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Nachhilfe im Fach Bio

Azubi mit Kälbchen (© gettyimages / Ariel Skelley)
Stallgeruch: Kein Alltag für Azubis aus Bio-Betrieben. (© gettyimages / Ariel Skelley)

AUSBILDUNG Melken, Buttern, Brezeln drehen – Beim Crashkurs im oberbayerischen Glonn erleben 20 Azubis aus der Öko-Branche das Bio-Einmaleins. / von Sylvia Meise

Niemand kommt an den Kälbchen vorbei ohne ihnen durchs Fell zu wuscheln. Auch die 20 Azubis des Seminars Bio für Einsteiger nicht. Hingerissen rubbeln sie die kleinen Köpfe und lassen sich die Ärmel vollsabbern. Was für eine herzliche Begrüßung! Bauerstochter Christiane Daxenbichler, die die Hofführung macht, erklärt, weshalb die Kälbchen die Kraulerei geradezu einfordern: „Bei uns werden alle Kühe und Stiere so oft wie möglich gestreichelt. Denn: Je liebevoller man mit ihnen umgeht, desto braver sind sie auf der Weide.“

Und dann geht die Führung, ohne süße Kälbchen, weiter. Zwar nieselt es ein bisschen und die Weide ist aufgeweicht – doch bis auf jene drei, die den Hinweis „festes Schuhwerk mitbringen“ übersehen haben, stapfen alle tapfer durch den Matsch.

Während Christiane Daxenbichler die Lehrlinge herumführt, erzählt sie, warum ihr Vater – früher ein überzeugter konventioneller Bauer – vor 30 Jahren auf Bio umstellte: „Irgendwann beobachtete er, dass die Kühe viel öfter krank waren und auch nicht mehr so viele Kälber hatten. Da hat er gemerkt: So können wir mit unseren Tieren nicht länger umgehen – und umgestellt. Seitdem sind unsere Kühe fit.“ Außerdem habe er begonnen, die Rinderrasse Fleckvieh ohne Hörner zu züchten. „Deshalb haben unsere Kühe keine Hörner“, erklärt sie den Lehrlingen.  Dieser Umstand ist ihr wichtig, schließlich werden solche Kühe schnell mit schlechten Bedingungen in der Tierhaltung verbunden. So werden die Hörner in konventionellen Ställen häufig entfernt, um zu verhindern, dass sich die Rinder gegenseitig damit verletzen.

Kaum hat Christiane Daxenbichler zuende erzählt, prasseln die Fragen der Lehrlinge auf sie ein: Wie alt wird eine Kuh? 25 Jahre. Wie viel Milch gibt sie? 25 bis 30 Liter am Tag (und sie trinkt dafür 60 bis 100 Liter Wasser). Wie lange dauert das Melken? Etwa vier Minuten je Kuh. „Wollt ihr noch selber melken?“, fragt Daxenbichler ihre jungen Besucher. Aber klar! Geduldig zeigt sie ihnen, wie man's macht: „Zuerst müsst ihr das Tier streicheln, damit es sich nicht erschreckt, wenn es plötzlich losgeht.“

Als nächstes waschen und desinfizieren die Azubis den Euter, um zu vermeiden, dass die Milch verunreinigt wird. Dann kurz von Hand die Vormilch abmelken und schließlich der Kuh ein „Milchgeschirr“ anlegen, das die Milch ansaugt und abpumpt. Den meisten Lehrlingen glühen danach die Gesichter. „Super!“, „Spaßig!“, „Hab ich noch nie mitgemacht!“.

Vielen Lehrlingen fehle das Grundwissen

Zwei Tage dauert das Seminar, das der Verband Naturkost Südbayern seit 2010 jedes Jahr seinen Mitgliedern anbietet. „Wir hatten festgestellt, dass vielen Lehrlingen auch aus der Bio-Branche das Grundwissen fehlte“, erklärt Geschäftsführer Ernst Härter. So kamen die Mitglieder des Verbands auf die Idee, den jungen Menschen das Bio-Einmaleins so anschaulich wie möglich in den Partnerbetrieben zu vermitteln. Zentraler Ausgangspunkt des Seminars ist seit vielen Jahren das in der Nähe von München gelegene Gut Herrmannsdorf in Glonn. Von dort aus fahren die rund 20 Azubis zu spannenden Exkursionen, wie etwa zum Hof der Daxenbichlers um dort den Alltag eines Bio-Milchbauern hautnah zu erleben.

