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Raus aus der Plastikfalle

Verpackungen (Foto: Bidouze Stephane)
Wer will hier noch baden? (Foto: Bidouze Stephane)

VERPACKUNG Plastik verpackt echt praktisch. Nur leider vermüllt es unsere Lebensräume. Gibt es Auswege aus der Plastikfalle? // Rebecca Sandbichler

In unseren Supermärkten sind Plastikverpackungen so normal wie die Butter auf dem Brot. Fast alles, was wir kaufen, steckt in einer Plastikhaut: ob Obst, ob Käse, Himbeeren, Nüsse oder Kekse. Beim Auspacken zuhause füllt sich dann minutenschnell der Behälter für Verpackungsmüll. Und wenn die Kekse längst verputzt sind, bleiben nur der Kunststoff und der Karton übrig. Das holen die Männer von der Müllabfuhr dann pünktlich, zuverlässig ab.

Darauf hatte Nadine Schubert keine Lust mehr. Als die Journalistin aus Unterfranken vor drei Jahren mit dem zweiten Kind schwanger war, sah sie Fernsehdokumentationen über die ökologischen und gesundheitlichen Folgen unserer Verpackungswut. Um ihre Kinder, aber auch die Umwelt zu schützen, stellte sie ihr Konsumverhalten komplett um. Seither berichtet sie auf ihrem Blog „Besser leben ohne Plastik“ über die Methoden, wie sie auf Müll verzichtet, und veröffentlichte mit einer befreundeten Grafikerin ein Buch mit dem gleichen Titel darüber.

Tüten, Folien, Schalen – alle für den Müll

Im Bio-Laden wird vieles offen angeboten: Tomaten etwa kann man ohne Plastikhülle kaufen und Kartoffeln ohne Kunststoffnetz. Doch gleichzeitig liegen Wurst und Käse portioniert im Kühlregal. Tütenweise stehen Trockenfrüchte, Chips und Nudeln in Reih und Glied. Denn Plastikverpackungen sind ultrapraktisch: Folien und Schalen aus Kunststoff schützen die Lebensmittel vor Verunreinigungen und ersparen es uns, Himbeermatsche aus dem Einkaufskorb kratzen zu müssen. Tetrapaks sind leicht und halten die Milch frisch. Nur sind sie als Verbundstoffe besonders schwierig wiederzuverwerten. Würden wir wieder lose Lebensmittel kaufen, was für unsere Großeltern und Urgroßeltern selbstverständlich war, hätten wir garantiert einige Gesundheits- und Umweltprobleme weniger. Das ist für Nadine Schubert ein lohnendes Ziel und eine wachsende Anzahl von Konsumenten sieht das ganz genauso. Gleichzeitig ist die Umstellung gar nicht so einfach.

Warum fällt es uns so schwer, anders einzukaufen? „Die Haushalte werden immer kleiner, dementsprechend werden auch die Portionen kleiner“, sagt Vertriebsleiter Philipp Thiel vom Bio-Käsehersteller ÖMA zur Tatsache, dass immer mehr Hülle immer weniger Inhalt gegenübersteht. Viele Bio-Lebensmittelhersteller wie ÖMA fühlen sich der Umwelt verpflichtet und knabbern daher am Thema Verpackung.

Brunhard Kehl kennt die Zwänge der Hersteller. Er ist bei der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) für die Bereiche Qualität und Verpackung verantwortlich und weiß, dass nicht nur Umweltgedanken in die Gestaltung einer Schokoladenverpackung fließen. „Neben den ökologischen Aspekten gibt es viele weitere Fragen, zur Sicherheit und Technik, Qualität und sozialen Maßstäben, die man ebenfalls berücksichtigen muss“, sagt er. „Eine Verpackung ist immer ein Kompromiss. Und Bio-Kunden erwarten zunehmend, dass Folien, Schalen oder Beutel aus ökologisch und sozial vertretbaren Rohstoffen produziert werden. Sie sollen recycle- oder sogar kompostierbar sein.“

Verpacken, verschwenden, in der Tonne versenken

Fakt ist, wir Deutschen produzieren europaweit den meisten Plastikmüll. Viele Erzeuger berücksichtigen besonders unsere Bequemlichkeit und unsere optischen Vorlieben – das Auge freut sich etwa über Sichtfenster in Kartonhüllen. Zwar trennen wir Deutschen brav, doch die Recyclingquote liegt nur bei 42 Prozent – der Rest wird zur Energiegewinnung verbrannt. Dabei beinhalten heute noch die meisten Plastikprodukte kostbares Erdöl. Wir wissen, dass in unseren Ozeanen riesige Müllstrudel treiben und dass pulverisiertes Mikroplastik längst in unserer Nahrung steckt. Genügend wissenschaftliche Studien zeigen, wie Plastikbestandteile unsere Gesundheit beeinträchtigen
(siehe Kasten auf der folgenden Seite).

