Anzeige

Anzeige

Nur grün angestrichen

Mythos Bio (© dpa picture alliance/Christin Klose)
Alles Bio? Wie viele Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft landen tatsächlich im Einkaufskorb? (© dpa picture alliance/Christin Klose)

GASTBEITRAG Der Ernährungssoziologe Dr. Daniel Kofahl geht der Frage nach, was wirklich dran ist am Bio- und Veganboom.

Jedes Jahr im Februar gibt es wiederkehrend große Entzückungsbekundungen und Freudenrufe. Denn dann, pünktlich zur Eröffnung der BioFach in Nürnberg, stellt der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) die neusten Umsatzzahlen zum Markt mit Bio-Lebensmitteln vor. 2015 ließ sich ein Wachstum der Umsatzzahlen von 11,1 Prozent verkünden und für 2016 eins von 9,9 Prozent. Außerdem wirtschaften seit dem vergangenen Jahr 8,6 Prozent mehr Betriebe öko-zertifiziert in Deutschland. In Kombination mit den in allen nationalen und regionalen Tageszeitungen abgedruckten euphorischen Statements der Vertreter der Branche und auch der politischen Prominenz bekommt man so schnell das Gefühl, die Landwirtschaft ist längst ein großer romantischer Bio-Betrieb.

Dr. Daniel Kofahl

Dr. Daniel
Kofahl

Der Ernährungssoziologe leitet das Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur (APEK) und ist Dozent für Ernährungssoziologie an der Universität Wien. Er beschäftigt sich mit
Ernährungs- und Agrarpolitik sowie Ernährungskultur. Kofahl ist Sprecher der AG Kulinarische Ethnologie in der Deutschen
Gesellschaft für
Sozial- und Kultur-
anthropologie.

Der einzige Wermutstropfen, der „uns etwas mit Sorge begleitet“, so sagt es Clemens Neumann, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), ist, dass die Produktion der Nachfrage etwas hinterherhinkt.“ Viele Bio-Produkte müssen daher noch immer aus dem Ausland importiert werden. Okay, bio ist halt nicht gleich regional. Egal. Denn wenn Aussagen von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt wie „Bio und Öko ist keine Nische mehr“ oder „Bio ist zur Massenbewegung geworden“ dazukommen, dann wird der Eindruck geschürt, die Ernährung mit Lebensmitteln aus Bio-Anbau sei längst esskultureller Standard.

Bio scheitert an der Fünf-Prozent-Hürde

Dabei ist das mit dem neuen Standard der bewegten Massen so eine Sache. Wie groß ist denn überhaupt der verbliebene Rest der Bevölkerung, welcher der bioaffinen Masse gegenübersteht? In Deutschland sind das 95,2 Prozent. Dies ist der Anteil der Lebensmittel, der aus dem konventionellen Angebot heraus bezogen wird. Im Umkehrschluss heißt das also: Der Bio-Markt in Deutschland deckt gerade einmal 4,8 Prozent des Gesamtlebensmittelumsatzes. Bei einer Bundestagswahl würde Bio also an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern – nicht gerade das, was mit einer Massenbewegung assoziiert wird.

Dies muss man sich vor Augen halten, wenn man die hohen Wachstumszahlen im Bereich Bio hört: Es handelt sich dabei nicht um den gesamten Lebensmittelmarkt. Bio wächst zwar, aber es ist nach wie vor eine Nische. In anderen europäischen Ländern ist das Verhältnis noch extremer: Frankreich etwa deckt nur 2,7 Prozent seiner Lebensmittel mit Bio-Produkten, Italien 2,5 Prozent, Großbritannien 1,4 Prozent, Spanien 1,5 Prozent. Wenn man eine ökologische Wende mal nicht als allein nationales, sondern als grenzübergreifendes Projekt betrachtet, dann scheint da noch einiges an internationalem Potenzial im Dornröschenschlaf zu liegen.

