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Mit dem Wind kommt das Gift

Pestizide (© Photocase/kallejipp)
Spritzmittel kennen keine Ackergrenzen (© Photocase/kallejipp)

PESTIZIDE Bio-Bauern bekommen Probleme, wenn der Wind Spritzgifte der Nachbarn auf ihre Felder weht. Mit der geplanten EU-Öko-Verordnung könnte alles noch schlimmer werden. // Leo Frühschütz

TRILOG

So heißen Treffen, bei denen EU-Institutionen in Streitfällen nach einem Kompromiss suchen. Scheitern sie, bleibt alles beim Alten.

Seit eineinhalb Jahren trifft sich die Dreier-Runde regelmäßig, sitzt um einen Tisch und pokert. Doch sie spielt nicht mit Karten, sie verhandelt über einen Gesetzestext – die neue EU-Öko-Verordnung. Dabei steht nichts weniger auf dem Spiel als die Zukunft der Bio-Branche. Zum Showdown Ende Juni sollen alle Karten auf dem Tisch liegen. Endspurt also für EU-Kommission, Parlament und Ministerrat.

Die EU-Öko-Verordnung regelt den Öko-Landbau in der EU: Sie gibt vor, wie Bio-Möhren auf dem Acker angebaut werden, wie viel Platz die Kuh im Stall hat, was an Zusatzstoffen in den Fruchtjoghurt darf und wie das alles kontrolliert werden muss. Schon vor Jahren hatte sich die EU-Kommission in den Kopf gesetzt, das gesamte Regelwerk neu zu verfassen. Diesen März begann mit der 15ten Trilog-Runde der Verhandlungsendspurt. Und noch immer sind einige Punkte offen, darunter einer der wichtigsten: Was passiert, wenn Ackergifte, die der konventionelle Bauer Meier gespritzt hat, auf das Feld von Bio-Bauer Müller wehen und dessen Weizen oder Fenchel verunreinigen?

Bio wächst nicht unter einer Glocke

Bio-Bauern verwenden keine synthetischen Spritzgifte. Deshalb sind ihre Produkte kaum belastet, was zahlreiche Untersuchungen belegen. „Konventionelles Obst wies im Mittel einen zirka 175-fach höheren Gehalt an Pestiziden auf als Öko-Obst“, schrieben etwa die baden-württembergischen Überwachungsämter in ihrem Öko-Monitoring 2015. Bei konventionellem Gemüse war es 245-mal mehr.

Doch Bio-Bauern produzieren nicht unter einer Glasglocke. Pestizide von Nachbars Acker können Bio-Produkte verunreinigen. Wie viel Pestizidreste in Lebensmitteln überhaupt zu finden sein dürfen, regelt die Rückstands-Höchstmengenverordnung. Sie gilt für konventionelles wie für Bio-Obst und Gemüse gleichermaßen. Die EU-Kommission argumentiert, Verbraucher würden erwarten, dass Öko-Lebensmittel frei von Rückständen sind. Deshalb wollte sie einen eigenen Pestizid-Grenzwert für Bio einführen. Egal woher die Belastung stammt und egal, ob der Bauer korrekt gearbeitet hat: Ein Produkt mit mehr als 0,01 mg/kg an Rückständen wäre nicht mehr bio.

Thomas Schiffer* kann ein Lied davon singen, was das bedeutet. Er leitet einen Bio-Hof, der idyllisch in einem Biosphärenreservat liegt. Der nächste konventionelle Landwirt ist zwei Kilometer entfernt. Kein Wunder, dass Schiffer aus allen Wolken fiel, als ein Kunde ihm mitteilte, er könne die gelieferte Bio-Ware nicht akzeptieren, weil sie Rückstände der Unkrautvernichtungsmittel Pendimethalin und Prosulfocarb enthielten. Nicht nur sein Produkt war betroffen, das zuständige Landesamt für Umwelt fand die beiden Herbizide auch in der Rinde von Bäumen und in Grünkohlproben aus Privatgärten. Der Grund: Beide Wirkstoffe sind leicht flüchtig, können nach dem Aufbringen auf einem Acker verdunsten und mit dem Wind über weite Strecken verwehen. Fernabdrift ist der Fachbegriff dafür.

