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„Die Lösung heißt Kulturfleisch“

Richard David Precht (© Anja Weber)
Philosoph und Autor: Richard David Precht (© Anja Weber)

INTERVIEW Richard David Precht sieht eine neue Mensch-Tier-Beziehung. Doch das Ende der Massentierhaltung kommt nicht durch Veganer. // Peter Unfried

Richard David Precht kommt nach einem mehrstündigen Fernsehdreh in eine seiner Düsseldorfer Lieblingskneipen und sagt, er sei total geschafft und leer. Dann beweist er das Gegenteil.

Herr Precht, für die meisten Menschen ist der Gedanke an Kannibalen, also Menschen, die Menschen essen, kaum erträglich. Dabei sind das ja auch nur Tiere, die andere Tiere fressen?

Nein. Auch manche Tierrechtler gehen in diese Falle, wenn sie sagen: Der Mensch ist ja auch nur ein Tier. Damit wäre er aus seinen moralischen Pflichten entbunden. Das ist nicht die Quintessenz meines Buchs „Tiere denken“. Ich gebe mir sehr viel Mühe zu zeigen, dass der Mensch ein moralbegabtes Tier ist, dessen ganze Kultur auf dieser Moralbegabung basiert und dessen ganze Sensibilisierungsfähigkeit mit dieser Moralfähigkeit zu tun hat.

Mir geht es darum, dass man eine willkürliche Grenze zieht, welche Lebewesen man streichelt und welche man isst.

Zunächst mal: Es gibt Tiere, die Tiere der eigenen Art essen, aber viele tun es nicht. Löwen, zum Beispiel. Die töten aber die Kinder ihrer Vorgänger als Rudelführer. Adler legen zwei Eier. Wer zuerst schlüpft, schmeißt das andere Ei oder den gerade Schlüpfenden aus dem Nest. Das nennt man Kainismus. Das zweite Ei ist reine Reserve. Der Ältere weiß, dass seine Aufgabe darin besteht, das andere aus dem Nest zu räumen. Das ist ganz natürlich.

Wir halten es für natürlich, hochintelligente Schweine zu essen, Hunde als Kind-Ersatz zu beschäftigen und Fliegen zu klatschen.

Unser Verhältnis zu Tieren wird weniger über Moral gesteuert, sondern hauptsächlich über Ästhetik. Etwa wenn ich die weiße Ratte auf meiner Schulter liebe und die graue Kanalratte töte. Es gibt nicht viele Leute hier, die Antilopen essen, in Kenia ist das völlig normal. Moralisch macht das keinen Unterschied gegenüber dem Essen von Reh. Känguru ist in Australien billiges Fleisch, hier fänden das viele komisch und würden es nicht essen. Das hat einen rein ästhetischen Grund. Die meis-ten entscheiden also nicht über die Leidensfähigkeit oder Bewusstseinsfähigkeit von Tieren, was sie essen. Es ist Kultur, Ästhetik, Tradition, Gewohnheit.

Gibt es heute eine neue Mensch-Tier-Beziehung?

Ja, die neue Mensch-Tier-Beziehung existiert. Aber eben nur in bestimmten Feldern, nicht in allen. In der Ernährung spielt sie eine Riesenrolle.

Die Realität ist, dass das Bewusstsein für Tierrechte und Erderhitzung zunimmt, aber parallel auch exzessive Massentierhaltung und expandierende Industriefleischimperien.

Sie sagen es: Die Massentierhaltung machen wir ja nicht. Wir machen auch keine Tierversuche. Sie würden ja auch nicht Henker werden wollen. Dennoch gab es über Tausende Jahre Henker in verschiedenen Kulturen. Und das ist ein bisschen ähnlich mit der Massentierhaltung. Das machen nur ganz wenige, hinter den Kulissen. Das wird heute allenfalls exzessiver betrieben, weil es einer ökonomischen Vernunft gehorcht, aber es ist nicht unsere Kultur. Es ist unsere Rechtsprechung, die das zulässt und es sind Menschen, die zwar wissen, dass es das gibt, sich aber keine großen Gedanken darüber machen. 