In den Tagungsräumen in Glonn hören die Auszubildenden vor allem theo-retische Grundlagen zur ökologischen Landwirtschaft und über die Bio-Branche. Der Hof hat ebenfalls vor fast 30 Jahren auf Bio umgestellt. Zu ihm gehören eine Gärtnerei, eine Bäckerei, Käserei und eine Schweinemast. Außerdem werden „Zweinutzungshühner“ gehalten, die sich sowohl zum Eierlegen als auch zum Schlachten eignen.

Das weitläufige Gut gilt in Sachen Tierhaltung als vorbildlich. Aber was heißt das eigentlich? Referentin Brigitte Szezinski, die als Bio-Beraterin tätig ist, erklärt den Lehrlingen, wie sich konventionelle und Bio-Tierhaltung unterscheiden: „Nicht die Tiere werden der Haltung angepasst – sondern die Haltung den Tieren.“ Das heißt zum Beispiel: Bei Bios haben die Tiere Tageslicht, den Schweinen werden keine Schwänze und den Hühnern nicht die Schnabelspitzen abgeschnitten.

Die Jüngsten sind 16, der Älteste ist 34 Jahre alt

Auch beim Landbau gebe es wichtige Unterschiede. Öko-Bauern nutzen etwa Dünger und Pflanzenschutz ohne Gift, sie verzichten auf Gentechnik und setzen Pflanzen ein, die sich noch selbst vermehren können. Konventionelle Bauern müssen ihr Saatgut hingegen jedes Jahr neu einkaufen, weil es von den Agrarkonzernen unfruchtbar gezüchtet wurde. Und dann will Szezinski noch wissen: „Welches ist das wichtigste Tier der Landwirtschaft?“ – Rinder? Schweine? Hühner? – Alles falsch! Es ist der Regenwurm! Er durchlüftet den Boden und macht ihn so erst zu fruchtbarem Ackerland.

Ihre Zuhörer sind angehende Industriekaufleute, Fachkräfte für Lebensmitteltechnik, eine Einzelhandelskauffrau, eine Fleischfachverkäuferin, Elektroniker, ein Chemikant und eine Chemielaborantin. Die Jüngsten sind 16, der älteste 34. Für alle gilt: Selbermachen beeindruckt am nachhaltigsten. Und deshalb wird die Gruppe am Ende der zwei Tage nicht nur gemolken, zwei Vorträge zum Prinzip Bio gehört,  zwei Hof- und eine Gartenbauführung mitgemacht haben. Die Auszubildenden haben dann auch gebuttert und  in einer Bio-Bäckerei Brezeln gedreht.

Mal einen richtigen Bio-Bauernhof kennenlernen

In der Berufsschule steht so etwas nicht auf dem Lehrplan – und das ist der Hauptgrund, weshalb die Bio-Betriebe sich mit ihren Lehrlingen um Plätze bewerben. Darunter waren diesmal viele Bio-Läden sowie die vier ökologischen Hersteller Barnhouse (Müsli), Herrmannsdorfer, bio-verde (Feinkost) sowie Herbaria und Salus (Gewürze, Tee und Arzneimittel).

Am liebsten würde Erwin Winkler, Geschäftsführer des bayerischen Gewürz- und Teeherstellers Herbaria, alle Lehrlinge der Firmengruppe schicken. Doch die Plätze auf dem Gut in Glonn sind begrenzt. Bisher wurden sechs  Herbaria-Azubis ausgelost: „Dort bekommen sie in einer wunderbaren Umgebung Bio so nahe gebracht, wie wir das hier gar nicht vermitteln können.“ Er findet es vor allem wichtig, dass auch die Lehrlinge aus dem Büro einmal einen richtigen Bio-Bauernhof kennenlernen. „Mit dem Seminar kommen sie mal weg von ihrem Schreibtisch. Sie können sich dort vernetzen und darüber austauschen, was in anderen Bio-Betrieben läuft.“

