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Ole Plogstedt: „Hab’ gekocht vor Wut!“

Interview mit Ole Plogstedt (© Oxfam Deutschland)
Unter welchen Bedingungen werden Bananen angebaut? Ole Plogstedt hat sich vor Ort ein Bild gemacht. (© Oxfam Deutschland)

INTERVIEW Der Kochprofi Ole Plogstedt hat konventionelle Bananenbauern in Ecuador besucht und geheult. Seitdem macht er Druck auf Lidl & Co.

München, ein Hotel zwischen Autobahn und Konzerthalle. Ole Plogstedt ist als Caterer mit der Hip-Hop-Band Beginner auf Tour. Mit ein paar Leuten steht er vor dem Eingang, als ich ankomme. „Du bist der Leo?“ – Kaffee holen und los geht’s.

Ole, du bist Kampagnenbotschafter für die Menschenrechtsorganisation Oxfam. Wie wird man das?

Ich bin schon lange als Tour-Caterer mit den Toten Hosen unterwegs und bei deren Konzerten ist Oxfam oft mit einem Infostand vertreten. Da haben wir uns kennengelernt. Später haben sie mich gefragt, ob ich nicht bei einer Kampagne mitmachen will. Wollte ich. Make Fruit Fair ist schon meine zweite.

Was macht man so als Botschafter?

Ich mache auf das aufmerksam, was Oxfam rausfindet. Vielleicht kann ich ja mit meiner bescheuerten Prominenz ein bisschen was erreichen. Auf jeden Fall kann ich Sachen beim Namen nennen, ohne um den heißen Brei zu reden.

Du warst im Januar 2016 mit Oxfam acht Tage in Ecuador. Was hast du dort auf den Plantagen erlebt?

Ich wusste ja, dass es im Handel Ungerechtigkeit und Ausbeutung gibt. Aber wenn du die Menschen siehst und mit ihnen redest, das ist ein ganz anderer Schnack. Wir haben eine Schule besucht, mitten zwischen den konventionellen Plantagen. Ein Großteil der Kinder dort ist von Geburt an behindert, weil die Eltern bei der Arbeit mit Pestiziden vergiftet werden. Ich habe echt dagestanden und geheult.

Wie wird dort mit Pestiziden hantiert?

Flugzeuge versprühen das Gift über die Plantagen. Es gibt keine Vorwarnung für die Arbeiter, die werden eingenebelt. Eigentlich dürften sie nach dem Sprühen viele Stunden nicht aufs Feld, aber dann gibt’s auch kein Geld, weil die Akkord arbeiten. Natürlich dürfen die Flugzeuge nicht über Schulen oder Häusern spritzen. Aber hey, zwanzig Meter weiter fangen sie an zu sprühen und der Wind macht den Rest.

Aber es gibt doch Zertifizierungen, um solche Missstände auszuschließen?

Die schlimmsten Verhältnisse habe ich auf Plantagen erlebt, die von Rainforest Alliance zertifiziert waren. Viele Arbeiter haben Teilzeitverträge, müssen aber länger arbeiten. Das Geld bekommen sie oft erst Monate später und dann müssen sie auch noch die vorgeschriebenen Bluttests auf Pestizide selber zahlen. Und zwar doppelt so viel wie der Test kostet. Ein Ergebnis erhalten sie natürlich nie. Und wenn dann mal der Zertifizierer kommt, meldet er sich vorher an, alles wird gesäubert, die Arbeiter bekommen Schutzklamotten und alle ohne Vertrag werden weggeschickt.

Können sich die Menschen nicht wehren?

Sie haben total Angst, sich aufzulehnen oder irgendwas zu sagen, weil sie dann sofort entlassen werden. Wer auf die Idee kommt, eine Gewerkschaft gründen zu wollen, landet auf einer schwarzen Liste und kriegt im ganzen Bananensektor keinen Job mehr. Oxfam hat einen ecuadorianischen Partner, die Gewerkschaft ASTAC, gegründet von Jorge Acosta, einem ehemaligen Pestizid-Flieger. Diese Menschen werden immer wieder mit dem Tod bedroht und machen trotzdem eine großartige politische Arbeit. Da werde ich als deutscher TV-Koch vorgestellt und alle setzen ganz viele Hoffnungen auf mich. Aber ich bin nur ein kleiner Punker, der ein bisschen im Fernsehen rumtanzt. Die lachen sich doch kaputt, wenn ich hingehe und sage: Frau Merkel, tu mal was. Jetzt habe ich zumindest T-Shirts mit den Logo von ASTAC drucken lassen und bitte die Menschen, sich damit fotografieren zu lassen. Daraus soll eine große Online-Galerie werden, quasi als moralische Unterstützung.

