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Tiere: Auf gesunden Beinen ?

Gute Milch aus gesundem Euter (© photocase/Tobi R.)
Gute Milch aus gesunden Eutern – so soll es sein. (© photocase/Tobi R.)

TIERGESUNDHEIT Trotz artgerechter Haltung werden auch Bio-Tiere immer wieder krank. Bio-Bauern, Verbände und Wissenschaftler arbeiten daran, das zu ändern. Einfach ist das nicht. // Leo Frühschütz

Berta hat es gut. Sie darf den ganzen Tag auf der Weide stehen, frische Gräser und Kräuter mampfen und abends trottet sie gemütlich heim in den Stall zum Melken. So stellen sich Verbraucher das Leben einer Bio-Milchkuh vor. Aber bist Du wirklich glücklich, Berta? Muh!

Weil Bertas Antwort zu sehr interpretierbar ist, arbeiten Wissenschaftler seit über 30 Jahren an Indikatoren, mit denen sich objektiver überprüfen lässt, ob es Nutztieren im Stall gut geht. Ein wichtiges Kriterium dabei ist, dass die Tiere ihr arteigenes Verhalten einigermaßen ausleben können. Da liegen Berta und andere Bio-Tiere vorn. Denn die EU-Öko-Verordnung schreibt mehr Platz im Stall vor, Auslauf ins Freie und weiche Liegeflächen mit Einstreu. „Die Haltungsvorgaben im Öko-Landbau sind eine wichtige Voraussetzung für eine bessere Tiergesundheit – aber sie sind keine Garantie dafür“, sagt Solveig March, die am bundeseigenen Thünen-Institut seit Jahren zum Tierwohl von Bio-Tieren forscht. Denn die Gesundheit der Tiere wird auch von vielen anderen Faktoren beeinflusst. Kurz gesagt: Bio ist für die Tiere besser, aber nicht automatisch gesünder.

Unterschiede zwischen den Betrieben

Bestätigt hat das ein Forschungsprojekt, in dem Wissenschaftler aus mehreren EU-Staaten den Gesundheitszustand von Bio-Milchkuhherden untersuchten. „Die Erkrankungsraten auf ökologischen Milchviehbetrieben unterschieden sich nicht von denen in der konventionellen Milchviehhaltung“, bilanziert Professor Albert Sundrum von der Universität Kassel, der das Projekt koordinierte (siehe Interview). Auch Bio-Kühe leiden also an Euterentzündungen (Mastitis), an Unfruchtbarkeit oder Lahmheiten. Allerdings nicht immer und überall. Die Studie zeigte – wie auch im konventionellen Bereich – eine große Spannbreite zwischen den Betrieben. Es gab Bauern mit kerngesunden Herden ebenso wie Landwirte, die mit erheblichen Gesundheitsproblemen in ihrem Stall zu kämpfen haben.

Kuh auf der grünen Wiese (© photocase/Brilliant Eye)Hochleistung auch bei Bio-Tieren

„Auch Bio-Milchkühe sind so gezüchtet, dass sie ein Vielfaches dessen an Milch geben, was ein Kalb trinkt. Sie sind Hochleistungssportler“, sagt Uli Schumacher. Er betreut mit seinen Kollegen 220 Milchkühe auf dem Bioland-Gut Wilhelmsdorf bei Bielefeld. „Die Tiere sind anspruchsvoll und brauchen für ihre Leistung die richtige gesunde Ernährung.“ Deshalb lässt Schumacher die Nährstoffe in den verschiedenen Futterzutaten analysieren und berechnet genau die Rationen, die jede Kuh braucht. Denn deren Bedarf ändert sich im Laufe eines Jahres.

Wichtig ist auch der Anbau des Futters. Im Frühjahr etwa ebnet der Landwirt die Maulwurfshügel auf den Wiesen ein. „Wenn ich im Sommer das Gras mähe und siliere, also sauer vergäre, und es ist dabei zu viel Erde drin, dann entsteht Buttersäure.“ Das kann bei Kühen zu Stoffwechselproblemen führen, weil sie zu wenig Energie aus dem Futter aufnehmen. Erntet er Futtergetreide oder Heu zu feucht, steigt die Schimmelgefahr. „Das ist für die Kuh, wie wenn wir einen Kanten verschimmeltes Brot essen. Es bringt einen nicht um, aber es ruft eine Abwehrreaktion hervor und schwächt den Körper.“ Einmal im Monat kommt in Wilhelmsdorf der Klauenpfleger und verpasst einem Teil der Kühe eine Pediküre. Das ist die beste Vorbeugung gegen Lahmheiten. Beginnt ein Tier trotzdem zu lahmen, wird es sofort bandagiert: „Abwarten wäre da falsch, das wird nicht besser.“