Frustrierende Erfahrung

Um dieser Belastung zu entgehen, erntet Thomas Schiffer die betroffenen Erzeugnisse inzwischen vorzeitig. Bevor konventionelle Bauern im Herbst das Unkraut mit Pendimethalin von ihren Äckern spritzen. 70 000 Euro musste er in eine Anlage investieren, um die zu früh geerntete Ware schonend zu trocknen. Hinzu kommen 15 000 Euro Schaden, weil er zwei belastete Ernten konventionell vermarkten musste. Bio bringt ihm eigentlich höhere Einnahmen, die er auch braucht, damit sich sein Mehraufwand für die Bio-Produktion auszahlt.

UNZUMUTBAR

„Bio-Produzenten dürfen nicht für Pestizide und
andere Schadstoffe büßen, die sie gar nicht benutzen.“  Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bio-Dachverbandes BÖLW

Schiffer hatte schon überlegt, mit dem Bio-Anbau aufzuhören, „wie das Kollegen mit ähnlichen Problemen gemacht haben, aber wir wollten nicht kampflos aufgeben.“ Deshalb ging er unterstützt von Bioland an die Öffentlichkeit und machte eine frustrierende Erfahrung: „Es war manchen Abnehmern nicht zu vermitteln, dass dieses Problem alle betrifft, nicht nur unseren Betrieb. Ihr seid doch die mit den Pestiziden, von euch nehmen wir nichts, hieß es dann.“ Weil sie ähnliche Erfahrungen fürchten, halten sich immer mehr Bauern in der Öffentlichkeit bedeckt, wenn der Wind Pestizide auf ihren Acker geweht hat und dies in Kontrollen festgestellt wurde. „Solche Schäden sind alltäglich, das geht in die Millionen“, weiß Schiffer.

Im letzten Sommer appellierten neun betroffene Bauern und Firmen an das Bundeslandwirtschaftsministerium, leicht flüchtige Pestizide zu verbieten. Erreicht haben sie lediglich, dass die Anwendungsregeln für Pendimethalin und Prosulfocarb ein wenig verschärft wurden. So sollen die spritzenden Bauern jetzt nicht zu schnell fahren und die beiden Herbizide nur bei bestimmten Windgeschwindigkeiten ausbringen.

Den Schaden hat der Bio-Bauer

Bio-Erzeuger leiden jedoch nicht nur unter Pestiziden, die weite Strecken zurücklegen können, sondern auch unter Spritzgiften, die direkt von Nachbars Acker auf das Bio-Feld geweht sind. Meist stellen das erst die Firmen fest, die aus Kräutern oder Weizen Tee oder Kekse herstellen, wenn sie bei den zahlreichen Analysen, mit denen sie die Qualität der Rohstoffe absichern, auf Spuren von Rückständen stoßen. Für den Landwirt beginnt damit der Ärger. Meist kann er seine Erzeugnisse nur noch zu niedrigeren Preisen konventionell verkaufen. Den Schaden könnte er sich vom verantwortlichen Nachbarn erstatten lassen, wenn dieser eindeutig zu bestimmen wäre. Doch oft grenzt ein Bio-Acker an mehrere konventionelle Felder. Zudem ist es schwierig, nach Monaten genau festzustellen, wer wann gespritzt hat und wie damals der Wind stand. Meist bleiben die Landwirte also auf dem Schaden sitzen.

Bio-Bauern meldeten 2014 allein in Bayern 27 Abdriftfälle an die zuständigen Kontrollstellen. Wie viele es bundesweit waren, ist unbekannt, es gibt keine Melderegister. In jedem Abdrift-Fall muss der Bauer seiner Kontrollstelle und dem Kunden glaubhaft machen, dass er nicht heimlich zur Giftspritze gegriffen hat. Aus dem Opfer nachbarlicher Nachlässigkeit kann schnell ein Verdächtiger werden.

Aufwendige Spurensuche

Um mit diesem Problem umzugehen, hat der Bundesverband Naturkost Naturwaren BNN schon 2001 einen Orientierungswert entwickelt: 0,01 Milligramm Pestizid je Kilogramm Lebensmittel. Liegen die Spuren darunter, gelten sie als ungewollte Verunreinigung. Bei den wenigen klaren Überschreitungen suchen die Betroffenen mit ihrer Kontrollstelle und dem BNN nach der Ursache der Belas-tung. Unter anderem, um schwarzen Schafen auf die Spur zu kommen, die unerlaubte Mittel verwendet haben.

