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Gegenübergestellt:

Delikatesse ohne Folgen

Shrimps gelten in den Industrieländern als Delikatesse. Doch die industrielle Aufzucht hat in Ecuador ihre Spuren hinterlassen: zerstörte Mangrovenwälder, vegetationslose Deiche, ausgelaugte und versalzene Böden. Dass es auch anders geht, zeigt die von Naturland zertifizierte ökologische Shrimpsfarm Bahía. // Patrick Gallitz

Ächzend müht sich der klapprige grüne Ford-Transit die unbefestigte Küstenstraße hinauf. „Schauen Sie nach links!“, ruft der Fahrer Alejandro in schwer verständlichem Spanisch. „Industrielle Zuchtbecken, soweit das Auge reicht.“ Wo einst dichte Mangrovenwälder den Zugang zum Río Chone erschwerten, dominieren heute triste industrielle Zuchtbecken das Landschaftsbild. Gerodete, vegetationslose Deiche grenzen die Zuchtbecken voneinander ab und vermitteln den Eindruck eines überdimensionalen Brettspiels.

„Tausende Familien lebten von den reichen Fischvorkommen der Mangroven“, erzählt Nicola Mears, eine Initiatorin der ökologischen Shrimpszucht. „Bis vor etwa 20 Jahren der Garnelenboom einsetzte und einigen wenigen das schnelle Geld versprach. Heute sind etwa 95 Prozent der Mangroven den Aufzuchtbecken gewichen.“

Gegenübergestellt:

Der Unterschied könnte auf den ersten Blick kaum deutlicher sein: Schachbrettartig aneinandergereihte Zuchtbecken, abgegrenzt durch vegetationslose Deiche kennzeichnen das Landschaftsbild der industriellen Shrimpszucht. Dass man auf dem Bild keine Vögel sieht, hat seinen Grund: Kormorane und Reiher werden in der konventionellen Zucht als Fressfeinde angesehen und deshalb vertrieben.

Auf öko-zertifizierten Shrimpsfarmen müssen die Deiche bepflanzt sein und einheimische Tiere geschützt werden. Königsreiher sieht man dort auch nicht als Feinde an. Im Gegenteil. Nach Auskunft von Nicola Mears, Initiatorin der ökologischen Shrimpszucht in Ecuador, erbeuten die Vögel hauptsächlich kranke Tiere und stärken somit indirekt die Population.

Monokultur nicht überlebensfähig

Die Geschichte der ecuadorianischen Shrimpszucht ist schnell erzählt. Zu Beginn war die komplette Produktion äußerst einfach: Die Becken wurden mit dem Wasser der umliegenden Mangroven geflutet und aus dem Meer gefangene Garnelenlarven eingesetzt. Nach etwa acht bis zehn Wochen wurden die ausgewachsenen Shrimps für gutes Geld in die reichen Industrieländer exportiert. Die weltweit riesige Nachfrage motivierte die Züchter, die Besatzdichte zu erhöhen. Bis zu 100 Krebse tummelten sich auf einem Quadratmeter. Bald traten die ersten Probleme auf. Wie in der Landwirtschaft sind Monokulturen im Wasser sehr anfällig für Krankheitserreger.

Um die Erträge zu steigern wurden Chemikalien sowie Fischmehl als Proteinfutter eingesetzt. Antibiotika sollten die Garnelenpopulationen vor Erregern schützen. Die „Mancha Blanca“ (weißer Fleck), eine bis heute gefürchtete Viruserkrankung der Garnelen, raffte ganze Populationen dahin und die Überlebensrate der Shrimps sank auf erbärmliche zehn Prozent. Die gestiegenen Kosten sollten durch immer höhere Mengen ausgeglichen werden. Der Teufelskreis endete im Kollaps der Garnelenindustrie. Die natürlichen Ressourcen waren ausgebeutet, die Böden der Zuchtbecken ausgelaugt und versalzen. Die Garnelenproduktion Ecuadors, dem einst zweitgrößten Exporteur der Welt, brach innerhalb von drei Jahren um über 60 Prozent ein.

Naturnahe Aufzucht setzt auf pflanzliche Proteine

Auf der Ökofarm Bahía südwestlich von Quito kommt der grüne Ford-Transit zum Stehen. Die Unterschiede zur konventionellen Aufzucht zeigen sich schon auf den ersten Blick. Zwischen den stark bewachsenen Deichen waten zahlreiche Königsreiher auf Nahrungssuche durch die Becken. In der konventionellen Zucht werden Fressfeinde wie Kormorane und Reiher hingegen nicht geduldet. „In Wirklichkeit erbeuten diese Vögel hauptsächlich kranke Tiere und stärken damit indirekt die Population“, erklärt Nicola Mears. Die Neuseeländerin arbeitet seit 1998 mit den beiden Ecuadorianern César Ruperti und Darío Proano an der Idee, Garnelen in einem möglichst naturnahen Lebensraum zu züchten. So entstand vor zwei Jahren die weltweit erste öko-zertifizierte Shrimpsfarm.

