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Tina Andres: „Bio ist eine Bewegung“

Interview Tina Andres (© André Walther)
Tina Andres im Gespräch mit Landwirten, mit denen sie eng zusammenarbeitet. (© André Walther)

INTERVIEW Tina Andres ist nicht nur Vorstand im größten Verband für Bio-Läden, sondern auch Geschäftsführerin von fünf Bio-Supermärkten. Wir wollten von ihr wissen, ob es einen Unterschied macht, wo man Bio einkauft. // Stephanie Silber

Ich treffe Tina Andres in einem Berliner Hotel, nachdem sie zum Vorstand des Bundesverbandes gewählt wurde. Als erstes schiebe ich ihr meine Handynummer über den Tisch und bitte sie, mich anzurufen. Das Bölken einer Kuh schallt laut durch den Frühstücksraum – und Tina Andres muss lachen.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, Tierstimmen auf der Homepage Eurer Bio-Supermärkte als Klingeltöne zum Herunterladen anzubieten?

Das ist meiner Liebe zur Musik geschuldet. Die Musik in der Warteschleife unserer Telefonanlage fand ich schrecklich. Da bin ich mit einem befreundeten Tontechniker losgezogen und wir haben die Tierstimmen auf unseren Partnerhöfen aufgenommen.

Eure Supermärkte sind als Erzeuger/Verbraucher-Genossenschaft organisiert, deren Ursprung im kommenden Jahr 30-jähriges Jubiläum feiert. Was ist das Besondere daran?

Wir haben ein gemeinsames Ziel: die Förderung des ökologischen Landbaus in der Region Lübeck. Entstanden ist das aus dem Nachschrecken von Tschernobyl. Wir wollten unbelastete Nahrung. Alle Beteiligten – Bauern, Kunden und wir Händler – arbeiten bis heute engagiert für diese Idee zusammen. Wir sind eine großartige Gemeinschaft, die geeint ist in dem Gedanken, Landwirtschaft zu verändern.

Latzhose und Birkenstock sind Synonyme für die Anfänge der Öko-Bewegung. Sie stehen gleichzeitig für Visionen und Ideale, mit denen diese damals angetreten ist. Was ist von diesen heute noch da?

Wahnsinnig viel. Nur die Latzhose ist passé. Die Menschen, die sich Bio verschrieben haben, nehmen es verdammt ernst. Man kann ja auch nicht behaupten, dass die Probleme, die wir verringern wollten, gelöst sind. Wir haben nach wie vor riesige Probleme durch den Einsatz von Glyphosat. Gleichzeitig wächst die Agrarindustrie rasend schnell. Immer mehr Böden werden versiegelt, es gibt Landgrabbing, Arten verschwinden. Wir alle, die in dieser Branche unterwegs sind, versuchen genau dort etwas zu verändern. Das ist eine politische Bewegung. War sie immer und ist sie noch. Und sie ist genauso aktiv wie zu Beginn.

Ein Credo der Bewegung war immer „Bio für alle“. Endlich ist es Realität und Kunden können fast überall Bio-Produkte kaufen. Glaubst Du, dass es dennoch einen Unterschied macht, wo Menschen ökologische Lebensmittel einkaufen?

Absolut. Biologische Produkte handeln kann jeder, aber ökologisch, nachhaltig handeln ist etwas anderes. Langfristig macht es auch als Kunde einen Unterschied, wo man in der Gesellschaft Stellung bezieht. Wir alle wissen, dass sich Geschäfte mit einem – im Vergleich zu Bio-Läden – nur recht kleinen Bio-Sortiment nicht wirklich Ökologie und Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben haben. Denn das bedeutet viel mehr als Bio-Produkte über den Ladentisch zu schieben, nur weil es gerade boomt. Es geht um das Weitergeben von fairen Preisen an die Erzeuger, um die Unterstützung regionaler Netzwerke, um fairen Handel weltweit. Um nur ein paar Dinge zu nennen.

Und das tun Bio-Läden?

Wir sind angetreten, um die Welt ein bisschen besser zu machen und die ökologische Landwirtschaft weiterzuentwickeln. Dafür braucht es eine ganze Menge Innovationsgeist und Standhaftigkeit. Wir im Bundesverband wollen dafür sorgen, dass wir keine Verwässerung der Bio-Standards erfahren. Und das tun wir besser mit Partnern, die es ernst meinen, wie zum Beispiel Bauern, den Experten der Bio-Landwirtschaft.

