mit Großhändlern der Naturkost-Branche gegründet hat, mittlerweile rund 30 Bio-Höfe bundesweit an.

Zweinutzungshühner haben es schwer beim Verbraucher

Der Bruderhahn soll dennoch nur eine Übergangslösung sein. Ein Versuch, dem millionenfachen Vergasen und Schreddern jetzt schon etwas entgegenzusetzen. Langfristig hoffen Bauck und mit ihm viele andere Bauern auf das Zweinutzungshuhn. Doch das eierlegende Öko-Masthuhn, das in puncto Eier und Fleisch die jetzigen Hochleistungsrassen aussticht, muss erst noch geboren werden.

Im Jahr 2013 sah es kurzzeitig so aus, als sei ein neues Superhuhn gefunden. Der Konzern Lohmann aus Cuxhaven, weltweit führender Züchter von Hybridhennen, stellte seine jüngste Schöpfung vor: ein Zweinutzungshuhn namens „Lohmann Dual“. In der Hochschulmensa von Hannover wurden von dieser neuen Zuchtlinie sogar schon knusprig braun gegrillte Broiler serviert. Die Verköstigung war aber nur ein Experiment. Wissenschaftler wollten herausfinden, wie der Dual-Hahn beim Verbraucher ankommt. Hunderte Portionen gingen über die Theke. Den Studenten hat es offenbar geschmeckt.

Den Hühnerhaltern in Deutschland schmeckt die ganze Sache allerdings nicht. So gibt es bundesweit kaum einen Hof, der das Zweinutzungshuhn aus dem Hause Lohmann will. „Die Nachfrage ist weiterhin gering“, wie ein Sprecher des Konzerns bestätigt. Seine Begründung: die mangelnde Akzeptanz beim Endverbraucher. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. „Die Hähne brauchen viel hochwertiges Futter und setzen dafür zu wenig Fleisch an“, erzählt der Öko-Landwirt Josef Bauer von seinen Erfahrungen mit den Dual-Hühnern. Mehr als 1000 dieser Tiere hatte er in seinen Bio-Legehennen-Betrieb in Tiefenbach bei Landshut eingestallt. Sein Fazit: „Die Züchtung ist noch nicht ausgereift.“ Zum Kükentöten wollte Bauer aber auch nicht zurück. Deswegen päppelt er heute Bruderhähne auf.

Zu seinen Alternativen hätten auch die alten, verdrängten Zweinutzungsrassen gehört. Doch die legen ihm zu wenige Eier, wie Josef Bauer sagt. Das könnte sich in Zukunft ändern – wenn etwa die von Demeter und Bioland gegründete Initiative Ökologische Tierzucht auf ihrer Suche nach dem „Huhn von morgen“ fündig wird (siehe Interview).

Doch es stimmt auch: Die Bruderhähne und Zweinutzungsrassen von heute haben es beim Verbraucher schwer. Selbst Menschen, die Wert auf eine nachhaltige Landwirtschaft und das Wohlergehen der Nutztiere legen, kaufen weiter Eier, Broiler und Geflügelwurst von den spezialisierten Hochleistungsrassen. Diesen Schluss legen auch die Forschungsergebnisse von Christine Lautenbacher nahe. Sie schloss 2016 ihr agrarwissenschaftliches Studium mit einer Studie zu Bruderhähnen und Zweinutzungshühnern ab. Sie hat sich vor allem mit der Verbraucherperspektive auf dieses Thema befasst und rund 150 Kunden von Bio-Hofläden zu ihrem Konsumverhalten befragt.

Dabei stellte sich heraus, dass immerhin jeder Zweite schon einmal Eier aus der doppelten Nutzung gekauft hat. Doch bei Fleisch und Wurst fällt das Ergebnis anders aus. Zwei Drittel der Befragten haben noch nie danach gegriffen. Gerade mal sechs Personen gaben an, dass sie so konsequent sind und sich ausschließlich für die ethisch korrekteren Alternativen entscheiden. Diese Ergebnisse sind auch deshalb erstaunlich, weil, wie die Studie ebenfalls zeigt, die Bio-Kundschaft nur zu gut das Schicksal der Bruderhähne kennt: „Die meisten Verbraucher wissen, dass die männlichen Küken von Legehennen in der Regel getötet werden“, sagt Christine Lautenbacher.

