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Woraus wächst der Chicorée?

„Gentechnik light auch in Bio-Gemüse“ lauten immer wieder die Schlagzeilen. Doch was ist damit gemeint? A und O ist das Saatgut – und hier sind die Unterschiede gewaltig. // Leo Frühschütz

Begegnen Sie sehen gut aus. Perfekt geformt, gleichmäßig weiß mit hellgelber Spitze, die Blätter eng anliegend. Einer wie der andere. Eine Kiste voll mit Bilderbuch-Bio-Chicorée und das zu einem günstigen Preis. Gekauft – mitsamt einer Prise Gentechnik light?

Denn dieser Chicorée ist eine CMS-Hybride. CMS steht für cytoplasmatisch vererbte Pollensterilität und bedeutet Folgendes: Der Chicorée stammt von Pflanzen ab, deren Erbgut durch Cytoplastenfusion so verändert wurde, dass sie keine Pollen mehr produzieren und daher für die Nachzucht ungeeignet sind. Bei der Cytoplastenfusion verschmelzen Züchter eine gehäutete Zelle mit einer zweiten, ausgehöhlten Zelle, die nur noch das Erbgut für die Sterilität enthält. Dieses stammt von japanischem Rettich oder Sonnenblumen und gelangt so in Chicorée sowie Brokkoli, Blumenkohl und andere Kohlarten.

Verbände verbieten CMS

Nach EU-Recht gilt die Cytoplastenfusion in diesen Fällen nicht als Agro-Gentechnik, weil die verwandten Pflanzen theoretisch auch durch herkömmliche Züchtung gekreuzt werden könnten. Deshalb sind diese CMS-Hybriden in der EU-Öko-Verordnung nicht verboten. Bei Bio-Verbänden wie Bioland, Demeter und Naturland darf die Technik hingegen nicht eingesetzt werden.

Ein Blick zurück: Noch vor 100 Jahren war es normal, dass ein Bauer oder Gärtner einen Teil seiner Ernte als Saatgut für das nächste Jahr behielt. Die Erfahrenen suchten dafür die besten und kräftigsten Pflanzen aus. Die Tüftler probierten auch andere Samen aus und kreuzten verschiedene Sorten. So hat sich über die letzten 10 000 Jahre eine weltweite Vielfalt von 5 000 Nutzpflanzenarten mit zwei Millionen Sorten entwickelt, angepasst an Boden und Klima vor Ort. Voraussetzung war, dass die Pflanzen samenfest waren, also sich natürlich vermehren ließen und dabei ihre Eigenschaften weitgehend weitergaben.

Anfang des 20. Jahrhunderts begannen Forscher, sich mit Vererbungsregeln zu befassen. Sie identifizierten Chromosomen und Gene als Träger der Erbinformation. Pflanzenzüchtung wurde zu einer Wissenschaft und zu einem Geschäft. Die Züchter verlangten Geld für ihr Saatgut und versprachen dafür höhere Erträge. Die Bauern kauften einmal und hielten wie früher etwas Saatgut fürs nächste Jahr zurück – zum Leidwesen der Züchtungsunternehmen.

Für Nachzucht untauglich

Diese setzten deshalb zunehmend auf Hybridsorten. Bei Hybriden zwingt der Züchter die Elternlinien über Generationen hinweg zur Selbstbefruchtung, also zur Inzucht. Dadurch werden bestimmte Eigenschaften wie Fruchtfarbe oder Resis-tenz reinerbig und übertragen sich sicher auf die nächste Generation. Kreuzt der Züchter zwei seiner Inzuchtlinien, erhält er Hybridsaatgut. Das wächst nicht nur zu Pflanzen heran, die die erwünschten Eigenschaften beider Elternlinien vereinen. Durch den sogenannten Heterosis-Effekt liefern Hybride besonders hohe Erträge und optisch einheitliche Früchte. Doch schon in der nächsten Generation verlieren sich die Eigenschaften. Ihre Samen taugen nicht für die Aussaat im nächsten Jahr. Bauern und Gärtner müssen das Hybrid-Saatgut jedes Jahr neu kaufen. Wegen der hohen Erträge tun es die meis-ten. Abgesehen von Salat und Bohnen als Selbstbestäuber stammen der größte Teil unseres Gemüses, Mais, Sonnenblumen und ein Teil von Raps und Roggen von Hybriden, auch im Öko-Landbau. Davon profitieren die großen Saatgut­konzerne, die den Markt immer stärker dominieren – allen voran Monsanto.