Das war bisher nur in wenigen Fällen so. Meist stellte sich bei der Spurensuche vielmehr heraus, dass Pestizide nicht nur bei der Abdrift Probleme machen, sondern auch, wenn sie Maschinen oder Silos verunreinigen, mit denen Bio-Erzeugnisse in Kontakt kommen. Bauern wie Thomas Schiffer beklagen, dass zahlreiche Händler und Firmen die 0,01 mg/kg als Grenzwert verstehen und verwenden, ohne den Einzelfall zu betrachten. Liegt die Belastung darüber, kaufen sie den Bio-Rohstoff nicht.

Aus der geplanten neuen EU-Öko-Verordnung sind die 0,01 mg/kg inzwischen wegverhandelt worden. Stattdessen findet sich im vorliegenden Entwurf eine andere bedenkliche Formulierung: Sobald in einem Produkt ein für den Öko-Landbau nicht zugelassener Stoff nachgewiesen wird, muss die betreffende Partie gesperrt und die Herkunft der Verunreinigung untersucht werden.

Nun lassen sich mit modernen Messgeräten auch allerkleinste Spuren weit unter 0,01 mg/kg nachweisen. Da Erzeuger, Verarbeiter und Händler laufend analysieren, gäbe es immer wieder Sperrungen. Selbst wenn die Bio-Landwirte ihre Unschuld beweisen können, müssen sie zusätzlich belegen, dass sie sich gegen eine mögliche Verunreinigung geschützt haben. Viele machen das, indem sie zum Nachbarn hin Hecken pflanzen oder Blühstreifen stehen lassen. Doch das würde nicht ausreichen, um Verunreinigungen zu vermeiden – die können ja auch in Lagerhallen lauern – und auch nicht den Ansprüchen der Kommission genügen.

„Die EU-Kommission stellt sich vor, dass jeder Bio-Landwirt mit seinem konventionellen Nachbarn Gespräche führt, wann dieser Pflanzenschutzmittel anwendet und ob er das auch richtig macht“, erklärt Rosi Fritz, Leiterin des Qualitätsmanagements beim Hersteller Lebensbaum. Die Gespräche müsse der Bio-Landwirt protokollieren, damit er im Falle eines Rückstandes nachweisen kann, dass er alle möglichen Abwehrmaßnahmen ergriffen hat. „Viel zielführender wäre es, die Eintragsmengen von Pflanzenschutzmitteln in der konventionellen Landwirtschaft zu reduzieren und damit das Symptom an der Wurzel zu packen.“ Doch dazu müssten andere Spieler an einem anderen Tisch zum Showdown bitten.

Pestizide - Weinberg (© dpa/Walter G. Allgöwe)
Auf manchem Weinberg kommt das Gift von ganz oben, und findet sich auf den Trauben wieder (© dpa/Walter G. Allgöwe)

 

DISKUSSION UM EU-ÖKO-VERORDNUNG

Noch mehr ungeklärte Punkte

  • Ausnahmeregelungen für Bio-Saatgut
    Bislang gilt, dass konventionelles Saatgut, etwa für Weizen, auf Öko-Feldern ausgesät werden darf, wenn kein Bio-Saatgut verfügbar ist. Das soll nach dem Willen der EU-Kommission ab 2021 nicht mehr möglich sein. Die Folge: In manchen EU-Ländern könnten keine Bio-Erzeugnisse mehr angebaut werden, weil es an Bio-Saatgut fehlt.
  • Geänderte Import-Regelungen
    Für Importe soll künftig die EU-Öko-Verordnung eins zu eins gelten. Der Bundesverband Naturkost Naturwaren befürchtet massiven Schaden für den Öko-Landbau im globalen Süden.

 

Interview: „Der erste Entwurf war unsäglich“

Martin Häusling
Martin Häusling
Der Europaparlamentarier und Bio-Bauer
verhandelt seit anderthalb Jahren mit den
EU-Mitgliedsstaaten und der Kommission
über die neue EU-Öko-Verordnung.

Warum dauern die Verhandlungen so lang?

