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Satt essen beim Fasten

Basenfasten (© gettyimages/Marcus Butt)
Basisch essen satt: mit viel Obst und Gemüse (© gettyimages/Marcus Butt)

ERNÄHRUNG Fasten ohne hungern, klingt interessant, fand Schrot&  Korn-Autorin Annette Sabersky und wagte einen Selbstversuch in Basenfasten.

Die Idee kommt per E-Mail. Eine befreundete Heilpraktikerin bietet einen Workshop Basenfasten an. „Wir fasten ohne zu hungern, um den Körper zu entsäuern und dadurch zu entgiften“, schreibt Heilpraktikerin Janina Kettner aus Hamburg. Eine Woche lang sollen nur basische Lebensmittel wie Gemüse und Obst gegessen werden, dazu Wasser und Tee.

Entsäuern klingt gut. Die Säureflut, die beim Essen im Körper entsteht, soll ja im Zusammenhang mit verschiedenen Erkrankungen stehen, hatte ich gehört. Von Arthrose über Diabetes, Gicht und Harnsteine bis hin zu Rückenschmerzen und Osteoporose werden damit verschiedene Erkrankungen in Verbindung gebracht. Mit Rückenschmerzen und Osteopenie, einer Vorstufe der Osteoporose, kann ich aufwarten. Ich melde mich an.

Was Säure im Blut macht

Natürlich hat der Körper verschiedene Möglichkeiten, um die Säureflut, die nach dem Essen ins Blut schießt, zu regulieren. Der Großteil wird vom roten Blutfarbstoff abgefangen, zu den Lungen transportiert und abgeatmet oder über die Nieren ausgeschieden. Auch das Knorpel- und Bindegewebe ist in der Lage, Säure abzupuffern. Ein ausgeglichener Blut-pH-Wert liegt zwischen 7,35 und 7,44.

„Zu einer echten Azidose, also einer dauerhaften Verschiebung des pH-Wertes, wird es durch eine ungünstige, säurereiche Ernährung nicht kommen“, erklärt Hans-Helmut Martin, Wissenschaftlicher Leiter der UGB-Akademie in Wettenberg bei Gießen. Doch schon geringe Schwankungen des Blut-pH führen zu Veränderungen. Es kommt zur „latenten Azidose“, so der Ökotrophologe. Der pH-Wert liegt dann noch im akzeptablen Bereich, aber mit Tendenz zum Sauren. Doch selbst wenn es im Blut noch keine messbare pH-Verschiebung gibt, könne dies schon auf Kosten der Gesundheit gehen. „Wissenschaftlich gesichert ist zwar wenig, aber vieles denkbar“, betont Martin. Bei hoher Säurelast wird der Mineralstoff Kalzium aus den Knochen freigesetzt, was Osteoporose begünstigt. Sind die Nieren ständig durch den Säureeinfall überlastet, können Nierensteine entstehen. Auch mit Gicht, Rheuma, Haarausfall, Bindegewebsschwäche, Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen und Müdigkeit wird eine Säurelast im Blut in Verbindung gebracht.

Der Kurs geht los

Zum ersten Kursabend kommen fünf Frauen. Zwei wollen gerne ein paar Kilo abnehmen, eine Frau hat Probleme mit dem Blutzuckerspiegel, eine will sich einfach etwas Gutes tun. Und ich komme mit Rückenschmerzen. Kursleiterin Janina Kettner erklärt, welche Lebensmittel im Körper basisch verstoffwechselt werden, welche sauer. Sie betont, dass sich die Angaben in Büchern teils widersprechen, das hänge von unterschiedlichen Messmethoden ab. Sicher sei aber, dass Gemüse und Obst, Kartoffeln, Keimlinge, Trockenobst, Nüsse, Samen und Kräuter basisch sind (siehe Kasten). Sauer hingegen sind Fleisch, Fisch, Eier, Milch und Käse, Getreide, Limonade, Alkohol sowie Fertigprodukte mit Phosphorsäure wie Schmelzkäse, Cola und Backpulver. Wir bekommen eine Einkaufsliste, ein Skript mit Infos und den guten Rat mit auf den Weg, in der Fastenwoche Stress zu vermeiden, aber in Bewegung zu bleiben. Der Abbau der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin macht nämlich auch sauer. Sport hingegen führt zu einer tiefen Atmung, sodass Säuren abgeatmet werden.