(© photocase/Brilliant Eye)

Vorbeugen gegen Euterentzündung

Die klassische Berufskrankheit bei Milchkühen ist eine Euterentzündung. Uli Schumacher behandelt akute Fälle in Absprache mit dem Tierarzt mit Antibiotika.: „Die Tiere haben Schmerzen, sie leiden, da muss man was machen.“ Damit das möglichst selten passiert, versucht er vorzubeugen. Penible Hygiene in Stall und Melkstand sowie eine sorgfältige Fütterung sind das eine. Wichtig ist auch das Trockenstellen, bei dem den Milchkühen in den zwei Monaten vor der Geburt des nächsten Kalbes eine Pause gegönnt wird. Zu Beginn dieser Auszeit verschließt Schumacher die Euter mit einem Zitzenversiegler, eine Salbe ohne weitere Wirkstoffe. Sie verhindert, dass Erreger in das Euter eindringen. Nur Kühe mit krankem Euter werden, nach einer bakteriologischen Untersuchung, in dieser Phase gezielt behandelt. Viele Milchbauern setzen dabei auch auf homöopathische Mittel.

In konventionellen Ställen erhalten oft alle trockengestellten Kühe vorbeugend Antibiotika. Deshalb ist der Medikamentenverbrauch dort im Schnitt deutlich höher. Trotzdem sind die Tiere dort nicht gesünder.

Um zu erfahren, wie gesund seine Herde ist, schaut sich Uli Schumacher regelmäßig deren Milchwerte an. Aus dem Verhältnis von Fett und Eiweiß kann er Rückschlüsse auf den Ernährungszustand ziehen und die so genannte Zellzahl sagt ihm, wie gesund die Euter der Tiere im Durchschnitt sind. Seine Erfahrungen bringt Schumacher auch als Fachreferent in den Verband Bioland ein. „Für uns ist es wichtig, die Landwirte kontinuierlich zu beraten und für das Thema Tierwohl zu sensibilisieren, und das nicht erst seit gestern“, sagt Bioland-Sprecher Gerald Wehde. Bereits 2007 erarbeitete der Verband ein Handbuch für das Tiergesundheitsmanagement.

Das alles gilt gleichermaßen für Bio-Schweine und Hühner. Auch hier gibt es kranke Tiere, allerdings mit anderen Schwerpunkten als im konventionellen Bereich. Die Bio-Tiere leiden weniger an haltungsbedingten Krankheiten wie Lahmheiten oder Lungenschäden. Dafür haben sie häufiger Ärger mit Parasiten, die sie sich im Auslauf einfangen. Aber deswegen einsperren? „Hühner im Käfig waren sehr wenig Gesundheitsrisiken ausgesetzt, aber von Tierwohl keine Spur“, bringt es Solveig March auf den Punkt. Sie und ihr Kollege Jan Brinkmann haben in mehreren Forschungsprojekten gezeigt, wie sich mit betriebsspezifischen Plänen die Gesundheit der Tiere verbessern lässt. So konnten 20 Bio-Betriebe im Laufe von vier Jahren den Anteil lahmender Kühe in ihrer Herde mehr als halbieren – vor allem durch verbesserte Klauenpflege und mehr Einstreu. Die Wissenschaftler plädieren dafür, die Erkenntnisse aus den vielen Forschungsarbeiten endlich in der Breite umzusetzen.

Bio-Verbände kontrollieren das Tierwohl

Die Bio-Verbände sind dabei vorangegangen und haben 2014 eine verpflichtende Tierwohlkontrolle eingeführt, um den Blick der Öko-Kontrolleure stärker auf das Tier zu richten. Seither überprüfen diese bei den Mitgliedern von Bioland, Naturland, Biokreis und Gäa nicht nur die Größe der Liegeboxen oder des Auslaufs, sondern sehen sich auch die Tiere genau an. Stehen bei Berta die Beckenknochen vor, weil sie zu mager ist? Hat sie struppiges oder verdrecktes Fell, geschwollene Gelenke? Die Kontrolleure interessiert auch, ob Berta auf der Weide genug zu trinken bekommt und im Stall genug Stroh liegt.