Für Bettina Rolle, Geschäftsführerin des Müsli-Herstellers Barnhouse, stellen die Lehrlingsseminare einen wichtigen Baustein der gesamten Ausbildung dar. „Wenn die Auszubildenden bei uns etwa an der Backstraße arbeiten, unterscheidet sich das prinzipiell nicht von der Arbeit in einem konventionellen Betrieb. Wir verwenden zwar ausschließlich Bio-Zutaten – aber damit wissen sie ja noch nicht, wie die produziert werden. Manche haben noch nie einen dunklen Zucker gesehen. Beim Seminar erfahren sie dann, was dahinter steht.“

Wenn die Auszubildenden aus Glonn und von ihren Ausflügen in landwirtschaftliche Bio-Betriebe wieder zurück zu ihren Arbeitsplätzen und Schreibtischen kommen, haben sie gelernt, wie Rosenkohl auf dem Feld aussieht; dass Klee nicht nur Futter ist, sondern zusammen mit dem Regenwurm (sowie den Knöllchen-Bakterien an seinen Wurzeln) für guten Boden sorgt. Außerdem haben sie selbst gemachte Butter mit Kräutern im Gepäck. Mag sein, sie erinnern sich nicht mehr so genau, welche Kräuter es waren … Aber ganz sicher haben sie sich gemerkt, wie viel Arbeit darin steckt – und wie kuschelig sich Kälbchen anfühlen.

Ausbildung bei den Bios (Fotos: Sylvia Meise)

Raus aus dem Büro: Lehrlinge beim Bio-Seminar in Glonn.

Jobs bei bios

Bio-Betriebe sind attraktive Arbeitgeber. Sie stehen für Nachhaltigkeit, auch beim Arbeitsklima und heißen Quereinsteiger willkommen. Stellen findet man in den Kleinanzeigen unter www.naturkost.de.

(© gettyimages / Ariel Skelley; Sylvia Meise)

„Bio für Einsteiger“ – Öko lernen

Der Verband südbayerischer Naturkost-Unternehmen (Naturkost Südbayern) wurde vor 25 Jahren gegründet, um die Akteure der damals noch kleinen Bio-Branche miteinander zu vernetzen. Seither gehören zu den Mitgliedern des Verbands Bio-Läden, Öko-Landwirte, Bio-Hersteller und Großhändler. Hauptanliegen der insgesamt 100 Mitglieder ist die gemeinsame Qualitätssicherung. Regelmäßige Fortbildungstagungen sorgen daher für Austausch sowie Informationen über aktuelle Trends und Erkenntnisse.

Um auch den „Neuen“ in der Bio-Wirtschaft, den Lehrlingen, zu zeigen, was und wer genau hinter dem Prinzip Bio steht, konzipiert das Vorstandsteam seit mittlerweile vier Jahren den Crashkurs „Bio für Einsteiger“. Das Seminar hat zwei Schwerpunkte. Einerseits lernen die Auszubildenden Theoretisches über die Bio-Landwirtschaft. Daneben sollen die jungen Leute aber auch Stallgeruch kennenlernen und machen deshalb spannende Exkursionen in Gärtnereien, Bäckereien, Molkereien oder Tierställe.

Ernst Härter (Foto: Thomas Langreder)Ernst Härter

Geschäftsführer vom Verband Naturkost Südbayern, organisiert seit vier Jahren das Lehrlingsseminar „Bio für Einsteiger“

 

 

Mehr Informationen rund um die Arbeit des Verbands Naturkost Südbayern finden Sie unter ‣ www.naturkost-suedbayern.de

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Friederike

Das Titelfoto dieses Artikel ist unglaublich herzberührend und aussagekräftig. Es rührt mich zutiefst an und drückt alles aus, was mir an respektvollem Umgang und wesensgemäßer Tierhaltung mein wichtigstes Anliegen ist und weshalb ich seit Jahrzehnten konsequent nur Bio konsumiere.
Ich habe mir das Foto rausgerissen und es wird einen schönen Platz in meiner Wohnung bekommen.