Habt ihr denn auch mit Plantagenbesitzern gesprochen?

Wir hatten einen schnell abgebrochenen Termin bei einem der Chefs von Palmar, einem Plantagenbetreiber, der Aldi und Lidl beliefert. Die hatten im Foyer echt ein großes Bild an der Wand, mit einer Bananenplantage, über die ein Pestizid-Flugzeug fliegt. Auf dem Schreibtisch von dem Typ stand noch ein Flugzeug als Modell. Und ich mit den Bildern der behinderten Kinder im Kopf und den Erzählungen der kranken Arbeiter. Ich hab’ gekocht vor Wut.

Wie gehst du mit dieser Wut um?

Ich sehe vielleicht böse aus, bin aber eigentlich ein friedfertiger Mensch. Gewalt ist nicht so mein Ding. Für mich ist wichtig, dass ich selber was mache und wenn ich für Oxfam ein Video drehe, kommt von der Wut schon was rüber.

Die Wut bekommt in eurer aktuellen Kampagne vor allem Lidl ab.

Ja. Die lassen sich für ihre paar Prozent Fairtrade-Bananen feiern, sind aber nicht bereit, ihre Händler auf die Bedeutung von Gewerkschaftsrechten hinzuweisen. Da sterben Arbeiter an Pestiziden, Kinder kommen behindert zur Welt, nur damit wir die billigsten und schicksten Bananen haben. Auf Grundlage dieser Ausbeutung verdient Lidl seine Milliarden. Mit diesen Milliarden könnten sie ein Vorzeigeunternehmen werden, wenn sie es schon so toll machen wollen, wie sie immer versprechen.

Man kann ja auch darauf verzichten, bei Lidl & Co. einzukaufen.

Wenn das einer macht und im Bio-Laden biofair einkauft, ist das toll und ein Signal an die Wirtschaft, dass wir gutes Essen haben wollen. Aber man kann dem Verbraucher nicht die Verantwortung zuschieben. Das sind politische und unternehmerische Entscheidungen und da liegt die Verantwortung. Was ich allerdings dick hab’, ist, wenn jemand daher kommt: „Ach die armen Tiere“ und dann Chicken Wings bei McDonald holt. Ein bisschen Konsequenz gehört dazu.

Hat sich durch die Reise deine Arbeit als Koch verändert?

Ich kaufe seitdem noch bewusster ein. Wir kochen ja auf Tour jeden Tag frisch und kaufen im Großmarkt ein, viele Basics in Bio, aber nicht alles. Großen Wert legen wir darauf, dass nichts weggeschmissen wird. Was übrigbleibt, verwerten wir am nächsten Tag. Ich hatte mal eine Anfrage von Ilse Aigner, als sie noch Verbraucherministerin war, ob ich nicht für eine Aktion zum Thema Foodwaste Rezepte beisteuern könnte. Sorry, Frau Aigner, hab’ ich ihr geschrieben: So lange Sie so eine Politik machen und die Lebensmittelkonzerne nicht in die Verantwortung nehmen, die viel mehr Lebensmittel vernichten, stehe ich auf keinen Fall auf Ihrer Seite.

Ole Plegstedt und Leo FrühschützSchrot&Korn-Autor Leo Frühschütz (re) im Protest-T-Shirt von Ole Plogstedt (siehe Interview www.ole-plogstedt-shop.de)

Zur Person: Ole Plogstedt ...

... ist 48 Jahre alt, verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Hamburg. Seit fast 25 Jahren bekocht er mit seinem Catering-Unternehmen Rote Gourmet Fraktion Rockstars wie Jan Delay oder die Toten Hosen auf Tournee. In der RTL 2-Serie „Die Kochprofis“ hilft er Gastronomen in Schwierigkeiten und hat unter dem Titel auch mehrere Kochbücher veröffentlicht. Ole Plogstedt engagiert sich – oft kochend – für Flüchtlinge und  Stadtteilprojekte des FC Sankt Pauli. Seit 2014 unterstützt er die Menschenrechtsorganisation Oxfam als Kampagnenbotschafter. 

www.rotegourmetfraktion.de

Erschienen in Ausgabe 02/2017
Rubrik: Ernährung

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incl. 'http://'
Pink

Danke, Herr Plogstedt, für Ihre Arbeit !

Carsten

Lidl kritisieren und mit RTL 2 ins Bett gehen!
"Ein bisschen Konsequenz gehört dazu." Eben!
Wortspiele wie Rote Gourmet Fraktion und All Cooks Are Bastards ist wohl auch nur bedingt lustig.