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Interview: „Tierschutz kostet extra“

Harald Grethe leitet den Wissenschaftlichen Beirat Agrarpolitik. Dieser sorgte jüngst für Aufsehen. In einem Gutachten für das Landwirtschaftsministerium kommt das Gremium zu dem Schluss, dass das Leid der meisten Nutztiere fachlich nicht mehr vertretbar sei.

Was machen die Bauern, die Tier halten, falsch?

Grethe: Die deutschen Bauern arbeiten zunächst einmal so, wie jeder andere Unternehmer auch: Sie minimieren ihre Kosten unter den gegebenen gesetzlichen Rahmenbedingungen, und wer das am besten kann, der ist erfolgreich. Das sollte man den Bauern nicht vorwerfen. Falsch sind die Rahmenbedingungen, unter denen Landwirtschaft heute arbeitet. Wer mehr Tierschutz will, der muss diesen Rahmen ändern.

Die Grundthese Ihres Gutachtens lautet: Mehr Platz, mehr Bewegung, mehr frische Luft, mehr Auslauf. Das will doch auch der Verbraucher für die Tiere.

An der Ladentheke fällt die Kaufentscheidung trotz dieses bekundeten Willens oft anders aus. Tierschutz ist teuer, und der Preis kann bei Fleisch 100 Prozent, im Extremfall sogar bei Bio bis zu 300 Prozent höher liegen. Oft sind auch die Kennzeichnungen der Labels nicht transparent genug, um den dahinter stehenden Wert zu erkennen.

Der Kunde versteht also gar nicht, was an diesem Schnitzel nun besser sein soll?

Genau. Wir schlagen deshalb vor, das Label des Deutschen Tierschutzbunds in ein staatliches Label zu überführen. Das ist bisher nicht sehr bekannt, es ist leider auch nicht viel beworben worden. Der Staat sollte dieses Label intensiv bewerben und könnte ihm noch mehr Glaubwürdigkeit verleihen. Man kann aber nicht alle Kunden an der Theke erreichen, nicht jeder will sich im Laden mit ethischen oder sozialen Motiven auseinandersetzen. Umfragen zeigen, nur 20 bis 30 Prozent der Kunden sind bereit, ihr Kaufverhalten auf der Basis von Kennzeichnung anzupassen.

Es müsste also ein Tierschutz-System etabliert werden, dass sämtliche Nutztiere erfasst?

Ja, wir wollen das Niveau für alle Produzenten deutlich anheben, denn nur so können wir gesellschaftlich gewollte, ethische Standards umsetzen. Wir möchten aber oberhalb des dann vorgesehenen gesetzlichen Standards noch einmal differenzieren, denn da gibt es viel Spielraum nach oben. Da kann man die tollsten Sachen machen. Aber je mehr Tierschutz, desto teurer wird es. Nehmen wir die Legehennen: Die heute im ökologischen Landbau umgesetzten Haltungssysteme sind schon sehr gut, aber noch besser sind mobile Ställe, bei denen die Hennen immer wieder auf frisches Gras gesetzt werden. Solche Haltungssysteme kann man speziell fördern, und Landwirte können sie freiwillig umsetzen.

Woran fehlt es denn im Schweinestall?

Ganz wichtig ist: Die Tiere brauchen mehr Platz und mehr Material zur Beschäftigung. Das kann Stroh sein, auch Bälle oder ein Stück Holz, an dem sie kauen können. Dann sollte ein Teil des Stalls keine Spaltenböden mehr haben, sondern es muss eingestreute oder mit Matten ausgestattete Liegebereiche geben. Wichtig wäre auch ein Auslauf ins Freie, das muss nicht die grüne Wiese sein, aber zum Beispiel eine Art überdachte Terrasse. Schweine sind intelligente Tiere, also brauchen sie ein abwechslungsreiches Leben.

95 Prozent der Landwirte kupieren trotz EU-Verbots die Schwänze ihrer Schweine.

Stimmt, und das muss sich ändern. Wenn man im Stall allerdings nichts grundlegend ändert, sondern nur das Kupieren abschafft, dann werden wir üble Zustände bekommen. Schwanzbeißen verursacht großes Leid, weshalb die zuständigen Behörden ja auch immer wieder den Ausnahmetatbestand akzeptieren. Die Tiere werden somit ans Haltungssystem angepasst. Wenn Tiere Schwänze anfressen, dann zeigt das, dass die Haltungsbedingungen nicht in Ordnung sind. Das hat man zu lange geduldet. Wir müssen die Haltungsbedingungen ändern, und das ist nun im Mainstream angekommen.

Glauben Sie, dass die Landwirte mitziehen?

Wenn man ihnen das ökonomisch ermöglicht, dann habe ich daran keinen Zweifel.

Wer heute zu einem Schweinehalter geht, der sagt doch stolz: Alles prima in meinem Stall. Den Tieren geht es doch gut. 