Es ist eine sehr komplizierte Materie, die sehr viel Detailarbeit erfordert. Und je weiter man in den Verhandlungen kommt, desto mehr offene Fragen tauchen auf. Hinzu kommt, dass der erste Entwurf der Kommission unsäglich war, sodass das Europäische Parlament sehr viele Änderungsvorschläge machen und viele Sachverhalte korrigieren musste.

Hat das etwas gebracht?

Ja. Die EU-Kommission wollte zum Beispiel das Öko-Kontrollsystem der allgemeinen Lebensmittelkontrolle unterstellen. Es brauchte eine längere Debatte, bis die Kommission eingesehen hat, dass eine eigenständige Öko-Kontrolle unverzichtbar ist und dass die Betriebe weiterhin jährlich kontrolliert werden sollen. Inzwischen sind einige solcher Knackpunkte vom Tisch. Bei anderen hängen wir immer noch fest.

Wo hakt es denn noch?

Das betrifft etwa den Umgang mit Pestizidbelastungen, aber auch den Markt für ökologisches Saatgut. Wir wollen, dass es für Öko-Saatgut einen eigenen Rechtsrahmen gibt, um den Markt zu entwickeln. Die Kommission und die Mitgliedsstaaten lehnen das bisher noch ab.

Im März ist die vermutlich letzte Runde gestartet. Ist eine Einigung in Sicht?

Die Mitgliedsstaaten haben unter der Präsidentschaft von Malta einen neuen Vorschlag vorgelegt, waren aber nicht bereit, darüber zu diskutieren. So kommen wir nicht zu einem Abschluss. Natürlich ist es für die jeweilige Präsidentschaft nicht einfach, 28 Länder unter einen Hut zu bringen, die die EU-Öko-Verordnung bisher unterschiedlich auslegen und handhaben. Wir appellieren an die Länder mit ausgebauten Bio-Märkten wie Deutschland, hier in die Verantwortung zu gehen und eine Führungsrolle zu übernehmen.

Teilen Sie die Befürchtungen der Bio-Branche, dass die bisherigen Kompromisse handwerklich schlecht gemacht sind?

Wir hatten im Januar ein Treffen in Brüssel mit Bio-Verbänden, Importeuren und Kontrollstellen, die haben uns ihre Liste mit Verbesserungsvorschlägen überreicht. Auch der deutsche Bio-Dachverband BÖLW hat sich da umfangreich eingebracht. Um diese Anregungen aufzugreifen, ist noch Zeit, denn von der politischen Einigung im Trilog bis zum fertigen Gesetz ist es ein langer Weg. Die Rechtsdienste des Europäischen Parlaments und der Kommission schauen noch einmal über den vorläufigen Text. In diesem Prozess können handwerkliche Fehler, wenn sie drin sein mögen, noch korrigiert werden.

Mehr zum Thema

www.boelw.de
Der Bio-Dachverband informiert unter >Themen>Bio-Recht über die neue EU-Öko-Verordnung

www.ackergifte-nein-danke.de
Die Initiative Landwende kämpft gegen Gift auf dem Acker

www.pan-germany.org
Betroffene können Pestizidabdrifte unter >Projekte>Biodiversität melden

sign.stopglyphosate.org
EU-weite Unterschriftensammlung gegen Glyphosat

www.aurelia-stiftung.de
Will Bienen vor Pestiziden schützen

 

Scheub, Ute: Ackergifte? Nein danke!Scheub, Ute: Ackergifte? Nein danke!
Verlag ThinkOya, 2015, 128 Seiten, 10 €

 

Koppensteiner, Elisabeth: Ökologischer Pflanzenschutz im naturnahen GartenKoppensteiner, Elisabeth: Ökologischer Pflanzenschutz im naturnahen Garten.
Cadmos Verlag, 2016, 128 Seiten, 16,95 €

Erschienen in Ausgabe 05/2017
Rubrik: Ernährung

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Ich bin Heilpraktikerin und habe diesen Artikel mit großem Interesse gelesen. Viele meiner medizinischen Labor-Tests an Patientenmaterial zeigen Belastungen mit Insektiziden, Pestiziden oder anderen Umwelt-Schadstoffen an.
Ist es denn möglich meinen Patienten Ihren wunderbaren Artikel zugänglich zu machen?
Könnte ich ihn zum Beispiel downloaden und über meine Website mit entsprechender Quellenangabe zugänglich machen? Mit freundlichen Grüßen!