Bevor es richtig losgeht, stehen zwei Vorbereitungstage an. Kaffee und Tee sollen da schon vom Tisch. Das fällt mir schwer, stürze ich mich doch morgens als erstes auf Schwarztee. Am Vormittag bekomme ich Kopfschmerzen. Keine Ahnung, warum. Ich maile Janina Kettner an – das ist erlaubt. „Koffeinentzug“, urteilt sie. „Ich doch nicht!“, denke ich. „Bei zwei Tassen Schwarztee täglich!“

Leicht derangiert verbringe ich den Tag, arbeite aber trotzdem. Nachmittags gehe ich basengerecht einkaufen. Das macht Spaß, immerhin. Ich lerne „Maronen, vorgekocht“ kennen und Erdmandelflocken. Weil vor dem Fasten der Darm geleert werden soll, hole ich eine Salzlösung in der Apotheke.

Jetzt wirds ernst!

Meine Basenfastentage beginne ich mit einem Müsli aus geraspeltem Apfel und Banane, Erdmandelflocken, Rosinen, Mandarinensaft sowie Vanille und Zimt. Mittags stürze ich mich auf Kartoffelsalat mit Sonnenblumenkernen und Kresse, abends esse ich eine Kürbis-Maronencremesuppe. Alles sehr appetitlich, trotzdem habe ich ständig Hunger! Gefühlt esse ich ein Kilo Walnüsse und trinke vier Liter Kräutertee. Ich fühle mich schlapp und antriebslos, aber die Kopfschmerzen sind weg.

Von Tag zu Tag wird es besser. Ich habe weniger Hunger und fühle mich fitter. Am dritten Tag meistere ich sogar eine Einladung. Auf einem 50. Geburtstag widerstehe ich Flammkuchen und Sekt und trinke nur Wasser. Heldinnenhaft! Als nach einer Woche das Ende in Sicht ist, denke ich: schon? Andererseits freue ich mich auf Brot, Käse und Kaffee – leider alles Säurebildner.

Was bleibt im Alltag?

Beim Nachtreffen erzählen wir, wie es uns ergangen ist. Die eine fühlt sich gestärkt. Die andere hat sogar ihren Blutzucker reguliert und die Tablettendosis – vorsichtig – reduziert. Die beiden jungen Mütter finden das Fasten nicht alltagskompatibel: Zu viele verschiedene Mahlzeiten müssen her. Das Baby braucht Brei, der Zweijährige will Nudeln, Papa auch mal ein Stück Fleisch – und sie selber Salat und Gemüse. Das ist stressig. Aber abgenommen haben sie schon ein bisschen, das freut sie. Ich erzähle, dass ich mich fit wie ein Turnschuh fühle. Das Essen hat geschmeckt, ich nehme viele Anregungen für den Alltag mit. Weniger Tee und Kaffee soll es geben, Brot und Käse in Maßen und viel, viel Gemüse. Die Rückenschmerzen sind aber nicht weg.

Ein halbes Jahr später? Die Bilanz ist ernüchternd: Schwarztee und Kaffee fließen wieder reichlich, der Brotkonsum ist gestiegen, und auch der Belag mit Käse recht dick. Mit den Kids esse ich viel zu oft Pasta und Pizza – und zu wenig Gemüse. Der Rücken schmerzt.

Ich wage einen zweiten Anlauf, diesmal eine moderate, auf mich zugeschnittene Alltagsversion. Mein Fokus liegt jetzt auf Gemüse, Nüssen und Trockenobst, dazu gibt es etwas Getreide, mal als Porridge, mal als Brot. Die Pasta ist aus Hülsenfrüchten und Buchweizen, den „guten Säurebildnern“ (siehe Kasten). Zudem achte ich auf Ausgleich. Wenn ich saure Lebensmittel esse, kommt immer etwas Basisches dazu: nach dem Kaffee oder Tee trinke ich ein Glas Mineralwasser mit viel Bicarbonat (über 1300 Milligramm je Liter), zu Brot, Reis und Pfannkuchen gibt es Salat oder gedünstetes Gemüse. Das schmeckt gut, tut gut – und ist für den Rücken anscheinend das Richtige.

Basisch oder säurebildend: die Lebensmittel

Einkaufsliste für Basenfaster

Beim Basenfasten kann man sich viele Lebensmittel schmecken lassen: Gemüse, (Süß-)Kartoffeln, Gemüse- und Fruchtsaft, Kräuter, Pilze, Sesamsamen, Sonnenblumen- und Kürbiskerne, Keimlinge, (Trocken-)Obst, Wal- und Macadamianüsse, Mandeln und Pistazien.

Eine basenreiche Ernährung im Alltag beinhaltet darüber hinaus gute Säurebildner wie Hülsenfrüchte, Quinoa, Amaranth, Buchweizen, Hirse, Vollkorn und Nüsse sowie (mäßig) Eier und Käse. Sie bilden im Körper zwar Säure, liefern aber viele gesunde Nährstoffe. Empfohlen wird ein Säure-Basen-Verhältnis von ¼ zu ¾.

Erschienen in Ausgabe 03/2017
Rubrik: Ernährung

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