Ein anderer kommunikativer Hype, der in den vergangenen Jahren stark aufgebauscht wurde, ist der um vegetarische beziehungsweise vegane Ernährungspraktiken. Die Thematisierung einer Ernährung, die weitestgehend auf tierische Produkte verzichtet, ist nahezu allgegenwärtig. In Großstädten tauchen immer mehr vegetarische sowie vegane Restaurants auf. Das vegane Kochbuch des charismatischen Esscoachs Attila Hildmann war 2013/14 sogar auf Platz 1 der Bestsellerliste des Kochbuchmarktes. Und steigt nicht der Umsatz mit vegetarischen und veganen Produkten beständig? Naja. Tatsächlich schoss der Umsatz mit vegetarischen Produkten erst in die Höhe, aber dann kam Ende des Jahres 2016 die Ernüchterung: Es schien sich vor allem um Einmalkäufer gehandelt zu haben, nach einer Testphase ließ das Interesse schnell wieder nach.

Fleischkonsum ist seit Jahren stabil

Trotz des vermeintlichen Veggie-Trends hat sich der Fleischkonsum in den vergangenen Jahren ziemlich stabil eingependelt. Blickt man über die Landesgrenze in Richtung Schweiz, wo der kommunikative Bio- und Veganer-Hype ebenfalls unübersehbar ist, konnte man sogar lesen, dass der Fleischkonsum 2013 um ein Kilo pro Kopf wieder angestiegen ist, global ist das sowieso der Trend. Dazu passt, dass auf das vegane Lehrbuch von Hildmann sogleich Weber’s Grillbibel auf Platz 2 der Charts folgte und sich jeden Sommer aufs Neue die Büchertische mit Grillliteratur in den Buchläden ausbreiten. Es kauft eben nicht nur das eine Prozent der Bevölkerung, das sich selbst als Veganer einstuft, Kochbücher, sondern auch die anderen 99 Prozent.

Es ließen sich noch zahlreiche Beispiele aufführen, warum es sich um sozio-kulinarische Fata-Morganen  handelt, wenn von fleischlos-grünen Essbewegungen der „Masse“ die Rede ist. Und dass sich der Ernährungswandel einfach sukzessive über die jüngere Generation durchsetzt, kann ebenfalls bezweifelt werden. Auf Youtube zählte 2014 ein Musik-Video über 13 Millionen Zuschauer, in dem zwei Rapper behaupten, dass „vom Salat der Bizeps schrumpft“ und fröhlich eine proteinreiche Ernährung mit Fleisch feiern, nicht unähnlich einem anderen Ernährungstrend der vergangenen Jahre, der Paleo-Diät. Die Gesellschaft für Konsumforschung wies darauf hin, dass 85 Prozent der Deutschen Fleischessen als „selbstverständlich und naturbewusst“ empfinden, 83 Prozent wollen den Fleischkonsum auch keinesfalls reduzieren und im Ernährungsreport 2017 antworteten 53 Prozent, dass Fleisch ihr Lieblingsgericht sei. Veggiewende? Naja.

Was kann man nun für eine Analyse aus der beobachteten Schere zwischen Selbst- und Fremdthematisierung einereits und tatsächlich praktizierter Ernährungspraxis andererseits anbieten? Nicht jeder, der vom Bio- und veganen Ernährungstrend spricht, hat ein wirtschaftliches Interesse daran, diesbezüglich einen Boom herbeizureden. Vielmehr liegt der Verdacht nahe, dass hier eine Form des kommunikativen Greenwashings betrieben wird.