Huhn oder Hahn

Ein Brathähnchen kann trotz des Namens auch ein weibliches Tier sein. Bei der Mast wird nicht nach Geschlecht sortiert.

Kaum Kunden kaufen die neuen Hühner

Doch Wissen und Bewusstsein allein reichen noch nicht aus. Für einen Konsumwandel hin zum Zweinutzungshuhn bedarf es weit mehr, wie die Soziologin Jana Rückert-John erklärt. „Da spielen viele andere Faktoren eine Rolle“, sagt die Professorin von der Hochschule Fulda, die sich in ihrer täglichen Forschungsarbeit mit dem „Wandel des Ess-
alltags“ beschäftigt. Rückert-John betont, dass es oft auf ganz pragmatische Dinge ankommt. Beispielsweise auf die Frage, wie weit es der Verbraucher bis zum nächsten Hofladen hat. Gibt es womöglich einen Bio-Supermarkt um die Ecke? Führen diese Geschäfte überhaupt Eier und Fleisch aus der Zweinutzung? Denn wo kein ethisch korrekter Hahn, da auch kein Kunde, der nach ihm kräht. Die Hofläden allerdings, die Lautenbacher für ihre Interviews aufsuchte, hatten die Produkte im Sortiment. Hier kann fehlende Verfügbarkeit nicht als Ursache gelten. „Die Rahmenbedingungen müssen stimmen“, fasst Rückert-John die Voraussetzungen für einen Konsumwandel zusammen. Und zu diesen Bedingungen zählt zweifellos der Preis.

Für echte Alternativen sind dann auch reale Preise fällig

Die Eier von Öko-Bauer Bauck etwa kosten wegen der Aufzucht der männlichen Küken vier Cent mehr. Von diesem Geld schultert er Mast und Verarbeitung der Bruderhähne. Die Produktpalette, die er aus ihrem Fleisch erstellt, reicht mittlerweile von Babykost und Fertiggerichten bis zu Filetschinken und anderer Wurst. „Die Salami geht wie geschnitten Brot“, sagt er und berichtet von einer steigenden Nachfrage. Doch ohne Querfinanzierung durch die Eier müsste er höhere Preise für diese Produkte verlangen. Dann, so seine Befürchtung, würde sie niemand mehr kaufen und die Aufzucht der Hähne wäre gefährdet.

Ein paar Cent mehr auf jedes Ei, das ist scheinbar kein Problem. Das machen die Kunden mit. Doch die Deutschen geben bekanntlich nur sehr ungern viel Geld für Lebensmittel aus. Auch Käufer von ökologisch erzeugten Produkten haben ihre Schmerzgrenze. Und wenn sie für Bio-Fleisch, das schon teurer ist als konventionelle Ware, noch ein paar Euro mehr bezahlen sollen, zögern offenbar auch sie. Eines steht fest: Ganzheitliche Hühnerhaltung, nachhaltig und ohne Kükentöten, kann es nur zu fairen Preisen geben. Sie gibt es auch noch – in Nischen der ökologischen Landwirtschaft. Zum Beispiel auf fünf Öko-Höfen in Ostdeutschland, die zusammen mit der Marktgesellschaft Naturland und dem Bio-Großhändler Terra Naturkost das Projekt „ei care“ bilden. Gemeinsam fördern sie die Rückkehr der Zweinutzungshühner und setzen dabei auf „Les Bleues“. Von dieser französischen Geflügelrasse vertreiben sie Eier, Suppenhühner, Hähne und Hühnereintopf.

