Anzeige

Anzeige

„Veganer sind keine Freaks“

Die sympathische Wahl-Berlinerin räumt mit vielen Vorurteilen auf: Vegan bedeutet nicht Verzicht, Käsekuchen geht vegan und satt wird man auch. // Andrea Giese-Seip

Nano auf dem Teller

Nicole Just wuchs in einer Metzgerfamilie auf und liebte Fleisch. Bis sie La Veganista wurde. Heute betreibt die 30-Jährige den veganen Dinnerclub Mund|Art|Berlin, gibt Vegan-Kochkurse und schreibt Bücher.

Auf deinem Blog vegan-sein.de schreibst du: „Vegan werden ist ein Abenteuer“. Gab es zu Hause abenteuerliche Diskussionen, als du aufhörtest Fleisch zu essen?

Unter anderem. Das erste Abenteuer war für mich zu schauen, was esse ich denn jetzt eigentlich, wie trinke ich ab sofort meinen Kaffee. Denn ich bin von heute auf morgen vegan geworden, da war keine vegetarische Stufe dazwischen. Ich musste mir neue Produkte suchen, neue Lieblingsprodukte finden. Das zweite Abenteuer war die Umgebung. Wenn man es Kollegen, Freunden und der Familie sagt, wirft man sich schon in Diskussionen.

Gab es einen Anstoß für deinen doch sehr radikalen Schritt?

Oh ja, das Buch „Skinny bitch“ und darin das Massentierhaltungs- und Schlachthauskapitel. Das Buch war ein großes Hollywood-Thema, viele Promis wurden damit abgelichtet. Ich wollte eine Buchbesprechung machen, habe es auf dem Weg ins Büro angelesen – und war vegan. Am Abend habe ich dann meinen Kühlschrank ausgeräumt und gedacht, ich probiere das zwei, drei Wochen, vielleicht kippe ich ja am Ende auch um, weil mir wichtige Nährstoffe fehlen. Aber schon nach einer Woche war klar, das wird meine Ernährungsform bleiben. Das ist jetzt vier Jahre her.

Vegan geworden bist du also wegen der Tiere?

Ja, genau. Ich wusste auch als Fleisch- und Wurstesserin schon, da ist etwas nicht in Ordnung, die Tiere wachsen nicht so auf, wie ich das möchte und müssen dafür sterben, dass dieses Stück Fleisch auf meinem Teller liegt. Aber das schiebt man meist ganz gerne beiseite.

Wie vegan lebst du heute?

Das umfasst inzwischen das ganze Leben, auch mein Kosmetik- und mein Kleiderschrank sind vegan. Ich würde mich aber nie als perfekt bezeichnen und finde es schon toll, wenn andere Menschen kleinere Schritte gehen.

Warum, glaubst du, ist vegan essen zurzeit so hip?

Ich denke, die Lebensmittelskandale in der letzten Zeit tragen dazu bei, dass sich die Menschen mehr mit der Produktion und dem Hintergrund von Lebensmitteln beschäftigen. Und es gibt immer mehr Veganer, die zeigen, man kann vegan sein und trotzdem Spaß am Leben haben, das kannibalisiert sich nicht. Veganer sind eben keine komischen Freaks, sondern ganz normale Menschen, denen es am Ende um die ethischen Gesichtspunkte geht. Ich selbst versuche im Kontakt mit anderen immer, einen Einstieg über etwas Emotionales wie das Essen zu finden. Einen Käsekuchen auf der Arbeit zum Beispiel. So öffnen sich die Menschen dem Thema leichter.

Die Rezepte in deinem Buch „La Veganista“ sind nicht überwiegend Gemüse an Gemüse, auch veganisierte Rouladen oder Gulasch findet man dort. Wolltest du auf den Fleischgeschmack nicht verzichten?

Das ist genau der Grund. Ich habe ja nicht aufgehört, Fleisch zu essen, weil es mir nicht geschmeckt hat, sondern weil ich die Hintergründe nicht mehr unterstützen wollte. Für mich war es am Anfang wie ein Anker, zu wissen, ich kann alles, was ich vorher gegessen habe, auch in vegan essen. Von diesem Halt aus konnte ich weitergehen und schauen, was ich noch mit Gemüse machen kann. Das ist heute das Abenteuer – auszuprobieren, was alles geht.

Und wohin führt dich dein veganes Abenteuer demnächst?

Geplant sind Kochkurse für Kinder, vor allem in strukturschwachen Bezirken hier in Berlin. Ich finde es wichtig, dass sie das Kochen als regelmäßigen Akt verstehen, das habe ich in meiner eigenen Familie gelernt. Es wurde immer selbst und frisch gekocht. Dass meine Mutter mich schon früh an den Herd gelassen hat, sehe ich als ganz großen Pluspunkt. Im Herbst erscheint außerdem ein kleines Backbuch, eine Einführung in die vegane Backkunst.

Hast du einen Einsteiger-Tipp für unsere Leser?

Röstaromen sind alles. Tofu, Tempeh oder Seitan immer gut würzen und gut anbraten. Auch ein Schweinefilet würzt und brät man und dann schmeckt’s. Genauso geht das mit Tofu. Und mutig sein, einfach ausprobieren.

  • Ausprobieren können Sie gleich zwei Rezepte aus Nicoles Kochbuch. Bitte klicken.

Nicole Just ist nun auch live zu erleben. Im Juli und August wird sie mehrere vegane Kochkurse in der "Kochschule Berlin" geben unter anderem mit den Motti: "Vegane Sommerküche" oder "Die vegane Grillparty".

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
Edith
Bei ausschließlicher veganer Ernährung fehlt diesen Menschen die Zufuhr von Vitamin B12 (Cobalmin), das beteiligt ist bei der Zellteilung, Nervenwechsel und Blutbildung.



Nach drei Jahren ausschließlicher veganer Ernähung kann bereits eine Blutarmut vorliegen.

Nachzulesen unter anderem im Buch "Risikofaktor Vitaminmangel" von Andreas Jopp.
amirim
Aber Veganer sind die größten Banausen: 30 Jahre Fleisch essen und sich dann plötzlich nur noch von pflanzlicher Nahrung zu ernähren - das ist keine Kunst. Das ist so ähnlich, als würde man fasten. Aber eine Fastendiät eignet sich nicht, um gesunde Kinder heranzuziehen, geschweige denn als Dauerkost für ein ganzes Leben lang!
Tinchen
Nicole spricht mir aus der Seele. Ich bin schon sehr auf das Backbuch gespannt :-) bisher gibt es viel zu wenig deutschsprachige vegane Backbücher
Heidi
Leider kann man die Rezepte nicht anklicken. Schade. Ansonsten ist der Artikel super. Ich werde auch gerade zum Veganer.