„Das größte Problem bei der Umstellung bestand darin, ausreichend Proteine für die Aufzucht bereitzustellen, ohne auf Fischmehl aus industriellem Massenfang zurückgreifen zu müssen“, beginnt Mears den Rundgang. „Etwa fünf Kilogramm Fischmehl werden zur Produktion eines Kilogramms Garnelen benötigt. Wir Ökofarmer setzen stattdessen auf pflanzliche Proteine. Die zerstoßenen Früchte des Johannisbrotbaums liefern die wichtigen Eiweiße.“

Das Prinzip Nachhaltigkeit setzt die Ökofarm in enger Kooperation mit der Farm „Encarnación“ (Fleischwerdung) am Stadtrand um. Dort werden mit Maracuja, Yuka, Aloe und Papaya Vitaminlieferanten für die Garnelenzucht kultiviert. Der Dünger für die Kulturpflanzen wird wiederum aus den organischen Abfällen der Shrimpsfarm gewonnen. So entsteht ein Kreislauf, in dem die natürlichen Ressourcen wiederverwertet werden.

Aufzucht ohne Chemie

Die industrielle Garnelenzucht investiert bis zu 500 US-Dollar pro Hektar in Chemikalien. „Auf der Ökofarm ist seit Jahren nicht ein Gramm Chemie eingesetzt worden“, beteuert Mears. Bakterien und Viren können auch gar nicht völlig ausgerottet werden. Es ist nicht möglich, aber auch nicht nötig. „Zur Stärkung des Immunsystems setzen wir höchstens Biovirax ein, eine Mischung aus Zink, Germanium und Mineralien. Eine Art natürliches Antibiotikum.“ Die geringe Besatzdichte von nur 20 Tieren pro Quadratmeter und die naturnahe Gestaltung der Zuchtbecken machen die Tiere weniger anfällig für Erkrankungen.

„Wir wollten unsere umweltschonende Produktionsweise zertifizieren lassen“, erläutert Nicola Mears. „Zusammen mit dem deutschen Öko-Anbauverband Naturland haben wir Standards für eine naturgemäße Garnelenproduktion entwickelt.“ Festgeschriebene Besatzdichten, die Reduzierung des Fischmehlanteils in der Ernährung sowie der schrittweise Abbau der Naturentnahme von Garnelenlarven sind die Eckpfeiler einer nachhaltigen Aquakultur.

Bislang gibt es nach Auskunft von Dr. Stefan Bergleiter von Naturland fünf zertifizierte ecuadorianische Farmen. In Deutschland liege der Marktanteil der nach Ökokriterien produzierten Fischprodukte (Lachs, Forellen, Karpfen, Shrimps u.a.) bei etwa einem Prozent. Seit Ende letzten Jahres sind die Bio-Meeresfrüchte aus Ecuador in Naturkostläden erhältlich.

Ökosystem Mangrovenwald

Mangrovenwälder liegen ähnlich dem Nordseewatt im Gezeitenbereich zwischen Ebbe- und Flutmarke. Sie wachsen weltweit in tropischen Klimazonen und zählen neben Korallenriffen und tropischen Regenwäldern zu den produktivsten Ökosystemen der Erde.

Die Mangroven bieten mit ihren verflochtenen Wurzelsystemen einer Vielzahl von Tieren und Pflanzen Lebensräume. Über die Hälfte aller Fischarten pflanzen sich hier fort, denn der Schutz vor großen Raubfischen und das reichhaltige Nahrungsangebot bieten optimale Bedingungen. Auch der Snapper, in Europa ein beliebter Speisefisch, verbringt seine Jugend in den tropischen Mangroven.

Die Küstenstreifen sind somit ökologisch wie auch ökonomisch für die marine Nahrungskette sehr wichtig. Trotzdem ist mittlerweile rund die Hälfte der weltweiten Mangrovenbestände vernichtet. Die exportorientierte industrielle Garnelenzucht ist für diese Entwicklung mitverantwortlich.

Richtlinien für die ökologische Aufzucht von Garnelen

Weltweit sind in den tropischen Ländern die gravierenden ökologischen Folgen der industriellen Garnelenzucht sichtbar. Umweltorganisationen plädieren deshalb seit langem für ein Umdenken in der Garnelenzuchtindustrie. Naturland fordert für das in Ecuador vergebene Ökozertifikat die Einhaltung folgender Richtlinien:

Die ausführlichen Naturland Richtlinien für die naturge-mäße Aquakultur finden Sie unter www.naturland.de.

  • Besatztiere müssen aus kontrollierter Nachzucht stammen, um die umweltschädigende Naturentnahme der Garnelenlarven mit feinmaschigen Netzen zu vermeiden.
  • Die Deiche müssen bepflanzt und einheimische Tierarten geschützt werden, um auch auf den Farmflächen ein funktionierendes Ökosystem zu erhalten.
  • Die Besatzdichte der Zuchtbecken muss auf maximal 20 Garnelen pro Quadratmeter reduziert werden. So werden die negativen Folgen der Massenproduktion vermieden und die Zucht an die natürlichen Lebensbedingungen angepasst.
  • Aus konventionellen Zuchtbecken abgelassenes Wasser belastet das umliegende Ökosystem stark mit Phosphaten, Ammoniak und Nahrungsresten. Ökobetriebe verhindern dies durch starke Senkung des Eiweißgehaltes in den Futtermitteln sowie durch den Verzicht auf Kunstdünger.
  • Bei der Fütterung ist darauf zu achten, einen möglichst hohen Anteil des ein-gesetzten Futters durch die Eigenproduktion der Teiche (Phyto- und Zooplankton) zu erzielen.
  • Die Beschäftigten sollen im Rahmen der IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements) Sozialstandards angemessen bezahlt werden und Schulungen in den Grundlagen der naturgemäßen Aquakultur erhalten.

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