Selber züchten statt Monsanto

Mit Monsanto fing es bei Barbara Maria Rudolf an. 2006 und 2007 wehrte sie sich gegen den Anbau der genmanipulierten Maissorte MON 810. Der sollte in der Nähe des 90 Hektar großen Bioland-Hofes wachsen, auf dem sie und ihr Mann Heinz-Peter Christiansen Gemüse anbauen. „Ich wollte etwas Positives dagegen setzen, Alternativen aufzeigen.“ So begann sie, samenfeste Sorten, etwa die Möhre Milan, anzubauen und sie züchterisch an das Klima anzupassen. „Wir haben auch bei anderen Gemüsearten immer wieder Feldversuche mit samenfesten Sorten gemacht. Aber die hielten im Aussehen und im Ertrag dem Vergleich mit den Hybridsorten nicht Stand.“ Das funktioniere in der Direktvermarktung, wo man den Kunden die Besonderheit dieser Erzeugnisse aus samenfesten Pflanzen erklären könne. „Aber im Gemüseregal im Handel, da muss sich die Ware selbst verkaufen. Und das funktioniert über Optik und Preis.“

Eine Erfahrung, die Hanno Willasch bestätigt. Er leitet die Demeter-Gärtnerei auf dem Hofgut Rengoldshausen in Südschwaben. „Im Handel haben Hybride ihre Vorteile. Auch gärtnerisch sind sie einfacher zu handhaben. Aber unser Herz schlägt für die samenfesten Sorten.“ Er schwärmt von der Tomate Tica, die Richard Specht von der badischen Bio-Gärtner Piluweri gezüchtet hat. „Die hat bei uns die Hybridsorte Pannovy glatt ersetzt.“ Trotzdem zieht er auch Hybridtomaten groß. Eine Sorte extra wegen des guten Geschmacks. „Samenfest ist ein wichtiges Kriterium, aber eben nicht das einzige“, zieht Hanno Willasch Bilanz.

„Die meisten samenfesten Sorten haben den züchterischen Fortschritt der letzten 20 bis 30 Jahre nicht mitbekommen“, wirft Barbara Maria Rudolf ein. Weil die großen Konzerne nur noch mit Hybriden arbeiteten. Deshalb haben sie und ihr Mann 2009 die Züchterin Gesa Dalsgaard an Bord geholt und im Projekt Saat:gut damit begonnen, samenfeste Blumenkohl-, Brokkoli- und Möhrensorten zu züchten. Bis zu deren Zulassung wird es noch einige Jahre dauern. „Wir nutzen keine biotechnologischen Methoden, um die Pflanzen zu selektieren, sondern wählen nur immer die besten im Zuchtgarten auf dem Feld aus.“ Ein seit Jahrtausenden bewährtes Verfahren – aber zeitaufwendig. „Diese Zeit brauchen die Pflanzen auch, um die Neuerungen zu verinnerlichen.“

Michael Fleck ist Geschäftsführer des Vereins Kultursaat, zu dem sich vor 20 Jahren Bio-Gärtner, vor allem von Demeter, zusammenschlossen, um gemeinsam samenfeste Sorten zu züchten. 55 Sorten haben sie seither beim Bundessortenamt zugelassen bekommen, die meisten in den letzten Jahren. „Jedes Jahr kommen fünf bis acht neue hinzu.“ Wenn eine Sorte zugelassen werden will, müssen Pflanze und Früchte immer sehr ähnlich aussehen. Hybride können das. „Samenfeste Sorten haben eine größere natürliche Vielfalt, da ist mehr Variabilität, mehr Lebendigkeit im Spiel. Aber erklären Sie das einem Prüfer, der nur Erfahrungen mit Hybriden gemacht hat.“

