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Tumult im Schlaraffenland

Unsere Kids - wirklich zu dick?

Dick werden geht heute kinderleicht. Schließlich ist das Schlaraffenland kein Märchen mehr. Süßes, Cremiges und Knuspriges quillt nur so aus bunten und billigen Wundertüten. Und die Werbe-Tanten lachen dazu. Besser wäre, da nicht mehr mitzuspielen. // Elke Achtner-Theiß

Ein Viertel aller Schulanfänger hat Übergewicht, so meldet die Welt. Von 26 Prozent der Jungen und 33 Prozent der Mädchen spricht der Spiegel. Wer bietet mehr? – t-online! Denn laut deren Website sind gar 40 Prozent der Zehnjährigen zu dick. Die üppigen Zahlen entsprechen nicht so ganz dem Straßenbild. Auch nicht dem abwägenden Blick in die Schulklassen, wie mehrere von Schrot&Korn befragte Lehrer versichern.

Oft haben auch die Zahlen Übergewicht

Was die Presse so dick auftragen lässt, bleibt hinter wenig repräsentativen lokalen Erhebungen verborgen, deren Methoden überdies strittig sind. Denn Übergewicht bei Kindern zu bestimmen, ist nicht gerade simpel. Der Body-Mass-Index (BMI) – errechnet aus Körpergewicht und Körpergröße – gilt als zuverlässige Messlatte für Erwachsene, doch dem Verhältnis von Kopf, Rumpf und Gliedmaßen bei Kindern wird er kaum gerecht. Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) empfiehlt, ihn mit dem Durchschnittsgewicht einer Altersgruppe zu verrechnen. Das Ergebnis, die so genannten Perzentilen, sind im Internet abrufbar (siehe Kasten, Seite 24). Doch auch diese Werte sind „willkürlich“, wie die AGA auf ihrer Homepage bekennt. Man soll sie im Einzelfall eher als Anhaltspunkt denn als fertige Diagnose begreifen. Denn pyknisch gebaute oder früh pubertierende Kids geraten oft zu Unrecht in den roten Bereich. Auch bevölkerungsstatistisch sind die Perzentilen problematisch, sie berücksichtigen nicht die Konstitution von Einwandererkindern aus Südeuropa. Die AGA hält sich übrigens mit Schätzungen bedeckter: Sie zählt 17 bis 18 Prozent übergewichtige Kinder.

Kids folgen nur dem Beispiel der Großen

Der Trend an sich ist indessen nicht zu leugnen: Kids in Deutschland nehmen real zu. Damit folgen sie allerdings nur dem Beispiel der Erwachsenen im Land und überdies einer viel beklagten Entwicklung der Menschheit. Mit 31 Prozent Übergewichtigen erreichen die USA einen Spitzenwert, doch auch in armen Ländern steigt die Quote rasch. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht gar von einer „globalen Epidemie“.

Die Ursachen sind sattsam bekannt: Wir essen zu viel, zu fett, zu ballaststoffarm und wir bewegen uns zu wenig. Kein Wunder, die billigen schnellen Junk-Mahlzeiten aus einfachen Kohlenhydraten, minderwertigem Fett und appetitanregenden Geschmacksstoffen haben inzwischen die Esstheken und Kühlschränke in aller Welt erobert. Gleichzeitig sorgen Bewegungshemmer wie Fernsehen und Computerspiele dafür, dass sich angefutterte Kalorien prompt festsetzen. Für Kinder kommt erschwerend hinzu, dass sie die Zusammenhänge nicht durchschauen. Wie auch? Schließlich essen und trinken sie nichts anderes als die hübschen, schlanken Kids in der Werbung. Und sogar ein Teil der Eltern ist der Überzeugung, dass Mars mobil macht und Kinder dringend eine „Extraportion Milch“ in Riegelform benötigen.

Eine opulente Aufklärungskampagne wurde im vergangenen Jahr vom Bundesverbraucherministerium in Gang gesetzt. Behörden, Schulen, Kindergärten, Ärzte und Ernährungsberater sind aufgefordert, Kindern wie Eltern das nötige Wissen über richtige, gesunde Ernährung allgemein verständlich zu servieren. Begleitend soll eine verbesserte Bewegungserziehung dazukommen.

Mehr Bewegung hat Verbraucherministerin Renate Künast aber auch der Nahrungsmittelindustrie verordnet: Der Fett- und Zuckergehalt einschlägiger Lebensmittel wie Frühstücks-Flakes, Knabberzeug und Schokoriegel soll abgesenkt werden. Gleichzeitig kommen die Zutatenlisten auf den Prüfstand. Abspecken sollen aber auch die allzu dreisten Werbeaussagen. Schon seit Sommer 2003 liegt der ministerielle Wunschzettel vor, doch die Hersteller rühren sich nicht, wie Künast kürzlich vor der Presse beklagte. Nun droht sie, eine EU-weite Gesetzgebung in die Wege zu leiten, was sich zu einer unendlichen Geschichte entwickeln könnte. Immerhin, Kapitel 1: „Tumult im Schlaraffenland“ hat schon begonnen.

Tipps für kinderleichtes Abspecken

  • 1. Konventionelle Fertigprodukte enthalten viel Fett, viel Stärke und obendrein oft appetitanregende Aromastoffe. Meiden Sie sie, so gut es geht.
  • 2. Falls sich ein Fertigprodukt mal nicht umgehen lässt, halbieren Sie die Portion und reichen Sie eine klare Suppe oder etwas Obst zur zusätzlichen Sättigung.
  • 3. Gemüse ist kalorienarm, aber nicht immer beliebt bei Kindern. Versuchen Sie’s mit milden Sorten wie Erbsen, Mais und Blumenkohl.
  • 4. Großer Hunger schon vor der Mahlzeit? Zum Vertrösten eignen sich rohe Paprikaschoten, Frühlingsmöhrchen, Gurken- oder Kohlrabi-scheiben.
  • 5. So manches Kilo kommt durch träge Verdauung zustande. Sorgen Sie für mehr Ballaststoffe und reichlich Flüssigkeit in Form von Wasser, Tee oder Saftschorle.
  • 6. Zwei bis drei kleine Zwischenmahlzeiten am Tag sind sinnvoll, mehr aber nicht. Ständiges Essen macht nicht nur dick, es kann, so wird vermutet, auch zu Diabetes führen.
  • 7. Wer Süßigkeiten allzu strikt verbietet, riskiert heimliche Nascherei. Legen Sie zusammen mit Ihrem Kind fest, wie viel pro Tag gegessen werden darf.
  • 8. Fernsehen und Naschen gehören für viele Kids zusammen. Organisieren Sie mehr Zeitvertreib, der auch die Finger beschäftigt: Mikado, Puzzles, Origami etc.
  • 9. Dicke Kids meiden Sport aus Angst zu versagen. Walken und Radfahren aber kann jeder. Und die Fettverbrennung funktioniert sogar besser als bei jedem Leistungssport.
  • 10. Wird Ihr Kind von seinen Mitschülern gemieden und futtert aus Traurigkeit noch mehr? Vermitteln Sie ihm Kontakt zu Leidensgenossen.

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