Es gibt keine politische Mehrheit gegen Massentierhaltung.

Weil wir das Leiden exterritorialisiert haben und verbergen. Würden wir Massentierhaltung und Schlachthöfe in die Innenstädte verlegen, wäre damit kein Blumentopf zu gewinnen, weil die Sensibilisierung der Menschen rasant vorangeschritten ist. Vor 20 Jahren musste ich Menschen erklären, was ein Veganer ist. Das wussten 99 Prozent nicht.

Worauf wollen Sie hinaus?

Ich glaube, dass wir in einer Gesellschaft leben, die viel aufgeklärter, sensibler und gebildeter ist als je in der Geschichte der Menschheit. Solange wir Bedingungen von Wohlstand und Frieden haben, wird der Mensch sich weiter sensibilisieren. Das heißt: Nachdem wir entdeckt haben, dass Sklavenhaltung nicht so gut ist, Frauen auch Menschen sind und dass man Kinder nicht in Bergwerke schicken soll, jedenfalls bei uns nicht, ist es ein logischer nächster Schritt, dass man die Sensibilisierung ausweitet und sagt, wir wollen keine Affen quälen, keine Massentierhaltung, keine Kücken schreddern, keine Pelztierfarmen.

Was kann die quantitative und qualitative Zunahme der Sensibilisierung für Tierrechte und Erderhitzung leisten?

Seit Beginn der Tierrechtsdiskussion ist der Fleischkonsum rückläufig. Die Bewegung weg vom Tierfleisch durch die zunehmende Zahl an Veganern und Vegetariern kann ein Beschleuniger dieses Prozesses sein. Aber die Massentierhaltung wird nicht durch Bewusstseinsänderung und Veganer abgeschafft, sondern durch das im Labor hergestellte Cultured Meat, Kulturfleisch. Es ist den Tönniesen dieser Welt egal, wie viele Veganer es in Deutschland gibt.

Im Moment können sich viele nicht vorstellen, Fleisch aus dem Labor zu essen.

Angesichts des ökologischen und ethischen Desasters der Massentierhaltung finde ich die Vorstellung sehr positiv, einer Kuh eine Nackenmuskel-Stammzelle zu entnehmen, sie in der Petrischale zu vermehren und daraus einen Burger herzustellen. Es ist die Lösung eines Menschheitsproblems. Richtig ist, dass immer noch ab und zu ein paar Kälber getötet werden müssen für das Kälberserum als Nährlösung, und dass man es nicht sofort günstig auf den Markt bringen kann. Letzteres lässt sich vermutlich in überschaubarem Zeitrahmen lösen.

Technik ist also nicht böse?

Technik ist nicht böse. Die Frage ist: Wer macht was mit was? Ich bin gegen Grüne Gentechnik, aber nicht religiös, sondern wegen der ökologischen und auch der ökonomischen Folgen, der Entstehung von Saatgutmonopolisten et cetera. Ich bin auch gegen embryonale Stammzellenforschung, aber nicht gegen adulte für Gentherapie, das halte ich für einen Segen der Menschheit. Und beim Kulturfleisch muss ich das mit den Umweltdesastern und den ethischen Verbrechen der Massentierhaltung vergleichen und fragen: Was ist besser? Im Übrigen: Wenn wir nicht rechtzeitig auf den Zug aufspringen, patentieren sich Facebook und Google ihre Verfahren und dann kriegen wir die Diktatur weniger Firmen über die fleischliche Ernährung der Welt. <

Die Langversion des Interviews erschien im Magazin zeozwei 1/2017.

Zur Person: Richard David Precht ...

Richard David Precht (© Anja Weber)
(© Anja Weber)

... ist bekanntester Philosoph Deutschlands und lebt in Düsseldorf. Er ist 1964 in Solingen geboren und mit vier Geschwistern in einem politischen Elternhaus aufgewachsen. Precht studierte Philosophie und promovierte in Germanistik. Sein bisher größter Erfolg ist das populärwissenschaftliche Philosophie-Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“. In seinem neuesten Buch „Tiere denken“ beschäftigt er sich mit einer zeitgemäßen Tierethik. Es geht ihm um eine lebbare Ethik für möglichst viele Menschen. Precht selbst isst „äußerst gelegentlich Fleisch“.