Nachhaltiger konsumieren, Müll reduzieren

Letztlich sind das die Gründe, die Nadine Schubert dazu bewogen haben, ihr Konsumverhalten zu durchleuchten und umzukrempeln. Nach und nach hat sie sich müllfreie Gewohnheiten für den Lebensmitteleinkauf ausgedacht und setzt diese um: In ihrem Stammsupermarkt wundert sich schon längst niemand mehr, dass sie Wurst und Käse in mitgebrachte Schalen füllen lässt. „Der Filialleiter kennt mich, ich kann bei ihm zum Beispiel unverpackten Mozzarella vorbestellen“, sagt die Journalistin. Auch ihr elf Jahre alter Sohn hat gut aufgenommen, dass Gummibärchen aus der Tüte nicht mehr im Stoffbeutel seiner Mutter landen. „Nur Cornflakes muss ich ihm ein paar Mal im Jahr kaufen – die kann man so schlecht selber machen“, sagt sie. Überhaupt fühlt sich Schubert bei ihrer Müllmission nicht sonderlich exotisch. Die meisten ihrer Veränderungen fielen ihr leicht. Gut so, denn massentauglich soll das müllreduzierte Konsumieren möglichst sein. Schubert macht den Test: „Wenn ich das als berufstätige Mutter von zwei Kindern schaffe, muss es machbar sein.“

In 450 Jahren
Plastik verrottet nicht. Laut Umweltbundesamt benötigt eine Plastikflasche 450 Jahre für ihre Zersetzung.

So konsequent wie Nadine Schubert sind die meisten Käufer bislang nicht. Leider werden sogar mehr Fertiggerichte gekauft, die Müllberge wachsen. Entsprechend sind die Hersteller gefragt, umweltfreundlichere Verpackungen zu entwickeln. Um es den ökologisch motivierten Lebensmittelherstellern leichter zu machen, hat die AöL ein vom Bund gefördertes Bio-Kunststoff-Tool entwickelt: Anhand der Daten darin können Produktentwickler genau nachsehen, welche landwirtschaftliche Fläche man etwa für eine Tonne Kunststoffchips aus Mais einkalkulieren muss.  AöL-Experte Kehl sagt, der Flächenanteil sei derzeit relativ gering – und dennoch: „Wenn die Rohstoffe für Bio-Kunststoffe künftig auf Äckern wachsen, werden sie in Konkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung stehen.“ Der einzelnen Verpackung solle deshalb mehr Wert beigemessen werden. Gleichzeitig sei es schwierig, ökologische Effekte korrekt einzuschätzen: „Die Glasflasche schneidet zum Beispiel deutlich schlechter ab als eine PET-Flasche, wenn sie als Einwegflasche über weite Entfernungen transportiert und dann im Container entsorgt wird“, sagt er. Dennoch kann Kehl sich nicht vorstellen, guten Wein aus dem Getränkekarton oder einer PET-Flasche zu trinken. Aber das muss er auch nicht. Es gibt im Bio-Laden sehr guten Wein in Mehrwegflaschen.

Ökologische Molkereien Allgäu

Philipp Thiel
Philipp Thiel leitet den Vertrieb bei ÖMA.
Den Bio-Molkereien ist es ein Anliegen, den
Erdölanteil in ihren Verpackungen zu reduzieren.