Ist Bio nicht gleich Bio?

Nein, ganz sicher nicht. Es gibt deutliche Qualitätsunterschiede. Ein Produkt, das nach EU-Bio-Siegel angebaut wurde, ist nicht vergleichbar mit dem, das ein Demeter-Landwirt erzeugt. Da gibt es viel strengere Vorschriften. Es kommt auch sehr auf das Engagement der Menschen an, die Bio-Produkte erzeugen. Auch bei der Herstellung. Manche der Firmen im Bio-Laden sind weit vorn was zum Beispiel die Prozessqualität, schonende Verarbeitung und auch die Qualität der Zutaten angeht.

Wie siehst Du die Weiterentwicklung von Bio?

Ich wünsche mir, dass wir die hohen Bio-Kriterien, die wir in großen Teilen erreicht haben, ausbauen. Dass es nicht mehr nur davon abhängt, ob ein Landwirt oder ein Unternehmen sich der Sache mit Herz und Seele verschreibt, sondern dass man gar nicht anders kann als Bio auf höchstem Niveau zu produzieren. Ich wünsche mir, dass Bio weiter wächst. Aber es darf nicht ein beliebiges Bio sein, sondern es darf den Gedanken des Ressourcenschutz, den Gedanken der Förderung der Artenvielfalt, all dieser Mehrwerte, nicht aus den Augen verlieren.

Haben Kunden früher oder heute bewusster eingekauft?

Das ist gar nicht so die Frage. Es ist eher die Menge der Kunden, die heute bewusst einkauft. In den Anfängen waren es einfach weniger Menschen, die sich darum Gedanken gemacht haben. Inzwischen sind es viele Menschen zwischen 15 und 80 Jahren. Da hat sich viel getan.

Haben sich die Kunden verändert?

Im Zuge der Vegan-Welle sind viele junge, bewusste, kampfeslustige und diskussionsfreudige Kunden zu uns gekommen. Das finde ich eine ganz tolle Entwicklung. Und ich finde, dass es in der Generation 20 plus ganz viel Innovationgeist gibt was Lebensmittel und Konsum angeht. Das gefällt mir unheimlich gut. Ich glaube, es hat sich noch nie so eine Masse an jungen Menschen mit Ernährung auseinandergesetzt wie jetzt. Das lässt unheimlich hoffen. Es macht Spaß, diese Leute in unseren Läden zu treffen. 

Was wünschst Du Dir von Bio-Kunden?

Ich wünsche mir, dass sie nachfragen. Dass sie mit uns, die im Laden arbeiten, in Kontakt treten, dass sie uns ihre Fragen stellen, denn wir können viele Antworten liefern. Und ich wünsche mir tatsächlich auch politisches Einkaufen, denn mit meiner Kaufentscheidung beeinflusse ich wahnsinnig viel. Ich wünsche mir sehr, dass sich Verbraucher dieser Macht bewusst sind.

Stephanie Silber und Tina Andres
(© Privat)

Redakteurin Stephanie Silber (links) sprach mit Tina Andres. Das Blöken einer Kuh erheiterte nicht nur die beiden im Frühstücksraum des Berliner Hotels.

Zur Person:

Interview Tina Andres (© André Walther)
(© André Walther)

Tina Andres

... lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Lübeck. Dort arbeitet sie seit elf Jahren bei EVG Landwege, einer Erzeuger- und Verbraucher Genossenschaft, die letzten 7 Jahre davon als Geschäftsführerin. Im zweiten Leben ist sie Jazz- und Chansonsängerin, mit ihrer Band gibt sie hin und wieder auch Konzerte in den Läden. Im Juni wurde sie in den Vorstand des BNN, dem Bundesverband Naturkost Naturwaren, gewählt. Dort schließen sich Hersteller von Bio-Produkten, Großhändler und Bio-Läden zusammen. Diese Läden halten sich an die Sortimentsrichtlinien des Verbandes – die „höchsten Produktstandards im deutschen Lebensmitteleinzelhandel“.

Erschienen in Ausgabe 11/2017
Rubrik: Ernährung

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incl. 'http://'
Michelchen

Hallo, die klingeltöne sind hier zu finden :-)
http://www.landwege.de/klingeltoene.html
VG u allen eine gute Zeit
MSK

Petra Roth

Hallo,

wo kann man die Klingeltöne downloaden?

LG Petra Roth