Erschienen in Ausgabe 05/2017
Rubrik: Ernährung

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Ute Esselmann

Herr Precht betont die Moralfähigkeit der Spezies Mensch. Zugleich sagt er, Laborfleisch werde die Lösung sein. Ich will nicht völlig widersprechen, aber: Wären wir so moralfähig, wie wir gern behaupten, dann würden wir artfremde Persönlichkeiten (vulgo: Tiere) nicht munter weiter verwursten, bis eines Tags in mittlerer Zukunft die Kulturfleisch-Alternative lecker duftend auf dem Tresen liegen wird. Vegan ist ja schmackhaft möglich – jetzt! Ein Buch, das ich allen Tierfreunden ans mitfühlende Herz legen möchte: “Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte” von Sue Donaldson und Prof. Will Kymlicka. Für domestizierte Arten fordern die Autoren nicht nur Grundrechte, sondern volle Staatsbürgerschaft. Leider steckt diese brillante Utopie mit ihren 1.000 lebendigen Beispielen in einer nüchternen Wie-Fachbuch-Verpackung. Davon bitte nicht abschrecken lassen!

Freundliche Grüße,

Redlich

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich hatte mir sehr viel von dem Interview mit Herrn Precht und bin mehr als enttäuscht worden.
Das ist nun mal wieder ein Beispiel dafür, dass &quot;Schuster bei seinen Leisten&quot; bleiben soll.
Prinzipiell hört es sich ja ganz toll an, dass einer Kuh &quot;nur&quot; eine Zelle entnommen werden müsste um davon Fleisch wachsen zu lassen um die Menschheit zu ernähren und nix und niemand müsste gequält oder getötet werden.
Der Denkfehler den Herr Precht dabei hat: So einfach ist das nicht. Ich kann nicht eine Kuh losgelöst vom großen Krieslauf sehen. Wenn Fleisch nur noch in Petrischalen gezüchtet wird, wird es auch bald keine Kühe mehr auf den Bauernhöfen geben, ohne Kühe wird es auch keinen Kuhdung mehr geben, von dem die Fliegen leben, ohne die Fliegen usw. werden auch die Vögel verschwinden usw. Die Folge davon ist: Es werden also keine Kühe getötet werden müssen, weil wir sie nicht mehr brauchen - toll - aber mit den Kühen werden dennoch zahlreiche andere Arten aussterben. Und ohne die Tiere werden wir unsere Äcker petrochemisch düngen müssen. Ob das die Lösung ist, an die Herr Precht denkt, darf berechtigterweise bezweifelt werden.
Können wir uns nicht endlich darauf einigen, dass Massentierhaltung schlecht ist und wir deshalb nur Fleisch aus biologisch dynamischer Landwirtschaft essen, weil dabei die Tierhaltung an die Bodengröße gekoppelt ist. Dass wir Fleisch nur gelegentlich und nicht nur die Filets essen (es gibt auch Blut- und Leberwurst und nicht nur von Kühen, sondern auch von Schafen, Hühnern, Gänsen und Schweinen.) Wenn wir uns alle einig sind, dass Gemüse unsere Nahrungsgrundlage sein sollte, dann bräuchten wir auch keine nahezu religiösen Ernährungsansichten.
Wenn wir alle sparsamer leben würden in unserem Verbrauch, nicht nur was den Fleischkonsum betrifft, sondern was das Autofahren, Hausbauen, Klamottenkaufen, Reisen etc. betrifft, dann wären wir auf dem richtigen Weg. Allgemein von allem weniger, das sollte unser Ziel sein - nicht solche hahnebüchenen undurchdachten Vorschläge, die uns in Teufels Küche bringen, von Leuten wie Herrn Precht.