Entdecken sie bei ihrer Tierwohlkontrolle Missstände, wird der Landwirt darauf hingewiesen und muss sie abstellen. Gleichzeitig wird auch der Verband benachrichtigt. Bei Naturland bekommt die Tierschutzbeauftragte Frigga Wirths die Berichte auf den Schreibtisch. „Ich spreche noch mal gezielt die Landwirte und die zuständigen Berater an. Meist arbeiten sie bereits daran, die Mängel abzustellen.“

Bei rund fünf Prozent der 7000 überprüften Verbandsbetriebe beanstanden die Kontrolleure die Tierhaltung. „Gravierende Fälle kommen allerdings kaum vor“, sagt Frigga Wirths. Wird ein Landwirt wiederholt auffällig und ist nicht bereit, seine Tierhaltung zu überdenken, fliegt er bei den beteiligten Verbänden raus – kann aber als EU-Bio-Bauer weitermachen. „Auch in die EU-Öko-Verordnung müssen Tierwohl-Indikatoren mittelfristig Eingang finden“, fordert deshalb Solveig March. Auch konventionelle Bauern sind an solchen Indikatoren interessiert. Denn das Tierschutzgesetz verpflichtet seit 2014 alle Landwirte zu eigenbetrieblichen Tierwohlkontrollen. „Da kommt langsam was in Bewegung“ hat die Wissenschaftlerin beobachtet. „Der Öko-Landbau muss aufpassen, dass er den Vorsprung nicht verspielt, den er derzeit noch in der Tierhaltung hat“, ergänzt ihr Kollege Jan Brinkmann. Muh! sagt Berta dazu und nickt mit dem Kopf.

Das Tier im Blick

Auch Bio-Tiere sind anspruchsvolle Hochleistungssportler und brauchen eine gute Betreuung.

Mehr Tierwohl

Die fünf Freiheiten

Dieses Konzept bildet die Grundlage für viele Systeme, die bewerten, ob eine Haltung tiergerecht ist:

  • Freiheit von Hunger und Durst
  • Freiheit von haltungsbedingten Beschwerden
  • Freiheit von Schmerz, Verletzungen und Krankheiten
  • Freiheit von Angst und Stress
  • Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensmuster

Messen lassen sich diese Aspekte des Tierwohls durch Indikatoren. Dazu zählen der Platz im Stall ebenso wie der Gesundheitszustand der Tiere. Doch noch gibt es kein allgemein anerkanntes Indikatoren-Set für Tierwohl.

 

Viel Medikamente

In konventionellen Ställen erhalten Kühe oft vorbeugend Antibiotika. Trotzdem sind die Tiere dort nicht gesünder.

Ställe

Die Größe macht’s ?

Einige Zahlen und Studien weisen darauf hin, dass es Tieren, insbesondere Hühnern, in großen Ställen eher schlechter geht. Gründe dafür sind mehr Stress in der Haltung und ein höherer Druck durch Krankheitserreger. Andere Studien zeigen allerdings keine Effekte. Auch bei der Kontrolle der Verbände war das Tierwohl nicht von der Größe der Bestände abhängig.

Wichtig ist, wie intensiv und gut sich die Menschen um die anvertrauten Tiere kümmern. Da ist ein industriell organisierter Großbetrieb anfälliger, der ohne Bauer sondern mit angestellten Mitarbeitern möglichst günstig produzieren will.

Interview

Albert Sundrum (© Universität Kassel)
Albert Sundrum ... forscht als
Professor an der Universität Kassel
zu Tierernährung und Tiergesundheit im
ökologischen Landbau. (© Universität Kassel)

„Mehr Geld für gute Erzeuger“

Seit über zehn Jahren lautet die Botschaft Ihrer und anderer Studien: Bio-Tiere leben auch nicht gesünder. Warum ändert sich da so wenig?

Wenn wir den Durchschnitt der Betriebe betrachten, hat sich in der Tat kaum etwas verändert. Um eine positive Entwicklung zu befördern, muss der Fokus auf die Betriebe gerichtet werden, die Probleme haben und überfordert sind. Bisher bieten ihnen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen keine Anreize, sich zu verbessern.

Was müsste sich ändern?

Die Tiergesundheit im Betrieb zu verbessern, bedeutet Zeit und Geld zu investieren. Das kann sich langfristig rechnen, aber zunächst ist erst einmal der Aufwand deutlich erhöht. Der Handel interessiert sich bisher wenig für qualitative
Aspekte. Die Betriebe mit suboptimalen Leistungen bekommen für ihre Erzeugnisse den gleichen Preis wie diejenigen, die sich anstrengen. Dies sind unfaire Wettbewerbsbedingungen. Sinnvoller wäre es, Erzeuger, die nachweislich ein qualitativ hochwertiges Produkt erzeugen, besser zu bezahlen.

Wie könnte das in der Praxis aussehen?

Der Milchpreis, den eine Molkerei zahlt, könnte sich an der Milchzellzahl als Indikator für Eutergesundheit orientieren. Diese wird von den Molkereien für jeden Betrieb regelmäßig erfasst.

Und wer auf Antibiotika verzichtet, bekommt auch mehr Geld?