Diese Verteidigungshaltung treffen sie eher bei Berufsstandvertretern an, vor allem in der öffentlichen Diskussion. Wer mit Landwirten tiefer ins Gespräch kommt, der hört etwas anderes. Dann sagen viele, „natürlich ist das schön, wenn sie mehr Platz haben, und es geht den Tieren deutlich besser. Aber wie sollen wir das finanziell hinbekommen?“ Richtig, man kann eben nicht verlangen: Macht doch einfach ökonomisch normal weiter, ihr müsst konkurrieren mit dem Weltmarkt, aber bitte praktiziert mehr Tierschutz. Zumal wenn die Konkurrenz im Ausland nicht gleichziehen muss. Diese Rechnung geht nicht auf. Ich glaube dennoch, dass man den Großteil der Landwirte gewinnen kann, wenn man ihnen glaubwürdig macht, dass sie für mehr Tierschutz auch entlohnt werden.

Wie soll diese am Tierschutz orientierte Entlohnung aussehen?

Wenn wir einen großen Sprung bei Schwein, Huhn und Rind schaffen wollen, dann brauchen wir drei bis fünf Milliarden Euro im Jahr, was etwa drei bis fünf Prozent unserer heutigen Ausgaben für Lebensmittel entspricht. Diese Summe muss man auf verschiedenen Wegen zusammenbekommen: So etwa an der Ladentheke über Kennzeichnung. Schön wäre es, wenn wir 20 bis 30 Prozent der Kunden für Premium-Segmente, für die wir einen noch höheren Tierschutzstandard vorsehen, gewinnen könnten. Das würde sehr helfen, die Kosten des Tierschutzes aufzufangen. Dann sollte auch der Handel einen Beitrag leisten. Die Brancheninitiative Tierwohl ist hierfür ein wichtiger erster Schritt, das Budget muss aber erheblich erhöht werden. Weiteres Geld käme aus einem Umbau der heutigen Agrarsubventionen. Einige Länder machen das etwa mit Ringelschwanzprämie oder der Förderung einer Stroh basierten Haltung bereits vor, allerdings mit zu geringer finanzieller Ausstattung. Schließlich muss auch die staatliche Förderung von Stallneubauten viel stärker als heute am Tierschutz ausgerichtet werden.

Für einige Bauern dürfte der Umbau zu einem tierfreundlichen Stall dennoch zu teuer werden. Er wird aufgeben, es wird also noch weniger Bauern geben.

Das sehe ich persönlich auch so. Aber es gibt auch Faktoren, die dem entgegen wirken. Tierschutz ist in einigen Bereichen sehr arbeitsintensiv. So muss man für einen Verzicht auf das Kupieren von Schwänzen bei Schweinen, viel stärker als heute durch den Stall gehen, sich mehr dem einzelnen Tier widmen, um das Schwanzbeißen früh zu erkennen und Tiere zu trennen. Das heißt für einige Betriebe: Weniger Tiere im Stall, die Betriebsgröße nimmt ab. Wir hatten einen solchen Effekt auch nach der Abschaffung des Legehennenkäfigs beobachtet. Andererseits wird der technische Fortschritt auch in Bezug auf das Tierwohl für eine weitere Rationalisierung sorgen.

Damit nähme auch die Massentierhaltung zu.

Ja. Das stimmt. Wir sehen den Begriff aber kritisch. Das ist ein Kampfbegriff, der in der Vergangenheit die Funktion gehabt hat, Menschen für den Einsatz für mehr Tierschutz zu mobilisieren. Es geht aber nicht um die Masse. Es geht darum, Tiere tierfreundlich zu halten. Das kann ich in kleinen und in großen Betrieben tun. Der Begriff Massentierhaltung wirkt inzwischen kontraproduktiv. Denn es gibt sehr viele größere Betriebe, die wirklich etwas tun wollen fürs Tierwohl. Wenn denen aber ständig dieses Wort vorgehalten wird, dann wirkt das demotivierend. Die haben dann keine Lust mehr. Wir verprellen viele junge Landwirtinnen und Landwirte, die wir für den Umbau der Tierhaltung dringend brauchen.

Klar ist aber auch, dass in größeren Ställen mehr Antibiotika eingesetzt wird als in kleinen. Das ist doch ein Symptom.

Das muss aber so nicht sein sondern ist vor allem eine Managementfrage. Auch große Betriebe können mit geringem Antibiotika-Einsatz geführt werden. Das erfordert aber eine intensivere Tierbetreuung.

Was wir vermissen in Ihrem Gutachten, ist der Hinweis auf den ökologischen Landbau.

Nicht ganz: Unsere haltungsbezogenen Leitlinien liegen nahe an dem, was im Öko-Landbau bereits umgesetzt wird. Bei unseren Kostenabschätzungen orientieren wir uns am Öko-Landbau und an der Produktion für das Tierwohlsiegel des Deutschen Tierschutzbunds.

Der Bio-Bauer ist also das Vorbild?