Scheibchenweise zur Öko-Verpackung

Ob Butter-, Bergkäse oder Edamer: Wer eine Frischebox von den Ökologischen Molkereien Allgäu (ÖMA) aus dem Kühl­regal holt, hält nicht nur ein Milch-, sondern auch ein Maisprodukt in Händen. Denn ÖMA setzt bei diesen Schalen seit 2013 auf Polylactide (PLA) aus Maisstärke. „Nun bestehen 80 Prozent der Verpackung aus dem nachwachsenden Rohstoff. Das ist für uns ein erster Schritt in die richtige Richtung“, sagt Vertriebsleiter Philipp Thiel. Das Ziel: Erdöl in den Verpackungen zu reduzieren. Die PLA-Schalen brauchen bei der Herstellung nur halb so viel Energie wie herkömmlicher Kunststoff. Die obere Folie der Scheibenkäse-Verpackung besteht noch nicht aus dem kompostierfähigen PLA, denn es würde dem Käse nicht genug Luft lassen. ÖMA testet also weiter. Thiel weiß, dass Kunststoff aus dem Nahrungsmittel Mais nicht der Weisheit letzter Schluss ist, denkbar wären auch Alternativen aus Algen. „Wir sagen uns aber: Wenn wir als ökologisches Unternehmen jetzt nicht etwas Neues anfangen, wer dann?“

Sonnentor

Günter Prinz
Günter Prinz ist Qualitätsmanager bei
Sonnentor. Seit fünf Jahren verwendet
die Firma Kunststoff aus Cellulose.

Da steht „Kompostierbar“ drauf und „Wächst wieder“

Auf der Hülle des Tees steht: „Wächst wieder“ und „Kompostierbar“. Seit 2008 verwendet Sonnentor für Schlauchbeutel und Folien fast ausschließlich Kunststoff aus Cellulose. Diese wird aus FSC-zertifiziertem Holz gewonnen. Zwei Jahre lang testete das Unternehmen das Material, sagt Qualitätsmanager Günter Prinz. „Eine neue Folie muss nämlich genauso maschinengängig sein wie vorher.“ In fünf Jahren hat Sonnentor damit bereits 100 Tonnen Plastikmüll vermieden. Billig waren Entwicklung und Umstellung dafür nicht: „Man muss schon ein bisschen Idealismus mitbringen.“ Die Tüftelei ist noch nicht zu Ende: Die Produktentwickler testen, wie die Verbundstoffhüllen einzeln verpackter Teebeutel ebenfalls mit Cellulose beschichtet werden können. Momentan reicht jedoch der Aromaschutz der Cellulose dafür noch nicht. Immerhin: Die Beutel selbst werden unter anderem aus der Textilbanane Abacá hergestellt. Diese kann man in den Hauskompost werfen.

Folgen für die Gesundheit

Plastik: Wir atmen, trinken, essen es

Plastik ist nicht nur ein Umwelt-problem. Es kann auch unsere Gesundheit schädigen. In vielen Kunststoffen stecken Phthalate, die sie weich machen, sowie darin enthaltene Stoffe wie das bekannt gewordene Bisphenol A (BPA). Indem Kunststoffe ausdünsten, wir Mikroplastik über die Haut aufnehmen oder Weichmacher aus Verpackungen in Lebensmittel übergehen, gelangen solche hormonwirksamen Stoffe in unseren Körper. „Ein Gift tötet“, sagte der amerikanische Biologe Frederick vom Saal in einem Vortrag. „Aber eine Chemikalie wie BPA programmiert ihre Zellen um und verursacht eine Krankheit, die schließlich ihr Enkelkind töten wird.“ Der Professor an der Universität Missouri wies Ende der Neunzigerjahre nach, dass die Chemikalie sogar in sehr geringen Dosen bei männlichen Mäusen für Unfruchtbarkeit sorgt. Anerkannte Studien verbanden außerdem Phthalate bereits mit Gesundheitsschäden wie Unfruchtbarkeit, Diabetes, ADHS, Prostatakrebs, Adipositas, genitalen Missbildungen oder einem gestörten Testosteron-Haushalt bei Jungen. Die EU hat daher Phthalate für Babyprodukte und Kinderspielzeug inzwischen verboten; doch immer noch werden jährlich etwa zwei Millionen Tonnen davon für andere Zwecke produziert. Im Lebensmittelbereich würden Weichmacher aber nur noch in wenigen Fällen benutzt, sagt Verpackungsexperte Brunhard Kehl von der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL). Und Kunststoffe wie PE- oder PET-Material benötigen keine Weichmacher. „Sie können allerdings Additive, Produktionsreste und andere Bestandteile enthalten, die aus der Verpackung in das Produkt übergehen können“, sagt Kehl. „Dieses Problem haben aber auch andere Materialien – außer Glas.“

Mehr zum Thema

Schubert, Nadine; Bunk, Anneliese: Besser leben ohne Plastik

Schubert, Nadine; Bunk, Anneliese: Besser leben ohne Plastik.
Oekom Verlag 2016, 112 Seiten, 12,95 Euro

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