Auf Antibiotika zu verzichten, bietet keine Gewähr dafür, dass es den Tieren besser geht. Vielmehr besteht die Sorge, dass die Tiere im Falle akuter Erkrankungen nicht ausreichend medizinisch versorgt werden. Wir haben auch nach wissenschaftlichen Belegen für die Wirkung von Homöopathie und Pflanzenpräparaten bei bakteriellen Infektionen gesucht. Die Ergebnisse der Studien waren sehr ernüchternd.

Mehr zum Thema

www.thuenen.de/de/ol/ 
Das Thünen-Institut für ökologischen Landbau forscht auch zur tiergerechten Haltung.

www.sociallab-nutztiere.de 
Die Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft – ebenfalls vom Thünen-Institut.

www.impro-dairy.eu 
Das EU-Projekt zum Gesundheitszustand von Bio-Milchkühen in Europa.

www.bioland.de
Bei den Infos für Verbraucher findet sich Wissenswertes über Bioland-Tiere.

www.naturland.de 
Mit Klicks auf Verbraucher und Tierwohl gelangen Sie zu den relevanten Informationen.

www.demeter.de
Das Stichwort Tierwohl findet sich im Menüpunkt Landwirtschaft.

www.uni-kassel.de/fb11agrar/ 
Zu den Tierwohlforschern der Universität Kassel gelangt man über Fachgebiete/Einrichtungen.

www.kuhplusdu.de 
Die Welttierschutzgesellschaft setzt sich für eine tiergerechte Milchkuhhaltung ein.

Wolfschmidt, Matthias: Das Schweinesystem: Wie  Tiere gequält, Bauern in  den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werdenWolfschmidt, Matthias: Das Schweinesystem: Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden.
Fischer Verlag 2016, 235 Seiten, 18 €

Busse, Tanja: Die WegwerfkuhBusse, Tanja: Die Wegwerfkuh.
Verlag Karl Blessing 2015, 288 Seiten, 16,99 €

Erschienen in Ausgabe 02/2017
Rubrik: Ernährung

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incl. 'http://'
Hugo

Toller Artikel und noch bessere User-Kommentare. Ich schließe mich den beiden Vorrednern an und würde mich über einen Artikel zum Thema Bio-Vegane Landwirtschaft freuen. Dort könnten - neben einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Thema - auch noch die restlichen Missstände der Kuh-Haltung (Luxuscharakter der Endprodukte, weil eigentlich unnötig; schlechte Umweltbilanz und Dilemma je tierfreundlicher, desto umweltschädlier; Schlachtungsproblematik etc.) aufgezeigt werden.

Olga S

Liebes Schrot&Korn Team,
es freut mich sehr, dass Sie die Wahrheit über das nicht-so-rosige Leben der Bio-Milchkühe berichten. Allerdings ist es leider noch nicht die ganze Wahrheit, weil für dieses unnötige Produkt Kühe und ihre Kälber früher oder später im Schlachthaus getötet werden. Das Produkt ist unnötig, weil sein gesundheitlicher Nutzen umstritten ist, dazu noch ist die Umweltbilanz der Viehhaltung sehr schlecht. Dabei gibt es heutzutage so viele Leckere und gesunde pflanzliche Alternativen: von zahlreichen pflanzlichen Drinks bis hin zu fermentierten Tofuprodukten.
Landwirte, die ehrlich mit sich selbst sind und Tiere tatsächlich respektieren, hören mit der Ausbeutung auf, wie es auch der Gründer vom Kuhaltersheim Hof Butenland getan hat. Der einzige nachhaltige und tierfreundliche Ausweg aus diesem Teufelskreis ist die Umstellung auf biovegane Landwirtschaft - natürlich mit staatlicher Unterstützung. Und Lebenshöfe für ehemalige „Nutz“Tiere ließen sich bspw. aus Steuergeldern finanzieren, wenn diese nicht mehr für milliardenschwere Subventionen in die intensive Landwirtschaft ausgegeben werden.

Carmen

Ein Lichtblick, dieser Artikel - da ziemlich ehrlich und konträr zum Bild der glücklichen Biokühe, das Biokund_innen sonst stets suggeriert wird. Es ist mir trotzdem ein Rätsel, weshalb die Biobranche nicht längst 'back to the roots' Pionierarbeit leistet und durch die Unterstützung der bio-veganen Landwirtschaft endlich das Leid der Tiere beendet. "Artgerecht ist nur die Freiheit!" Die Sonne geht dann auf, wenn uns Menschen klar wird, dass Tiere um ihrer Selbst willen leben - und nicht, um uns (aus Gründen der 'guten Qualität', die sie zu liefern haben "wohl" versorgt) zu dienen. Let the sunshine in!