Der Öko-Landbau könnte hier meine ich in der Tat selbstbewusster argumentieren und seine Vorreiterrolle in einigen Bereichen viel stärker betonen, etwa so: Auslauf ins Freie? Das machen wir längst! Ihr redet über mehr Platz? Haben wir doppelt so viel. Zu hohe Nährstoffüberschüsse auf den Feldern? Wir bringen schon seit langem weniger Nährstoffe aus! Diese klaren Vorteile könnten die Vertreter des Ökolandbaus meines Erachtens stärker herausstellen. Allerdings muss sich der Ökolandbau auch der Frage stellen, wie er bei einer großflächigeren Umsetzung die deutlich geringeren Flächenerträge kompensieren will, ohne die Importe zu erhöhen. Das geht meines Erachtens nur mit einer Änderung des Ernährungsstils.

Dennoch können Sie sich nicht durchringen, im Ökolandbau die Antwort auf die Tierwohlprobleme zu sehen.

Dass wir ihn nicht als Modell betrachten, hängt damit zusammen, dass der ökologische Landbau ein Gesamtpaket ist, das nicht nur ein verbessertes Tierwohl, sondern viele weitere Elemente einer umweltorientierten Landwirtschaft beinhaltet. Insbesondere ist die Flächenproduktivität in der pflanzlichen Produktion deutlich geringer, und die Futterkosten sind somit deutlich höher. Wir treten deshalb nicht dafür ein, Ökolandbau flächendeckend umzusetzen, halten es aber für wichtig, mehr Tierschutz in der Breite der Landwirtschaft zu realisieren. Schließlich gibt es auch im Ökolandbau Tierschutzprobleme, so etwa die Anbindehaltung bei Milchkühen.

Kann der Verbraucher durch sein Verhalten mehr Tierschutz fördern?

Er kann zum Beispiel im Geschäft zum Marktleiter gehen und fragen, warum haben Sie kein Fleisch mit Tierschutzlabel oder aus Öko-Produktion? Nimmt Ihr Unternehmen an der Brancheninitiative Tierwohl teil und wenn nein, warum nicht? Außerdem wäre es gut, nicht nur auf den Preis zu schauen, sondern zu sagen: Ja, das Stück ist jetzt teurer, aber dafür aus einer tiergerechteren Produktion.

Das Gutachten sagt auch, wir essen zu viel Fleisch.

Weniger Fleisch zu essen, ist schon aus Umweltgründen richtig, es gibt aber auch gesundheitliche Aspekte, die nahe legen, vor allem weniger verarbeitetes Fleisch wie etwa Wurstwaren zu essen. Im Durchschnitt halb so viel Fleisch, das wäre durchaus gut. Es ist aber natürlich nicht einfach zu erreichen und kollidiert mit den Interessen der Landwirte, die Fleisch erzeugen.

Das Gutachten bietet ein Bündel von Ideen. Welche müsste die Politik zu aller erst realisieren?

Wir brauchen ein Bundesprogramm Tierwohl mit einem ansehnlichen Volumen wie damals beim Ökolandbau, aus dem viele sinnvolle Maßnahmen zum Beispiel  in den Bereichen Ausbildung, Beratung, Konsumenteninformation und Forschung finanziert werden könnten. Es wäre auch gut, sofort ein mehrstufiges staatliches Label zu schaffen und stark zu bewerben. Gleichzeitig müssten die Agrarsubventionen umgeschichtet werden, um Tierschutz gezielt zu fördern. Das kann Deutschland schon ab 2018 umsetzen, ohne die EU noch mal fragen zu müssen. Wir brauchen außerdem einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess: Wo wollen wir mit der Tierhaltung hin? Wie wichtig ist den Menschen zum Beispiel, dass Nutztiere nach draußen kommen?

Grethe und Börnecke (Foto: Elisa Müller/bio verlag)

Schrot&Korn-Autor Stephan Börnecke traf Professor Harald Grethe an der Uni Hohenheim in Stuttgart.

Zur Person: Harald Grethe

Seine Karriere startete Professor Harald Grethe im Stall: Zwischen 1986 und 1989 absolvierte er eine landwirtschaftliche Berufsausbildung. Heute ist Grethe, der danach Medizin und Agrarwissenschaften studierte, Chef des Fachgebiets Agrar- und Ernährungspolitik an der Uni Stuttgart-Hohenheim. Als Leiter des Wissenschaftlichen Beirats Agrarpolitik sorgt er immer wieder für Schlagzeilen. Mal beleuchtet er die Bedeutung eines Fleischverzichts für die Welternährung, dann verlangt er den Stopp der Biokraftstoffförderung oder den Umbau der Agrarsubventionen: Denn da werde viel Geld für
Unsinn ausgegeben.

Kommentare

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Bianka

Ein schöner und zukunftsweisender Artikel. Danke, Herr Prof. Grethe, für Ihr Engagement und die Darlegung, dass eine andere Tierhaltung möglich ist :-)

Alles Gute für Sie!


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