Für den Vertrieb zuständig ist Terra Naturkost. Rund 100 Bio-Geschäfte haben bereits bei dem Großhändler aus Berlin diese Produkte bestellt. Die Preise, die die Kunden im Laden bezahlen, haben es in sich. Ein Kilogramm Hähnchenfleisch etwa kostet 14 bis 15 Euro. „Die Preise bilden die realen Kosten der gesamten Wertschöpfungskette ab, vom Futter für das Tier bis zum Lohn für den Bauern“, erklärt Nina Sandschulte, verantwortlich fürs Marketing bei Terra Naturkost. Trotz höherer Preise setzt der Bio-Großhändler Jahr für Jahr mehr Hähne und Suppenhühner ab. Doch Sandschulte sieht noch viel Luft nach oben. „Wir müssen Ladeninhaber und Verbraucher noch mehr über die ökologische Notwendigkeit und die Vorzüge von Zweinutzungshühnern informieren“, sagt sie.

Bis die Zweinutzungshühner die spezialisierten Hochleistungsrassen wieder zurückgedrängt haben, ist es
sicherlich noch ein langer Weg. Vielleicht dauert es nochmal 60 Jahre, vielleicht sogar noch länger. Doch Menschen wie Carsten Bauck, Josef Bauer und Nina Sandschulte
machen deutlich, dass es wichtig ist, ihn zu gehen. Damit das massenhafte Kükentöten ein Ende hat. 

 

Zahlen rund ums Huhn

Geliebtes Hähnchen

  • Die Deutschen lieben Hähnchenfleisch: Der Pro-Kopf-Verbrauch hat sich seit den 1970er- Jahren verfünffacht, heute liegt er bei knapp 12 Kilogramm im Jahr.
  • Besonders begehrt ist die Brust des Huhns. Die restlichen Teile gelangen mangels Nachfrage kaum mehr in den hiesigen Handel. Sie werden exportiert, zum Beispiel nach Westafrika.
  • Auch der Verbrauch von Eiern steigt stetig. 2016 hat jeder Deutsche durchschnittlich 235 Stück verzehrt. Das sind 26 mehr als zehn Jahre zuvor. Um diesen Bedarf zu decken, halten die deutschen Bauern jährlich 40 bis 50 Millionen Legehennen. Lediglich 3,5 Millionen davon ökologisch.
  • Die Zahl der Masthühnchen ist doppelt so hoch. Die meisten von ihnen leben in Betrieben mit mehr als 50 000 Tieren. Umweltschützer kritisieren, dass diese Massentierhaltung zu Schäden am Skelett, Entzündungen des Brustbeins und tödlichen Herzerkrankungen bei den Hühnern führt. Etwa ein Prozent der Masthühner steht in Öko-Ställen.
  • Nach der Legezeit wurden Hühner früher als Suppenhühner verkauft. Allerdings ist der Markt stark zurückgegangen, daher enden sie heute oft als Fleischabfall oder landen als Zugabe in Hunde- oder Katzenfutter.

Interview

Inga Günther © Ökologische Tierzucht gemeinnützige GmbH
Inga Günther © Ökologische Tierzucht gemeinnützige GmbH

„Es fehlen noch 20 bis 40 Eier“

Gibt es heute bereits Zweinutzungshühner?

Ja, ich würde sagen, dass es sie gibt. Darunter verstehen wir Geflügel, das sowohl zum Schlachten als auch zum Eierlegen gehalten werden kann. Die Frage ist: Gibt es Verbraucher, die bereit sind, für diese Hühner und ihre Eier zu bezahlen?

Und: Gibt es die?

Das kommt auf die Vermarktungsstruktur an: In Hofläden, wo die Kunden Hof, Hühner und Bauern gut kennen, sind sie am ehesten bereit, diese Preise zu bezahlen. Im Naturkost-Fachhandel gibt es noch das Problem, dass die Produkte nicht überall verfügbar sind.

Inga Günther

arbeitet bei der Ökologischen
Tierzucht GmbH an der Züchtung des perfekten Zweinutzungshuhns.