Die jahrelange Züchtung kostet Geld. Das stammt bei beiden Vereinen von Mitgliedern und Spendern vor allem aus der Bio-Branche. Ein wichtiger Helfer ist der Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Die neu zugelassenen 55 Kultursaat-Sorten sind im Verantwortungsbereich des gemeinnützigen Vereins und damit der Allgemeinheit. „Sorten sind Kulturgut“, definiert Michael Fleck. Das sieht die EU-Kommission anders, die das EU-Saatgutrecht neu fassen will. „Die Saatgutpläne der EU erschweren den Umgang und die Zucht mit samenfesten Sorten noch weiter.“ Doch Fleck hofft, dass Kultursaat und die anderen Organisationen, die sich für Sortenvielfalt einsetzen, die Pläne noch ändern können.

Beim Herstellen von Hybridsaatgut dürfen sich die beiden Elternlinien nicht selbst befruchten. Der Züchter muss deshalb bei einer Linie die Staubbeutel entfernen – mit Pinzette und Schere. Dieses Prozedere entfällt, wenn Pflanzen keine Pollen oder Staubbeutel bilden. Das macht CMS-Hybriden für die Züchtung so lukrativ. Deshalb versuchen große Konzerne, diese Eigenschaft möglichst vielen Pflanzen zu übertragen. Bei Brokkoli, Blumenkohl und Chicorée führt das dazu, dass herkömmliches Hybridsaatgut bereits knapp wird. Die Vereine Kultursaat und Saat:gut haben deshalb ihren Schwerpunkt auf die Entwicklung samenfester Alternativen gesetzt.

CMS-Chicorée günstiger

Auf dem Hofgut Rengoldshausen ist die Chicoréetreiberei ein wichtiges Standbein. Hanno Willasch testet seit drei Jahren die samenfeste Sorte Macun, die der Schweizer Kultursaat-Züchter Samuel Widmer entwickelt hat. Zusätzlich macht er zusammen mit Kultursaat Versuche mit anderen Sorten. Doch noch reicht deren Treibleistung nicht an die herkömmlichen Hybride heran. Und schon damit wird es schwierig mitzuhalten. „Im letzten Winter rief unser Großhändler an. Er hatte ein Angebot für Bio-Chicorée bekommen, der fast die Hälfte billiger war als unserer,“ erzählt der Gärtner. Das Angebot kam von einem großen niederländischen Betrieb, der CMS-Chicorée anbaute. „Diese neuen Sorten sind noch ein Stückchen gleichmäßiger und bringen bis zu 30 Prozent mehr Ertrag.“ Der Großhändler hielt Willasch die Treue und lehnte das Angebot ab.

Vermutlich suchte sich der CMS-Bio-Chicorée danach in einem herkömmlichen Supermarkt seine Käufer  – zu weitaus günstigeren Preisen als Willaschs Chicorée im Bio-Laden. Und ohne jeden Hinweis auf seine Vergangenheit. Denn CMS-Hybride müssen nicht gekennzeichnet werden. Normale Hybride auch nicht. Auch im Bio-Laden hilft hier meist nur Nachfragen. Zwar steht bei Hybriden auf den Saatguttütchen neben dem Sortennamen oft ein „F1“ – doch beim geernteten Gemüse ist das nicht mehr der Fall. Samenfeste Sorten hingegen werden häufig ausgelobt, weil sie etwas Besonderes sind.

Wer Chicorée, Brokkoli, Blumenkohl und andere Kohlarten von deutschen Verbandsbetrieben (z.B. Bioland, Demeter, Naturland) kauft, kann sicher sein, CMS-freie Produkte zu bekommen. Bei EU-Bio-Ware ist Nachhaken angesagt.

Kleines Saatgut-Lexikon

Samenfeste Sorten: Gesunde Pflanzen, die ihre Eigen-schaften weitgehend an die Nachkommen weitergeben. Zur Nachzucht geeignet.