Gute Gründe für Bio-Anbau

Denn fraglos gibt es sehr wohl gute Gründe für eine Ernährung, die stärker auf Produkte aus biologischem Anbau zurückgreift. Zuvorderst wären die reduzierten Umweltkosten zu nennen sowie die stärker auf das Tierwohl bedachten Haltungsbedingungen. Dass das Mensch-Tier-Verhältnis in der industriellen Landwirtschaft an etlichen Stellen bedenkliche Formen angenommen hat, lässt sich kaum mehr ignorieren. Das soll nicht heißen, dass jeder konventionelle Bauer ein böser Massentierhalter ist. Aber die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse, dass Schweine, Rinder oder Hühner nicht nur dumpfe Biomasse sind, sondern durchaus über eine weitergehende Intelligenz und kognitive Fähigkeiten verfügen, macht die Massentierhaltung für den Menschen und seine Moralvorstellungen kompliziert. Für eine Ernährung mit zumindest reduziertem Fleischanteil spricht ferner, dass die Fleischproduktion sehr ressourcenintensiv und zudem gesundheitlich zweifelhaft ist. Lauter gute Gründe, doch der Wandel in der Praxis zeigt sich zäh und widerspenstig.

Das mag auch daran liegen, dass Bio-Lebensmittel in der Regel teurer sind als diejenigen aus konventioneller Produktion. Nicht wenige Bio-Akteure fordern deswegen, die Preise für konventionelle Produkte müssten die externalisierten Kosten, die der Gemeinschaft beispielsweise durch Umweltschäden durch den Einsatz von Pestiziden entstehen, widerspiegeln und teurer werden. Sicher, das würde die Preisspanne ausgleichen. Allerdings würde eine Erhöhung der Lebensmittelkosten auch Millionen von Menschen treffen, denen nur ein begrenztes Haushaltsbudget zur Verfügung steht. Ohnehin liegt das Preisniveau für Lebensmittel in Deutschland leicht über dem EU-Durchschnitt.

Wer hat also einen Vorteil vom Greenwashing, dem Anschein von Nachhaltigkeit? Es sind verschiedene Gruppen, die von dem Eindruck profitieren, die vorherrschende Ernährungskultur sei bereits eine tierproduktfreie, nach ökologischen Kriterien organisierte. Unter anderem wären jene Zustandsbewahrer und Marktliberale – wie konventionelle Lebensmittelhersteller, konservative Politiker oder Akteure der Agrarindustrie – zu nennen, die gar keinen wirklichen Ernährungswandel durchsetzen möchten. Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Warum sollte man irgendwelche tief greifenden Veränderungen anstoßen, wenn die Umsätze stimmen?

Von der Illusion einer bereits vorherrschenden bio-veganen Ernährungskultur profitieren auch jene Bevölkerungsgruppen, die Öko-Produkte konsumieren und in Veggie-Restaurants essen gehen und damit nach außen zum Ausdruck bringen möchten, wie gesundheitsbezogen und reflektiert sie handeln. Diese statusorientierten Milieus möchten sich anderen Bevölkerungsgruppen gegenüber moralisch überlegen fühlen. Dies gelingt ihnen nur, so lange es eine breite Masse gibt, die ihre Ernährungsgewohnheiten nicht ändern möchte oder kann.

Wie gelingt der Wandel?

Wollte man einen wirklichen massentauglichen Ernährungskulturwandel in Richtung Bio und fleischreduzierter Kost in der Bevölkerung fördern, müsste man an sehr viel schwierigeren Stellschrauben drehen: der Einkommensentwicklung und der Bildung. Damit hängt ein reflektierter, umwelt- und gesundheitsorientierter Ernährungsstil nämlich ganz erheblich zusammen.

Solange man dies aber nicht tut, sondern lieber auf den gestiegenen Konsum von Bio-Eiern verweist, während fast das gesamte Rindfleisch aus konventioneller Haltung konsumiert wird, solange handelt es sich bei dem kommunikativen Hype um Bio- und vegane Ernährung um einen grünen Anstrich, den sich die Gesellschaft in Bezug auf ihre Ernährungskultur gibt, die in ihrer Ernährungspraxis weiterhin durch und durch konventionell is(s)t.

Erschienen in Ausgabe 12/2017
Rubrik: Ernährung

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'