Wie viel kostet ein Zweinutzungshahn im Hofladen?

Ein ganzer Hahn von unseren „Bresses Gauloises“ kostet über 30 Euro. Die Kilopreise liegen um die 19 Euro. Ein Kilo eines normalen Bio-Hähnchens kostet rund 12 Euro.

Was unterscheidet ein Zweinutzungshuhn vom Bruderhahn?

Bei Zweinutzungshühnern müssen Henne und Hahn wirtschaftlich für sich stehen. Der Hahn muss ein vernünftiges Gewicht auf die Waage bringen und einen richtigen Braten hergeben. Er hat einen eigenen Wert. Das ist beim Bruderhahn anders: Da subventioniert die Henne mit ihren Eiern den Hahn.

Was sollte das perfekte Zweinutzungshuhn leisten?

Die Hennen sollten 220 bis 240 Eier im Jahr legen, die Hähne nach 14 bis 16 Wochen ein Lebendgewicht von drei Kilogramm erreichen.

Wie weit ist die Züchtung davon entfernt?

Bei unseren Hühnern fehlen nach oben noch 20 bis 40 Eier. Wir versuchen die Legeleistung durch das Einkreuzen anderer Rassen zu steigern. Aber: Je mehr Eier ein Huhn legt, desto schlanker wird es. Diese Verschiebung wollen wir vermeiden. Das geht nur durch langfristige Zucht – eine sensible, kostenintensive Arbeit.

Mehr zum Thema

www.bruderhahn.de

www.aktion-ei-care.de

www.oekotierzucht.de

 

Fischer, Ernst Peter: Treffen sich zwei Gene

Mensch, Mario; Olschewsky, Anne:
Planet der Hühner.
Über die Nutzung des Huhns durch den Menschen.
Brandes & Apsel, 2017,
112 Seiten, 14,90 €

Erschienen in Ausgabe 02/2018
Rubrik: Ernährung

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Anke Rudolph

Eigene Hühner gegen das Kükentöten
Seit 5 Jahren halten wir eigene Hühner, was nicht kompliziert ist, sondern Spaß und Freude macht. Wir halten Zwerghühner verschiedener Rassen. Dank der Brutlust unserer Hühner, ziehen wir unseren Nachwuchs selbst auf. Bruteier besorgen wir uns bei Rassegeflügelzüchtern. Hähnchen werden im Alter von 6 Monaten nach einen glücklichen Leben in Freiheit geschlachtet und gegessen. Das einzige Hühnerfleisch was bei uns auf den Tisch kommt. Wir essen die besten Eier der Welt. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich mit Eieren selbst versorgen.

Elke Skiba

Ein Zweinutzungshuhn ist kein glückliches Huhn, sondern vor allem ein genutztes Huhn. Auch wenn es eingeführt werden würde, bliebe die Eierproduktion mit Tierleid und Tiertötung verbunden. Das Aussortieren der Küken, ihr Transport in die Legehennen- oder Mastanlagen und nach circa zwei Jahren (auch in der Biohaltung!) in den Schlachthof bleiben unverändert.
Die Bruderhahn Initiative möchte das nutzlose Kükenschreddern stoppen – der Tod der Tiere wird aber nur herausgezögert, die Bruderhahn-Partner mästen die Tiere, um sie nach etwa fünf bis sieben Monaten zu töten. Bis zu 3.000 Tiere werden pro Stall aufgezogen. Hühner sind sensible feinfühlige Lebewesen mit einer normalen Lebensdauer bis ca. 15 Jahre.
Wir Konsumenten sollten uns fragen ob es das wirklich wert ist, ein Leben für einen kurzen Gaumenkitzel. So etwas wie „ethische Eier und Fleisch“ gibt es nicht. Dabei ist es so einfach – vegane Alternativen zu Eiern wie z.B. Rührtofu "Hühnerfleisch aus Seitan und Lupinen sind cholesterinfrei und tierfreundlich.