Hybridsorten: Bei den Elternlinien werden gewünschte Eigenschaften durch Inzucht erzielt. Die Kreuzung solcher Inzuchtlinien ergibt Hybridsaatgut. Die daraus wachsenden Pflanzen sind besonders ertragreich, die Früchte einheitlich. Diese Eigenschaften werden nicht weitergegeben. Zur Nachzucht ungeeignet.

CMS-Hybride: Mit Hilfe der Zellfusion – einer gentechnologischen Methode – werden die Pollen der Mutterlinien unfruchtbar gemacht, damit sich die Pflanze nicht selbst bestäuben kann. Das erleichtert die Hybridzucht. Zur Nachzucht ungeeignet.

Ihre Meinung ist gefragt

Züchtung und Anbau nachbaufähiger Sorten sind aufwendig und entsprechend teurer. Wie viel mehr würden Sie dafür bezahlen? Zum Beispiel für 1 kg Brokkoli (Durchschnittspreis 4 Euro): 80 Cent (20%), 1,20 Euro (30%) oder 1,60 Euro (40%)? Im Internet unter www.schrotundkorn.de/saatgut können Sie bis 21. März 2014 abstimmen. Sie können uns Ihre Meinung aber auch schreiben: Schrot&Korn, Stichwort: Saatgut, Magnolienweg 23, 63741 Aschaffenburg oder saatgut@bioverlag.de

Interview

„CMS ist unvereinbar mit Öko-Landbau“

Formal zählen CMS-Hybriden nicht zur Agro-Gentechnik. Trotzdem lehnen Bio-Verbände wie der BNN sie ab. Warum?

Bei der Cytoplastenfusion wird die Unversehrtheit der Zelle verletzt und die Integrität der Pflanze nicht gewahrt. Das halten wir für unvereinbar mit den Prinzipien des Öko-Landbaus.

Trotzdem fanden sich CMS-Hybride in Bio-Läden, zum Beispiel in Babygläschen?

Messtechnisch lassen sich CMS-Hybride erst seit letztem Jahr bestimmen. Der Test war qualitativ, sagte also nichts darüber aus, ob es sich um eine unvermeidbare Verunreinigung handelt oder ob große Mengen CMS-Hybride verarbeitet wurden. Für uns sind solche Messwerte Anlass, den Prozess zu analysieren und zu verbessern.

Wo fängt man da an?

Beim Saatgut. Hier brauchen wir Transparenz durch eine verpflichtende Kennzeichnung der Züchtungsmethoden. Es gibt Verfahren, die in die Pflanzenzelle eingreifen und nicht als Gentechnik gelten. Nur wer weiß, wie gezüchtet wurde, kann sicher auswählen. Die Bio-Verbände werden das zum Thema im anstehenden Europawahlkampf machen. Doch das durchzusetzen ist schwierig. Als Zwischenlösung bauen wir gerade eine Datenbank auf, in die CMS-freie Sorten eingetragen werden können.

Aber das Saatgut kann verunreinigt sein?

Das kann passieren, wenn Züchter parallel Saatgut von CMS-freien Sorten und CMS-Hybriden erzeugen und dabei nicht akkurat arbeiten. Unabsichtliche Verwechslungen oder Verunreinigungen können auch bei der Anzucht der Jungpflanzen passieren oder auf dem Feld. Überall dort, wo parallel gearbeitet wird.

Und das ist der Normalfall?

Ja, denn für EU-Bio-Betriebe sind CMS-Hybride kein Thema. Deshalb freuen wir uns, dass unsere Großhändler Erzeuger in Südeuropa überzeugen konnten, für den Bio-Fachhandel CMS-freie Kohlarten Elke Röder, BNN-Geschäftsführerin anzubauen. Doch für andere Bio-Kunden verwenden die Bauern CMS-Hybride der gleichen Pflanze. Das Risiko, dass da einmal ein Kohlkopf in die falsche Kiste kommt, ist groß.

Elke Röder ist BNN-Geschäftsführerin (Bundesverband Naturkost Naturwaren). Der Verband setzt sich für CMS-freies Gemüse im Bio-Laden ein.

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